1.5.a-MITTELMEERRAUM um 560 v.chr.
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1.5.b9-fiktiver reisebrief aus rom an teje nach sais
1.5.b8 fiktiver reisebrief:
´REISENDER ÄGYPTER HESI´AUS SPARTA AN SCHWÄGERIN NOPHRIS IN BUBASTIS
Seit dem Tod des Bruders beim Kampf um Jerusalem 587 v.Chr. hatte Hesi engen Kontakt mit seiner Schwägerin Nophris und deren Tochter Chent gehalten. Die beiden hatten zwar weiterhin in Bubastis, der im östlichen Nildelta gelegenen Heimatstadt Nophris´, gelebt. Aber Hesis Beamtenpflichten in Sais hatten ihn oft genug über Land in sämtliche Regionen des Nildeltas geführt. Gelegenheit zu häufigen Besuchen hatte folglich immer bestanden.
Seit dem Tod Maatkares hatte sich Hesi oft gar wochenlang bei der Schwägerin aufgehalten wann immer seine Amtstätigkeit in den letzten Jahren seines Berufslebens ihm dazu jenen größeren Spielraum gelassen hatte, den man den Älteren und besonders Verdienstvollen gewährte.
Sparta, den 29.7.560
Liebe Schwägerin,
Mittlerweile bin ich in einem Teil der Welt angekommen, der mir gar nicht gefällt.
Nicht daß die Landschaft hier weniger bezaubernd wäre als jene Gegenden der griechischen Halbinselwelt, die ich bisher kennengelernt habe.
Aber dieses Sparta!
Die ganze Leichtigkeit und Wortgewandt-, ja -versessenheit des Griechentums, die mein altes Schreiberherz vielleicht am meisten betört hatten - hier suche ich sie vergebens!
Nichts von dem launigen Wechsel zwischen Stadthaus und Landgut, wie ich ihn unter der Gastfreundschaft des Atheners Hermontes so genossen hatte und wie er ja auch bei uns Ägyptern unter den besser Gestellten üblich ist. Jeder lustvoll inszenierte Glanz, alles Zur-Schau-Stellen sind hier verpönt. - Nirgends trifft man auf die Weltläufigkeit des attischen Lebens. Die Ansiedelung von Fremden stößt hier auf harsche Ablehnung. Das Meer und die unverglechliche Stimmung, die unter dem griechischen Himmel von ihm ausgeht , interessieren hier nicht.
Sparta, die Beherrscherin der Peloponnes, liegt im Landesinneren und verweigert sich allen äußeren Einflüssen, wie sie mit jeder Form von ausgedehntem Seehandel ganz selbstverständlich einhergehen.
Eine Welt für sich soll diese Halbinsel nach dem Willen ihrer Beherrscher bilden, einen Kosmos, einmalig in ganz Giriechenland. Einmalig auf der ganzen Welt?
Spartiaten nennen sich die Erfinder und Erhalter dieser Kosmos-Idee.
Obgleich natürlich zugewanderte Eroberer auch sie (Dorer, die im 13. Jhd. V.Chr.die Welt der Mykener hattenm zusammenbrechen lassen) - Menschen also, deren Vorfahren erhebliche Veränderungen in der Lebenswelt des Mittelmeeres ausgelöst hatten - gehören die Erbauer Spartas offenbar einem Menschenschlag an, denen die Sicherheit vor Veränderungen alles ist!
Einmal mit Mühen Erworbenes verteidigt man seither offenbar mit Zähnen und Klauen.
Und man besteht darauf, kompromißlos den eigenen Vorstellungen zu leben.
Das aber heißt in einer Welt des Wettstreits, daß man sich stets auch zu einer machtvolen Azußenpolitik gezwungen sieht:
Nicht so sehr die Begehrlichkeit anderer gilt es azuschirmen, sondern ihren Einfluß. Also hat man erfolgreich mit ihnen um die Anziehungskraft des eigenen Polis-Konzepts zu wetteifern. - Diejenigen unter den rivalisierenden griechischen Stadtstaaten, die wie Athen ihre innere Ordnung und äußere Bedeutung stets im Fluß zu halten bestrebt sind - tendentiell die übergroße Mehrzahl, wie man mir sagt - gilt es deshalb zu bekämpfen. In dieser Hinsicht zögerlichere Gemeinwesen dagegen suchen diese Spartiaten in ihrer Zögerlichkeit zu bestärken. Bevorzugt stehen sie derzeit verschiedenen bedrängten Aristoktatien in einer Reihe benachbarter Stadtstaaten bei - im Kampf gegen reformerische Tyrannen, die dort wie in Athen das Gemeinwesen auf zukunftsträchtigere Grundlagen stellen wollen.
Wo nicht durch selbstgeführte Kriege die Spartiaten mittlerweile auf diesem Wege ihre Herrschaft über die gesamte Peloponnes ausgedehnt.
Und die weiteren Vorstellungen dieser Spartiaten?
Sie überspitzen das jenseits unmittelbarer Arbeit angesiedelte Lebensideal, das alle Griechen kennen, noch um ein Vielfaches:
Gewerbe, Künste, Schiffahjrt, gar Handel zu treiben, galt und gilt diesen Menschen offenbar seit je als in einem Maße unwürdig, daß keine der mit materieller Existenzsicherung zusammenhängenden Fragen in ihrem Staatswesen eine Rolle spielen darf!!
Allein das Kriegertum beziehungsweise ein rein öffentliches Leben adele den Menschen!
Entsprechend ordnen die Spartiaten dann auch ihr eigenes wie das Leben auf der gesamten Ploponnes:
Der Spartiate gehört nicht sich, sondern dem Staat.
