1.6.a-MITTELMEERRAUM um 375 n.chr.
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1.6.b3-fiktiver reisebrief-aus antiochia
1.6.b2 fiktiver reisebrief:
´REISENDER ÄGYPTER KAINOFER´AUS KTESIPHON NACH ALEXANDRIA
Kthesiphon, den 26.2.375
Mein lieber Keti,
Seit zehn Tagen genießen wir nun schon die Gastfreunschaft Deines Geschäftsparners Artabanos, eines in der Tat hochinteressanten Mannes.
Er ist der Organisator eines viel weiter gespannten Handelsgeschäftes, als das mir und vielleicht auch Dir bewußt war.
Nicht erst in seiner Generation hat sich seine Famile, ein traditionsreiches parthisches Kaufmannsgeschlecht, durch eine gezielte Heiratspolitik auf die seit 150 Jahren sassanidisch-persischen Machtverhältnisse in all jenen Regionen einzustellen gewußt, die davor run d 500 Jahre lang in der Hand der skythisch-parthischen Arkasiden gewesen war:
Namentlich der besonders auch auf seiner südlichen Route - Kthesiphon-Susa-Charax-Beshapur-Persepolis/Ischtar- Ormudz-Pattala - gut florierende Indienhandel des Kaufmannsclans sollte gesichert werden.
So lebt der nach Osten ausgerichtete Teil von Artabanos´ Handelsgeschäft mittlerweile auch von der Tatkraft einer nicht unbeträchtlichen Anzahl persischer Verwandter: sein Schwager Peroz sieht in der sassanidischen Stadtgründung Beshapur im Herzen der Persis nach dem Rechten. Dessen Vetter Jamasp steht dem Kontor des Clans in Ischtar, der Erbin des alten Persepolis, vor. Und ein Bruder des Peroz, Khusran, kümmert sich in Ormudz um die Einbeziehung des arabischen Geschäftes, dessen wichtigste Handelsplätze jenseits des Golfs das arabische Gerrha und Omana bilden. Sie stehen seit Jahrzehnten unter persischer Oberhoheit. Am Zielort der Route, im indischen Pattala, wahrt dann wieder ein Parther die Interessen des Clans: Orodes, ein Veter meines Gastgebers.
Den nach Westen gerichteten Teil dieses Handelsgeschäftes kennst Du. Er erreicht Ägypten auf direktem Wege nur um die arabische Halbinsel herum oder über seine derzeitige Endstation im syrischen Palmyra, dem Zentrum eines zeitweilig halbeigenständigen Königreiches. Neben Artabanos selbst ist hier vor allem dessen Bruder Phraates tätig, mit dem Du ja gleichfalls häufig Kontakt hast. Er agiert, wie Du weißt, von Dura Europos aus, einem Handelsplatz am Mittellauf des Euphrat.
Jener Teil unserer Welt, in dessen Herzen mein derzeitger Aufenthaltsort Ktesiphon liegt - eine der wichtigsten Residenzstädte bereits der Parther, jetzt auch des persischen Sassanidenreiches, seine Hauptstadt im Grunde - ist ja jehrtausendelang immer wieder Angelpunkt für den Aufstieg und Fall großer Kulturen gewesen, die der östlichen Mittelmeerwelt jeweils ihren Stempel aufgedrückt haben:
Sie alle waren in Mesopotamien, dem Zweistromland beheimatet gewesen:
Assur und Ninive am Oberlauf des Tigris, die einstigen Zentren des mächtigen Assysrerreiches zwischen dem 9. Und 7. vorchristlichen Jahrhundert vor allem - sie existieren nicht mehr. 614 und 612 v.Chr. hatten Meder und Neubabylonier sie mit beispielloser Gründlichkeit zerstört.
Babylon am Unterlauf des Euphrat, Herrscherin des Neubabylonischen Reiches zwischen 625 und 539 v.Chr., dann vom Begründer des persischen Achämenidenreiches (559-330 v.Chr.), Kyros, erobert und zur dritten seiner Reichshauptstädte erklärt, verfiel seit seiner vergeblichen Erhebung gegen Dareios (521-486 v.Chr.) zusehends.
Aus den durch den Perserkönig Dareios zu Beginn des 5. Jhds. v.Chr. geschleiften Mauern der einstigen Riesenmetropole hatte dessen Nachfolger Xerxes die goldene Bels-Statue geraubt. Sie hatte im Zentrum von dessen seither völlig verfallenen Heiligtum gestanden, dem einstigen Turmbau zu Babel (einem der 7 sogenannten Weltwunder unserer alten Welt).
Alexanders des Großen ehrgeizige Ausbaupläne waren der Politik seiner seleukidischen Diadochennachfolger zum Opfer gefallen (zwischen 321 und 64 v.Chr.: Seleukidenreich).
Deren Neugründung, Seleukia, wenig nördlich Ktesiphons, an der Einmündung des Eulalosflusses in den Tigris, war an Stelle des alten Babylon zu einem neuen Zentrum der mesopotamischen Handelswege geworden - Babylon hatte das Baumaterial abgegeben.
So baut man seit dem 2. nachchristlichen Jahrhundert in großen Teilen des einstigen Babyloner Stadtraumes Getreide an. Ansonsten dient das Stadtgebiet seit der abermaligen Zerstörung Jerusalems durch die Römer (70 n.Chr.; - erste Zerstörung 587 v.Chr. durch die Neubabylonier) zahllosen Juden als Zufluchtsstätte.
Ein anderer Teil wird seither von Parthern und Persern als Wildgehege genutzt, in dem königliche Jagden stattfinden.
Das Ende des auf Kosten Babylons einst errichteten und die Haupthandelsmetropole der Region bildenden Seleukia, einer Stadt mit damals rund 500000 Einwohner, hatten bereits im 2. nachchristlichen Jahrhundert die Kämpfe zwischen Römern und Parthern gebracht.
Susa, an einem der kleineren Tigriszuflüsse am Fuße des Zagros-Gebirges, des Übergangs zum iranischen Hochland, gelegen, hat seine handelspolitische Bedeutung über die Jahrtausende hinweg halten Können. Einst Zentrum eines langlebigen elamitischen Reiches, war es die erste Eroberung der altpersischen Achämeniden im mesopotamischen Raum gewesen und von diesen gar zu einer der Hauptstädte ihres Weltreiches erhoben worden.
