©gabriele weis

1.5.a-MITTELMEERRAUM um 560 v.chr.l-gvi.gif (5336 Byte)zurück-pfeil.gif (2419 Byte) l-weiter.gif (2419 Byte)l-gvi.gif (5336 Byte)1.5.b8-fiktiver reisebrief aus sparta an nophris in bubastis

 

l-gvi.gif (5336 Byte)1.5.b7  fiktiver reisebrief:  

´REISENDER ÄGYPTER HESI´
AUS ATHEN AN DEN FREUND SNOFRUNEFER 
IN THEBEN/ÄGYPTEN

 

 

Snofrunefer ist Ammun-Priester.  Die beiden etwa gleich alten Freunde sind Ende des 7. vorchristlichen Jahrhunderts gemeinsam in der Nähe von Bubastis aufgewachsen, verdanken der saitischen Renaissance ihre Tempelschul- Ausbildung in dem aus äthiopischer Fremdherrschafts seit 655 v.Chr. wieder befreiten Theben, und sind ein Leben lang in mehr oder minder intensivem Kontakt geblieben.

 

 

Athen den 2.7.560

 

Mein einmal mehr allzu sehr vermißter Freund,

 

da studiere ich sie nun seit geraumer Zeit, diese griechische Stadtstaatenwelt - und werde so recht schlau noch immer nicht aus ihr.

Seit Mitte April ist Athen, die neben Sparta wohl bedeutendste Polis der griechischen Welt, mein Aufenthaltsort.

Die östlichste der drei großen Halbinseln, die sich von Norden her in die Wasser des östlichen Mittelmeeres hineinschieben, - die Balkan-Halbinsel also - bietet den Augen dessen, der sich ihr durch die ägäische Inselwelt nähert, namentlich in ihrer vielfingerig aufgefächerten südlichen Hälfte ein unendlich abwechslungsreiches Panorama. Drei größere, in Nord-Süd-Richtung von Osten nach Westen nebeneinander gelagerte Gliederungselemente bestimmen das Bild: dem verschiedentlich halbinselförmig ausgebildeten Festland lagert sich zunächst ein mehr als 200 km langer, sehr schmaler Inselriegel vor - Euböa mit der Hauptpolis Chalkis, die Wiege der griechischen Buchstabenschrift mit Lautzeichen für Konsonanten und Vokale. Diesem Inselriegel schließt sich weiter nach Westen hin ein Doppelhalbinsel-Komplex an, dessen landwirtschaftliche Formation, die seit dem 29. Bzw. 13. Jhd. v.Chr. eingewanderten griechischen Stämme - die Ioner und Äoler zunächst, dann die Dorer - angeregt haben dürfte, hier kein geschlossenes griechisches Reich zu errichten, sondern im Laufe der Jahrhunderte eine vielfarbige Stadtstaatenwelt herauszubilden.

Da ist zunächst der halbinselförmige südliche Ausläufer Mittelgriechenlands, an seinem südlichsten Ende mündend in die Halbinsel Attika, dem Stadtstaatsgebiet meines derzeitigen Aufenthaltsortes: Athen.

 

Eine Landbrücke, der Isthmos von Korinth, verbindet diesen öslichen Teil des südgriechischen Festlandes dann mit seinem nahezu doppelt so großen westlichen Halbinselpendant: der Peloponnes, einem Halbinselgebilde von der Gestalt einer vielfingrigen Hand. Ein eigenartig militaristischer Stadtstaat, Sparta, die große Rivalin Athens - hat mittlerweile nahezu das gesamte Gebiet fest im Griff.

 

Mein Gastgeber hier - der athenische Binnenlands-Adelige Hermontes du seine Frau Aphrodite, Verwandte des Mileter Kaufmannes Phästos, dessen Bekanntschaft ich, vermittelt durch meinen Schwiegertochter Teja im zyprischen Salamis gemacht hatte - haben Nikotris und mich gleich am ersten Abend mit der Gründungsgeschichte ihrer Vaterstadt Athen bekannt gemacht.

Sie geht in die sagenumwobene mykenische Frühzeit, also in das 19./18. vorchristliche Jahrhundert zurück. Der erste König der Athener sei eine göttliche Schlange mit Menschenkopf gewesen, Kekrops mit Namen. Seine Burg habe dieser auf den Akropolis-Felsen gebaut. Seinen Töchtern, den Tau-Schwestern, habe die göttliche Athene den erdgeborenen Schlangenmenschen Erechteus übergeben, der Nachfolger des Kekrops geworden sei.

Zeus, der Vater des griechischen Götterhimmels, habe damals derjenige Gottheit den Besitz Attikas versprochen, die seinem Lande das nützlichste Geschenk machen könne. Athene habe daraufhin den Ölbaum geboten, der göttliche Poseidon dagegen das Pferd. Erechteus, vor die Wahl gestellt, habe sich für den Ölbaum entschieden, das Geschenk der Athene. Die zornige Reaktion des Pseidon auf diese Wahl habe Spuren im Felsen der Akropolis hinterlassen. Dort nämlich, wo der erzürnte Meeresgott einst seinen Dreizack wütend in den Felsen der Akropolis gerammt habe, sei sofort eine heilkräftge salzige Quelle entsprungen. Seither seien die athenischen Könige und ihre bürgerlich-adeligen Nachfolger bestrebt, beide Gottheiten auf der Burg zu verehren.