Jagden und Leibesübungen sind ebenso Teil eines wohlorganisierten Gemeinschaftslebens wie die Teilnahme an Vollversammlungen, an Opfern und feierlichen Chören oder das Zuschauen bei den gymnastischen Spielen der Jugend - vom gemeinsamem Kriegführen einmal abgesehen.
Die Erziehung ist so öffentlich wie alles andere und erfolgt innerhalb eines künstlich gegliederten Systems. Dessen vorherrschender Zweck: körperliche Kräftigung und Abhärtung (selbst bei der weiblichen Jugend: schließlich ist hier allen an einem starken und gesunden, damit kampffähigen Nachwuchs gelegen!) und die Gewöhnung an einen strengen militärischen Gehorsam.
Daneben wird jeder Spartiate in der Kürze des Ausdrucks (=Lakonismus) geübt. Sie gilt als Ausweis eines intensiven, gesammelten Geistes und einer kernigen Persönlichkeit.
Die Familie bedeutet diesen Menschen im Grunde nichts. Ehen sind Pflicht. Sie dienen allein der Erzeugung gesunder und kräftiger Kinder. Kinderlose Ehen werden aufgelöst, schwächliche Kinder in eine Schlucht geworfen.
Männer und Frauen leben in der Regel getrennt.
Die Welt der Männer ist das Heerlager und die Speisegemeinschaft - Syssitien nennen die Spartiaten die denkbar einfachen gemeinsamen Mahlzeiten, zu denen die Krieger verpflichtet sind.
Vom 8. Lebensjahr an wachsen die Knaben außerhalb der Familie auf - und erst im Alter, wenn ihre Kriegsfähigkeit erloschen ist, nehmen die Männer die häusliche Wohngemeinschaft wieder auf.
Die 7- bis 12-jährigen werden grupperweise der Aufsicht und dem Befehl junger Männer unterstellt. Diesen sind sie zu absolutem Gehorsam verpflichtet. Beliebtestes Erziehungsmittel ist die Prügelstrafe.
Die 12- bis 20-jährigen werden in Jahrgangsgruppen zusammengefaßt. In häufigen Wettkämpfen haben sie der Spartiatengemeinde ihren Leistungsstand vorzuführen. Zum Wettrkampfprogramm gehören dabei so ausgefallene Übungen wie die, um die Wette Schmerzen zu erdulden oder ein Überlebenstraining zu absolvieren: Nur mit einem Schwert bewaffnet, werden sie in eine feindliche Umwelt gesetzt. Völlig auf sich gestellt, sollen sie hier erstmalig einen menschlichen Feind töten.
Jede Bequemlichkeit wird den Jungen vorenthalten: ein Schilfgraslager, das Waschen im Fluß und eine äußerst knappe Verpflegung sollen sie stählen und lernen lassen, Eßbares zu stehlen. Wer dabei erwischt wird, wird bestraft - weil er nicht schnell und schlau genug war!
Der Staat übernimmt hier nicht nur den allergrößten Teil der Erziehung, er beaufsichtigt im Grunde alle Lebensbereiche, er wacht über die Einfachheit des Baus un der Einrichtung von Häusern, über die Kleidung und die Zucht der Frauen, selbst über die Musik.
Hinsichtlich des Grundbesitzes betseht hier eine Art Gütergemeinschafts-System: auf die fruchtbarstenn Böden des Landes haben allein die Spartiaten ein Anrecht.
Die Böden sind zu Acker-Losen mit etwa gleichgroßem Bodenertrag vermessen und auf die einzelnen Spartiaten verteilt. Weder durch Verkauf noch durch Schenkung oder Testament darf der einzelne frei darüber verfügen.
Damit herrscht hier Rang-, Rechts- und Besitzgleichheit.
Staatssklaven - Heloten heißen sie hier - bearbeiten diesen gütergemeinschaftlichen Grundbesitz.
Per Gesetz sind allein eiserne Münzen zugelassen, um jede Bereicherung namentlich durch einen heimlichen Handel möglichst auszuschließen.
Die Masse des ursprünglichen Staatsgebietes (Lakoniens also, dann auch Messeniens) in seinen weniger fruchtbaren Teilen ist in der Hand sich selbst versorgender Umwohner, sogenannter Periöken, die in der Hauptsache für Handel und Gewerbe zuständig sind.
Durch die erwähnte Eisenwährung sorgt Sparta dafür, daß sich ihre Handelsbeziehungen im wesenlichen auf die Peloponnes beschränlen.
Wie die Heloten auch sind diese Periöken den Spartiaten zum Kriegsdienst verpflichtet.
Die unveränderte Aufrechterhaltung ihrer Verfassung ist diesen Menschen, wie gesagt, das Wichtigste.
Fünf jährlich gewählte Beamte, die Ephoren, sind Herren über die Zivil- wie Verfassungsgerichtsbarkeit und wachen namentlich über die Wahrung aller Bestimmungen und Traditionen. (Bei 2 Königen liegt das jeweils doppelt besetzte Amt des Oberpriesters, des Oberbefehlshabers und des obersten Richters. Ein 30-köpfiger gewählter Ältestenrat, die Gerusia, besorgt die übrigen Regierungsgeschäfte und legt der Volksversammlung Gesetzesvorschläge zur Abstimmung vor.)
Sechs mal mehr Heloten und Periöken als Spartiaten leben allein in Lakonien und dem im 8. Jhd. V.Chr. eroberten Merssenien, dessen fruchtbare Ebenen die Begehrlichkeit der rund 9000 Spartiaten geweckt hatten. Ein Aufstand der damals Niedergeworfenen gegen die Helotisierung der messenischen Bevölkerung hatte die Spartiaten vor gerade 100 Jahren zu einem neuerlichen zwanzigjährigen Niederwerfungskrieg gegen dieses tapfere Volk gezwungen.