Als wichtigster Gabelungspunkt des Arabienhandels in Richtung des heutigen Ktesiphon einerseits und des über Ekbatana führenden Seidenstraßen-Handels andererseits bildet es bis heute eine der wichtigsten Metropolen der Region.
Ktesiphon schließlich, meine erste wichtige Reiseetappe, ist seit der Mitte des 3. vorchristlichen Jahrhunderts - in Konkurrenz zur Hauptstadt des Seukidenreiches (321-64 v.Chr,) als Residenzstadt der Parther, heute Perser, anstelle und auf Kosten Seleukias zur derzeit bedeutendsten Handelsmetropole des Zweistromlandes aufgestiegen.
Wiederholte kurzzeitige Eroberungen durch die Römer im 2. Jhd. n.Chr. haben seiner Bedeutung nichts anhaben können.
Der erste große Herrscher des Sassanidenreiches, Shapur I. (241-272) hat sie mit einem seiner berühmten tonnen- (öfters auch kuppel-) gewölbigen Palastbauten geschmückt: Tag-i-Kisra (hier: Ziegelbauweise, sonst Einbettung von Steinsplittern in reichen Kalkmörtel statt der altpersischen Quadersteinbauweise - ergibt ein massives, schweres Gefüge).
Das Zweistromland, in dessen Herzen an den Ufern des Tigris Ktesiphon liegt, bildet eine nach Süden hin sich abflachende Ebene. Von der Mündung an aufwärts habe ich mich, wie Du ja weißt, in die Region eingeschifft.
Die in nordöstlicher Flucht hoch aufragenden Gebirgszüge des Eulalos-Gebirges sind teilweise bewaldet. Wilde Esel, Gazellen und Löwen findet man dort zuhauf, wie man mir erzählt hat. Unbewaffnet darf man hier also wohl nicht so ohne weiteres in die Berge gehen. In den Ebenen selbst begegnen dem Reisenden besonders im Grenzbereich zur arabischen Wüste nicht selten Strauße - wie Du ja weißt, etwas klobig wirkende, aber ungeheuer laufstarke Großvögel: Straußenrennen gehören hier zur beliebtesten Freizietbeschäftigung.
Das persische Sassanidenreich heute (227-637) sei die entscheidende Macht Zentral-Asiens - wie das skythische Parther- (246 v. 227 n.Chr.) neben dem Baktrer-Reich gestern - und wiederum in Teilen davor das hellenistisch-persische Seleukidenreich (321-64 v.Chr.) bzw. seine Voraussetzung: das makedonisch-griechisch-hellenistische Alexanderreich (330-321 v.Chr.) und vor ihm als erstem Höhepunkt eurasiatischer Weltreichsbestrebungen das persische Achämenidenreichn (559-330 v.Chr.) ...
... so suchte Artabanos im Laufe so manchen Gespräches mein Verständnis für Entwicklung und Eigenart seines Landes zu fördern:
Alle diese Reichsbildungen hätten jeweils Weltreiche sein wollen - Gebilde also, die ihre überlegenen kulturellen Möglichkeiten als Ordnungsfaktor einzusetzen bestrebt (gewesen) seien.
Denn ihr jeweiliges Umfeld sähen sie vor allem auch durch zeitweilig immer wieder außerordentlich starke Völkerbewegungen gekennzeichnet.
Das führe zu Interessenkonflikten um Zugriffsrechte auf die Güter blühender Regionen.
Solche Interessenkonflikte hätten zudem eine ihrer wichtigsten Wurzeln in einer manchmal beängstigend großen Zahl kultureller Gefälle-Situationen:
Das Bedürfnis randständiger wie neu zu gewanderter Bevölkerungsteile nach einer wie auch immer zu erringenden Teilhabe an Kulturen, deren offensichtlich bedeutsame Leistungsfähigkeit Neid und Bewunderung gleichermaßen weckten, schaffe immer wieder gefährliche Unruhe.
Dieses Bedürfnis solle, ja, es müsse kanalisiert werden. Alles komme darauf an, daß es gelinge, den Aktionsradius und Wirkungskreis der überlegenen/für überlegen gehaltenen/erklärten Kultur auszuweiten. Nur dann könne sich der unvermeidliche Umverteilungs- und Angleichungsprozeß auf für die dominierenden Völker möglichst erträgliche Weise vollziehen und insgesamt in möglichst friedlichen Bahnen verlaufen.
Zunächst sei Mesopotamien die Wiege solcher Wiege solcher Weltreichsideen gewesen.
Insbesondere die Reichsbildungen der Assyrer seien von Weltreichsplänen und ansprüchen bestimmt gewesen.
Nach deren endgültiger Zerschlagung durch Skythen, iranische Meder und Neubabylonier im späten 7. Jhd. v.Chr. hätten sich namentlich die iranischen Perser seit der Mitte des 6. vorchristlichen Jahrhunderts zum Träger einer Weltreichspolitik in Vorderasien aufgeschwungen. Sie hätten auf den eurasiatischen Mittelmeerraum Anspruch erhoben.
Denn für die Entwicklung des ausgedehnten iranischen Hochlandes mit den immer wieder gewaltigen Völkerbewegungen, denen es ausgesetzt sei, sei es unerläßlich gewesen, Zugang zu verkehrswirtschaftlich und städtisch erschlossenen Regionen zu gewinnen.
Die Länder des sogenannten ´fruchtbaren Halbmondes´ - Mesopotamien, Palästina-Phönikien und Ägypten - seien jene statdtkulturell hocherschlossenen Gebiete in der unmittelbaren Nachbarschaft des iranischen Hochlandes, die den ähnlich weit entwickelten indischen Gebieten beispielsweise dadurch aus iranischer Sicht überlegen seien, daß sie Anschluß an einen sich immer dynamischer entwickelnden Großwirtschaftsraum hätten: die MIttelmeerwelt.
Deshalb hätten sich die persischen Achämeniden nach Westen gewandt.
Deshalb seien sie im 5. Und 4. vorchristlichen Jahrhundert in mehreren Anläufen bestrebt gewesen, dem von ihnen geschaffenen Weltreich, mehr noch als die ägyptische, die griechische Poliskultur Kleinasiens einzuverleiben.
Denn dort habe sich damals das dynamischste Wirtschaftszentrum der eurasiatischen Welt befinden.