In ihrer überkommenen Form existiere diese Burg heute nicht mehr - so setzte Hermontes an diesem Abend seinen knappen Überblick über die Geschichte Athens fort. Seit ein paar Wochen werde auf dem Burgberg der Stadt gebaut: Die Burg solle durch einen Erechteus-Tempel ersetzt und zum religiösen Mittelpunkt der Polis ausgebaut werden.

Zu den Nachfahren jenes Erechteus habe dann im 15. Jhd.v.Chr. der athenische König Theseus gehört, der Bezwinger des Mintauros auf der Insel Kreta. Damals sei die rund tausendjährige Geschichte der frühesten der griechischen Hochkulturen, die kretisch-minoische Herrschaft über die Ägäis zuende gegangen. (letztere verdanke ihren Namen im übrigen auch einem der Athener Könige Ägäos). Theseus habe überdies die Adelsgeschlechter Attikas veranlaßt, die 12 wichtigsten Stadtgemeinden der Halbinsel zum Ausgangspunkt eines sogenannten Synoikismos zu machen: von ihren verstreuten Wohnsitzen aus sollten sie sich um den Athener Burgberg herum zusammensiedeln. Athen sollte so zu einem neuartigen politischen Kern des gesamten attischen Hinterlandes werden, zu einer Polis.

Namentlich in den letzten Jahrzehnten habe die Stadt eine bewegte inner Entwicklung vorzuweisen.

Die Königsherrschaft sei bereits im 11. Jhd.v.Chr. durch die Herrschaft der sogenannten Eupatriden, der adeligen Großgrundbesitzer und Geschlechterverbandsführer ersetzt worden. Heroen - die Söhne und Töchter einer Vereinigung eines Gottes mit einem Menschen - hätten einst in mykenischer Zeit am Ursprung dieser Adelsgeschlechter gestanden.

Aristokratie (=Adelsherrscaft) heiße eine solche Herrschaftsform hierzulande.

In den letzten Jahren werde diese Aristokratie jedoch zunehmend angefochten - von Seiten der beiden anderen Bevölkerungsgruppen mit Bürgerrecht in der Polis von Athen. Geomoren, wie die Landbauern hierzulande einmal geheißen hätten, und Demiurgen, die bürgerberechtigten Gewerbsleute unter den Stadt- und Hinterlandbewohnern, verlangten nach einer reformierten politischen Ordnung mit nicht mehr nur vorwiegend aristokratischem Allein-Entscheidungsrecht.

Neben diesen gebe es im Übrigen eine Vielzahl nicht bürgerberechtigter Stadtbewohner - zusammen knapp so viele wie den bürgerberechtigten:

Rund ein Fünftel von ihnen, sogenannte Metöken - zugewanderte Gastarbeiter, Kaufleute und Handwerker ohne politische Rechte, aber mit Steuer- und Wehrpflicht in Notzeiten; und weitere vier Fünftel Sklaven als sogenannte ´beseelte Werkzeuge´ ohne Rechte.

Tyrannen - adelige Standesgenossen im Übrigen, deren traditionswidrigen Ehrgeiz mein Gastgeber zwischenzeitlich teils beklagte, teils begrüßte - hätten sich nun im letzten halben Jahrhundert verschiedentlich zu Sachwaltern überschuldeter Bevölkerungsteile aufgeschwungen und sich jeweils mit Waffengewalt des obersten Staatsamts bemächtigt: des Archontats.

Das laufende Jahr habe kaum begonnen gehabt, als ein besonders Listenreicher unter seinen adeligen Zeitgenossen mit großer Entschlossenheit aufgetreten sei, um die Politik seiner Vorgänger fortzusetzen.

Der Mann heiße Peisistratos, wolle die Reformen Drakons und Solons (ebenfalls Tyrannen aus eigenem Machtanspruch. Der eine: Tyrann aus eigenem Anspruch wie Peisistratos; der andere: Tyrann im Auftrag der Volksversammlung, zum ´Versöhner mit diktatorischen Vollmachten.) keineswegs zurücknehmen, vielmehr eine staatliche Wirtschafts-, Sozial- und Kulturpolitik betreiben, wie sie die athenische Polis noch nicht gesehen habe.

 

Hermontes ereiferte sich mir gegenüber durchaus für solche Pläne.

