26.11.2001

 

 

 

 

 

 

 

Peter Schmid 

15.2.1984 - 23.9.2001

 

DA HAT EINER GEHEN MÜSSEN

 

Da hat einer gehen müssen mitten im schönsten Werden...

Einer, dem all sein Werden gänzlich unmittelbares Sein war.

Einer  -  immer völlig bei sich  u n d  beim nächsten und fernsten um ihn herum!

Einer mit wenig Zeit und mit dem, was sein Leben beschwerte, so lebendig vertraut, dass seine Seele zu sein wusste, was die Natur seinem Körper aufnötigte:  leicht!

Einer mit Sinn für Ironie und Schalkhaftigkeit, mit unbändiger Entdeckerfreude zudem, mit immer wacher Auseinandersetzungslust  -  ein Geprüfter gewiß.  Ein reich Beschenkter aber zugleich, der selbst zu schenken wusste, dass es eine Freude war, zu danken wusste, dass es eine Freude war, zu fragen und zu antworten wusste, dass es eine Freude war...

Das Leuchten in seinen Augen, wenn er einer Einsicht auf der Spur war, das Aufblitzen seiner Einwände, die Freimütigkeit seiner Kritik, die Selbstverständlichkeit, mit der er seine und andere Schüler-Bedürfnisse ins Spiel brachte, seine praktisch-technische Kompetenz und engagierte Zuverlässigkeit, die zum Gelingen zahlloser Turnhallenveranstaltungen beitrugen – sein Strahlen, wenn er einem begegnete:  das alles wird uns ungeheuer fehlen, selbst dort, wo es dem einen oder anderen von uns zuweilen auch einmal etwas zu schaffen gemacht haben mag!

Für mich persönlich waren es dreieinhalb spannende Jahre, in denen ich ihn ein wenig kennen lernen durfte  -  die letzten Monate gemeinsamen Deutsch-Unterrichts vor allem waren die schönsten...  Ohne seine Impulse, sein Insistieren, seine Produktivität wird um viele aktuelle Farbspiele ärmer ablaufen, was bis heute auch in meinem Leben sich von seiner Lebendigkeit mit nährte...

Peter hat bestürzend früh und ohne unmittelbar greifbare Vorwarnung gehen müssen.  Die Verwandlung, in die er gerissen wurde, wie die Verwandlung, von der wir alle nun heimgesucht sind, die wir ihn loslassen müssen, schmerzt...

Wohin wir uns wandeln ohne ihn, das könnte von dem nun toten Weggefährten nicht minder inspiriert bleiben, als es das von dem Lebenden war...  Und so könnte aus diesem schmerzlichsten aller Abschiede bei einem jeden von uns ein neues Im-Leben-Ankommen wachsen, in dem Peter uns auch weiterhin begleitet mit dem, was er von intensiv vielfältigem Lebendigsein wusste und was er nun in neuem Licht zu erfahren aufgebrochen ist...

In dankbarem Verbunden-Bleiben mit einem mich sehr bewegenden Menschen

 

 

 

 

 

ABSCHIEDSGRUSS                                             29.11.2001

  

Hallo Peter,

  

nun ist also Abschied genommen  -  und ich gehe noch einmal um kaum Sagbares beschenkter aus der unmittelbaren Weggemeinschaft mit Dir zu denen zurück, die auch weiterhin unter anderem ihre Schulwege mit den meinen teilen...

 

Was Du mir und allen, die sich von Dir berührt fühlten und fühlen, die Dich gar liebten, warst und bleiben, ja werden wirst, das rundete sich für mich gestern noch einmal auf die zeichenhafteste Weise: 

da lagst Du, was physisch von Dir geblieben war, einer abgebrannten Fackel gleich, fast ins Unkenntliche verwandelt, in Deinem Sarg  -  und verwiesest uns so auf das, was Deine lebendige Gestalt Dir selbst und uns vor allem anderen gewesen war... 

 

 ...nicht zerbrechliches Gefäß, nicht überwindungs- oder überlistungsbedürftige Begrenzung  -  sondern brennende Fackel, Leuchtdiode, eben die ureigene Gestalt für das, was Dich ausmachte!

 

 ... Dich, den ganz ungewöhnlich und wunderbar Lichtkundigen   -   gegangen und von uns begleitet in jenes Licht, aus dem Du so zu uns kamst, dass Du unmittelbareres und anderes von ihm aufscheinen zu lassen vermochtest als wir alle, uns auf Deine herrliche Weise damit bekannt machend, was es heißen kann, vom Licht her zu leben...