Der Verbreitung ihres Weltreichsideals hätten sie damit aber jene Art von Vorschub geleistet, die sie die Herrschaft über das Ihre zeitweilig habe verlieren lassen:
Ende des 4. Jhds. v.Chr. habe die alte griechische Polis-Welt - ein einst hoch-dynamisches, buntes Mosaik selbständiger, miteinander rivalisierender Stadtstaaten - ihre Entwicklungsfähigkeit soweit eingebüßt gehabt, daß es notwendig geworden sei, sie durch eine Reichskultur zu überformen.
Für deren Errichtung habe das vorausgegangene Jahrhundert kriegerischer Auseinandersetzungen mit dem persichen Achämenidenreich die entscheidenden Denkanstöße geliefert.
Teil eines Weltreiches zu werden, das konnte erheblich ehrenvoller erscheinen, als einfach die alte Selbständigkeit an einen übergeordneten Griechenkönig zu verlieren, der noch dazu aus dem stadtkulturell wenig entwickelten nordgriechischen Makedonien kam! Nur so waren die Griechenstädte zur Unterwerfung unter die Herrschaft der Makedonen bereit gewesen. Die Weltreichsideen Alexanders des Großen hätten sie Ende des 4. vorchristlichen Jahrhunderts in ihren Bann gezogen.
Geblieben sei von den hochfahrenden Weltreichsplänen jenes makedonischen Alexander, der es unternommen hatte, der griechischen Welt neue Perspektiven zu weisen, eine großartige eurasiatische Mischkultur: Hellenismus ihr Name. In unterschiedlichen Ausformungen sei sie wirksam bis heute - vom Atlantischen bis hinüber zum Indischen Ozean!
Geblieben sei aber auch eine machtpolitische Aufspaltung dieses riesisgen Kulturraumes in rivalisierende Weltreiche.
Zunächst sei diese neue Weltreichsrivalität auf die östliche Mittelmeerwelt bis hinüber nach Zentralasien beschränkt gewesen:
Verschiedene Diadochen- (=Nachfolge-) Reiche hätten bis ins erste vorchristliche Jahrhundert hinein um die Fortsetzung der hellenistischen Kultur des nur knapp 10jährigen Alexanderreiches miteinander rivalisiert - die Seleukiden in Persien, Mesopotamien und Syrien, die Ptolemäer in Ägypten und die Antigoniden in Griechenland.
Dann hätten es die Römer unternommen, diesen Weltreichen ein weiteres, westlich angesiedelteres an die Seite zu stellen: das Imperium Romanum.
Es habe seinerseits eine Vielzahl kultureller Anregungen von den Griechen bezogen.
Seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert habe das Römerreich das Antigoniden- wie das Ptolemäerreich im Westen zu Fall gebracht.
Das Ende des Seleukidenreiches im Osten hätten sie, die skythischen Parther, schon um die Mitte des 3. Jhds. v.Chr. eingeläutet gehabt.
Zwei eurasische Weltreichsrivalen seien auf diese Weise geblieben: Römer und Parther (bis 227 n.Chr.) > Perser (seit 227 n.Chr.)..
Auch im zentralasiatischen Teil Indiens habe die persische Weltreichsidee nun bereits in einem zweiten großen Anlauf Umsetzung gefunden - wenngleich sich hier kein vergleichbares Rivalitätsverhältnis aufgebaut habe.
Bis ins 6. Vorchristliche Jahrhundert habe in Indien ein Mosaik mehr oder minder selbständiger Stammesregionen bestanden. Danach fänden sich erste größere Königreiche.
Die Entstehung des Buddhismus im 6. vorchristlichen Jahrundert in Indien habe die vielfältigsten kulturellen Wechselbeziehungen gefördert:
Denn der Buddhismus sei universalistischer (weltumspannender) als jede andere der großen Religionen, die meist als Reichsreligionen entstanden und deshalb außerhalb ihres jeweiligen Geltungsbereiches von nur geringem Interesse seien...
... mit Ausnahme des seit der Zeitenwende aus dem Judentum entstandenen Christentums vielleicht.
Letzteres gehe jedoch gerade in jüngster Zeit einen Weg, der es in neue reichspolitische Bindungen verstricke:
ein universelles Weltreich mit ungeheurem Geltungsanspruch wolle das seit einigen Jahrzehnten chricstliche Imperium Romanum nun sein!
Einer der Gründe, gewiß, für die Schärfe der derzeitigen Auseinandersetzungen um religionspolitische Fragen in Persien selbst.
Und ein Grund für die machtpolitischen Konflikte zwischen Sassaniden- und Römerreich.
Vergleichbare Tendenzen und Ansprüche kenne der Buddhismus nicht. - Einer der Gründe wohl für die kaum ausgeprägte Weltreichsrivalität zwischen Perserreich und heutigem Indien.
In der Folge der durch den Buddhismus geförderten Austauschbeziehungen u.a. zur hellenistischen Welt habe der Begriff eines ´Weltherrschers´ in Indien erstmals Einzug gehalten mit der Maurya-Dynastie des 3. und 2. vorchristlichen Jahrhunderts. Er präge wohl noch stärker das gegenwärtige Gupta-Reich (4.-6. Jhd.n.Chr.).
Hinsichtlich seines eigenen Weltreichsanspruchs sehe sich das persiche Sassanidenreich angesichts dieser Weltlage der Notwendigkeit gegenüber, stärker vielleicht als je in der Vergangenheit, seine Besonderheit zu betonen und zu entwickeln.
- Auf diese These liefen meines Gastgebers staunenswert gebildete Überblicksüberlegungen hinaus.
Artabanos´ Schwager Bahram, ein persischer Verwaltungsbeamter verschaffte mir in Fortsetzung der eben referierten Erklärungen dann einigen Einblick in die kulturell-politischen wie die ganz konkreten Lebenshorizonte der Menschen im sassanidischen Teil der Welt:
Die Menschen hier hätten einen ausgeprägten Sinn für Höhenunterschiede aller Art.
Einer der Freunde Bahrams, der Magier Balthasar, hat mir in diesem Zusammenhang auch den ausgeprägten Lichtkult der Iranier zu erläutern versucht.
Nach dem, was ich davon begriffen habe, ist die Sonne für die Menschen hier etwas ihrer unerreichbaren Höhe und ungeheuren Kraft wegen in höchstem Maße Verehrenswertes.
Wir Ägypter dagegen verehren an ihr - wenn ich das recht sehe - viel stärker ihre lebensspendende Eigenart, mittels deren sie in einem vielfältigen Wechselspiel mit einer Reihe von Vegetationskräften den ewigen Wandel von Werden zu Vergehen, zu neuem Werden und neuem Vergehen und wieder neuem Werden und so fort..., lenkt.