Spätestens seither ist die unablässige Wachsamkeit aller Gleichen erstes und letztes Überlebensgebot in diesem ungewöhnlichsten aller Staaten. Die jährliche Kriegsreklärung der Spartiaten an die Heloten und deren geheimsienstliche Überwachung durch eine Krypteia genannte Gruppe von Krieger-Beamten sichern den Fortbestand der einmal errichteten Herschaftsverhältnisse.
Hegemonie (Vorherrschaft) über die gesamte Peloponnes, an deren Schlußstein, dem Peloponnesischen Bund, sie gerade arbeiten - er soll alle Völker der Halbinsel unter die spartanische Heeresfolge zwingen -, Hegemonie am liebsten auch über ganz Mittelgriechenland ist das unverkennbare Ziel dieser Gleichen.
Heute schon gelten sie als die größte Militärmacht der Balkanhalbinsel, ja der griechischen Poliswelt überhaupt. Daraus beziehen sie ihr eher wirklichkeitsfernes Selbstbewußtsein.
Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, daß diese Sonderlinge im griechischen Stadtstaatengefüge die Kraft zu einer die Grenzen der Peloponnes hinter sich lassenden Hegemonialrolle in Griechenland je aufbringen könnten.
Denn die spartiatische Kultur kreist nicht wie unsere ägyptische um den gemächlichen Wechsel des Immergleichen in seinen ganz allmählichen Wandlungen - sie scheint mir in einer Erstarrung gefangen, die siese 9000 Menschen, die sich auf sie vrsteift haben, allenfalls dannzu Bundesgenossen der übrigen Griechenstädte wird aufsteigen lassen, wenn es zu einer Bedrohung Gesamtgriechenlands etwa durch die eines Tages nach Kleinasien und den levantinischen Küsten drängenden Perser käme.
Eine derartige Verteidigungsgemeinschaft mag diesen Spartiaten zeitweilig vielleicht den Oberbefehl eintragen. - Daß sich die übrigen Griechenstädte nach abgewendeter Gefahr jedoch dauerhaft zu einer Heeresfolge unter einem Heerbann Spartas verstehen könnten, erscheint mir völlig undenkbar. Dazu sind ihre Wirtschaftsinteressen viel zu see-orientiert.
Im übrigen: Was will eine Landmacht wie Sparta in solchen vorgestellten Verteidigungs- unf Krisen-Situationen ausrichten, wenn die See zum Schlachtfeld erhiben wird, was ja zwischen Griechen und Persern vielleicht sogar das Nächstliegende wäre?
Für mich ist das meiste von dem, was ich hier in Erfahrung habe bringen können, ein trauriges Kapitel Leben und ein noch traurigeres Kaiptel Politik!
Sklaverei schreckt mich ganz gewiß nicht sie ist ein allzu selbstverständliches Element der Welt, in die wir Menschen des 6. Vorchristlichen Jahrhunderts híneingeboren sind.
Aber eine Sklaverei, die tagtäglich im Grundes des organisierten militärischen und geheimdienstlichen Terrors gegen die unterdrückte Bevölkerungsmehrheit bedarf, macht mich schaudern! Zumal dieses System seine Herren nicht einmal reich macht!
Was für einen Sinn kann Sklaverei haben, wenn sie strahlened großartige Kulturleistungen nicht ermöglicht - wie unseren ägyptischen Pyramiden, Tempel- und Papastbau etwa oder diese seltsame und faszinierende Muße-Kultur der Athener, die alle Künste nicht weniger als die Wirtschaft und das Gesellschaftsleben voller Dynamik zum Blühen bringt?
Keines der großen Spiele, die diese Griechen mit Leidenschaft regelmäßig an einer ganzen Reihe von Orten ausrichten, hat Sparta zum Austragungsort!
Für die meisten, die derzeit wieder einmal wie wir auch - meine athenischen Gastegber Hermontes und Aphrodite, Nikotris und ich - zu den olympischen Spielen anreisen, ist Sparta nicht einmal Zwischenstation!
Auch Hermontes hat nur mir zu Gefallen die Reiseroute nach dem auf dem westlichen Peloponnes zwischen Elis und Arkadien gelegenen Olampia über Sparta gelegt.
Aphrodite freilich hat in Sparta eine langjährige Freundin, Iokaste, die sie vor Jahren am Rande olympischer Spiele kennengelernt hatte.
Die Wettkämpfe selbst (die einzigen übrigens, die sich auf sportliche Disziplinen beschränken) sind reine Männersache. Frauen dürfen nicht zuschauen!
Was die beiden unendlich unterschiedlichen Frauen - Aphrodite und Iokaste - verbindet, ist wohl in erster Linie die Neugier.
Beide Ende 30 vielleicht, beide kinderreich und beide Frauen mit bemerkenswerter Ausstrahlung - jede ganz in ihrer Welt zuhause, bilden sie nur zu gern den Mittelpunkt des geselligen Lebens in ihrem Umfeld.
Aber wie sehr unterscheiden sich allein schon diese Geselligkeiten!
