1.5.a-MITTELMEERRAUM um 560 v.chr.
![]()
1.5.b10-fiktiver reisebrief aus karthago an nophris in bubastis
1.5.b9 fiktiver reisebrief:
´REISENDER ÄGYPTER HESI´AUS ROM AN TEJE NACH SAIS
Hesi war seit Beginn der Regentschaft Pharao Amasis (569-525 v. Chr.) zum Schreiber im Amt des Wesirs aufgerückt gewesen und dort im Besonderen dessen Adjutanten Teje zugeteilt worden. Darüber war mit den Jahren eine Freundschaft zwischen den beiden entstanden.
Teje, der immerhin um 20 Jahre Jüngere, hatte in Hesi einen väterlichen Feund gesucht und gefunden, hatte er doch erst wenige Jahre zuvor eden Tod seines Vaters beim Kampf um die griechische Handelskolonie Kyrene, westlich des Nildeltas, zu beklagen gehabt.
Leider hatte Teje beim Wesir vergeblich um Urlaub nachgesucht, um Hesi begleiten zu können: Im Augenblick bestand nach allgemeiner Einschätzung durch die Saiter Hofbeamtenschaft für die pharaonische Außenpolitik kein Bedarf nach ausgedehnteren diplomatischen Bemühungen.
Rom, den 27.9.560
Mein Lieber!
Einen denkbar weiten Bogen durch die Welt unserer Tage habe ich da im Laufe mehr als eines Jahres geschlagen!
Nichts kulturell bis zur Stunde Uneinheitlicheres als diese italische Halbinsel, auf der ich mich nun schin mehr als anderthalb Monate bewege, habe ich dabei kennengelernt.
Griechische Poleis suchen sich hier seit über 150 Jahren neben phönikisch-karthagischen Handelsplätzen zu behaupten. Das nordwestliche Italien ist durch eun Kulturvolk ganz eigener, dem Griechentum aber durchaus verwandter Strahlkraft geprägt: die Etrusker. Und seit geraumer Zeit macht im mittelitalischen Tibermündungsgebiet eine Stadt von sich reden, die zur ausgedehntesten meiner hiesigen Anlaufstationen geworden ist: Rom.
Überhaupt gibt es Städte nahezu ausschließlich auf der westlichen Halbinselhälfte. Nur im etruskischen Herrschaftsgebiet hat die italische Bevölkerung aus eigenem Ansatz Stadtgebilde hervorgebracht - dort sogar in einer Dichte, die vermutlich selbst i griechischen Raum ihresgleichen sucht.
Alles auf dieser stiefelförmigen Halbinsel ist nach Westen ausgerichtet, selbst die griechischen Koloniegründungen, oder nach Norden, wohin wiederum die Etrusker einen nicht unbedeutenden Handel unterhalten sollen.
Nach ausgiebigen Aufenthalten in Athen und Sparta hatte ich mich in Korinth eingeschifft, um im westlichen Unteritalien , in Kyme - oder Cumae, wie man hierzulande vielfach sagt - an Land zu gehen.
Ein Freund meines Athener Gastgebers Hermontes hatte mich für die Überfahrt auf eines seiner Handelsschiffe eingeladen gehabt, mir an Land die erste Unterkunft geboten und mich sodann an einen seiner Handelspartner weiterempfohlen: einen Römer namens Claudius.
Claudius und Empedokles - so der Name meines Cumäischen Reisehelfers - stehen offenbar in erst noch sehr bescheidenen gegenseitigen Handelsbeziehungen.
Denn als Handelsstadt hat das aufstrebende Rom, des Claudius Heimat und Aktionsfeld, bisher offenbar kaum einen Namen: anders als in den Griechenstädten ist vorrangiges Tauschmittel dieser Römer nach wie vor das Vieh (pecus (-Einzahl), pecunia (-Mehrzahl) - wo erstes Münzgeld mehr als zögerlich bescheidenen Einlaß findet, überträgt man kurzerhand die überkommene Bezeichnung für das alte auf das neue, abstraktere und leichter rechenbare Tauschmittel: Geld und pecunia werden eins.
Du fragst Dich sicher, warum mein Interesse offenbar viel unmittelbarer jenem Rom gilt als dem Städtebund jenes Kulturvolkes, von dem man selbst inb Ägypten in seltenen Fällen schon einmal hören konnte?
Nicht die zufälligen Handelskontakte meines cumäischen Gastgebers waren hier für mich ausschlaggebend - auch nicht der Umstand, daß jenes Etrurien, das ich selbstredende mittlerweile bereist habe, etwa keiner weiteren Erwähnung wert wäre - im Gegenteil!
Aber was Empedoikles über das aufstrebende römische Gemeinwesen zu berichten gewußt hatte, hatte mich aufhorchen lassen:
Knapp 200 Jahre liege die Gründung Roms nun schon zurück:
Sprößlinge aus latinischen, sabinischen und etruskischen Adelsfamilien hätten sich in langwierigem konfliktreichem Mit- und Gegeneinander an die Kolonisierung eines etwa 40 km landeinwärts gelegenen Hügelgebietes am wichtigsten Fluß Mittelitaliens, dem Tiber, gemacht - in der Absicht, hier, im Herzen Italiens, einen Stadtstaat heranzubilden, dem vielleicht sogar ein besonderes Wachstum beschieden wäre.
Ihnen, den Menschen im südlichen Grenzgebiet des etruskischen Herrschaftsbereiches nämlich, sei das überdeutliche Kulturgefälle zwischen Ober- und Unter-, West- und Ost-Italien vielleicht am fühlbarsten gewesen - die Begrenztheit des lange schon nicht mehr ausgeweiteten etruskischen Kulturbereichs ein Dorn im Auge.
Als Beherrscherin der Tibermündung wie eines ausgedehnten Hinterlandes bis weit nach Latium und Umbrien hinein könnte das von ihnen gegründete und um seine Behauptung voller Entschlossenheit niemals verlegene Rom vielleicht eines Tages zu jenem kulturellen Mittelpunkt aufsteigen, der die Landschaften und Völker Italiens insgesamt stärker voranbringen werde, als der seit langem eher selbstgenügsame etruskische Städtebund das je angestrebt oder vermocht habe.