Zwar sei alles, was Athen groß gemacht habe - seine wirtschaftliche Stärke auf den Märkten des ägäischen und levantinischen Raumes, sein Bauten und Feste, sein Theater und die Impulse für die eben einsetzenden Versuche wissenschaftlicher, statt mythologischer Welterklärung, die von hier ausgingen - die ureigene Leistung seiner großen Eupatriden-Geschlechter:

Die Umstellung der attischen Landwirtschaft auf einen weitgehend monokulturell betriebenen Oliven- und Weinbau, die alten, harten Schuldrechtsbestimmungen, die den großen Eupatridenfamilien den Hebel geboten hatten, ihren Grundbesitz den bestehenden Absatzbedingungen entsprechend zu vergrößern: das zusammen habe die Stadt überhaupt erst entscheidend vorangebracht. Denn erst diese Umstellungen hätten Gelder in wirklich zukunftsträchtigem Umfang hierher in den mittlerweile bedeutendsten Ort Mittelgriechenlands fließen lassen.

Aber natürlich sei das Leben vieler Zeitgenossen dadurch erst einmal schwieriger geworden, denn Feldbau und Viehzucht ließen sich andernorts fruchtbarer betreiben als in der griechischen Welt selbst. Die Preise für solche traditionellen Agrargüter seien auf den ägäischen Märkten niedrig.

Reichtümer ließen sich mit den überkommenen Landwirtschaftsweisen also nicht nach Athen holen.

Reich und blühend allerdings wollten schließlich alle Athener ihre Stadt sehen, deren Wachstum über die Jahrhunderte alle ohne Ausnahme mit ungeheurem Stolz erfülle.

Aber gerade ein solcher Reichtum habe selbstredend seinen Preis: wenn alle am Ende mehr haben wollten als bisher, gehe das nur über eine für viele schmerzhafte Umstrukturierung.

Das Leben vollziehe sich schließlich auf allen Gebieten als ein Wettstreit - ein agon -, erklärten mir die Beiden.

Ihn zu verlieren, sei immer schmerzlich - dort, wo es um die wirtschaftlichen Existenzgrundlagen des einzelnen gehe, vielleicht am meisten.

Aber ohne die Erfahrung von Sieg und Niederlage - davon seien sie, die Griechen, zutiefst überzeugt -, finde sich kein Mensch auf dieser Welt zurecht, könne begreifen, wer er sei und wozu imstande.

Nur aus den Folgen seines Handeln könne der Mensch ablesen lernen, wie es um ihn und die Welt, in der er sich vorfinde, bestellt sei, wie er also am besten seinem eigenen und dem Wesen der Welt gemäß (beide seien schließlich in ständiger Veränderung begriffen) leben, sprich: handeln könne.

Wenn in den letzten Jahrzehnten eine wachsende Zahl von überschuldeten Bauern darüber lamentiert hätte, daß das Wachstum Athens sie jeweils einzeln ins Elend getrieben habe, sei das zwar verständlich, aber noch kaum in geeignetes Mittel in Richtung der unerläßlichen Herausbildung neuer Lebensgrundlagen für diese Bürgerschaftsteile. Da habe es in allen Formen des Wettstreits wohlgeübter Männer aus den alten Eupatridengeschlechtern bedurft, um die für viele so schmerzlichen Gegenwartserfahrungen so auszuwerten, daß für alle neue Handlungsorientierungen entstünden.

Als Tyrannen hätten sie sich und ihren neuen Einsichten Geltung verschafft und am Ende nicht wenige Standesgenossen zu überzeugen gewußt.

Kampflos sei das freilich nie abgegangen. Kampflos werde das auch jetzt angesichts dessen, wozu dieser Peisistratos angetreten sei, nicht abgehen.

Er, Hermontes, könne für sich zwar nicht sagen, daß er die neue Tyrannis freien Herzens begrüße: zu viele von jenen altehrwürdigen Lebensformen, in denen er aufgewachsen sei, seien auch für ihn in den letzten Jahren zunehmend unkenntlich geworden. Der sich ausbreitende Lebensstil trage ihm persönlich viel zu viele emporkömmlerische Züge: Würde und Glanz würden nicht selten durch eine Protzigkeit ersetzt, die er nur schwer ertrage.

Auch lehne er eine Entwicklung entschieden ab, die - in Ansätzen von Tyrannen heute in Gang gesetzt - eines Tages vielleicht darin münde, daß Athen seine öffentlichen Anliegen nicht mehr unmittelbar aus den Taschen seiner ehrenamtlich für das Wohl ihres Gemeinwesens engagierten Bürger finanziere, sondern nur noch mittelbar über Steuern.

Bisher nämlich werde niemand, der in Athen ein politisches Amt innehabe, Kunst oder Wissenschaft betreibe, gar die verschiedenen religiösen Kulte am Leben halte (als Priester oder, indem er Feste ausrichte und Tempel bauen lasse), schließlich Kriegsdienst leiste, für irgendeine dieser Aktivitäten von der Gemeinschaft der Polisbürger irgendwie bezahlt!

Im Gegenteil: das Gemeinwesen Athens lebe - sehe man von den Einnahmen aus den staatlichen Silberbergwerken und den Zolleinnahmen einmal ab - von all denen, die fr es aus ihrer persönlichen Tasche alle öffentlich entstehenden Kosten aufwendeten.