Zwar können die Spartanerinnen an den üblichen Männergesprächsrunden anläßlich sprotlicher, religiöser oder m usischer Veranstaltungen oder auch seltenerer häuslicher Gesellschaften über Fragen des öffenlichen Lebens ganz anders mitreden, weil sie einen Mitbesitz an den Landlosen der Spartiaten haben und anders als die Athenerinnen auch gesellschaftsfähig sind. Ihrerseits zu sprotlicher Ertüchtigung angehalten, lassen sie darüber hinaus die reine Zuschauerrolle, die sen übrigen Frauen Griechenlands auf diesem Felde, wenn überhaupt, nur zukommt, ebenfalls weit hinter sich. - Aber die ungeheure Gemessenheit, die ihnen wie ihren Männern und Kindern noch im privatesten Lebensbereich abverlangt wird, verbietet nicht zuletzt auch ihnen jede Form irgendwo auch übermütiger und sinnenfreudiger Geselligkeitspflege.
Manchmal, wenn Iokaste sich unbeobachtet glaubt, malt sich eine Vergrämtheit auf ihren Zügen ab, wie sie nur großes, unbewältigtes Leid hinterläßt. Von Aphrodite weiß ich, daß ihre Freundin die Tötung zweier ihrer 5 Söhne gleich nach der Geburt ihres Untergewichts wegen bis heute nicht verwunden hat. Ihr sichtlich gepflegter und zur Schau getragener Stolz über die sogar überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit der 3 anderen überlagert die tiefe Traurigkeit, mit der sie seither zu kämpfen hat, nur zeitweilig.
Vertraut sind ihr n ur ihre 3 Töchter, die bis zu ihrer Verheiratung die Waohngemeinschaft teilen, in der sich Iokastes Leben abspielt. Der jüngste Sohn ist bereits seit 3 Jahren aus dem Haus.
Alle spartiatischen Jungen verbindet mit ihren Müttern ab diesem Zeitpunkt nur mehr ein sehr loses Band.
Die Gemeinschaft, die die spartiatischen Frauen ersatzweise für ein so beschnittenes, im Grunde zerstörtes oder verhindertes Familienleben untereinander pflegen, entschädigt sie nach ihrer eigenen Aussage hinreichend.
Ich nehme Iokaste das nicht so recht ab.
Nikotris hat sich von ihr einladen lassen, mal ein wenig näher in dieses Gemeinschaftsleben hineinzuschnuppern. Sie hat vor allem die unübersehbare innere und äußere Eigenständigkeit, die diese Frauen ausstrahlen, beeindruckt - und natürlich die Findigkeit, mit der sie die staatlichen Kargheitsregeln zu unterlaufen wissen. Manche von ihnen seien regelrecht geschäftstüchtig, wenn es darum gehe, an begehrte Luxuxgüter heranzukommen, weiß sie zu berichten.
Auch der regelmäßig gemeinsam betriebene staatliche Wettkampf sei ein wesentliches Element des unverkennbaren Selbstbewußtseins der spartiatischen Frauen.
Dagegen gefalle ihr der lakonische Tonfall, der unter ihnen herrsche, überhaupot nicht. Er sei nicht selten das Mäntelchen für böse Spitzzüngigkeiten. Die spartiatische Lebensform mache offenbar sichtlich aggressiv. - Keine freilich sei bereit gewesen zuzugeben, daß sie die übrigen Griechinnen beneide. Auch Iokaste nicht, obwohl ihr Interesse an der Freundschaft zu Aphrodite eigentlich vom Gegenteil künde.
Aphrodite ihrerseits konnte sich mit Nikotris gut über deren spartanische Erfahrungen verständigen..
Beiden Frauen erscheint der etwas öffentlichere Aktivitätspielraum, den die spartiatischen Frauen anders als die des übrigen Griechenland genießen, als außerordentlich reizvoll. Nikotris ist dergleichen aus Ägypten in gewissen Ansätzen auch durchaus gewohnt.
Vor die Wahl gestellt, würde Aphrodite jedoch niemals in diesem seelisch kranken, wie sie sagt, Staatswesen leben wollen. Da verzichtet sie lieber wie die anderen Athenerinnen auch auf alle außerhäuslichen Handlungsspielräume. Schließlich ist sie die wichtigste Gesprächspartnerin ihres Hermontes, kann darauf bauen, daß er ihr Urteil in der Regel ernstlich erwägt, bevor er öffentlich handelt, und - was ihr das Wichtigste ist - sie kann sich im Schoße und als Mittelpunkt eines wohlgeschützten Familienlebens geborgen fühlen, eines Familienlebens im übrigen, das an die weltläufigsten Geselligkeiten angebunden ist.
Aber, wie erwähnt: Sparta Sparta war uns nicht mehr als eine hin- wie rückwärts eingelegte Zwiaxhenstation - bevor Nikotris und ich der griechischen Welt den Rücken zukehren würden, um die etruskisch-römisch-karthagische einzutauchen..., jenen westlichen Teil unseres Lebenshorizontes, den abzuschreiten wir vor nunmehr einem Jahr aufgebrochen waren...
Olympia erwartete uns - Nikotris brannte darauf, ihren Phidias wiederzusehen.
Die Spiele -
Zeus, dem Göttervater zu Ehren richtet die Stadt Olympia sie alle 4 Jahre aus.
Für die Zeit der Hin- und Rückreise von Athleten und Zuschauern gilt in der gesamten griechischen Welt der Gottesfriede. Kein griechischer Staat, kein Staatsmann wagt es, dagegen zu verstoßen, obwohl es zwischen den griechischen Stadtstaaten eigentlich ständig irgendwelche Konflikte oder kriegerischen Auseinandersetzungen gibt.
Teilnehmen dürfen nur freie griechische Männer, auf denen keine ungesühnte Blutschuld lastet.
Von den Teilnehmern wird nicht nur ein pünktliches Erscheinen erwartet - Entschuldigungen und Zuspätkommen werden grundsätzlich nicht akzeptiert -, sondern auch eine gründliche Vorbereitung. Dazu gehört neben einer speziellen Diät eine einmonatige Trainingszeit unter der strengen Aufsicht eigens dafür verantwortlicher Beamter Olympias.
