©gabriele weis

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l-gvi.gif (5336 Byte)1.6.b1  fiktiver reisebrief:  

´REISENDER ÄGYPTER KAINOFER´
AUS ALEXANDRIA NACH KTESIPHON

 

 

 

Ankündigungsbrief des ägyptischen Bibliothekars und Geschichtsschreibers Kainofer an den persischen Geschäftspartner seines Bruders Keti, den parthischen Kaufmann Artabanos in Ktesiphon.

 

 

Alexandria, den 10.10.374 n.Chr.

 

 

Verehrter Artabanos,

 

ein nahezu Fremder wendet sich mit diesen Zeilen an Dich, den welterfahrenen Kaufmann und Bewohner eines großartigen Reiches, das mittlerweile voller Stolz auf eine bald 1000jährige beeindruckende Geschichte zurückblicken kann.

Brüche sind diesem Reich allerdings nicht erspart geblieben.

Als Parther wirst Du mit der Entwicklung der letzten 150 Jahre kaum wirklich zufrieden gewesen sein: rund 500 Jahre Partherherrschaft im iranischen Hochland und in Mesopotamien sind 246 n.Chr. mit der Erhebung der persischen Sassaniden zuende gegangen, in deren sich mittelpersisch nennendem Reich Du nun lebst, einem Weltreich gleichwohl wie das römische, in dessen Herrschaftsbereich das Land, dem ich entstamme, Ägypten, nun schon seit fast 400 Jahren integriert ist.

Mein Bruder, der alexandrinische Kaufmann Keti hat mich an Dich verwiesen. Schon seit vielen Jahren stehst Du mit ihm in regem Handelskontakt. Du seiest jemand, der mit wacheren Augen als so mancher andere durch die Welt gehe, viel gesehen habe und über ein ausgezeichnetes politisches und historisches Urteil verfüge, hat er mich wissen lassen.

Einen besseren Adressaten für mein Ansinnen könnte ich also nicht finden!

Wie Keti lebe ich hier in Alexandria, einer der berühmtesten und blühendsten Städte unserer Zeit, gegründet im Jahre 531 v.Chr, wie Du sicher weißt, auf den Trümmern des altpersischen Achämenidenreiches (559-330 v.Chr.). Diese Stadt der Wissenschaft und der größten Bibliotheken unserer Welt, des Museions mit seinen über 700000 Schriftrollen und des Serapions mit weiteren über 300000 derselben, hat mich andere Wege gehen lassen als meinen Bruder: Seit mehr als 20 Jahren habe ich mich nun schon umgetan in der Welt der Schriften. Als Bibliothekar und Gelehrter lebe ich von den kulturpolitischen Aufwendungen des seit den Zeiten Diokletians (284-305 n.Chr.) ins Dekurionat zwangsverpflichteten Stadtadels.

Decurio - so die römische Bezeichnung - zu sein bedeutete namentlich im alten Griechentum ursprünglich eine Ehrenpflicht. Sie war den reichen Stadtbürgern in Zeiten der altgriechischen Poliskultur (1000-330 v.Chr.) zugewachsen, prägte in bewußt forciertem Umfang dann die nahezu weltumspannende Kultur des Hellenismus (330-~100 v.Chr., jenes kulturellen Überformungsanspruchs des Griechentums zur Zeit des Alexanderreichs und seiner Diadochen (=Nachfolger-)-Reiche), und hatte sich schließlich auch als tragendes Element römishcer Stadtkultur durchgesetzt - bis etwa 250 n.Chr..

Wer wohlhabender Stadtbürger war, erachtete es als eine ihm ganz selbstverständlich zukommende, äußerst ehrenvolle Aufgabe, öffentliche Vorhaben unmittelbar aus seiner persönlichen Tasche (mit -) zu bestreiten - im Rahmen seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten, versteht sich. Dazu gehörten und gehören: die Ausrichtung von Spielen etwa, Aufwendungen für wichtige Bauten wie Tempel, Theater oder Arenen, auch Hafenanlagen und Foren und nicht zuletzt für die Unterstützung von Kunst und Wissenschaft.

Seit die Kaiser im ausgehenden 3. Jhd.n.Chr. jedoch dazu übergegangen sind, den traditionell großenteils stadtsässigen Adel steuerlich haftbar zu machen für die Steuerversäumnisse einer wachsenden Zahl von Bauern und Stadtbürgern, hat in weiten Teilen des Imperiums eine Stadtflucht eingesetzt, der Diokletian dann auf dem Zwangswege Einhalt gebot: seither ist der Adel zur Stadtsässigkeit und dort zur Wahrnehmung wie persönlichen Mitfinanzierung munizipaler (=städtischer) Aufgaben im Amt eines Decurio zwangsverpflichtet.

Ohne diese allenthalben Beklemmung auslösende kaiserliche Maßnahme hätte ich meinen wissenschaftlichen Neigungen niemals in der Muße nachgehen können, wie sie mir nur die Aufwendungen unserer Alexandriner Decurionen bis heute verschafften.

 

Namentlich die großen Geschichtsschreiber der griechischen und römischen Welt - Herodot, Tukydides, Livius, Sueton und Plutarch - aber auch den Juden Flavius Josephus habe ich mit Sorgfalt studiert.

