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DIALOG FRIEDEN&FAIRNESS-NAVI:Seite 4

datum Ihre@ nachfrage|wunsch anmerkung|hinweis|(andere) position  

meine antwort:

 
1.10.2001

musebrot@t-online.de

 


 

bezug: NEW YORK

 

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Dienstag, 11.September - Verstehen heißt nicht billigen.
Von Ludwig Schmidt-Herb
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Der Schock und der Staub haben sich mittlerweile gelegt, und nach der ersten
Betäubung trauen wir uns wieder, selbst zu denken und unsere Gedanken auch
auszusprechen. Ich bin froh, daß ich nicht, wie viele Politiker und
Journalisten, sofort mit meiner Meinung an die Öffentlichkeit mußte. Ich hätte
mich angreifbar gemacht - oder ich hätte schweigen müssen. Nun aber haben genug
besonnene Leute sich zu Wort gemeldet, so daß ich nicht mehr das Gefühl haben
muß, mit meinen Gedanken allein dazustehen.
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Zu Risiken & Nebenwirkungen ...
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"Lasst uns gemeinsam trauern. Aber lasst nicht zu, dass wir uns gemeinsam der
Dummheit ergeben.", so sagte mutig genug noch am selben Tag die amerikanische
Schriftstellerin Susan Sontag, die zur Zeit des Anschlags in Berlin war, und
meinte damit jenen unseligen Ruf der Amerikanischen Präsidenten nach Vergeltung.
Auch Peter Scholl-Latour, der wie kaum ein anderer die arabische Welt kennt,
mahnte, "trotz aller berechtigter Abscheu und Betroffenheit nicht auf Vergeltung
zu sinnen, sondern auf Verständnis, denn erst so können wir unsere eigene
Verstricktheit in das Verbrechen erkennen."
Überhaupt: unsere eigene Verstricktheit! Vom "größten Verbrechen, das die
Menschheit je erlebt hat", sprachen da eifrige Reporter - und niemand erinnerte
sie sofort an Holocaust, an Hiroshima oder Vietnam. Ein Verbrechen wird dadurch,
daß man es mit noch größeren vergleicht, nicht kleiner. Aber es wird  dadurch
unermeßlich groß, daß man es mit den eigenen, größeren Verbrechen  nicht 
vergleicht.
"Terror" ist ja nicht das Böse irgendwo draußen in der Welt, sondern die Folge
all des Bösen, was wir der Welt Jahrhunderte lang angetan haben.
"Als sei es die furchtbarste Schändung der Pietät, Aufkündigung des Mitgefühls
mit den Opfern, Verletzung der Abscheu-Pflicht, wenn man darüber nachzudenken
begänne, wie die in anderen Weltteilen grassierenden amerikafeindlichen
Stimmungen mit dem politischen Handeln der Weltmacht möglicherweise -
möglicherweise! - zusammenhingen", so sagte Claudia Wolff in einer
Rundfunksendung am 28.9., [SWR2 Eckpunkt] und der amerikanische Politologe und
Asien-Experte Chalmer Johnson brachte es vier Tage nach dem Anschlag in einem
Spiegel-Interview auf den Punkt: "Die Völker, die Amerika hassen, haben leider
ein Motiv". Unsere Politiker und Experten hätten allen Grund, das anzuerkennen
und auch auf Europa zu beziehen.
Kolonialismus, Rassismus, Imperialismus - für die betroffenen Völker - über 80%
der Welt! - bedeutete dies über Jahrhunderte Ausbeutung, Unterdrückung,
Sklaverei. Erst dadurch konnten wir unseren Reichtum aufbauen! Und was heute so
smart als "Globalisierung" daherkommt, das ist dies alles zusammen in vielfacher
Vergrößerung. Lange genug also konnten sich dort Motive ansammeln, uns zu
hassen.
Wohlgemerkt, es geht mir hier nicht darum, diesen Haß und das daraus
resultierende Verbrechen zu billigen. Nein, es geht mir darum, ihn zu verstehen,
um unsere  eigene Verstricktheit darin zu erkennen.
Wenn Peter Struck, der SPD-Fraktions-Chef im Bundestag, sagte: "Heute sind wir
alle Amerikaner", so kann ich ihm dann - und nur dann - zustimmen, wenn damit
unser Anteil an der Ursache für das Verbrechen mitgemeint ist.
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... lesen, hören und sehen Sie alles mit wachen Sinnen ...
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Da soll jetzt keiner kommen und behaupten, man hätte ES nicht kommen sehen. DAS,
was wirklich geschehen ist, die Details, konnte man vielleicht SO nicht
voraussehen, aber ES wurde seit Jahren in zahllosen Varianten in Hollywood
imaginiert und produziert. Und konsumiert! Millionen Amerikaner (und Europäer!
Ich meine, wenn ich hier von "Amerika" rede, im Sinne von Peter Struck immer uns
alle mit!)  gaben in den letzten Jahren ihr Geld dahin, ES auf der Kinoleinwand
zu sehen - vorauszusehen mit jenem gruselig-geilen Schauer, der nun genau
dieselben Leute an den Fernseh-Bildschirmen wieder überkam, als da etwas
Bekanntes, Vertrautes, schon oft Erlebtes  in grausamster Realität wirklich
passierte.
Die "Terroristen" brauchten doch nur all die "Independence Day" und "Air Force
Nr. 1"- Filme genau zu studieren, um zu wissen, wie und wo sie Amerika mitten
ins Mark treffen konnten: nämlich dort, wo die aus  kollektiven Schuldgefühlen
gewachsenen Angstphantasien längst Verwundbarkeit signalisierten, weil sie
unbewußt nach Bestrafung verlangten.