 

 

Und während dann die bewegendste Rede war von Dir und den Menschen, die mit Dir beschenkt waren und mit denen Deinerseits beschenkt Du durch Dein kurzes Leben hast gehen dürfen, ...

 ...schienst Du uns allen noch einmal etwas und einmal mehr das Deine sagen zu wollen:

„Begreift Ihr denn nicht?  Auch Ihr alle, die Ihr da um meinen Sarg versammelt seid, wisst ganz aus Euch selbst heraus das Eure von diesem Licht!  Als Ihr mich an Eurer Seite hattet, waren es allzu oft meine Schritte und Rhythmen, denen Ihr zu folgen, die Ihr mitzugehen suchtet.  Ich aber hab´s Euch immer gesagt und ruf´s Euch nun  aus größerer Ferne zu:  Eure Wege bergen ihre eigene, nicht minder starke  Wunderkraft!  Ich wollt Euch schon immer auf Euren Wegen sehen!  Genau das aber habt Ihr Euch in meiner Gegenwart für meine Begriffe viel zu selten wirklich zugetraut...  Ohne ein Stück Entfernung zwischen uns scheint es also nur sehr begrenzt zu gehen.  Nun bin ich von Euch gerissen, und das tut mir nicht weniger weh als Euch.  Ihr aber seid dadurch stärker als bisher auf Eure eigenen Rhythmen und Impulse verwiesen, auf Euer Spiel mit dem, was Euch ausmacht.  Ihr könntet mir keine größere Freude machen, als mich Eure Abenteuer auf Euren Wegen zu jenem Licht, das mir immer besonders vertraut war, nun wenigstens aus der Ferne mitgenießen zu lassen...  -  Ich wurde gerufen, Euch nun loszulassen zu Euch selbst und dazu, einander neu halten zu lernen, und so bin ich aufgebrochen, Tränen im Auge wie Ihr, aber in großer Vorfreude auf Eure Verwandlung zum Euren...“

 

Nichts hat mich gestern mehr bewegt als diese Imagination dessen, was uns Zurückbleibenden mit Deinem so schwer aushaltbaren frühen Tod vielleicht sogar an zentraler Stelle gesagt sein könnte...  Und es war mir, als bezöge ich sie von Dir!

 

Wir sehen einander!

 

  

 

 

 

...

 

 

 

...ein Aufsatz Peters vom Ende des vergangenen Schuljahres (Ende 11. Klasse also), 

den die Eltern ihren Dankschreiben beilegten:

 

 

Gedichtinterpretation von Peter Schmid,17 Jahre
Englisches Institut, Heidelberg 15.5.2001

 

Gottfried Benn  /  Hör zu 

1960


Hör zu, so wird der letzte Abend sein,
wo du noch ausgehn kannst: du rauchst die "Juno",
"Würzburger Hofbräu" drei, und liest die Uno,
wie sie der "Spiegel" sieht, du sitzt allein


an kleinem Tisch, an abgeschlossenem Rund
dicht an der Heizung, denn du liebst das Warme.
Um dich das Menschentum und sein Gebarme,
das Ehepaar und der verhasste Hund.


Mehr bist du nicht, kein Haus, kein Hügel dein,
zu träumen in ein sonniges Gelände,
dich schlossen immer ziemlich enge Wände
von der Geburt bis diesen Abend ein.


Mehr warst du nicht, doch Zeus und alle Macht,
das All, die großen Geister, alle Sonnen
sind auch für dich geschehn, durch dich geronnen,
mehr warst du nicht, beendet wie begonnen -
der letzte Abend - gute Nacht.

 



In dem Gedicht "Hör zu" von Gottfried Benn geht es um einen Menschen, der seinen letzten Abend in einem Monolog - an sich selbst gewandt - beschreibt. Der Autor lässt durchblicken, dass er sterben wird. Teilweise resümiert dieser Mensch sein Leben und es wird ihm klar, dass er "nur" ein ganz gewöhnliches Leben hatte.
Das Gedicht weist kein eindeutiges Metrum auf. Am ehesten ist es ein Jambus. Das Reimschema ist ein umarmender Reim, bei dem in der letzten Strophe drei Verse "umarmt" werden. Insgesamt besteht das Gedicht aus drei Strophen zu je vier Versen und einer vierten mit fünf Versen.