Ein besonders aufregender Wettkampf ist das Rennen mit dem Vierer-Gespann.
Aus finanziellen Gründen entstammen die Wettkämpfer in der Regel den großen Adelsgeschlechtern - wer sonst kann sich die edlen Tiere und einen Wagen leisten? Wettkämpfer sind übrigens nicht die Wagenlenker, sondern die Besitzer! Zwölf Runden müssen die Männer in den zweiädrigen Wagen überstehen, am gefährlichsten ist die Wendestelle. Oft genug passieren dort Unfälle.
Andere Sportarten sind der Faustkampf oder der Weitsprung aus dem Stand sowie der Fünfkampf (Lauf, Weitsprung, Diskuswurf, Speerwurf, Ringkampf).
Höhepunkt dieser Spiele ist der Allkampf (Pankration). Außer Beißen und Kratzen ist beinahe alles erlaubt. Mir hat er am wenigsten gefallen.
Lohn jedes Sieges ist die Siegerkrone, geflochten aus einem Ölbaumzweig - dieser Brauch geht auf einen der griechischen Heroen namens Herakles zurück, der sich dies als Ehrungsgeste einst hatte einfallen lassen: ein Ölbaum, der von Herakles selbst gepflanzt worden sein soll, liefert die Zweige, die diesem nur im Wege eines Rituals geraubt werden dürfen. Bei Sonnenaufgang muß ein Knabe, dessen Eltern noch leben, mit einem goldenen Messer soviele Zweige abschneiden, wie Siege errungen wurden. Jeder Zweig muß so lang sein, daß aus einem einzigen ein Kranz gewunden werden kann.
Der Sieg in einem olympischen Wettkampf fällt auch auf die Heimatstadt zurück. Bei ihrer Rückkehr werden die Sportler mit großen Ehren empfangen, fahren, in einen Purpurmantel gekleidet, zum Tempel und bringen dort den Göttern ein Dankesopfer dar. Anschließend gibt es mit Freunden ein Festmahl. Wer es sich leisten kann, bestellt bei einem Dichter ein Lied zum Lobpreis seines Sieges. Außerdem erhält jeder Sieger das Recht, seine Statue im Heiligen Hain von Olympia aufstellen zu lassen. (Haine sind Orte, an denen die Griechen die Natur unmittelbar in der Pflanzenwelt selbst, nicht vermittelt in irgendwelchen Göttergestalten oder Dämonen verehren.)
Phidias nun, der junge Mileter, für den Nikotris seit dessen Zwischenhalt in Athen ihr Herz stärker als je zuvor für irgendeinen Menschen entdeckt hat, fand sich hier in seinen hochgesteckten Hoffnungen enttäuscht:
Was ihm 4 Jahre zuvor im Fünfkampf gelungen war, der heiß ersehnte olympische Sieg - diesmal blieb er ihm verwehrt!
Er und sein Vater hatten so darauf gesetzt, daß der als Sieger Heimkehrende des Phästos Werben um eine hinreichend große An hängerschaft für die anstehenden Reformen des Mileter Staatswesens erleichtern werde!
Nun würde alles schwerer sein.
Wenn auch nicht im Fünfkampf, so doch im Boxen hatte ein anderer Mileter geschafft, was Phidias verwehrt geblieben war. Er kam aus einer Familie von entschiedenen Reformgegnern!
Phidias war also wohl niedergeschlagen wie gewiß noch nie in seinem Leben. Auch er interessierte sich glühend für Politik. Wie alle Griechen wußte er genau, was die Herzen seiner Landsleute in ihren Bann zu ziehen vermochte, ging es ihm doch selbst häufig so.
Am liebsten hätte er alles liegen und stehen gelassen und uns auf unserer Weiterreise begleitet, um Trost bei Nikotris zu finden.
Die kurze Zeit ihrer Bekanntschaft hatten ihm und wohl auch meiner auf dieser Reise viel reifer gewordenen Nikotris jedoch schon 2 Tage später genügt, sich einig zu werden: Mit einem Mal war von Flucht und Ablenkung nicht mehr die Rede. Heiraten wollen die beiden auf der Stelle.
Nikotris zweifelt keinen Augenblick daran, daß sie in der ihr völlig fremden Heimatstadt dieses Phidias werde leben können. Was sie in Athen von der Lebensweise ionischer Menschen kennengelernt hat, die schließlich diesseits wie jenseits der Ägäis die vielleicht entscheidendste Kraft der griechischen Poliswelt bilden, ist ihr da Ausweis und Garantie genug.
Ihrem Vertrauen in den Menschenschlag, dem Phidias da angehört, ihrem Vertrauen in sich selbst und ihre innere Beweglichkeit, mittels deren sie sich in die griechisch geprägte Welt Milets hineinleben zu könnn glaubt - und nicht zuletzt ihrer offenkundig alles andere als flüchtigen Liebe zu diesem jungen Mann der, auf dem Sprung ist, die Kaufmannsgeschäfte seines Vaters Phästos zu übernehmen, habe ich nichts entgegenzusetzen.
Meine Schwiegertochter, unsere liebe Inis, wird es nur schwer fassen können, daß ihre kleine Nikotris nun so unmittelbar die Flügel breitet. Wir alle hatten uns jedoch, wie Du weißt, vor unserer Abfahrt darauf verständigt, daß wir das junge Mädchen in dieser Beziehung keinem Zwang aussetzen wollten - es sei denn, sie wäre eines Tages gegen alle Vernunft zu einem Schritt in völlig ungesicherte Verhältnisse ebreit.