Das Fundament der erhofften Entwicklung hätten die Stadtgründer gerade dadurch zu legen versucht, daß sie ein Gemeinwesen schaffen wollten, das von allem Anfang an als ein Schnitt- und Verschmelzungspunkt zwar benachbarter, aber deutlich unterschiedlicher Kulturtraditionen wirken würde, die einander zu befruchten und zu ergänzen hätten. Menschen aus zwei mehr als stolzen Kulturvölkern mit unterschiedlichen griechisch-kleinasiatischen Wurzeln - so jedenfalls die entsprechende Legendenbildung bei Etruskern und Latinern (allerdings unterschiedlichen Entwicklungsstandes) - hätten sich deshalb einst mit denkbarer Entschiedenheit der Mitarbeit benachbarter Zeitgenossen aus dem Stamm der Sabiner zu versichern gewußt - eines Völkleins von weniger hohem Traditionsanspruch, aber elementarer Vitalität.
Unter den Einwohnern Roms halte sich in diesem Zusammhang hartnäckig die Sage, der zu den Göttern entrückte Stadtgründer Romulus sei einst seinem Nachfolger erschienen, um seiner Herrschaft im Auftrage des göttlichen Jupiter ihr Ziel zu weisen: "Geh und künde es allen Römern", habe er gesprochen, "die Himmlischen wollten, daß mein Rom die Hauptstadt des Erdkreises sei. Deshalb sollen sie das Kriegswesen pflegen und sollen wissen und dies den Nachkommen weitergeben, daß keine Macht den römischen Waffen widerstehen kann."
Und in der Tat: dieses Rom sei, seit es bestehe, häufig genug kriegerisch in Erscheinung getreten. Lange habe die Stadt wie ein Kriegslager egwirkt: Mit Waffengewalt habe man einst wie in der Folgezeit den Anspruch auf das Territorium, das man zu besiedeln gedachte, geltend gemacht. Mit Waffengewalt habe man für das Zustandekommen einer beachtlichen Einwohnerschaft gesorgt (vom Raub der Sabinerinnen bis zur Zwangsansiedelung von Einwohnern besiegter Latinerstädte!). Mit Waffengewalt habe man alle Konkurrenz im latinischen Raum zu schwächen oder gar auszuschalten getrachtet.
Zugleich habe man jedoch an der Errichtung einer inneren Ordnung gebaut, die zum Waffeneinsatz nicht weniger befähigte als zu äußerer wie innerer Friedfertigkeit.
Heute bereits genieße Rom unter seinen unmittelbaren Nachbarn großes Ansehen.
Das hier mittlerweile entwickelte Staatswesen suche in ganz Italien seinesgleichen. Es sei in einem Maße auf Religion gebaut, daß beispielsweise sie, die Griechen nicht kennten. Nicht einmal ein Wort hätten sie für das, was die Römer mit ´religio´ bezeichneten: die Rückbindung allen menschlichen, namentlich allen staatlichen Handelns an das Göttliche nämlich.
Ziel allen staatlichen Handelns noch weit mehr als jedes persönlichen sei für diese Römer die Übereinstimmung mit dem Göttlichen.
Ihr Götterhimmel sei zwar wie der griechische voll von menschengestaltigen Göttern, di meisten seien sogar einfach von den Griechen übernommen. Die Römer interessierten sich aber nicht wie die Griechen für die ganz persönliche Individualität dieser Götter, sondern nahezu ausschließlich für deren Willen!
Dieser Wille sei es, der alles Geschehen zu Zeitphasen ordne und Ablaufgesetze erzeuge, innnerhalb deren es sich zu orientieren gelte - mit Hilfe göttlicher Wahrzeichen. Alle Außerordentlichkeiten in der Natur seien für diese Römer Winke der Götter, die die Macht und das Recht hätten, die Frömmigkeit der Menschen einzufordern, damit geschehe, was nach ihrem Willen geschehen solle.
Fromm sei bei diesen Menschen, wer vorherzusehen trachte, was die Götter als naturgesetzlichen Zeitenlauf bestimmt hätten und: wer sein Verhalten danach ausrichte, also den günstigsten Zeitpunkt für sein Handeln abzuwarten und zu ergreifen wisse.
Im frommen Hören auf den Willen der Götter hätten diese Menschen eine im Mittelmeerraum so noch nicht dagewesene Staatsidee entwickelt - und auf Frömmigkeit - ´pietas´- hätten die Römer im Lauf der letzten beiden Jahrhunderte ihre Staatsidee gestellt.
Väterlich - so der Ausgangspunkt ihres Denkens - sei die Ordnung des Götterhimmels - Jupiter, der höchste der Himmelsgötter, werde von diesen Römern nicht allein als der Inbegriff alles Göttlichen aufgefaßt, sondern zugleich auch als der Inbegriff jener väterlichen Persönlichkeit, deren ordnende Kraft sie für allein zeitgemäß und zukunftsträchtig erachteten.
Väterliche Gewalt und väterliche Sorge allein nämlich böten die Gewähr, daß gegenseitige Treue und Zuverlässigkeit - ´fides´- den notwendigen Ausgleich der Interessengegensätze bildeten.
Wo sie fehlten, werde ein Gemeinwesen zum Tummelplatz ehrgeiziger - ´pietätsloser´ - einzelner, die irgendwelchen kurzlebigen Vorstellungen und Zielen nachjagten.
Nur wenn der Staat jederzeit und in jedem Falle über jedem Einzelinteresse stehe, könne er die Grundlage persönlichen Wohlergehens bilden.
Wo man ihn jedoch nicht auf die Sorge und Gewalt der Väter stelle, denen die traditionsstiftende Frömmigkeit ihrer einst staatsgründenden Ahnen heiliger sei als unter Umständen staatsgefährdende Begierden vielleicht sogar ihrer engsten Verwandten, werde er verfehlen, was allein ihn groß machen könne: eine Prinzipienfestigkeit im Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungselemente und in der Ausbildung seines Rechtssystems, von deren ordnender Karft sich die Völker des Raumes eines Tages nicht selten sogar unmittelbar angezogen fühlen könnten.