Alle, die das Entscheidungsrecht darüber besäßen, was man nach innen und außen gemeinsam verwirklichen wolle, handhabten es in der Bereitschaft, das ihnen wirtschaftlich Mögliche zu den Folgekosten solcher Entscheidungen beizutragen.

Steuern hätten allenfalls die Ärmsten unter den Bürgerberechtigten zu zahlen - und das auch nur in Notzeiten. Mit der Steuerpflicht der Metöken verhalte es sich nicht wesentlich anders.

In diesem unmittelbaren Beteiligungssysestm habe die Einmaligkeit der griechischen Kultur ihre unverzichtbare Hauptwurzel.

Schnitte man sie eines Tages ab, um sie durch eines der sonst üblichen Steuer- oder Tribut-Systeme zu ersetzen, ginge unendlich viel von dem verloren, was das Griechentum von allem Anfang an ausgemacht habe.

Die allenthalben bestaunte, spielerische Leichtigkeit griechischer Lebens- und Kunstformen und deren gleichzeitige, nach unvergleichlichen Idealen strebende Erhabenheit wäre in einem solchen Fall zum Absterben verurteilt. Denn beides könne sich nur im freien Wettstreit materiell weit jenseits unmittelbarer Existenzsorgen angesiedelter Menschen herausbilden!

Solange jedoch gerade auch das athenische Staatsvolk stark und findig genug bleibe, eine seiner eigenen Zahlenstärke möglichst nahe kommende Zahl von Sklaven in seinem Besitz zu halten, was ja heißen mußte, sie durch Zukauf gemäß dem eigenen Bevölkerungswachstum unter Umständen regelmäßig zu erweitern, bestünde keine Gefahr für die wohl in der ganzen Mittelmeerwelt einmaligen Freiheitsgrundlagen seiner Kultur.

Nur dann auch bilde die Stadt jenen Anziehungspunkt für die sich in ihr auf Dauer ansiedelnden Metöken. Deren risikofreudige Erfolgsorientiertheit und deren Beziehungsreichtum wirke wie ein Schwungrad der athenischen Wirtschaft.

 

Dieser Peisistratos habe das wie wenige andere erkannt und hofiere die Metöken aus namentlich für die Handelsbeziehungen Athens wichtigen Herkunftsgebieten regelrecht, ohne freilich an ihrer politischen Nichtberechtigung auch nur ein Yota ändern zu wollen.

Er trete übrigens auf als einer, der die mittlerweile bestehenden politischen Einrichtungen der Stadt unangetastet lasse, aber namentlich seinen Standesgenossen in den politischen Vertretungs- und Verwaltungskörperschaften des athenischen Gemeinwesens Vorgaben mache - vom höchsten politischen Amt der Stadt, der Archontat, aus, das er selbst besetzt halte:

Darlehen für die verarmen Bergbauern und Hirten seien aufzubringen, habe er verkünden lassen.

Damit die Lebensverhältnisse in den gewerblichen Vierteln der Stadt entscheidend verbessert werden können, sei Geld für den Bau einer Wasserleitung bereitzustellen. Denn hier hause der weitenteils auf Tagelöhnertätigkeiten angewiesene Teil der Athener Bürgerberechtigten in meist zum Himmel stinkendem Unrat.

Peisistratos habe seine eupatridischen Standesgenossen, von denen man mittlerweile nur noch im Zusammenhang mit ihrer Wirtschaftskraft als von den Pediäern, den Großgrundbesitzern rede - traurig sei das! -, unmißverständlich wissen lassen, daß er sie nötigenfalls zwingen werde, für die Ärmeren unter den Bürgerberechtigten sozial und wirtschaftlich sichtlich etwas zu tun.

Ungeheuerlich sei das in den Augen so manches traditionsstolzen Zeitgenossen!

Genauso ungeheuerlich wie die List, mit deren Hilfe er sich ins Archontat aufgeschwungen habe: er habe nämlich sich selbst und sein Maultier verwundet, sei dann mit dem Wagen auf den Marktplatz von Athen gefahren und habe angegeben, er sei nur mit Mühe seinen Feinden entronnen, die ihn hätten umbringen wollen. Die dort gerade tagende Volksversammlung habe er gebeten, ihm eine Leibwache zu geben - ausgewählte Keulenträger. Mit ihrer Hilfe habe er dann die Akropolis, den Athener Burgberg, besetzt und sich zum Lenker der Staatsgeschäfte aufgeworfen.

Seither setze er auch im religiösen Bereich, der stets die Folie für alle politischen Erörterungen unter den Polisbewohnern abgebe, genau die Akzente, die seinen sozialpolitischen Zielen entsprächen: ein besseres Auskommen zwischen Küsten- und Hinterlandbewohnern mit ihren sehr unterschiedlichen Erwerbsgrundlagen.

So verfolge sein Tempelbau auf dem Athener Burgberg die Absicht, die Erinnerung an die heroischen Traditionen der großen Eupatridengeschlechter der Stadt wachzuhalten.