Die Iranier nun wiederum suchten, Balthasars Aussagen zufolge, zu großen Teilen heute die Sonne bzw. das Licht von seinem Gegensatz, dem Dunkel her zu begreifen.
Einer ihrer weisesten und frömmsten Menschen - Zarathustra/Zoroaster - habe sie einst gelehrt, daß in Wirklichkeit nur ein einziger Gott existiere: Ahura Mazda/Ormuzd.
Sein Name bedeute: ´Herr der Weisheit´. Er sei der eine, menschenfreundliche, die Welt unablässig durchwirkende Gott, dessen Wesen sich in den mannigfältigsten Kräften offenbare - in Kräften, die älterem Glauben als selbständige Gottheiten erschienen seien.
Er bewirke, daß in der sinnlich erfahrbaren Welt eine ´rechte Ordnung´ = ´rtam´ walte, an der sich die Menschen zu bewähren hätten: Sie hätten bei all ihrem Tun und Lassen die Wahl zwischen Wahrheit und Trug.
Kennzeichen dieser Ordnung sei es, daß Wasser und Pflanzen für das Rind da seien. Das Rind sei da, um den Menschen mit seiner Milch zu ernähren. - Die Pflicht des Menschen sei es deshalb, Rind und Weiden zu hegen.
Wer diese Ordnung einsehe und ihr diene, sei wahrhaft. Trughaft sei, wer sie störe. Das gelte für Menschen wie für Götter, die von den Menschen ein trughaftes - also z.B. Rinderopfer für angemessen haltendes - Verhalten forderten.
Zwischenzeitig allerdings seien die Iranier dazu übergegangen, Zarathustras Eingott- und Wahrhaftigkeitslehre vor allem von dem Gegensatzpaar, das Zarathustra in das iranische Denken hineingebracht hatte, her zu verstehen - so jedenfalls Balthasars Darstellung:
Sie hätten ihren Blick nicht mehr so sehr auf die von Zarathustra in den 16 Hymnen seines Heiligen Buches, des ´Awesta´, umrissene ´rtam´ der Welt gerichtet - sondern vielmehr auf den Weltenlauf als einen ewigen Kampf zwischen den Mächten des Lichts und den Mächten der Finsternis.
Weltgerichtsvorstellungen spielten seither eine Rolle. Der Weltenlauf erscheine als eine in Ewigkeitsdimensionen angelegte ´Heilsgeschichte´ (die Griechen haben dafür den Begriff der ´Eschatologie´). Am Ende ihrer irdischen Existenz warte auf die Menschen das Paradies, in das eine Brücke hinüberführe, die ´Tschinvat´. Über sie schritten die Frommen dereinst in die ewige Glückseligkeit, während die Bösen in die Hölle, das Haus der Lüge, abstürzten.
Über den Jahrhunderten des Hellenismus, der Partherherrschaft und unter der derzeitigen Sassanidenherrschaft hätten sich die Akzente noch einmal verschoben:
In Verbindung mit der alten, ostiranischen Sonnengottheit Mithra, an dessen Seite die Wassergöttin Anahita getreten sei (sie trageZüge der mesopotamischen Ishtar), drehe sich das religiöse Leben der Iranier heute um sorgfältig ausdifferenzierte Licht- und Reinigungskulte:
An erster Stelle um den traditionellen Feuerkult: Die Gottesdienste hätten die rituelle Bewahrung der heiligen Eelmente - Feuer, Wasser und Erde - vor Verunreinigung zum Inhalt. - vom häuslichen Herdfeuer gebe es bis hinauf zu den drei großen nationalen Feuerstätten auf den heiligsten Bergen des Landes ein eng geknüpftes, durchhierarchisiertes Netz öffentlicher Feuerstätten.
An zweiter Stelle drehten sich die religiösen Rituale des Landes seither um einen dem angepaßten Totenkult: die Toten würden auf ´Türmen des Schweigens´(=dahmah) den Geiern ausgesetzt.
An dritter Stelle stünden 6 fünftägige Jahresfeste: sie dienten der öffentlichen Rezitation der heiligen Texte des Awesta.
Aus dem traditionellen Priesterstand der Magier habe sich in diesem Zusammenhang in der Gegenwart eine wohlorganisierte zoroastrische Priesterschaft entwickelt, die heute, anders als zur Zeit des Achämenidenreiches, zu staatstragender Bedeutung aufgestiegen sei:
Staatsziel der Sassaniden sei die Zurückdrängung des Griechischen als Amtssprache zugunsten einer neu zu schaffenden persichen Hochsprache: dem aus einer Mundart der Persis etwickelten Pahlawi.
Deren Entwicklung hätten die Sassanden ganz bewußt in die Hände der Priester gelegt.
Man wolle einen gut ausgarbeiteten Bestand an Glaubenslehren - gewonnen aus der Auslegung der heiligen Schriften. Konkurrenzfähig zu jenen des hristentums und des Buddhismus solle er sein.
Und man wolle eine entsprechende Schriftenauslegung mit dem Ziel der Herausbildung eines eigenen Rechtssystems - letzteres in noch ausdrücklicherer Konkurrenz zum Christentum als ersteres.
Denn seitdem das Christentum auf dem Wege zur Staatsreligion des Imperium Romanum sei (seit Konstantins des Großen Toleranzedikt aus dem Jahre 313 n.Chr.), damit aber auch auf dem Wege, als Erbe der großen römischen Rechtstradition aufzutreten, sei Weltreichspolitik in noch ausgeprägterem Sinne als früher eine Politik, die es verstehen müsse, ihr politisches System auf wohldurchdachte rechtliche Grundlagen zu stellen.
Quelle allen Rechts sei - und dies nicht nur bei den Iraniern - überdies traditionell nicht die Monarchie, sondern die Religion.
Die Rechtsprechungsfähigkeit der Priesterschaft ruhe - wie bei den Römern insbesondere auch - auf einer jahrhundertelangen Sammel- und Auslegetätigkeit dieses Standes.
Ihn forderten die Sassaniden jetzt ganz bwußt zu einer Kodifizierung seines Wissens auf (=einem verbindlichen Aufschreiben und Verdichten der Gesetzestraditionen in einer Gesetzessammlung).
Von nun an solle für einen größeren Kreis von Menschen greifbare Gestalt gewinnen, was nur die Priester bisher in verstreuten Quellen zu suchen ewußt hätten: Literatur solle entstehen - rechtswissenschaftliche wie religionswissenschaftliche wie philosophische.