Und groß solle er ja werden - gehe man nach dem, was der vergöttlichte Romulus seinem Nachfolger einst geoffenbart habe.
In die Politik dieser Römer sei damit eine Verläßlichkeit und Berechenbarkeit gekommen, die man allseits zu schätzen wisse.
Natürlich blieben Interessenkonflikte mit den Nachbarstämmen nicht aus: In diesem verträten die Römer jedoch einen auf der Welt wohl einmaligen Standpunkt. Jede von außen bewirkte Verletzung oder Beeinträchtigung jener Lebensregeln, die die Römer fr sich im frommen Hören auf den Willen der Götter gefunden hätten, mache es erforderlich, daß Rom mit Waffengewalt für die Lebensfähigkeit seiner Ordnung eintrete. Rom werde immer nur in diesem Sinne ´gerechte Kriege´ führen.
Seine Außenpolitik unterstehe deshalb ganz bewußt dem Prinzip des ´bellum iustum´ (=gerechten Krieges) ebenso wie dem des vertragspolitisch herbeigeführten Ausgleichs.
Darauf daß jeder Vertragsbruch unnachsichtig geahndet werde, könnten sich die Nachbarn Roms also verlassen. Denn mit einem um seine Kampfstärke außerordentlich bemühten Gegner hätten sie es unverändert zu tun - für den Fall, daß ein Ausgleich sich nicht herstellen lasse. - Darauf daß Rom seinerseits seine Verträge einhalte, ebenso.
Wichtige innere Umbrüche habe der Stadtstaat bereits hinter sich - eine Neuregelung der Bürgerberechtigung nämlich.
Andere stünden ihm wohl noch im Laufe dieses Jahrhunderts bevor: an der für die bisherige Geschichte Roms traditionellen Königsherrschaft finde der stadtrömische Adel nämlich zunehmend weniger Gefallen. Wie andernorts auch, werde er sie also wohl eines Tages abschütteln, um die Rolle des den Vätertraditionen verpflichteten Adels auszubauen.
Was mein Reisehelfer Empesokles über die offenbar aufstrebendste Stadt der stiefelförmigen Halbinsel zu berichten hatte, bevor er mich meinem derzeitigen römischen Gastgeber Claudius auf meine Bitte hin avisierte (=ankündigte), scheint mir den Ausgangspunkt einer Entwicklung zu bilden, die das politische Gefüge des Mittelmeerraumes eines Tages von Grund auf verändern könnte - weit mehr vermutlich als der unverkennbare Aufstieg der Iranier im Osten unserer Welt.!
Dieses Rom mußte ich folglich unbedingt, und vor allem anderen noch, näher kennenlernen!
Römer freilich im eigentlichen Wortsinne ist mein Gastgeber bislang nur mit eher gemischten Gefühlen
Heute ein Mann von Mitte 50, war er Ende des vergangenen Jahrhunderts als Kind in Rom angesiedelter Fremder aufgewachsen. Die Familie stammte aus dem von den Römern wenig früher zerstörten Alba Longa, der einstigen Mutterstadt Roms.
Er gehört damit der Gruppe der sogenannten Plebejer an, der in den bisherigen 2 Jahrhunderten stadtrömischer Geschichte enorm angewachsenen Masse (plebs= Masse) des römischen Staatsvolkes, die bis heute kein zufriedenstellendes römische Bürgerrecht besitzt.
Bürger Roms waren nämlich seit alters allein die Mitglieder der großen Geschlechterverbände unter der väterlichen Führung der adeligen Nachkommen der einstigen Stadtgründer.
Patrizier (von lat. pater = Vater) nennen sich diese adeligen Clanführer, zu deren wichtigsten Sorgen die innere und äuß0ere Geschlossenheit ihres Standes bei der Erfüllung der ihnen obliegenden Aufgaben gehört.
Die Basis dieser Geschlechterverbände besteht aus nichtadeligen Klienten: Bauern im wesentlichen, Knechten, Mägden und Handwerkern (Sklaven gibt es noch kaum): den sogenannten Klienten, für deren Wohlergehen die Patrizier Sorge zu tragen haben.
Erst ein knappes Vierteljahrhundert ist es her, daß der Vorgängfer des heutigen Königs, Tarquinius Pirscus (616-578 v.Chr.), dazu übergegangen war, die reichsten Plebejer in die Bürgerschaft aufzunehmen: einzelne hatten Zutritt zu den gentilizischen (=geschlechterverbandlich organisierten) Klientel-Versammlungen erhalten, die die Grundlage der römische Heeresversammlung bildeten.
Sein derzeitiger Nachfolger Servius Tullius (578-534 v. Chr.) hat diese Politik offenbar fortgesetzt: Nicht mehr gentilizisch (geschlechterverbandlich also) zusammengesetzte Gruppen bilden die Heeres- und Bürgerversammlung Roms, sondern - wie in Athen auch - nach ihrem Vermögen zusammengesetzte Gruppierungen mit unterschiedlicher politischer Berechtigung.
Die Gewalt und die Sorge der Patrizier bleiben dabei weiterhin ausschlaggebend für die innere Ausgestaltung und das äußere Auftreten des römischen Stadtstaats. Nur hat ihre Klientel einen anderen Zuschnitt erhalten. Die traditionelle fideis zwischen Vätern und Klienten wurde einfach auf eine größere, anders als bisher zusammengestellte Gruppe von Bürgern ausgedehnt.
Claudius ist es erst bedingt zufrieden: Sein Handelsgeschäft geht in dieser nach wie vor eher agrarisch orientierten Stadt noch nicht so gut, daß er bereits zu den neuen Klienten des stadtrömischne Patriarchats gehörte. Und wendig genug, mit den erfolgreichsten plebejischen Standesgenossen Schritt zu halten, ist er wohl eben einfach nicht.
Roms Politik ist ihm in wirtschaftlicher Hinsicht längst nicht forsch genug. Handel und Gewerbe genösse wenig Achtung und würden gänzlich den plebejischen Bevölkerungsgruppen überlassen. Die Nachfrage sei hier für viele Warengruppen weit geringer als in jeder etruskischen oder griechischen Stadt.