Bei diesem Phidias, davon bin ich überezugt, wird sie jedoch in guten Händen sein. Er hat seine anfängliche Niedergeschlagenheit rasch abgelegt. Voller Tatendrang wird er sich nun den politischen und wirtschaftlichen Aufgaben, die seine Heimatstadt und sein Kaufmannsberuf für ihn bereithalten, stellen.
Seit sie sie in ihren verschiedenen lokalen und kulturellen Färbungen näher kennengelernt hat, hat Nikotris im übrigen ihr Herz für die Welt der Kaufleute entdeckt, in die Phidias sie uns nun entführen wird.
(Die beiden haben sich übrigens entschieden, einander noch in Olympia das Ja-Wort zu geben.)
Während Hermontes und ich uns in Athen in endlose Gespräche über Geschichte, aktuelle Politik, Religion und Eigenart der griechischen Kultur verstrickten...
... hatte Nikotris mit einem der Söhne unseres Gastgebers wie schin in Kition Markt und Hafen Athens unsicher gemacht.
Am Piräus lag letzterer - wie sie mir nach ihren Streifzügen voller Eifer berichtete - einer halbinselförmigen Ausfingerung Attikas, etwa 4 km von der eigentlichen Stadt entfernt.
Handels- und Kriegshafen lägen hier nebeneinander.
Unzählige Schiffsschuppen, Werftplätze, Lagerhäuser, Zollgebäude, Wechselstuben und Märkte bestimmten das Bild, das Nikotris hier in seinen Bann gezogen hatte.
Über alle möglichen Details hatte sie sich genau informiert:
Der Zoll belaufe sich auf 20% des Warenwerts.
Importe aus Indien, Makedonien (Pökelfische), Thrakien (Gold), Spanien (Silber), den britischen Inseln (Zinn), aus Karthago (Teppiche, bunte Kopfkissen), Sizilien (Schweine, Käse), Unteritalien (Graupen, Rindfleisch), Libyen (Rindsleder, Elfenbein), Kreta und Zypern (Zypressenholz), aus dem Schwarzmeergebiet (Getreide, Kastanien, Mandeln), von Euböa und Rhodos (Rosinen, Feigen), aus der südlichen Levante (Weihrauch, Datteln, Weizenmehl) und aus Ägypten (Getreide, Segel, Papyrus) seien hier an der Tagesordnung.
Manchmal löschten die Schiffe Waren im Wert bis zu 12000 Drachmen (zum Vergleich: ein besseres Haus kostet hier etwa 3000 Drachmen).
Bis zu 3000 Weinkrüge konnten solche Schiffe laden - also zwischen 30 und 100 t Gewicht.
Überweigend auf Segelschiffen führen die athenischen Kaufleute, immer im Geleitzug, bewacht von Kriegsschiffen.
Vom Piräus nach Ephesos fahre man rund 2 ½ Tage, nach Ägypten 7 ½ (für eine Familie mit Gespäck entstünden dabei 2 Drachmen Reisekosten).
Im Unterschied zu Nikotris hatte ich eher ein Auge für den Landbesitz meiner gastgeber gehabt - etwas, das alle, die es hier zu etwas bringen, anstrebten, weil es ihnen die Muße verschafft, die im Leben dieser Griechen so hoch im Kurs steht. Hermontes war mir hier ein geduldiger Erklärer.
Sein Land könne man getrost einem gebildeten Sklaven als Verwalter anvertrauen - viele Haussklaven stehen bei den Griechen in einem persönlich so engen Verhältnis zu ihrem Herrn, daß dieser ihnen nicht selten eines Tages die Freiheit schenkt.
Der eher geringen Zahl von Feldsklaven, die ein recht hartes Leben fristen, winke ein solches Glück freilich in der Regel nie! Allen gewerblich als Massenarbeitskraft eingesetzten Sklaven schin überhaupt nicht!
Im Öl- und Weinbau verließen sich die Gutsbetrreiber im übrigen meistenteils auf Tagelöhner - die Arbeitsmenge schwanke hier von Saison zu Saison viel zu sehr, als daß die dauernde Verköstigung und Unterbringung von entsprechend vielen Sklaven, wie sie in den Stoßzeiten erfroderlich seien, sich hier lohnen würden.
Die Gewinne, die hier zu erzielen seien, entsprächen einer Verzinsung von ansehnlichen 9 ½ %.
60 % der athenischen Bevölkerung besitze ein Landgütchen von 1-2 ha Größe.
Die Masse des Landes jedoch sei in den Händen von vielleicht 10% Bürgerberechtigten - marktorientierter Großgrundbesitz eben.
Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Landes sei freilich nach wie vor Kleinbauern- und Hirtenland.
Das stetige Bevölkerungswachstum der lertzten anderthalb Jahrhunderte habe hier jedoch zu einer existenzgefährdenden Zersplitterung der Betriebseinheiten geführt. Die Kleinstbeitze reichten vielfach nicht einmal mehr für die Ernährung der Hofstellen-Inhaber aus, geschweige denn für den Zukauf selbst der einfachsten Konsumgüter. Seit rund einem halben Jahrhundert habe die wachsende Überschuldung der einfachen Bauernschaft deshalb immer wieder zu sozialen Unruhen geführt. Der Verlust ihres Landbesitzes, den viele hinzunehmen gehabt hatten, war schon schlimm genug gewesen. Daß die Sorge um den Lebensunterhalt ihrer Lieben sie im Anschluß auch noch in die Schuldsklaverei getrieben hatte, weil keine Aussicht bestand, daß sie die Kredite, die sie bei ihren Geschlechterverbandsführern aufgenommen hatten, auf absehbare Zeit würden zurückbezahlen können, habe dann den Umbau des politischen Systems durch die Tyrannen notwendig gemacht, von dem er, Hermontes, mir ja schon am ersten Abend erzählt habe.