Persien solle überdies als Mittler und Nutzer des Wissens anderer Kulturen Bedeutung hinzugewinnen! - Shapur I. beispielsweise habe Schriften medizinischen, astronomischen, kosmologischen, landwirtschaftlichen und rhertorischen, selbst literarischen (z.B. indische Erzählliteratur) Inhalts sammeln und in die neue persische Hochsprache übersetzen lassen. Viel Südasiatisches sei auf diese Weise nach Westen gelangt, vorzugsweise nach Arabien im übrigen - das Schachspiel beispielsweise. Anderes werde in umgekehrter Richtung weitergegeben.
Das staats- und gesellschaftspolitische System des gegenwärtigen Sassanidenreiches suche der Verwirklichung der genannten kulturellen Ansprüche Raum zu geben:
Einerseits hätten die Sassaniden der zoroastrischen Geistlichkeit einen tendentielll sogar gefährlichen Einfluß zugestanden: - der Oberpriester (magupatan magupat) nehme eines der angesehensten Hofämter ein, besitze im engsten Kreis der königlichen Ratgeber fraglos das Übergewicht, sei von den sassanidischen Königen ausdrücklich zum ´Hüter und Wahrer des Kluturerbes der Nation berufen worden. Und er sei eines von 3 Mitgliedern des ´Kollegiums höchster Würdenträger´, das eben erst die Macht zur Königswahl errungen habe. Neben dem Oberpriester bildeten der Oberbefehlshaber des Heeres und der Vorsetzte der Beamtenschaft die Mitglieder dieses Kollegiums.
Hinzu kämen die Reinigungsriten, über die die Priesterschaft die im Grunde bedeutendste Amtsgewalt in der sassanidischen Gesellschaft ausübe.
Daß auch das Gerichtswesen in ihren Händen liege, unterstreiche diese Bedeutung noch erheblich...
Andererseits sei der Monarch mit einer Autorität ausgestattet, die meistenteils bisher problemlos den geistlichen Einfluß ausballancieren könne, obwohl sich gerade jetzt erst - unter König Shapur II. (309-379) - ein festgeschriebenes Wahlrecht für dessen Nachfolge durch das Oberste Kollegium anbahne:
Der König sei der mit Prunk und Ansehen umgebene Mittelpunkt des Staates - nahezu göttlich sein Rang: er sei der Herr schlechthin. Hoch wie die Sonne stehe er über seinen Untertanen, die allesamt nichts als seine Sklaven seien. Allein kniefällig dürfe man sich ihm nähern (Proskinese nennen die Griechen das kniefällige orientalische Audienzritual). Denn Gegensätze bestimmten das Leben und die Welt. Wie zum Licht die Finsternis gehöre, zur Wahrheit der Trug, zum Paradies die Hölle, so fügten sich Herr und Sklave zu den beiden Polen, mittels deren das Leben der Menschen seine rechte Ordnung erhalte.
So sei der persische Monarch das befehlsgewaltige Haupt der militärischen und administrativ-finanziellen Organisation des Reiches. Er bestimme die Beziehungen zum Ausland.
Die außerordentlich prunkvolle Hoforganisation sei überdies von kulturell erheblicher Bedeutung:
Die genau und streng geregelte Etikette trage zu einer Verfeinerung der Sitten bei. Die vielfältigsten Betätigungen und Tendenzen würden hier gepflegt und gefördert, wirkten somit tonangebend für das Leben der Nation - Jagd, Spiel und Musik würden hier in einer Vielfalt betrieben, die ihresgleichen suche.
Adel und Beamtenstand hätten hier ihre wichtigste Begegnungsstätte - das sei von entscheidender Bedeutung für die Wahrung und Weiterentwicklung, zuweilen auch die Wiederherstellung des inneren Friedens.
Der Adel habe wie überall den Grundbesitz als materielle Basis, um seinen politisch-gesellchaftlichen Aufgaben nachkommen zu können. Er sei also ein Feudaladel (von feudum = Grund-/Viehbesitz). Neben Monarch und Geistlichkeit bilde er den dritten Machtpol innerhalb des Sassanidenreiches. -
Drei unterschiedlich berechtigte Gruppen hielten sich hier meistenteils gegenseitig in Schach:
An der Spitze: die Vasallenkönige und die Mitgleieder der königlichen Familie - die Shardaran. Sie stellten die Viziekönige und die Statthalter in den Provinzen.
Dieser Spitze nebengeordnet: 7 große fürstliche Familien parthisch-asarkidischer Herkunft - die Vaspuhrakan, deren Gefolgschaft sich die neuen sassanidischen Herrscher dadurch zu erkaufen gewußt hatten, daß sie deren Reiche unangetastet ließen.
Diese Familien verfügten über den ausgedehntesten Landbesitz. Sie besäßen ein erbliches Anrecht auf die wichtigen Hofämter und ein eigenes Steuereintreibungsrecht neben dem königlichen!
Der Eigengewichtigkeit und Eigenwilligkeit dieser beiden Gruppierungen stünde als ihr Gegenpol die Masse der Adeligen gegenüber:
Große (Vazurkan) und Adelige (Azatan) stellten über die Führungsposten, die sie in Heer und Verwaltung bekleideten, die Hauptmacht des zentralen Königtums dar. Denn sie hielten das ganze Land unter Aufsicht.
Bahram, der persische Schwager meines parthischen Gastgebers zählt zu den Vazurkan.
Zu seinen Hauptaufgaben gehört die Sorge um die königlichen Ausgaben im Bereich des Bauwesens. Ständig plagt er sich mit den umfangreichen Materialkosten und mit Fragen der Materialbeschaffung herum. Auch wenn sich die Arbeitskosten nicht selten durch Sklavenarbeit minimieren lassen, bleibt ein erkleckklicher Rest, der in seiner Kasse nicht selten fehlt.
Um die Beschaffung und Beaufsichtigung von Arbeitssklaven hat sich in enger Zusammenarbeit mit ihm sein Bruder Kavadh zu kümmern.
Artabanos, beider Schwager und einer der bedeutendsten Handelsherren des Reiches, einer der gebildetsten Gesprächspartner, auf die ich je getroffen bin, stammt aus vor Generationen einmal einfachen Verhältnissen. Unter der Partherherrschaft waren seine Vorfahren aber bereits unter die Atazan aufgenommen worden.