Denn in der traditionellen Schlichtheit bäuerliocher Lebensweisen sehen die Bürgere Roms offenbar bis heute die Grundlage ihrer traditionsstolzen Wehrhaftigkeit. Ohne Grundbesitz gelte hier niemand etwas.
Alles, was Claudius sich jedoch je habe erarbeiten können, stecke in dem einzigen Schiff, das er bisher unterhalte.
Verheiratet mit einer vejischen Kaufmannstochter habe er vor Jahren nichts für näherliegend gehalten, als sich dem Seehandel zuzuwenden, den sich die etruskischen Kaufleute bis dahin mit den phönizischen Karthagern und den Griechen allein geteilt hatten. Es mußte doch möglich sein, auch von Rom aus Anteil am Seehandelsgeschäft, wie es sich im westlichen Mittelmeer abspielte, zu gewinnen.
Seine etruskischen Verwandten hatten ihm jedoch eher die kalte Schulter gezeigt.
Der Landhandel war weitenteils fest in der Hand sein er plebejischen Konkurrenten, und für das Warenangebot der cumäischen Griechen etwa, wie Empedokles es bereithielt, fanden sich in Rom nur sehr begrenzt Abnehmer: übermäßiger Luxus war hier schließlich verpönt - er lenke zu sehr von allem wesentlichen ab, verweichliche die, von deren Kraft und nüchterner Einsatzfreudigkeit der Staat der Väter doch zuerst und zuletzt lebe.
In den letzten Jahrzehnten sei in Rom zwar deutlich mehr zu verdienen gewesen als früher, denn die Stadt habe einen nicht unwesentlichen Ausbau erfahren - angefangen vom Ausbau des Burgbergs, des Kapoitols mit seinem Jupiter-Heiligtum, bis hin zu den Kloaken und dem Ausbau des Tibermündungsplatzes Ostia zu einem eigenen Hafen.
Die Zeit für das Handelsgeschäft, das Claudius vorschwebe, kündige sich damit zwar in ersten Ansätzen an, noch habe sie aber nicht wirklich Einzug gehalten.
König und Senat (=patrizischer Ältestenrat) agierten hier bisher mehr als vorsichtig.
Für sie habe die Herausbildung eines möglichst praktikablen Rechts- und Verwaltungssystems und die Sicherung des stadtrömischen Existenzanspruchs gegenüber so manchem zunehmend neidischen Nachbarn absoluten Vorrang. Die hier angezielte Vorherrschaft sollten denkbar tragfähige Grundlagen erhalten.
Die Rechtspflege liege, wie Claudius mir erklärte, in Rom seit alters - namentlich im zivilrechtlichen (vertrags-, schuld- und familienrechtlichen) Bereich - bei den Priestern, die als Kenner und Bewahrer des Rechts in der Rolle von Richtern für seine gewohnheitsrechtliche Weiterentwicklung sorgten. Kein ptivatrechtlicher Streit werde ohne die Beachtung zahlreicher religiöser Vorschriften verhandelt, die immer auch seine gleichzeitige öffentlikche Bedeutung in den Blick rückten.
Der Priesterstand sei allein dem Patriziat zugän glich. Die Römer unterschieden hier Pontifices, 3 Flamines (Oberpriester des Jupiter, Mars und Quirinus), 6 festalische Jungfrauen (festa= Göttin des Herdfeuers), Auguren (=Betrachter und Ausdeuter des Vogelfluges), Fetialen (dem Jupiter geheiligte Priester, die mit bestimmtem Ritual Verträge mit fremden Völkern zu schließen oder aufzulösen haben), 12 Salier (Priester des Mars), das Kollegium zur Bewahrung der Befragung der Sibyllinischen Bücher (=Orakelbuch aus dem griechischen Kyme) und Haruspices (=Opferschauer meist etruskischer Herkunft).
Zucht und Gehorsam der Bürgerschaft sei das Ziel des weitgefächerten priesterlichen Zeremonienwesens, das man da zu errichten v erstanden habe. Denn ´pietas´ und ´fides´ bedürften ständiger ritueller Vergegenwärtigung, wenn die wachsende Einwohnerschaft der Ordnung und den Zielen der Väter erfolgreich verpflichtet bleiben solle.
Die Blutgerichtsbarkeit sei dem König vorbehalten.
Im Außenverhältnis des sich ausdehnenden Staatswesens sei man, Claudius´ Berichten zufolge, in den führenden patrizischen Kreisen zunehmend darauf verfallen, nach dem Grundsatz des ´divide et impera´ (=teile und herrsche) zu verfahren.
Wer römischer Bundesgenosse werde, könne sich aus alten Abhängigkeiten befreien, denn er erhalte ein vertraglich gesichertes Selbstverwaltungsrecht, solange er seinerseits seinen vertraglichen Verpflichtungen nachkomme. - Für nicht wenige Gebiete liege darin ein enormer Anreiz, sofern ihnen daran gelegen sei, alte, lästig gewordene Abhängigkeiten abzustreifen.
Militärische Dienstpflichten gleich den Römern selbst hätten die Einwohner solcher Gebiete nicht zu leisten, wohl aber in vertraglich genau festgelegtem Umfang Hilfstruppen, Schiffe un d Matrosen zu stellen, Auch dies nicht selten ein großer Vorteil, denn so brauche man sich um eine unter Umständen ungleich aufwendigere militärische Vertreidigung eigener Lebensinteressen nicht mehr zu kümmern.
Wo dagegen die Eroberung Rom gefährlich gewordener Gebiete erforderlich würde, beginne man damit, römische Bürger auszusiedeln - als Kolonisten, die durch einen derartigen Wohnsitzwechsel ihr stadtrömisches Bürgerrecht jedoch zu keiner Zeit einbüßten.
Das alles sei gerade mal im Aufbau, Rom noch auf Jahre wohl keine Macht, die sich anschicken könne, eigene Seeherrschaftsansprüche geltend machen zu können, und er, Claudius, wohl kaum der Mann, der seinem Geschäft so nötigen Entwicklung seinerseits entscheidende Impulse zu geben.