Ein Handels- und Gewerbeunternehmen sei im übrigen risikoreicher als die monokulturell betriebene Gutswirtschaft und verlange immer wieder den persönlichen Arbeitseinsatz des Herrn über eine hier in der Regel sogar größere Zahl von Arbeitssklaven als auf dem Land.
Dabei sei das Handwerk sehr unterschiedlich ausgelegt: Vieles geschehe hier in kleinen Familienbetrieben ohne Sklaven.
Ein ungelernter Arbeiter verdiene am Tag ca. 3 Obolen (6 Obolen=1 Drachme), ein Facharbeiter bis hin zum Architekten etwa 6 Obolen.
Sklavenhaltende Betriebe von z.T. beträchtlicher Größe müßten stellenweise in ihre Arbeitskräfte ganz erheblich investieren: ein kunsthandwerklich hochsprezialisierter Handwerkersklave koste etwa 300 Drachmen! Wer gar nach einem Bergbaufachmann aus Thrkien Ausschau halte, komme unter 6000 Drachmen nicht davon!
Ein Kanbe dagegen sei auf dem Sklavenmarkt schon für 70 Drachmen etwa, eine schöne junge Sklavin für 300 Drachmen zu haben.
Eine Sechstel-Drachme etwa, einen sogenannten Obolus, habe man als Sklavenhalter im Schnitt an täglichem Gewinn zu erwarten, wenn man einen Sklaven für dich arbeiten ließ.
Zu den reichsten Athener Bürgern gehören zunhemend nicht nur die Besitzer, sondern vor allem die Vermieter von Sklaven. - Nur 3 Mietsklaven genügten, um seinen Lebensunterhalt in Athen zu bestreiten, hatte Hermontes seine Kurzausführungen über die Grundlagen des athenischen Wohlstandes abgeschlossen. Sollche Mietsklaven würden hauptsächlich immBergbau und als Galeeren-Ruderer sowie in den großen Töpferbetrieben eingesetzt - in riesigen Tonkrügen werde hier nämlich nahezu jedes Gut transportiert.
Die Lebenshaltungskosten für eine durchschnittliche Handwerkerfamilie - Messerschmiede oder Tischler etwa, Weber oder Töpfer - beliefen sich im übrigen auf monatlich etwa 15 Drachmen, täglich 3-4 Obolen. Für 50 l Weizen seien etwa 3 Drachmen aufzuwenden , für 50 l Öl bis zu 45 Drachmen, für 50 l Wein 5 Drachmen. 1 Ackerpferd koste run d 3 Minen (6 Obolen=1 Drachme; 100 Drachmen=1 Mine; 60 Minen=6000 Drachmen=1 Talent).
Reiche Athener kämen auf Jahreseinkomen von 10000 Drachmen und mehr. Wer nicht selbst unternehmerisch tätig sein wolle, verleihe einen Teil seines Geldes zu einem Zinssatz von meist 12%.
Für nicht unmittelbar investiertes Geld gebe es Banken, auf denen man Guthaben einrichte.
Gemischter Produktionsmittelbesitz - also Landgüter und Gewerbebetriebe oder Handelsunternehmen - würde immer häugiger.
Das Handwerk gelte ganz allgemein, wie Hermontes mich dann zusätzlich aufklärte, als die verachtungswürdigste aller erwerbswirtschaftlichen Tätigkeiten:
Auf die Arbeit in geschlossenen Räumen angewiesen, verweichliche hier der Körper bei vorwiegend sitzenden Tätigkeiten. Die Arbeit sei so zeitrqubend, daß sie den hier Beschäftigten davon abhielte, sich um den Staat zu kümmern. Darunter leide auch die Seele so, daß diese Menschen für den Verkehr mit Freunden wie für die Verteidigung des Vaterlandes gleichermaßen ungeeignet seien - eine Auffassung, die mich mehr als seltsam anmutet.
Du siehst, meine liebe Nophris, was die griechischen Poleis - mit Ausnahme dieses eigenartigen Sparta wohl im wesentlichen - groß gemacht hat, beruht auf der kühnen Entscheidung des alten Eupatridenadels, die Landwirtschaft der griechischen Welt so konsequent wie nirgends sonst zu spezialisieren. Uns Ägyptern wäre dergleichen nicht nur aufgrund der anderen Boden- und Klima-Bedingungen unvorstellbar!
Mit Wein, Öl und Töpferwaren bedient man einen riesigen Wirtschaftsraum. Die einheimischen Baumbestände plündert man zugunsten eines immer umfangreicheren Schiffsbaus, der die Gewähr dafür bietet, daß es vor allem die Griechen sind, die den ägäischen Handel dominieren.
Und die attischen Silbervorkommen in Sonderheit verschaffen namentlich Athen eine so bedeutende zusätzliche Reichtumsquelle, daß die athenischen Silbermünzen auf dem besten Weg sind, zur begehrtesten Währung der gesamten Ägäis zu werden.
Regelmäßig fließt hierher zurück, was Athen für seine umfänglichen Importe aufwendet. Die 3 Massenexportgüter, auf dies es seine Wirtschaft gestellt hat, sind gewinnträchtig genug, das in Athen geprägte Zahlungsmittel praktisch vollständig jeweils wieder in die Hände der Athener zurückgelangen zu lassen: ´Eulen nach Athen´ trügen die griechischen Handelsschiffe Tag für Tag - Münzen mit dem Bildnis Athenes und dem Wappentier der Stadt, in deren Ecken und Winkeln mehr als irgendwo sonst Eulen zu Tausenden nisten, ganz real wie im übertragenen Sinne natürlich!