Denn Grundbesitz zu erwerben sei auch im Perserreich vorrangigstes Interesse aller in Handwerk und Handel besonders erfolgreich Tätigen Den Erforlgreichsten unter ihnen winke der gesellschaftliche Aufstieg. Nur ein Teil der so Aufgestiegenen wechsele später in das Militär oder die Verwaltung hinüber. Viele behielten wie Artabanos ihre Erwerbstätigkeit bei.
Zu den parthischen Vertretern der Azatan hielten die Vaspuhrakan bevorzugten Kontakt. Denn Grundlage ihrer Privilegien sei mittlerweile natürlich vor allem die wirtschaftliche Blüte des Landes. Sie solle der in der Verantwortung tätige Adel fördern, wo immer er könne. Um sie solle sich der weiterhin erwerbswirtschaftlich tätige Teil des Adels mit wachsender Findigkeit kümmern.
Als neben dem Königshof wichtigste Nachfrager des Landes bewegten die Vazpuhrakan mit der Wirtschaftskraft ihrer ausgdehnten Besitzungen die wirtschaftliche Entwicklung des Reiches im Grunde entscheidend, so Artabanos und Bahram übereinstimmend.
Die gefährliche Neigung der Vazpuhrakan, in Zeiten wachsender Bedrängnis für die Zentralgewalt, den königlichen Befehlen in ihren Besitzungen weniger selbstverständlich, also in der Regel nur um den Preis irgendeiner Gegenleistung nachzukommen, führe alledings regelmäßig zu Konflikten mit den Azatan vor allem.
Sie, Artabanos, Bahram und Kavadh, sähen in den letzten Jahren wieder einmal zunehmenden Anlaß, solche Neigungen auf Seiten der Vazpuhrakan zu geißeln:
Shapur II. sei nämlich seit Jahrzehnten in Ost wie West in schwerste Kampfhandlungen verwickelt. Nicht Indien mache ihm im Südosten Schwierigkeiten, sondern das dort seit Jahrhundertbeginn auf Selbständigkeit drängende Kushan-Reich. Nach mehreren Anläufen hätten die Auseinandersetzungen erfreulicherweise mit der Vernichtung dieses Gegners geendet.
Im Westen habe Shapur II. sich gleichzeitig verschiedentlich römischer Expansionsversuche im Zusammenhang mit Nachfolgewirren im Römerreich (nach Konstantins des Großen Tod 337n.Chr.) zu erwehren gehabt - nach ersten Niederlagen mit am Ende großem Erfolg: die umkämpften Provinzen Mesopotamiens und Mediens seien im Jahre 364 n.Chr., vor nunmehr 9 Jahren also, an Persien gefallen, das Armenien militärisch besetzt habe und seither von einem Grenzstatthalter verwalten lasse.
Aber: um einen außenpolitisch durchaus beunruhigenden Preis!
Denn die Vazpuhrakan seien zu dem erforderlichen aufwendigen Kampfeinsatz ihrerseits nur in Maßen bereit gewesen!
Man habe sich also der Kampfkraft von Völkerschaften bedienen müssen, die sich seit einiger Zeit mit nicht zu unterschätzender Dynamik in Bewegung gesetzt hätten: der weißen Hunnen, einer Föderation von nomadischen Mongolen ursprünglich, die - jenseits der großen chinesischen Mauer im Altaigebiet unterwegs - die chinesische Abgrenzungspolitik nicht länger hatten hinnehmen wollen.
Die Niederlage, die die chinesische Han-Dynastie ihnen beigebracht habe, habe sie zu einer erweiterten Föderationspolitik veranlaßt. Uneinig über deren Hauptziel habe sich das ursprüngliche Nomadenbündnis gespalten:
Ein Teil (Hsiung-nu, Hsien-pi, Turki, Awaren, Tibeter) sei entschlossen gewesen, den Kampf gegen China erneut aufzunehmen. Er habe schließlich Erfolg gehabt und den Norden Chinas erobert (um ihn für die kommenden 280 Jahre zu beherrschen).
Ein anderer Teil habe sich aus iranischen Nomaden und Mongolenstämmen aus der Taiga eine nach Westen drängende Föderation aufgebaut: die Hephthaliden oder weißen Hunnen.
Durch die Zögerlichkeit der Vazpuhraknan habe man diesen explosiven Bevölkerungsgruppen einen Einfluß eingeräumt, der Persien noch teuer zu stehen kommen könne - meinen die drei.
Keineswegs in jeder Hinsicht jedoch sind die drei sich einig.
Die Machtverhältnisse im Innern ihres Weltreiches würden schließlich nicht nur durch die Selbstsüchtigkeit der Vazpuhrakan unausgeglichener.
Die religionspolitische Entwicklung des Landes könne einem nicht minder große Sorgen bereiten - so jedenfalls sieht es Artabanos.
Nicht nur die brutale Verfolgungspolitik gegenüber den Christen,die Shapur II. seit der Konstantinischen Wende in der Religionspolitik des Römerreiches sowie anläßlich der harten kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Römern inszeniere, sei übel.
Auch die Rolle, die Shapur II. der zoroastrischen Geistlichkeit in Fortsetzung der Kulturpolitik seiner Vorgänger zubillige, sei verhängnisvoll.
Das eine wie das andere bewirke zwar scheinbar ein Anwachsen des für jede Verteidigungssituation so wichtigen Nationalstolzes.
Aber: auch in diesem Punkt kämen die verschiedenen Machtpole, von deren Gleichgewicht die Stärke des Sassanidenreiches schließlich noch entscheidender abhänge, als von bloßem Nationalstolz, in eine gefährliche Schieflage zueinander.
Wenn gar beide, die parthischen Großfamilien mit ihren inzwischen gewiß überdimensionalen Privilegien und die Priesterschaft, berauscht von dem Machtgewinn, der ihnen da zugewachsen sei, nicht mehr so sehr an die Macht des Reiches, als vielmehr an die Verteidigung und den Ausbau ihrer Gruppenmacht dächten, dann werde Persien sich eines düsteren Tages nach nach außen nurmehr schwer behaupten können. Und im Innern seien nichts als Wirren zu erwarten.
Der religionspolitische Kurs Shapurs II. sei also schlechtergings falsch!
Und im übrigen: wo komme ein Land hin, wenn es anfange, die Gedanken der Menschen zwingen zu wollen!
Gut, das Christentum habe sich durch sein Bündnis mit dem Imperium Romanum von einer unter Umständen weltweit interessanten Religion zu einer einer engen Staatsreligion zu wandeln begonnen. Es stehe also zur Zeit vorwiegend im Dienste der Römer.