Ja, wenn man hierzulande die Plebejer und ihre Leistung für das wirtschaftliche Gedeihen des Gemeinwesens wichtiger nähme als bisher, statt ihnen ohne zukunftsweisende politische Gegenleistung Steuern und Kriegsdienste abzuverlangen, dann würde aus Rom endlich jene Art von Wirtschaftszentrum werden, von dem die Plebejer schon lange träumten.
Gerade die Wirtschaftskraft ihrer Stadt sei in den Augen der meisten Patriziewr jedoch ein eher vernachlässigenswertes Gut:
Das Feld, auf dem Rom der Welt etwas zu geben habe, sei das der Staaskunst - heiße es aus berufenem patrizischem Munde. Je größer und bedeutender der römische Stadtstaat als Kern eines immer weiter auszufächernden, überregionalen politischen Ordnungssystems werde, desto mehr Verdienstmöglichkeiten gebe es selbstredend auch in Rom. Das müsse genügen.
Seine kulturelle Kraft habe das Römertum nicht da zu verschleudern, wo andere längst ein gut eingespieltes Wirtschaftsrad drehten.
Vielmehr sei sie dort auszuspielen, wo niemand den Römern etwas vormache: bei der Ausformung der von den Vätern entworfenen und in denkbar zukunftsweisenden Ansätzen bereits lebendig gewordenen römischen Staatsidee nämlich. Rom habe der Welt organisatorische Ordnungsgefüge zu bieten, die sich für die meisten anderen Gemeinwesen nur als vorteilhaft erweisen könnten - einzeln wie im Verbund eines weiter gesteckten Imperiums.
Und: Rom habe einen langen Atem. Krieg und Vertrag würden eines Tages zur Vollendung gelangen lassen, was für die meisten vorerst nicht mehr als eine allenfalls äußerst vage und mehr als tollkühn erscheinende Idee sei.
Plebejisches Denken habe zu viele staatsferne Tendenzen, als daß es je staatstragend werden könne oder dürfe - das sei unumstößliches patrizisches Credo (=Glaubensbekenntnis).
Sichtlich erregt referierte mir Claudius diese politischen Maximen (=Richtlinien) der Stadt.
Sie hätten bisher zu einer allenfalls stiefväterlichen Behandlung der Masse der Söhne und Töchter dieses Gemeinwesens geführt.
Es komme der Tag, wo sich das ändern müsse, wo das Volk von Rom - der gesamte ´populus Romanus´ - zu einer wahrhaft väterlichen Ordnung zurückfinden werde. Und wenn die Plebejer ihn erzwingen müßten!
Er, Claudius, werde ihn zwar vielleicht nicht mehr erleben. Aber seine Kinder!
Nicht gegen die Idee der adelsväterlichen Sorge und Gewalt gelte es dabei aufzubegehren - selbst für ihn, Claudius, einen Plebejer, gebe es nichts Überzeugenderes -, sondern gegen ihre Vernachlässigung. Wo die traditionellen staatlichen Organisationsformen nicht ausreichten, den stadtrömischen Adel an seine fides-Pflichten zu erinnern, werde man womöglich neue politische Einrichtungen zu schaffen haben, die die Patrizier zum Dialog über Not-Wendendes zwingen könnten.
Volk von Rom seien sie schließlich alle gleichermaßen: adelige wie nichtadelige Grundbesitzer, Handel- und Gewerbetreibende. Wer seit Generationen das Seine zum Wachstum der Stadt beitrage, dürfe auf Dauer aus der großen Familie des ´populus romanus´ nicht ausgeschlossen bleiben - wie derzeit noch!
Keiner der Metöken Athens brannte wie dieser Claudius darauf, dazuzugehören, sich Bürger seiner Gastgemeinde nennen zu dürfen, wie es für diese mittlerweile alteingesessen Plebejer von Bedeutung ist, als Bürger Roms zu gelten - oder gar für andere Italiker, Bürger Roms zu werden!
Nicht Demokratie freilich wie in Griechenland ist dabei das Ziel der Menschen hier, sondern organische Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen, dessen Staatsidee und praktische Staatskunst Perspektiven eröffnen, wie sie die Mittelmeerwelt noch nicht gesehen habe:
Wer sich zu den Bürgern Roms zählen dürfe, heißt es, habe heute schon Rechte wie kein Italiker sonst, denn Rom halte seine Rechtstraditionen heilig und sei darauf ausgerichtet, sie organisch weiterzuentwickeln.
In Adelskreisen denke man längst über ein politisches System nach, das möglichst große Sicherheit vor jedem Machtmißbrauch durch einzelne oder Cliquen böte. Die Königsherrschaft sei auf die Dauer ein zu mißbrauchsanfälliges politisches Organisationsinstrument. Die Zukunft liege bei einem Beamtenmagistrat (Magistrat= Verwaltungs- und Regierungskörperschaft) mit streng auf einen Rhythmus von 1 Jahr begrenzetn Amtszeiten (Annuitätsprinzip, von lat. annus=Jahr) und grudnsätzlicher Doppelbesetzung jeder Amtsstelle.
Wer sich zu den Bürgern Roms zählen dürfe, den erwarte Anteil an all den Vorteilen, die sich die Stadt auf vertraglichem oder kriegerischem Wege in Zukunft zu sichern wissen werde. Kein Zweifel, daß Rom dieses Italien und die ganze Mittelmeerwelt noch aufhorchen lassen werde!
Welches Gebiet immer sich bereit finden würde, Rom die Gefolgschaft zu leisten, die der aufstrebende Stadtsaat anläßlich dieses oder jenes Konfliktes noch jedesmal eingefordert habe, das erwarte ein mit der Macht Roms wachsendes Maß an Sicherheit und neuen wirtschaftlichen Spielräumen. Denn so wenig die römische n Väter an Rom als an einem aus sich heraus dynamischen Wirtschaftswachstum interessiert seien - soviel verstünden sie von den Bedingungen jeden Wirtschaftens, vom Straßenbau vor allem. Ihn trieben sie allenhalben nicht zuletzt zum Nutzen ihrer neuen Bundesgenossen und deren wirtschaftlicher Entfaltung voran.