Die diesjährigen, in wenigen Wochen anstehenden Panathenäen-Spiele sollten demgegenüber einen um weniges verschobenen Akzent erhalten: sie sollten prächtiger denn je ausfallen. Darauf hatte er seine Standesgenossen zu verpflichten gesucht:

 

Zum Geburtstag der Stadtgöttin würden in Athen seit je sportliche und musische Wettspiele abgehalten, erklärten mir Hermontes und Aphrodite im Wechsel. Ihr, der jungfräulich einst dem Haupte des olympischen Göttervaters Zeus Entstiegenen, könnten die Ahener nicht genug huldigen. Gerüstet mit Helm, Speer und Schild sei sie ins Leben getreten, nachdem der Schmiedegtt Hephaistos Zeus im Streit den Schädel gespalten habe. (Seiner Unsterblichkeit wegen habe dem das nicht weiter geschadet.)

Den feierlichen Rahmen der alle vier Jahre zu Ehren Athenes abgehaltenen Panathenäen bilde eine große Prozession: bei Sonnenaufgang setze sich ein riesiger Festzug aus Beamten, Priestern, Kriegern, Musikanten und hunderten von Opfertieren in Bewegung. Sein Weg führe über den Markt, an den Rats- du Gerichtsgebäuden vorbei in Richtung der Eingangshalle der Akropolis. Sein Ziel: der Athene-Tempel auf dem Burgberg der Stadt. Dort würden Jungfrauen die Statue Athenes mit einem von ihnen gewobenen Gewand schmücken. Hunderte von Schafen, Kühen und anderen Opfertieren würden geschlachtet, ihr Fleisch gekocht oder gebraten und an der Festteilnehmer verteilt.

In der Erneuerung einer wohlgeordneten, festlich gestimmten Speise- und Lebensgemeinschaft liege die Wirkung dieses Festes.

In ihrer jungfräulichen Schutzgöttin verehre die Bürgergemeinde Athens (wie in allen griechischen Göttern) ein Wesen, das - fehlbar wie die Menschen - sich von diesen allein durch seine Unsterblichkeit und erhöhte Mächtigkeit unterscheide.

Athene helfe ihren Schutzbefohlenen raten, siegen und trauern.

Seine Gesetze als Grundlage seines immer von neuem zu schaffenden innneren Friedens verdanke der athensche Stadtstaat seiner Schutzgöttin im Ursprung ebenso wie die Erfindung von Webstuhl und Pflug.

Athenes olympischer Adel finde seinen Widerschein nicht zuletzt im Glanz der alten Eurpatridenordnung der Stadt.

 

Seit den von Hermontes bedingt geschätzten Reformen des Solon nun aber sei die Ausrichtung dieses Festes nicht mehr allein Sache der traditionsreichen Eupatridenfamilien.

Seither sei nur noch von Pediäern (=Großgrundbesitzern), Paralern (=Handel- und Gewerbetreibenden) und Diakriern (=Bauern und Hirten) die Rede. Die Ehre, das Fest auszurichten, falle nunmehr den reichsten Pediäern und Paralern gleichermaßen zu. Der äußere Glanz des Festes habe sich darüber gewandelt. Protzigkeit und Aufwand seien an die Stelle der althergebrachten würdigen Feierlichkeit getreten. Ein Jammer im Grunde! Obwohl Hermontes einräumte, daß der Handel und das Gewerbe der Stadt davon profitiert hätten.

Peisistratos habe nun nicht nur angeordnet, den Aufwand für das diesjährige Stadtfest zu erhöhen.

Er wolle noch ein zweites religiöses in den Rang eines möglichst noch umfassenderen Staatsfestes erheben: das Dionysos-Fest.

Dionysos sei der Gott der schwellenden Triebkraft der Natur, wie sie sich in Bäumen und besonders im Weinstock zeige, dessen erster Pflanzer er gewesen sei. Ursprünglich nur ein Heros, kein Gott - ein Sohn des Zeus und der thebanischen Königstochter Semele - habe er sich einst jedoch beim Kampf der Götter gegen die Giganten Verdienste erworben und sei dafür von seinem Vater Zeus in den Olymp, den griechischen Götterhimmel, aufgenommen worden.

Dieser alles andere als adelige Gott ziehe mit seinem von Wein begeisterten Gefolge, seinen Ammen und anderen Nymphen, Satyrn, Selenen und sonstigen Dämonen umher, um seinennKult und den Weinbau zu verbreiten.

Dieser Kult sei denkbar ausgelassen und münde häufig in regelrechte Orgien. Auch werde diesem Gott im Unterschied zu den alten Olympiern bei Nachtzeit gedient - von bis zur Raserei begeisterten Dienerinnen in Rehkalbfellen mit Efeu und Schlangen im Haar - unter Geschrei und rauschender Musik. Mancherrts würden die geschlachteten Opfertiere, Rehkälber, Böcke und Stiere, wild zerrissen, ihr Fleisch verschlängen die Feiernden roh.