Not wird unser Enkelkind also in dieser Welt an der Seite des Phidias kau erwarten. Jenes Milet, das ihre künftige Heimat sein wird, steht Athen an Wirtschaftskraft kaum nach, wie man mir allenthalben versichert hat.
Meine Reise werde ich nun freilich ohne die bisherige vertraute Begleitung fortzusetzen haben!
Die westliche Mittelmeerwelt, in die ich mich in den nächsten Tagen einschiffen werde, soll in verschiedener Hinsicht andere Züge aufweisen als ihr orientalisch-griechischer Teil, mit dem ich mittlerweile so ausgiebige Bekanntschaft gemacht habe.
Ganz ohne Reisebegleitung bin ich freilich nicht: Schließlich unterhalten nicht wenige Griechenstädte auch auf jener Halbinsel, die mein nächstes Reiseziel darstellt, selbständige Tochterstädte. Rege Austauschbeziehungen, ja Freundschaften führen nicht wenige Kolonisten immer wieder auch und gerade nach Athen. - Unter ihnen einen Cumäer namens Empedokles, einen Kaufmann chalkidischer (aus Chalkis auf Euböa) Herkunft - heute zu Hause in der italischen Griechenkolonie Kyme im westliche Teil der italischen Halbinsel.
Ihn und meinen Athener Gastgeber Hermontes verbindet eine noch aus Kindertagen herrührende Freundschaft.
Damals war Hermontes häufiger bei seinen euböische n Verwandten in der Nähe von Chalkis zu Gast gewesen - und hatte sich dort gleich im ersten Sommer mit einem Jungen aus der Nachbarschaft angefreundet: jenem Empedokles eben, dem Sohn eines zu bescheidenem Reichtum gekommenen chalkidischen Schiffsbauers, der sich eben erst in der Nachbarschasft ein Landgütchen gekauft hatte.
Empedokles selbst hatte den Handwerkerberuf hinter sich alssen wollen und dabei ganz im Sinne seines Vaters gehandelt, als er sich dem Kaufmannsleben verschrieben hatte. Alle seine Ersparnisse hatte der alte Pylades seinen beiden Söhnen zur Verfügung gestellt, damit diese vor Jahren ihr erstes Schiff hatten erwerben und in See stechen lassen können.
Im westlichen Unteritalien, so hatten sie beiden sich ausgerechnet, würde eine dauerhafte Ansiedlung und die Errichtung eines Handelskontors gewinnträchtiger ausfallen als in der Heimat. Das Netz von Griechenstädten war dort längst nicht so dicht wie in der östlichen Mittelmeerhälfte, das Ringen um Seeherrschaft noch sichtlich stärker im Fluß als dort: Etrusker, Phöniker; Griechen und zunehmend auch Römer stritten hier mit oft wechselndem Glück um die Erweiterung oder Verteidigung ihrer jeweiligen Seeherrschaftsanteile.
Spannender sei es hier, abenteuerlicher...
Das Hinterland Cumaes/Kymes, der bedeutendsten und ältesten der griechischen Koloniegründungen auf der Appeninnen-Halbinsel werde ständig in Richtung einer der fruchtbarsten Landschaften Italiens, der Campagna, ausgeweitet. Der Wein- und Olivenbau sei im Vordringen - ein ideales Terrain für Menschen, die mutig und forsch genug seien, ihr Glück zu wagen und zu machen.
Die Rechnung der beiden Brüder war aufgegangen - wie Empedokles mir anläßlich seines jüngsten Besuches bei seinem Athener Jugendfreund voller Stolz auseinadnersetzte. Nach Kreta hatte er von da aus noch weiter gewollt, aber versprochen, auf dem Rückweg in Korinth Station zu machen, um mich in seine Wahlheimat auf der italischen Hanlinsel mitzunehmen.
Ob der langen Seereise bin ich etwas bange - die spätsommerlichen Gewitter seien hier durchaus schon so manchem Schiff zum Verhängnis geworden, hat man mir auf meine Nachfrage hin erzählt. Aber bis meine Zeilen Dich erreichen, werde ich, so die Götter es wollen, gewiß schon italischen Boden unter meinen Füßen haben.
Ein paar Monate noch, in denen nur Briefe unsere Mittler sein können. Sie fassen ja immer nur einen bescheidenen Abdruck der riesigen Fülle alles dessen, was sich hier und andernorts in meine Erfahrung drängt.
Nun, wo Nikotris ihre eigenen Wege geht, fehlt mir das vertraute Zwiegespräch mit Dir noch mehr als sonst. Im Augenblick ist mein Heimweh zum ersten Mal erheblich stärker als meine Neugier.
Die Eindrücke, die mich erwarten, werden jedoch gewiß schon bald beides wieder ins Gleichgewicht bringen.
Namentlich dieser Empedokles interessiert mich sehr. Er ist der erste aus einfacherenn Verhältnissen stammende Zeitgenosse, den ich in all den Monaten näher kennenzulernen Gelegenheit hatte. Auch wenn er die Welt des bescheidenen Gewerbefleißes schon seit Jahren unter sich gelassen hat, dürfte er gleichwohl mit den Vorstellungen und Lebensweisen der Mehrheit der Menschen des griechischen Kulturraumes um einiges vertrauter sein als sein adeliger Jugendfreund aus Athen. Wir werden sehen.
Einstweilen sei mir von Herzen gegrüßt wie nur je!
Dein Hesi