Was aber, wenn umgekehrt die Römer etwa die große Zahl der Anhänger des im Iran so verehrten Mithra blutig zu verfolgen begännen bloß, weil ihr Imperium mit dem Perserreich im Krieg liege, im Römerreich aber das Christentum die nunmehr dominierende Religion bilde?! Dergleichen sei doch völlig absurd!
Zugegeben auch, daß ein Reich sich leichter regieren lasse, wenn sich Religionsstreitigkeiten in seinen Grenzen vermeiden ließen.
Aber sehe man nicht jetzt an der Ausbreitung und wachsenden Kampfstärke der Hephthaliden, daß die Möglichkeiten jedes Reiches, Randgruppen vom Reichs-Abfall abzuhalten, nicht deshalb begrenzt seien, weil nicht alle Völker des Sassanidenreiches Zoroastrier seien?
Nicht weil die einen als Christen, die anderen als Manichäer verfolgt würden, hätten sich iranische Sippen den weißen Hunnen angeschlossen, sondern weil sie mit ihrer nomadischen Lebensweise in einem Reich wie dem Perserreich zu einer täglich minder bedeutsameren Bevölkerungsgruppe würden.
Was sei denn so unerträglich daran, daß es Christen und Manichäer im Sassanidenreich gäbe?
Er, Artabanos, sei weder das eine noch das andere. Nicht wenig gerade seiner parthischen Bekannten und Verwandten, bekennen sich allerdings derzeit zum Manichäismus. Wo ihr Verhalten im einen oder anderen Punkt oder Fall zu wünschen übrig lasse, habe das jedoch in der Regel mit der Glaubensrichtung, der sie angehörten, überhaupt nichts zu tun.
Könne die zoroastrische Priesterschaft dennn wirklich nur als besonders berufene Hüterin und Wahrerin der persischen Kultur auftreten, wenn es keine andere Geistlichkeit im Lande gäbe?
Ihm, Artabanos, leuchte auch das in keiner Weise ein!
Bahram hingegen sieht die Dinge ganz anders:
Schließlich gehen bei ihm die ´Religionsfronten´ mitten durch seine Familie.
Seine Frau Shirin liege ihm seit Jahren mit ihrem Manichäismus in den Ohren. Und nicht nur das: Die extreme Askese (=Enthaltsamkeit), die die misch-religiöse Bewegung des Mani (242-272, auf Betreiben der zoroastrischen Priester gekreuzigt) ihren Anhängern abverlange, stünden seinen eigenen Lebensbedürfnissen wie denen seiner halbwüchsigen Kinder extrem entgegen. Ständig hänge der Haussegen schief.
Die Anhänger Manis verehrten in diesem den von Christus im Johannesevangelium seinen Gläubigen verheißenen Parakleten (=Fürsprecher).
Manis Lehre gehe davon aus, daß von Ewigkeit zu Ewigkeit zwei räumlich nebeneinanderstehende, einander direkt entgegengesetzte Grundwesen existierten. Im Kampf beider Prinzipien seien einige Lichtteile von der Materie verschlungen worden: die sogenannte Weltseele, die sich nach Erlösung sehne.
Die Erlösung des leidenden Menschensohnes betrieben von der Sonne her die Lichtgeister und deren Propheten: Jesus sei einer von ihnen gewesen. Er sei mit einem Scheinleib in die Welt getreten, um die Lichtseelen zu besonnen und an ihren Ursprung zu erinnern.
Strengste Askese hätten die zur Vollkommenheit Auserwählten einzuhalten: kein Wein- und Fleischgenuß, kein Töten von Tieren, kein Beschädigen von Pflanzen, überhaupt Berührung mit jeder Art von Materie vermeiden, Keuschheit, damit der Teufel keinen neuen Kerker für die Seele schaffe/erhalte. Strenges öffentliches Fasten und ein viermaliges Tagesgebet obliege der Masse der Anhänger, den Hörern, zu denen Bahrams Frau sich rechne.
Die im Ehestand lebenden Hörer hätten die Auserwählten mitzuernähren.
Machtfragen - wie sie Arbatos erwäge - hin, Machtfragen her: es sei völlig richtig, eine solche Religion unterdrücken zu wollen. Nichts als Unfrieden erzeuge sie.
Auch an den Christenverfolgungen Shapurs II. könne er so Übles nicht finden: die Anhänger einer Religion, die im Dienst eines feindlichen Staates stehe, seien doch ganz selbstverständlich als Feinde zu betrachten und zu behandeln. Religion sei schon immer eines der wichtigsten staatlichen Machtinstrumente gewesen - da sollten sich die Christen doch bitteschön nichts in die Tasche lügen. Sie hätten ihre Religion nun einmal in den Dienst des Römerreiches gestellt. Jetzt sollten sie gefälligst ohne Klagen die Folgen tragen.
Außerdem sei das Christentum in einer für den sozialen Frieden noch ganz anders gefährlichen Weise als der Manichäisms wirksam: allenthalben schlössen sich ihm bevorzugt Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten an. Die Erlösungshoffnungen, die sie mit dieser Religion verbänden, seien nicht selten durchaus diesseitig angelegt: Besonders in Zeiten innerer Krisen werde es konfliktverschärfend wirken, wenn untere und obere Gesellschaftsschichten nicht nur materielle Interessengegensätze neu auszukämpfen hätten, sondern ihren Streit zu einem religiösen Kampf stilisieren sollten.
Er, Bahram, unterstütze deshalb Shapurs Politik voll und ganz.
Irunifer und ich - im Gegensaztz zu Dir, mein lieber Bruder, ja seit Jahren Christen - verfolgen Auseinandersetzungen wie die zwischen den beiden Kthesiphoner Schwägern natürlich mit nicht geringem Interesse.
Wir sind beide Kinder einer Zeit, in der unsere Heimat Ägypten nurmehr wenig von ihren einstigen religiösen Traditionen aufzuweisen hat - in jenen Regionen jedenfalls, in denen die neuen Provinz-Eliten zuhause sind. Im Gegensatz zu mir und meiner Frau hast Du Dich bewußt zurückorientiert.
Wir dagegen sind voll und ganz Kinder jener hellenistischen Kultur, deren vielleicht bedeutendstes Zentrum unser Alexandria immer gewesen ist. Uns hat es früh interessiert, daß ohne den Universalismus des Hellenismus das Christentum schwerlich seine unübersehbaren Tendenzen zu universeller Ausbreitung entwickelt hätte.