 

Dem Kult dieses Emporkömmlings unter den Göttern wolle Peisistratos nun also einen neuen Rang verleihen:

Die Diakrier (=Bauern und Hirten), als deren Sachwalter er auftrete, sollten sich hier zusammen mit der Aufsteigergruppe innerhalb der atheneischen Bürgerschaft, mit den Paralern (=Handel- und Gewerbetreibenden) also und den Pediäern (=den alten und neuen Großgrundbesitzern) als eine Festgemeinde von Bürgern begreifen lernen, die es verstünden, das Wachstum zu feiern - ausgelassen, vielgestaltig, dialogisch.

Gesang und Antwortgesang (sogenannte Dithyramben) konnten und sollten nach des Peisistratos Ansicht hier auf intensivere Weise als bisher gepflegt, Meinungsbildung in Gang gesetzt werden.

Denn etwas hochgradig Spannendes sei da in den Kultformen der Dionysos-Verehrung seit einiger Zeit im Entstehen, das Peisistratos nun dem politischen Leben Athens zunutze machen wolle: das Theater mit all den Wirkungen, die von dieser bewegenden, menschliches Handeln unmittelbar vorführenden Kunstform ausgehen könnten.

 

Mein Gastgeber, ein auf seine Bildung mehr als stolzer Binnenlandadeliger mit regelmäßigem Aufenthalt in Athen, ist regelrecht begeistert von diesem kulturpolitischen Schachzug des jüngsten Athener Tyrannen.

 

 

Was ich Dir hier wiederzugeben versucht habe, fasziniert und befremdet mich zugleich.

Diese Lust am öffentlichen Streit um Fragen der Politik und des Staatswesens! Diese Vorstellung, daß der Mensch erst dann wirklich Mensch sei, wenn er allen unmittelbaren Arbeitszwang hinter sich gelassen habe und sich stattdessen in heißem Wettstreit mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftige!

Du solltest es einmal erleben, wenn die Männer Athens ihre Alltagsbeschäftigungen liegen lassen, um 4 mal im Jahr zur Volksversammlung auf dem Markt der Stadt, der Agora, einem halbkreisförmigen Platz , zusammmenzuströmen:

Stolzen Blickes, wild gestikulierend, nach Mitstreitern oder Gegnern Ausschau haltend, kommen selbst diejenigen daher, deren Erwerbsgrundlage zu dürftig ist, als daß sie ein politisches Amt bekleiden könnten oder dürften. Unruhe, die manchmal so groß wird, daß das Stimmengewirr auf dem Platz fast zu explodieren scheint, wechseln mit einer ganz selbstverständlichen Stille, die sich augenblicklich über die Versammlung legt, sobald einer der angesehenen Männer der Stadt das Wort ergreift.

Die Athener sind ein staunenswert redeversessenes Volk. Stundenlang harren sie aus, begierig auf jede Gelegenheit zu Beifalls- oder Mißfallenskundgebungen - und immer voller Anerkennung für den, der mit der geschliffensten Rede oder Gegenrede aufzuwarten hat. Kunstvoll muß sie sein, spielerisch und leidenschaftlich. Ohne ausgiebige Rededuelle wird hier kein Beamter gewählt, kein Rechenschaftsbericht irgendwelcher Amtsträger entgegengenommen, kein Gesetz verabschiedet oder irgendein Vorhaben auf den Weg gebracht.

Diese Griechen verführen gern und lassen sich gern verführen. Die nüchterne und weitsichtige Abwägung des Zuträglichen und Weltordnungsgerechten seitens lebenslang in ihren Führungspflichten stehender Staatslenker haben sie offenbar ganz bewußt eingetauscht gegen eine öffentliche Entscheidungsfindung unter vielen, die mittels ihrer ein großes Stück ihrer Persönlichkeit entfalten und die Staatsgeschäfte zu einer allezeit für alle spannenden Sache werden lassen.

 

Auch den Gerichtsstreit lieben diese Athener offenbar in einem für einen Ägypter wie mich ganz unvorstellbaren Maße:

Sie unterhalten ein Geschworenengericht (Heliäa) nennen sie es) aus, sage und schreibe, 5000 jährlich neu durch Los bestellten Mitgliedern für ihre ganz gewöhnlichen Streitsachen!

Was hier als Recht und Gesetz gilt, wächst also von Tag zu Tag weiter und neu als die Frucht unzähliger Erörterungen zwischen allen bürgerberechtigten Männern.

Einen derartigen Verzicht auf gut eingearbeitete Fachleute kann sich, wie mir scheint, nur ein sehr reiches Gemeinwesen leisten. - Auch scheint es mir ungeheuer kraftaufwendig, die Ordnung, in der man lebt, durch ständige Erörterung im Fluß halten zu wollen, wie diese Athener das offenbar anstreben.

 

Der Aufwand, den die Athener da betreiben, mag aber damit zusammenhängen, daß die Götter, die die Griechen kennen, das Geschenk einer sich über Jahrtausende bewährenden Herrschaftsordnung nicht in Händen halten, um es an die Menschen weiterzugeben - wie das einst ja unsere ägyptischen Götter getan haben.