Eine gesonderte Darstellung der Geschichte Ägyptens seit dem Untergang des Neuen Reiches habe ich gerade selbst zu Papier gebracht - die Arbeit ist beendet.

Es wird Zeit für eine neue Aufgabe.

 

 

Die Nachrichten aus allen Teilen des römschen Imperiums - und vielleicht mehr noch die von jenseits seiner weitgesteckten Grenzen - haben in mir den Wunsch entstehen lassen, wie einst der Grieche Herodot die Welt unserer Tage zu bereisen, um ein möglichst überschaubares Bild von all den Abläufen, Einbrüchen und Konflikten zu gewinnen, die die Zeitgenossen unserer Tage im Horizont der beiden großen Weltreiche unseres eurasiatischen Gesichtskreises beschäftigen.

Die kurzlebige, sensationsverhafteten tägliche Nachrichtenflut verwischt alle größeren Konturen meist viel zu sehr.

Ich möchte - angestoßen durch die Gefährdungen des griechisch-römischen Kulturraumes, von denen in diesen Nachrichten so häufig die Rede ist, genauer herausfinden, was es mit diesen Gefährdungen auf sich hat.

Und ich möchte ihr in ihren inneren Zusammenhängen undGesetzmäßigkeiten ein wenig mehr auf die Spur kommen: der Geschichte jenes Imperium Romanum, das sich seit Beginn des 3. vorchristlichen Jahrhunderts nicht mehr nur auf Italien beschränkt, sondern zunehmend die gesamte Mittelmeerwelt bis hinauf nach Britannien und bis an die Grenzen Eures persischen Weltreiches umfaßt. Seit mehr als 300 Jahren stehen Kaiser diesem beeindruckend stabilen Gebilde vor...

Geschichtsschreibung ist mein Metier. Und ein möglichst weiter Blick ist es, der mich in ihrem Zusammenhang interessiert.

 

Seit rund 1 Jahrtausend sind Völker Deiner Weltsphäre an der Entwicklung des östlichen Mittelmeerraumes entscheidend beteiligt. Meder, Perser, skythische Parther, Baktrier und Armenier.

Meder und Perser am Fall des Assyrer- und der Zurückdrängung des Skythenreiches im 7. Und 6.vorchristlichen Jahrhundert sowie an der Schaffung eines gleichzeitigen zeitweiligen Machtgleichgewichts zwischen sich, den Lydern, den Neubabyloniern, uns Ägyptern und der griechischen Poliswelt auf der Wende zum5. Jhd.v.Chr..

Dann die persischen Achämeniden mit ihrem rund 200jährigen Riesenreich von der Ägäis bis zum Indus, vom Schwarzen Meer bis zum persischen Golf und zum Nil - und ihr am Ende vergeblicher Kampf gegen die Shäre der Griechen im 5.und 4. Jhd. v.Chr..

Nach der Vereinnahmung dieser Sphäre durch den Hellenismus habt ab der Mitte des 3. vorchristlichen Jahrhunderts Ihr Parther das Erbe Eurer achämenidischen und seleukidischen Vorgänger übernommen - und Ihr habt hierin bis vor 150 Jahren im Osten mit den Baktriern, im Norden mit den Armeniern und mit den Römern im Westen rivalisiert.

Seit 150 Jahren sind es nun erneut persische Kräfte, die Sassaniden, die dem iranischen Hochland eine weithin ausstrahlende Weltreichsposition zurückgewonnen haben - ihr Hauptzankapfel mit den Römern: Armenien. Darüber hinaus gibt es offenbar auch wechselseitige religionspolitische Spannungen, wie ich höre.

 

 

Mein Vorhaben einer historisch-politischen Erkundungsreise wäre also völlig falsch angesetzt, wenn es die östlichen Grenzen des Imperium einfach zu den Grenzen seines Blickfeldes machte!

Mein Ansinnen gilt folglich Deiner Gastfreundschaft.

Denn Ktesiphon, parthisch-persische Residenzstadt seit Jahrhunderten, habe ich mir zu meinem ersten größeren Etappenziel erkoren.

Wann immer Du Mitte Februar nicht gerade Deinerseits auf Geschäftsreise sein solltest, fände ich gerne in Deinem Hause, bei Dir, dem Bekannten und Geschäftspartner meines Bruders Keti, zusammen mit meiner lieben Frau Irunifer für etwa 2 Wochen Unterkunft.

Die Dir von Keti nachgesagte Beschlagenheit in den unterschiedlichsten Fragen würde ich mir und meinem Vorhaben gern zunutze machen.

Laß mich also baldmöglichst wissen, ob ich Dir in der genannten Zeit willkommen wäre. Wo nicht, darf ich Dich vielleicht um die Vermittlung einer Ersatzunterkunft bzw. eines Ersatzgastgebers bitten, der mir ähnlich hilfreich zur Seite stehen könnte wie Du?

 

In der Hoffnung, daß meine Bekanntschaft Dir ebenso wertvoll sein möge, wie ich es mir von der Deinen erwarte, verbleibe ich hochachtungsvoll mit den besten Wünschen

 

 

Kainofer, ägyptischer Geschichtsschreiber