Seit unsere ägyptische Kultur hellenistisch überformt wurde, verstehen wir hellenisierten und nunmehr romanisierten Ägypter die ´maat´ der Welt eher wie die Griechen als heilige Ordnung des Seins, deren Gesetzmäßigkeiten die Menschen lehren, wer sie sind und wozu imstande.
Menschliche Ordnungen sind für uns nicht mehr wie einst unveränderlich göttlichen Ursprungs, sondern Systeme im Fluß, in individuellem wie gemeinschaftlichem Agon kämpferischer Auseinandersetzung also - gewonnen.
Ihre derzeitige reichskulturelle Ausprägung im inneren Gefüge des Imperium Romanu wird sich eines Tages als so vergänglich und erneuerungsbedüftig erweisen wie einst unsere pharaonische, dann die alexandrinisch-ptolemäische Ordnung. Ganz entsprechend verhält es sich in unseren Augen mit der Entwicklung der religiösen Fundamente, auf denen diese Gesellschafts- und Reichsordnungen jeweils gestanden haben, stehen oder eines Tages stehen werden.
Die Ursachen für die einander ablösenden Fremdherrschaften, die Ägypten im letzten Jahrtausend beschieden waren, liegen in meinen Augen nicht dort, wo dieser Sassanide Shapur II. religionspolitische Gefährdungen seines Reiches wähnt.
Die Religion, der sich die Menschen zuwenden, hat natürlich jeweils enormen Einfluß auf die politischen Ordnungen, die sie untereinander auszuhandeln haben. In einer mittlerweile vielfältiger und großräumiger verknüpften Welt als früher jedoch sind bloße Nationalreligionen nur noch bedingt zeitgemäß.
Ob am Ende eine neue Religion zu einer Massenerscheinung wird, die zu veränderten gesellschaftlchen und politischen Ordnungen führt, hängt allein davon ab, wie gut die alten Ordnungen funktionieren!
Wo und weil sie das beispielsweise auch in Alexandria nur noch bedingt tun angesichts der verschiedenen Veränderungen, mit denen unser Römerreich zu kämpfen hat, haben die Menschen sich mehrheitlich vom antiken römischen Götterhimmel abgewandt. Nur deshalb konnte das Christentum hier die Bevölkerungsmehrheit für durchdringen.
Dabei hoffen die einen, daß ein im Christentum verankertes Imerium Romanum seine eigentliche Zukunft erst noch vor sich habe. Andere lassen sich von der Hoffnung tragen, die geistige Neuorientierung auf das Christentum gebiete den unübersehbaren Verfallstendenzen soviel Einhalt, daß das Gewohnte allen noch eine Weile erhalten bleibe. Für die Dritten unter den Konvertiten ist Religion überhaupt kein Politikum: ´Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist´ - seien die diesbezüglich entscheidenden Worte des heiligen Paulus gewesen. Sie seien Christen nicht im Hinblick auf diese oder jene Weltordnung, sondern ausschleßlich um des Heiles ihrer Seelen willen.
Vielleicht ist ja Shapur II. den iranischen Christen gegenüber so unduldsam, weil er genau weiß, daß es ihm nicht gelungen ist, das Kräftesystem, aus dem sich das Sassanidenreich speist, in einem wirklich gesunden Gleichgewicht zu halten. Bewußter Druck gegen Minderheiten soll nun einen Zusammenhalt erzwingen, den er auf anderem Wege nicht herstellen zu können glaubt.
Irunifer und ich haben es übrigens so noch nicht erlebt, daß sich ein Mensch wie Bahram aus religiösen Ressentiments heraus schwertut, seine natürlich Gastfreundschaft zum Zuge kommen zu lassen. Daß wir Christen sind und des Artabanos´ Urteil über Shapur II. teilen - in jenen religionspolitischen Fragen, die das Land gegenwärtig zerreißen -, irritiert ihn offenbar ganz erheblich.
Auch seine Frau Shirin verhielt sich recht reserviert. Wir konnten nicht herausfinden, ob sie durch den ständigen Streit mit ihrem Mann in ihrem gesamten gesellschaftlichen Auftreten nur zu verunsichert war, oder ob auch sie, wengleich mit anderen Gründen als ihr Mann, mit Christen möglichst nichts zu un haben wollte.
Einblick in die Alltagsabläufe persischer Menschen,die wie Bahram und Shirin in einem großen Familienverband leben, haben wir also leider kaum so recht gewinnen können.
Und des Artabanos Haus war zwar voll von Dienerinnen und Dienern, nicht wenige von ihnen Sklaven. Auch ausgedehnte Gastlichkeiten sollen hier hin und wieder ihren Platz haben. Aber Artabanos ist schon seit Jahren Witwer und kinderlos geblieben. So führt er meistenteils ein in ruhiger Konzentration seinen Geschäften und der Muße hingegebes Leben.
Seine Bibliothek ist überwältigend. Hier sind alle Früchte der persischen Kulturpolitik zu bestaunen. Lesen freilich konnte sich sie nicht. Pahlavi ist keine Sprache, die zu lernen in der Welt der ägyptischen Wissenschaften bisher besonderer Anlaß bestanden hätte - ein Fehler wohl.
Aber wo die Mittel unserer heimatlichen Dekurionen so begrenzt sind wie nun schon allzu lange, ist für abgelegenere wissenschaftliche Bemühungen eben weniger Raum als wünschenswert.
So laß mich denn schließen. Meine Ausführungen sind mir unter der Hand ohnehin etwas lang geraten. Eine Überlegung, die sich für mich mit dieser oder jener Information verbindet, halte ich eben ungerne zurück.
Ich hoffe, Dein Handelsgeschäft läuft so gut wie je, und Du bist nicht allzu in Anspruch genommen durch dieses oder jenes Anliegen unserer gerade mal erwachsenen Kinder. Sorge mir gut für alle, die Dir und mir am Herzen liegen!
Unser Reiseweg wird uns schon übermorgen in Richtung Antiochias, der Hauptstadt der Provinz Syrien und des Sitzes eines der großen Patriarchen der christlichen Kirche weiterführen.
Wo wir unterkommen werden, muß sich noch fügen. Irunifer und ich vertrauen da ganz auf jene Gelegenheiten, die sich aus flüchtigen Reisebekanntschaften zu ergeben pflegen.
Seid uns alle bis auf weiteres von Herzen gegrüßt!
Kainofer und Irunifer