Immer sind es nur begrenzte Gaben, die sie den Menschen zuwenden oder rauben, meistenteils aber vieldeutige Botschaften, deren Entschlüsselung mehr noch als eines geschliffenen Geistes der Tatkraft des betroffenen einzelnen oder auch der Gemeinschaft bedarf. Denn nur das Handeln lehre das Begreifen - davon sind diese Griechen zutiefst überzeugt.

 

 

Im Anfang steht für die Griechen kein weltenschöpfender Gott, wie ich mir jüngst anläßlich eines Besuches in Delphi, der wichtigsten Orakelstätte der Griechen, habe erklären lassen, sondern Gäa, die Mutter Erde, die sich mit Uranus, dem Himmel vermählt habe, um alles Leben hervorzubringen - das der Götter wie das der Menschen, Tiere und Pflanzen. Alle zusammen leben in der Welt.

 

Der Agon - ein nicht zuletzt auch kämpferisch-wettstreitender Umgang miteinander, als dessen Krone dem Menschen vereinzelt ebenfalls die Vergöttlichung winkt, also Unsterblichkeit und eine erhöhte Mächtigkeit - kennzeichnet nicht nur das Verhältnis, in dem sich die Griechen untereinander sehen, sondern auch jenes, das sie mit ihren Göttern verbindet.

Die göttliche ist die höchste Lebensform auf der Erde. Als solche verdient sie Verehrung. Sie bildet so etwas wie einen idealen Ziel- und Reibepunkt für das Leben der Menschen, ist aber nicht weniger irrtumsanfällig als die menschliche.

 

Stirbt ein Grieche, so wird er in weiße Gewänder gekleidet und aufgebahrt. Am nächsten Tag schon wird er mit einer Prozession, zu der Musikanten und Klageweiber gehören, zu Grabe getragen. Speiseopfer und persönlicher Besitz kommen mit in das Grab, in dem entweder der Leichnam oder seine Asche beigesetzt werden. Noch lange bringen die Angehörigen Opfergaben ans Grab. Versäumen sie es, den Toten auf diese Weise zu ehren, laden sie Unheil auf sich, weil sie die heilige Ordnung des Seins beflecken, wenn sie derer nicht mehr gedenken, deren Existenz sie ihr eigenes Leben verdanken.

 

Die Gräber liegen stets am Rande der Stadt.

Den Tod fassen die Griechen nicht so sehr als Schwelle zu einer jenseitigenExistenzform auf, die ihr diesseitiges Leben an Bedeutung sogar noch überträfe, sondern vor allem als Grenze des Lebens.

Das Danach ist, verglichen mit dem unmittelbaren Leben, kaum mehr als eine eher als trostlos vorgestellte Schattenwelt. Glanzvolle Unsterblichkeit, wie die Götter sie genießen, gewährt diese dem gewöhnlichen Sterblichen nicht, allenfalls einen schwachen Widerschein jenes Elysiums, das Zeus den Heroen unter ihnen bereithält.

 

 

Einer Deiner hiesigen Amtskollegen, der Zeus-Priester Philoktet, ein guter Freund meines Athener Gastgebers Hermontes hatte mich erst vor wenigen Tagen zu dem erwähnten Besuch Delphis eingeladen. Wer hierzulande als Priester oder Priesterin die tradierten Kultdienste zu Ehren einzelner der vielen menschengestaltigen griechischen Götter oder Göttinen verrichtet, genießt zwar Ansehen, aber keinen gesonderten Einfluß. Eine Priesterschaft mit so selbständiger politischer Bedeutung wie bei uns in Ägypten gibt es hier nicht auch nur entfernt.

In allen Häusern gibt es Ältäre, an denen zu Ehren der Götter Weihrauch verbrannt und Speisen geopfert werden. Hier betet man zu dem Gott, von dem man sich gerade Hilfe verspricht.

 

 

Einzelne Kultstätten wie dieses Delphi, das ganz Griechenland in seinen Bann zieht, weil der einzelne hier wie nirgends sonst Entscheidungshilfen für irgendein wichtiges Vorhaben (eine Schlacht, Koloniegründung, Gesetz, Heirat....) zu gewinnen hofft - oder einen Rat, wie er Entlastung von persönlicher Schuld etwa erringen könne, erwerben zwar großen Reichtum, aber so etwas wie die neben der pharaonischen zweitstärkste Wirtschaftsmacht im Lande stellen sie hier in keiner Weise dar.

 

 

Die terassenförmige Anlage der delphischen Kultstätte, die sich vor unseren Augen ausbreitete, macht schon auf den ersten Blick die ganz eigene Rolle, die die Religion hierzulande spielt, deutlich: Über einem Appollon-Tempel, an den sich Hallen, Schatzhäuser und ein Stadion schließen, erhebt sich ein halbkreisförmiges Theater.

Religion und menschliches Handeln in sportlichem und musischem Wettkampf sind hier also auf eine wohl nirgends sonst in unserer Mittelmeerwelt anzutreffende Weise verknüpft.