Nun aber, da nicht Hollywood das Schreckliche inszenierte, wird der Unterschied
deutlich sichtbar zwischen einem selbst-inszeniertem und dem realem Terror:
Dort im phantasierten Hollywood-Terror erlöste sich Amerika immer selbst durch
den Heldenmut eines Retters aus den eigenen Reihen und entging so jedesmal
seiner Bestrafung. Man konnte nach diesen Filmen aus den Kinos hinausgehen in
die Alltagswelt und so weitermachen, als wäre nichts geschehen.
Hier aber, wo nun plötzlich kein Held mehr war, der sich dem Desaster in letzter
Sekunde hätte entgegenwerfen können, um die Nation zu retten, hier wird das
Schreckliche wahr und das Geheime offenbar: eine ganze Nation muß plötzlich
feststellen, daß es geschehen ist - daß sie bestraft worden ist. Bestraft für
Fehler und Vergehen, die sie nie gelernt hat, zuzugeben, nie geübt hat,
auszusprechen, ja, nicht einmal gewagt hat, sie zu denken. Nun drängen sich auf
einmal die vernichteten Indianer, die versklavten Neger, die ausgebeuteten
Afrikaner und Indios und Asiaten, die verachteten Moslems, die vielen zur
eigenen Machtentfaltung mißbrauchten und dann fallengelassenen Minderheiten ins
schlechte Gewissen: Millionen Menschenschicksale klagen an.
Der französische Philosoph  Jacques Derrida, der am 23. September den Theodor W.
Adorno-Preis erhielt, mahnte bei diesem Anlaß:
"Das ist meine Interpretation dessen, was jene Gerechtigkeit sein müßte, die
(...) "grenzenlose Gerechtigkeit" heißt: von den eigenen Fehlern, dem eigenen
Unrecht, den Irrtümern der eigenen Politik sich nicht freisprechen, und sei es
auch in dem Augenblick, da man einen furchtbaren Preis dafür bezahlt."
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... und lassen Sie sich das Denken nicht verbieten !
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Als der Amerikanische Präsident den "monumentalen Kampf zwischen Gut und Böse"
ansagte, da spätestens hätten alle aufmerken müssen, die noch den Mut hatten,
selbst zu denken. Das hier gemeinte Böse erhielt seine Stärke immer als
Verbündeter der Macht, die Verbrechen mit zweierlei Maß mißt, je nachdem, ob es
ihr nützt oder schadet. So lange Bin Laden und Saddam Hussein für Amerikas
Interessen kämpften, waren sie auf der Seite des Guten. Und die zynische Maxime
dieses "Kampfes zwischen Gut und Böse" entspricht ganz der Moral des Alten
Testaments: "Wir werden die Verbrechen unserer Feinde bestrafen und die
Verbrechen unserer Freunde belohnen." 
Haben wir vergessen, daß einst auch der Chilenische Putsch die Interessen
Amerikas unterstützen sollte? Die Bösen Ex-Freunde Amerikas, haben es nicht
vergessen. Es war nämlich vor genau 28 Jahren, es war ein Dienstag und es war
der 11. September, als mit amerikanischer Unterstützung einer der Ihren -
General Pinochet - im Auftrag Amerikas über Leichen ging.
"Seit 28 Jahren", schreibt der chilenische Schriftsteller Ariel Dorfmann, "ist
der 11. September für mich und Millionen anderer Menschen ein Trauertag. An
diesem Tag trat der Tod unwiderruflich in unser Leben und lenkte es aus seiner
Bahn. Das Datum des 11. September könnte für die Nordamerikaner eine symbolische
Qualität annehmen. Jetzt, wo sie am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet,
Opfer zu sein, jetzt wo sie sich klar werden, was es heißt, tausende Vermißte zu
haben, jetzt werden sie die vielen über den Globus verstreuten Varianten des 11.
September, das ähnliche Leiden, das so viele Völker und Länder teilen, besser
verstehen können."
"Verstehen" heißt nicht "billigen". Verstehen heißt, sich Klarheit zu
verschaffen über Zusammenhänge und Hintergründe, über Ursachen und Motive, über
Absichten und Lügen. Begriffe wie "Zivilisierte Welt",  "Terrorismus" oder
"Globalisierung" bleiben so lange Schlagworte - und Schlag-Worte sind Waffen! -
so lange wir sie nicht verstehen. Sie wirken dann wie Arzneimittel, die wir - um
unsere Krankheit zu bekämpfen - einfach einnehmen, ohne ihre Nebenwirkungen zu
kennen: sie mögen zwar die akuten Symptome unserer Krankheit beseitigen, aber
völlig unerwartet treten plötzlich neue bedrohliche Symptome auf, die nicht mehr
durch unsere Krankheit,  sondern durch die gegen sie eingesetzten Arzneimittel
verursacht sind.
"Terrorismus"  ist, so betrachtet, eine Nebenwirkung des Arzneimittels
"Bewaffneter Kampf", das wir gegen die Symptome der Krankheit "Globalisierung"
einsetzen, von der der Patient  "Zivilisierte Welt" befallen ist. Aber um den
"Terrorismus" zu bekämpfen, dürfen wir nicht erneut zum Mittel "Bewaffneter
Kampf" greifen, denn das verstärkt nur die Nebenwirkung "Terrorismus". Vielmehr
gilt es - und das ist die Botschaft des 11. September!  -  die Ursache der
Krankheit zu bekämpfen, und die liegt bei der Diagnose "Globalisierung"
eindeutig in der ungleichen Verteilung von Armut und Reichtum und in der
Ungerechtigkeit, mit der der Patient "Zivilisierte Welt" dieses Ungleichgewicht
mit aller Gewalt durchsetzt. Ohne Rücksicht auf Nebenwirkungen.
                                   