Was nun das derzeitige äußere Erscheinungsbild Roms angeht, so erstreckt sich das Stadtgebiet bereits über mehrere Hügel - ihr wichtigster, der Burgberg: das Kapitol mit Augularium und Jupitertempel. Die sumpfige Ebene zu seinen Füßen ist weitgehend trockegelegt. Hier soll das Forum Romanum als Zentrum des politischen Lebens der Stadt mit Rathaus (curia hostilis), Vesta-Tempel und Regia, der Wohnung des pontifex maximus (Obersten Priesters) entstehen.
Die großen gentes (adelig geführten Geschlechterverbände) treiben allenthalben den Tempelbau voran - für jeweils den Gott, für dessen Kult sie zuständig sind.
Seit den Zeiten von Numa Pompilius, des Romulus-Nachfolgers (Ende 8. Jhd. V.Chr.), ist der Janusbogen einer der wichtigsten Kult- und zugleich Staatsbauten der Stadt: Der doppelgesichtige Janua verkörpert für die Römer das Prinzip von Härte und Milde im Wechsel, wie es alle Anfänge kennzeichnet. Er ist der Gott des Jahres- und Zeitenwechsels, der Empfängnis und jedes kulturellen Neuanfangs im Acker- oder Schiffsbau beispielsweise. Seine Attribute - Stab und Schlüssel - kennzeichnen ihn als den Pförtner des Himmels, den er schließt und öffnet. Auf Erden sind ihm alle Türen und Strßendurchgänge heilig. - Die Türen des Janusbogens dienen den Römern als Anzeiger für Krieg und Frieden: geöffnet, sollen sie kundtun, daß die Bürgerschaft unter Waffen steht; geschlossen, daß man mit allen Völkern ringsum in Frieden lebt.
Noch stärker als bei den Griechen sind hier jedoch die Häuser selbst Kultstätten: Im Atrium, dem Mittelpunkt jedes besseren Hauses, brennt das Herdfeuer zu Ehren der Göttin Vesta. Es darf niemals ausgehen. Die Wände rings herum tragen Bilder und Altäre der Schutzgeister von Haus und Vorratskammer: der Laren und Penaten. Auch der doppelgesichtige Janus, Staatsgott wie Vesta, Jupiter, Venus oder Mars, gilt hier als Hausgenosse. Hier wie dort wird er als der verehrt, der unheilvolle Mächte fernhält.
Jedem Familienoberhaupt fallen ausgedehnte rituelle Aufgaben zu. Sie werden peinlich genau eingehalten.
Denn wie man sich den Göttern zur Frömmigkeit ihrem Willen gegenüber verpflichtet weiß, so gilt es für jeden Römer umgekehrt, sich durch so etwas wie strengste Vertragstreue seinerseits die Götter zu verpflichten. Schließlich ist die Achtung und Wahrung aller Gesetzlichkeit jedem Römer oberstes religiöses wie oberstes gesellschaftliches Gebot. Eine persönlich gefühlsintensive Beziehung zu seinen Göttern sucht hier niemand.
Beispielsweise gibt es festgelegte Tage im Jahr, an deren man der Toten zu gedenken und ihnen Opfergaben darzubringen hat. Da die Toten Macht über die Lebenden ausüben, falls diese ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, versucht man, die Totengeister zu bannen.
Claudius, mein römischer Gastgeber, ließ mich gerade jünst einem darauf gerichteten Ritual beiwohnen: Um Mitternacht schritt er barfuß mit magisch verschränkten Fingern durch das Haus, von Zeit zu Zeit schwarze Bohnen hinter sich werfend. In neunmaliger Wiederholung schwor er, sich und die seinen so ausdrücklich von den Pflichten gegen die Toten loszukaufen.
Das Jenseits stellt er sich als ein Schattenreich vor, in dem es keine Freude mehr gibt. Andere Römer stellen sich dagegen ein Jenseits vor, in dem Lohn und Strafen die Sterblichen erwarteten, wie Claudius mich aufklärte. Grundsätzlich hielten die Römer es für ihre Pflicht, die Toten draußen vor der Stadt der Erde zurückzugeben - gleichgültig ob im Wege der Verbrennung oder einer gewöhnlichen Beisetzung.
In dieser Hinsicht hat sich übrigens meines Gastgebers etruskische Frau Volhynia ebenso sehr umstellen müsen wie auf vielen anderen Gebieten. Anders als die Römer nämlich hätten die Etrusker eine ausgeprägte Weltentstehungslehre entwickelt, der offenbar umfangreiche Jenseitsvorstellungen entsprächen - so jedenfalls habe ich es Volhynias Ausführungen entnommen:
Einst habe ein Schöpfergeist allein aus seinem ureigenen Willen heraus das All erschaffen, dem Nichts auf diese Weise ein Ende gesetzt. In 6 Zeitabschnitten (=6000 Jahren) seien erst Himmel und Erde, dann das Firmament, Meere und Land, Vegetation, die Tiere und zuletzt der Mensch entstanden. Heilige Bücher bewahrten das Wissen um diese Urgeschichte. Sie seien den Menschen einst von den Göttern diktiert worden. Sie verwiesen die Menschen überdies darauf, daß sie die ganze Natur mit der Fülle ihrer Erscheinungen als Trägerin und Verm ittlerin göttlicher Gedanken zu begreifen hätten. Namentlich die Gewitter hätten unmittelbaren Mitteilungscharakter.
Die Menschen bewegten sich damit ständig in einem Netz von Vorbedeutungen, das es - mit den Mitteln der Eingeweide- und namentlich auch der Leberschau - zu entwirren gelte.
Ihre Toten hielten die Etrusker für in anderer Weise mächtiger als die Lebenden, als das die Römer täten: Sie seien segensbringend für die Angehörigen, wenn sie ihnen Opfer darbrächten und ihren Schutz erflehten.