Inhaltlich lässt sich das Gedicht in drei Teile einteilen:


1.)Die ersten zwei Strophen bilden eine Einheit. Diese Einheit wird durch einen Satz verstärkt, der über die Strophengrenze hinweggeht ("...du sitzt allein an kleinem Tisch" (Vers 4f)). In ihnen beschreibt Benn in einem dort besonders deutlichen Monolog die Normalität dieses Abends. Alles ist so wie immer.

Dieses Gefühl erzeugt der Autor, indem er Einzelheiten aufzählt, die immer so zu sein scheinen ("du rauchst die "Juno", "Würzburger Hofbräu" drei" (Z2f). Auch eine Ellipse in der zweiten Strophe (Vers 7 + 8) hat den gleichen Zweck: Auch sie beschreibt das Umfeld, wie es immer zu sein scheint.
In der zweiten Strophe verwendet Benn eine Metapher ("abgeschlossenem Rund" (Vers 5), die man als Hinweis auf das abgeschlossene Leben im Kreislauf des Lebens verstehen kann.


2.)ln der dritten Strophe resümiert das lyrische Ich, an sich selbst gewandt, was in seinem Leben war. Hier taucht der Satz, der später wiederholt wird, "Mehr bist du nicht" (Z.9) das erste Mal auf. Hier macht sich das lyrische Ich klar, dass es kein außergewöhnliches Leben hatte. Direkt danach folgt im selben Vers in Form einer Alliteration die Erkenntnis, dass das lyrische Ich weder ein Haus noch Land sein Eigen nennen kann ("kein Haus, kein Hügel dein (Z.9)). Diese beiden "Einzeltatsachen" stehen stellvertretend für den gesamten Erfolg  im Leben. Die
Metapher "enge Wände"(schlossen dich ein) (Z.11 ) zeigt, dass das lyrische Ich ständig im Leben gebunden war und keine richtige Freiheit ausleben konnte.
Im nächsten Vers bekommt der Leser den ersten richtigen Hinweis darauf, dass das lyrische Ich am Ende des Lebens angekommen ist (" von der Geburt bis diesen Abend" (Z.12). Im Leser löst dies Assoziationen wie: "von Geburt bis zum Tod" aus, da man der Geburt gedanklich etwas Gleichrangiges gegenüberstellen möchte.


3.)ln der letzten Strophe kommt die Wende: Obwohl nichts Besonderes war, hat das lyrische Ich doch Teil an der ganzen Welt gehabt und das war gut. Hier betont eine Akkumulation ("Zeus und alle Macht, das All, die großen Geister, alle Sonnen" (Z.13f) die Vielfalt des Erlebten. Und doch weist der Autor im vorletzten Vers nochmal auf die Bedeutungslosigkeit dieses Lebens im Ganzen hin mit der Redewendung "beendet wie begonnen" (Z.15). Mit den letzten zwei Worten "gute Nacht" schließt das lyrische Ich und zeigt, dass es nun mit seinem Leben und seinem Schicksal einig ist.


Insgesamt ist noch interessant, dass der Autor den Zeitverlauf des Abends im Gedicht durch die verwendete Zeit deutlich macht: Im ersten Vers schaut das lyrischeIch noch in die Zukunft, wenn es an den Abend denkt und verwendet dementsprechend das Futur.
In der dritten Strophe ist es mitten drin und spricht im Präsens.
In der letzten Strophe ist der Abend schon Geschichte; es wird das Präteritum verwendet (Z.1,9,13).


Insgesamt finde ich das Gedicht sehr gelungen. Ich denke, mit ihm spricht Benn ein Thema aus, was uns alle beschäftigen wird: Wer wird nicht am Ende seines Lebens ein wenig enttäuscht sein, weil er sich viel mehr erhofft hatte. Benn zeigt sehr einfühlsam auf, dass man trotzdem mit seinem Leben zufrieden sein kann, auch ohne Großes erreicht zu haben. Der Gedanke: "Ich hatte Teil am großen Ganzen" kann entlasten und einen dazu bringen, mehr auf das zu achten, was war, als auf das, was hätte sein können.
Wie ernst es Benn ist, zeigt der eindringliche Titel "Hör zu", den das lyrische Ich im ersten Vers wiederholt. Durchaus kann man das, was das lyrische Ich sich selbst sagt, auch verallgemeinert auf den Leser beziehen oder sogar als direkte Anrede betrachten.