Heidelberg, 1. Oktober 2001

Ludwig Schmidt-Herb,
Postfach 105005, D-69040 Heidelberg
Fax 0049-(0)6221-31 54 39
e-mail: musebrot@t-online.de

 

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sehr geehrter herr schmidt-herb,

 

ich setze Ihre rund-mail, die Sie auch an mich gerichtet haben, nur zu gern auf die seiten meines page-forums  -  enthalten sie doch zumindest auch in meinen augen denkbar richtige und wichtige überlegungen zur notwendigkeit angemessenen problemverstehens.

merci übrigens!

 

ich habe einen einzigen einwand:   für meine begriffe bezeichnet das wort ´strafe´ die gezielte reaktion einer instanz, die nicht unmittelbar reagiert, sondern einem untäter vermittels einer ausdrücklichen bedrängungs-maßnahme von oben herab den weg weist.

 

ich denke:  kein mensch oder keine menschengruppe stellt für eine/n anderen eine solche instanz dar.  (daß es deratige anmaßungen gibt, heißt noch nicht daß sie zurecht bestünden!) auch in überweltlichen denkhorizonten kennt zumindest das christentum in seinem kern keinen gott mit einem derartigen anspruch. (daß diesbezüglich andere glaubensauffassungen existieren, heißt noch nicht, daß sie mit neutestamentlichen texten wie etwa der bergpredigt vereinbar wären!)

keiner, der unter mir leidet, hat das recht strafend auf meine untaten zu reagieren, wie umgekehrt ich es nicht habe.

zu den folgen unseres handelns mag die anmaßung auf seiten der von diesem handeln negativ betroffenen gehören, uns für unsere untaten bestrafen zu wollen.

als ´strafe´ sollte aber meines erachtens niemand einen solchen anspruch annehmen. auch die ´straf-aktion´ eines menschen oder einer menschengruppe, die durch mich beeinträchtigft wurde, ist einfache, wenn auch durch den anspruch aufgebauschte folge meiner rücksichtslosigkeit und nicht auswirkung /instrument irgendeiner art von inner- oder überweltlicher autorität.

 

es scheint mir wichtig, daß wir uns insbesondere auch beängstigenden bedrohungen, wie sie etwa mit dem globalterrorismus unserer tage gegeben sind, nicht aus der perspektive von kindern nähern, die den erziehungsmaßnahmen von erwachsenen ausgesetzt sind, sondern als menschen, die die stärke aufbringen, die folgen ihres tuns so ins auge zu fassen, daß ihr mitgefühl nicht am eigenen tellerrand endet...

 

schöne grüße

 

gabriele weis