Ihre Wohnstätten seien deshalb größer als die der Lebenden. Ähnlich wie wir Ägypter errichteten die Etrusker regelrechte Totenstädte mit riesigen unterirdischen Grabkammerfolgen - eine jede mit einem eigenen Eingang. Hier lägen die Toten festlich gekleidet und mit kostbarem Schmuck behängt - wie Schlafende. Häufig aber verbrenne man sie auch, die Urnen trügen menschenköpfige Deckel, Auf daß die Seele ihre menschliche Gestalt bewahren könne. Auch diese Urnen würden in eigenen Grabkammern beigesetzt.
Domus heißen die vornehmeren Häuser.
In einem Seitenflügel des Atriums findet sich in der Regel ein Schränkchen mit den Wachsmasken der Vorfahren. Diese sind nach allgemeiner Überzeugung im Hause stets gegenwärtig. Ihre Taten und Leistungen sollen den Lebenden jederzeit ein Vorbild sein. Bei Leichenprozessionen werden die Masken zur Verherrlichung der Familie öffentlich vorgeführt.
In der Regel leben mehrere Generationen samt Knechten und Mägden unter einem Dach.
Das älteste männliche Familienmitgleid repräsentiert im Kleinen das väterliche Prinzip, auf dem die ganze Gesellschaft ruht: als ´pater familias´ (Hausvater) genießt er das höchste Ansehen und hat die Rolle des Familienoberhauptes auszufüllen. Das heißt: Verfügungen über das Vermögen kann nur der Familienvater treffen, Verträge nur er abschließen. Das Strafen gehört neben seinen kultischen Aufgaben zu seinen vornehmsten hausväterlichen Pflichten, denn die Familie gilt als der Ort, wo pietas und fides eingeübt und eingefordert werden müssen, wenn der Staat sich im Sinne der Sitten der Väter weiterentwickeln soll.
Rom kennt zwar wohl öffentliche Gerichte. Wahl und Ausführung der Strafe liegen jedoch bei den Bürgern selbst in Gestalt ihrer Familienväter. Der väterlichen Strafgewalt unterliegen Geschwister, Ehefrau, Kinder wie Schwiegerkinder und natürlich Knechte, Mägde und Sklaven gleichermaßen - bis hin zur Todesstrafe oder zum Verkauf in die Sklaverei!
Die besondere Stellung des pater familias beeinträchtigt den Lebensspielraum der Frauen hierzulande übrigens erheblich:
Am öffentlichen Leben dürfen sie so wenig teilnehmen wie in Griechenland. Wann immer sie in den einfacheren Familien - unter dem eigenen Dach versteht sich - selbst irgendeiner Erwerbsarbeit nachgehen, steht ihnen keinerlei Verfügungsgewalt über das von ihnen verdiente Geld zu. Was immer sie an Vermögen mit in die Ehe bringen, unterliegt der ausschließlichen Verwaltung ihres Mannes. Kochen, Vorratswirtschaft, Spinnen und Kindererziehung bilden wie allenthalben ihr Hauptgeschäft. Ein alles verhüllender Umhang und eine Kopfbedeckung sind für jede Römerin auf der Straße Pflicht. Immer untersteht sie einem Mann: als Kind dem Vater, als Frau dem Ehemann, als Witwe dem Sohn. Scheidungen sind verboten.
Ab dem 8.Lebensjahr begleiten die Jungen ihre Väter ins öffentliche Leben, um zuvorderst von ihnen zu lernen, was sie im späteren Leben brauchen. Schulen im eigentlichen Sinne gibt es noch kaum, und wenn, dann nur für die Söhne der Reicheren.
Die Jungen treffen sich jedoch zu regelmäßigem Körpertraining auf den Campi der Stadt, auf denen häufig Spiele und militärische Übungen angehalten werden.
Claudius´ Frau Volhynia tut sich mit der Enge des römischen Frauenlebens, auf die sie sich durch ihre Heirat vor mehr als 20 Jahren eingelassen hat, einigermaßen schwer:
Als etruskische Kaufmannstochter war sie ein deutlich freieres Frauenleben gewohnt gewesen. In ihrer Heimatstadt Veji war es an der Tagesordnung, daß Frauen gemeinsam mit ihren Männern Wagenrennen, Faustkämpfe und Gastmähler besuchten.
Was in Rom bis heute ausschließlich den männlichen adeligen Mitgliedern der gentes zusteht: Personen- und Familiennamen zu führen - in Etrurien war das selbstverständliches Recht auch der Frauen, Ausdruck der Eigenständigkeit, die sie dort besaßen.
Nicht ein Vatergott wie der indogermanisch-römische Jupiter präge nämlich die religiöse Vorstellungswelt des etruskischen Volkes, sondern eine weibliche Gottheit: in ihrer Heimat, so schwärmte mir Volhynia voller Wehmut vor - verehre man die Mutter Erde seit alters als höchste Gottheit. Lange habe es gar eine mütterliche Erbfolge gegeben. Lebenslust, Musik und Tanz seien in Etrurien selbstverständliche Elemente des Alltags. Die bewußte Kargheit römischen Lebens mache ihr oft zu schaffen.
Claudius reagierte übrigens zunächst einigermaßen reserviert, als ich ihm mit dem Wunsch kam, mir Volhynia als Reisebegleiterin für einen etwa einwöchigen Ausflug nach jenem Etrurien an die Seite zu geben, das die kulturell bisher blühendste Landschaft Italiens bildet.
Nichts hatte für mich näher gelegen. Schließlich stammte die Frau des Hauses, das mir nun schon so lange eine Heimstatt bot, aus einer der wichtigsten etruskischen Städte. Es bot sich also an, ihre Heimatstadt Veji zu meinem Reiseziel zu machen. Widerwillig gab Claudius schließlich sein Einverständnis, denn er selbst konnte die Familie - insbesondere seine Enkel waren Feuer und Flamme, als es hieß, sie könnten wieder einmal zur Urgroßmutter - nicht begleiten. Sein einziges Schiff war von seiner letzten Fahrt arg sturmgeschädigt erst vor wenigen Tagen wieder in Ostia vor Anker gegangen, und es war unerläßlich, daß er die erforderlichen Reparaturen selbst überwachte. Sein Sohn war genausowenig abkömmlich. Frau und Enkel einem Fremden anzuvertrauen, gilt aber hierzulande als hochgradig sittenwidrig. Die ´Rettung´ kam durch Empedokles, den seine Geschäfte gerade wieder einmal nach Norden führten. Als langjähriger Geschäftsfreund des Hausherrn bot er Gewähr genug für die Wahrung von Sitte und Anstand.
Wie sehr sich doch die etruskische Lebensweise von der römischen unterscheidet!
Glanz, Schmuck und - nicht zu vergessen: rauschende Fest lieben diese Menschen über alles. Besonders in der Metallverarbeitung sind sie wahre Künstler. In ihren Häusern ist Bequemlichkeit obertstes Gebot.
Handel und Gewerbe prägen die Welt ihrer Städte weit sträker als jene bodenständige bäuerliche Mentalität (=Lebens-/Geisteshaltung), die in Rom soviel gilt.
Volhynias Mutter Velia erwies sich als großartige Gastgeberin.
Witwe seit 2 Jahren, führt sie keineswegs ein Schattendasein in strenger Gehorsamspflicht gegenüber ihrem Ältesten, wie ihr das in Rom beschieden wäre. Im Kreise ihrer Kinder und Enkel genießt sie vielmehr ein beeindruckendes Maß an Hochachtung.
Auch ohne ihren Mann hat sie Zugang zu den Gastlichkeiten, wie man sie in ihren Gesellschaftskreisen pflegt, ja selbst zu öffentlichen Veranstaltungen. Wann immer sie auf ihren selten ausgedehnten Spaziergängen durch Veji an den großen Handelskontoren der Stadt vorbeikommt, grüßt man sie achtungsvoll oder bittet sie auch auf ein Glas Wein kurz herein.
Ihre Tochter Volhynia hat sich in Rom also deutlich einschränken lernen müssen.
Als kleine Oberschicht bestimmen diese Etrusker mit einiger Arroganz das Leben in ihrer Region. Ihr Städtebund stütz ein florierendes wirtschaftliches Beziehungsfeflecht, mit dessen Hilfe sie das nördlcieh Mittelitalien vorläufig fest im Griff halten. In der einfachen Bevölkerung brodelt es jedoch immer häufiger.
Der Handelserfolg zur See ist in den letzten Jahren zurückgegangen.
Karthago hat es verstanden, seinen Einfluß stetig auszudehnen. Besonders von Veji aus schaut man überdies argwöhnisch auf das benachtbarte Rom. Man fürchtet dessen eines Tages wohl unvermeidliches Ausgreifen nach Norden.
Den von dort Kommenden trifft zwar noch keine unmittelbare Feindseligkeit, aber kleinere Abfälligkeiten muß sich jeder Römer hier schon gefallen lassen.
Für die Verhältnisse in Rom hinwiederum gilt:
Das einfache römische Volk einschließlich der Mehrzahl der aufstiegsorientierten Plebejer wie Claudius wohnt in Mietshäusern mit zunehmend bereits mehreren Stockwerken übereinander - in sogenannten ´insulae´ mit jeweils besonderem Zugang.
Claudius hofft, in 2 Jahren so weit zu sein, daß er das insulae-Leben hinter sich lassen und sich ein ´domus´ leisten kann.
Er denkt daran, seinem Handelsgeschäft durch eine eigene Warenproduktion eine zeitgemäßere Grundlage als bisher zu verschaffen. Einer seiner Söhne hat große Freude am Gestalten von Terracotta-Waren. Sein Meister hält große Stücke auf seine Geschicklichkeit. Der junge Mann drängt darauf, sich endlich selbständig zu machen. Vater und Sohn bereiten derzeit intensiv eine hoffentlich blühende Geschäftspartnerschaft vor. Zunächst wird man gut ohne Sklaven auskommen. Wenn sich jedoch alles wie gewünscht entwiceklt, wird man sich nach ein paar Knaben umsehen, die man anlernen kann.
Hier winke in Rom selbst ein beträchtlicher Absatz, wachse doch die Stadt zusehends - und auch andernorts sei für Terracotta-Güter eine wachsende Nachfrage zu spüren.
Du magst wie ich über so manches in diesem Rom, jener einmalig geschichtsbewußten und bedeutungsversessenen Stadt im Herzen der italischen Halbinsel, gestaunt haben, mein lieber Teje, der ich so große Aufmerksamkeit zuwenden zu müssen glaubte.
Um keinen Preis möchte ich es versäumt haben, so genau als möglich kennenzulernen, was hier im Entstehen ist. Unsere Mittelmeerwelt dürfte sich darüber eines Tages wirklich ganz entscheidend verändern.
Ob dann Perser und Römer sich die Konkurrenz zweier Weltreiche liefern werden?
Und unser Ägypten? Wird es gar zermahlen werden zwischen den Ansprüchen dieser beiden Riesen?
Gut möglich, daß selbst Du nichts von alldem mehr erleben wirst. Weltreiche wachsen wie Städte ja in der Regel nur ganz allmählich.
Aber ist nicht jeder Keimling von nicht minder großem Reiz wie die reife Frucht?
Ich habe auf meiner großen Fahrt Kulturen jeden Wachstumsstadiums sehen und kennenlernen dürfen. - Eine Welt im Fluß, wie die Griechen sagen würden. - Reicher und vielfältiger als in allen meinen Träumen!
Allmählich aber zieht es mich in die Heimat zurück.
Karthago soll die letzte meiner Stationen bilden - das Zentrum des westlichen Phönikiertums, das sich seit den Zeiten der Assyrerherrschaft über die südliche Levante (7./6. Jhd. V.Chr.) eines stetigen Wachstums erfreut und Etruskern wie Griechen und mittlerweile auch Römern in diesem Teil unserer Welt zunehmend zu schaffen macht.
Ende Oktober denke ich wieder in Ägypten anzulangen.
Bis dahin laß Dich von Herzen grüßen. Unsere Götter mögen Deiner Arbeit Fruchtbarkeit verleihen!
Dein Hesi