 

Im Weissagungsraum liegt ein aufgewölbter Stein: der Erdnabel. Er bedeckt das Grabmal des Schlangensohnes Python, dessen Mutter die Erde war. Appollon erschlug ihn einst mit der Keule.

Der Orakelbefrager entrichtet eine Gebühr und schlachtet am Altar ein Opertier, das zittern muß.

Die Seherpriesterin, Pythia genannt, hat sich im hellen Quellwasser gereinigt. Auf einem Dreifuß sitzend, atmet sie Dämpfe ein, die aus der Tiefe steigen, kaut Blätter vom heiligen Lorbeerbaum und stößt in Verzückung Worte aus, die ein Priester niederschreibt, deutet und dem Fragesteller aushändigt. Als ihre berühmtesten Orakelsprüche gelten hierzulande die beiden Aufforderungen: "Erkenne Dich selbst!" (Metanoeite!) und "Nichts im Übermaß!".

 

Delphi gilt als die wichtigste Begegnungsstätte vieler Griechen und Ausländer. Nirgends findet ein intensiverer Informationsaustausch statt. Gerade die eigentümliche Zweideutigkeit der hier zu erhaltenden Orakelsprüche regt die mit so viel Ausdauer betriebene Beratungskultur dieser Griechen offenbar immer von neuem an.

Also sammeln und verwalten Kultstätten wie diese nicht wie bei uns arbeitsteilig mit dem Rest der Gesellschaft das Wissen, über das dieses Volk verfügt. Sie tragen allerdings zu dessen Verbreitung bei.

 

 

 

Für diese Griechen scheint überhaupt erst ein gebildeter Mensch ein richtiger Mensch zu sein.

Hier kann, wie Philoktet mir versichert hat, eine stetig wachsende Zahl von Bürgern nicht nur schreiben,lesen und rechnen, überduchschnittlich viele haben bereits als Kinder Unterricht in Muik, Dicht- sowie Redekunst und Sport.

Für seine Bildung muß jeder selbst aufkommen - ein öffentlich gestiftetes Schulwesen gibt es nicht. Oft sind gebildete Sklaven, die hierzulande sehr begehrt sind, als persönliche Lehrer der Söhne ihrer reicheren Herren eingesetzt. Für die weniger reichen Bürgersöhne gibt es gebührenerhebende Schulen mit bezahlten Lehrern.

Bildung bedeutet hier eine Verfeinerung der Kräfte und Gaben des einzelnen. Bildung verschafft Einfluß. Bildung ist das Salz des politischen Systems mit seiner leidenschaftlichen Beratungskultur.

Damit ist sie vor allem Sache der Männer - und unter ihnen derer, die sie sich leisten können -, deren Aufgabenfeld alles Öffentliche ist - zum Schutz jenes häuslichen Lebens, dessen umfängliche Organisation den Frauen obliegt.

 

 

Die meisten Häuser sind im Viereck um einen offenen Hof herum gebaut und in der Regel zweistöckig. Schatten spenden hier zumeist herrliche große Oleanderbüsche. Hier läßt sich vortrefflich ruhen oder plaudern, und Gäste sind immer willkommen. Ein eigener Brunnen erspart in den Innenhöfen der reichen Athener den anstrengenden und zeitraubenden Gang zum nächsten öffentlichen Brunnen.

Hausherr und Hausherrinnen haben gemäß ihren unterschiedlichen Aufgabenfeldern, wann immer ihr Einkommen und ihre gesellschaftliche Stellung ihnen dergleichen möglich machen und es erfordern, getrennte Räume.

Die Hauptmahlzeit, das abendliche Symposion, ist nicht selten ein äußerst geselliges Ereignis. Während sich die einfachen Leute überwiegend vegetarisch ernähren, also von Gerstenbrei, Hülsenfrüchten, Brot, Käse, Knoblauch und Zwiebeln, seltener auch von gegrillten Sardinen und kleinen Fleischspießchen, finden sich wie überall auf den Tischen der Reicheren nicht nur die edelsten und verschiedenartigsten Gemüse, sondern auch edle Fische, Fleisch und Muscheln sowie reichhaltige Nachtische, meist Honigkuchen, frische Früchte und Konfitüre.

 

 

Hermontes und Aphrodite haben 5 halbwüchsige Kinder, einen sklavenreichen Haushalt und einen Freundes- und Bekanntenkreis, für den sie deutlich mehr Zeit erübrigen, als das unter Ägyptern üblich ist.

 

Die vielen abendlichen Geselligkeiten, zu denen ich als treu umsorgter Gast der beiden Zutritt hatte, haben schon dadurch eine ganz andere Prägung als der gesellschaftliche Umgang, den wir Ägypter der Oberschicht miteinander pflegen, daß da selten vorwiegend Athener zusammenkommen:

Die vielgstaltige griechische Poliswelt mit dem weitgespannten und sehr eng geknüpften Netz von Handels- und Kulturbeziehungen, auch kriegerischen Auseinandersetzungen, die zwischen ihnen bestehen, spült ständig Griechen aus den verschiedensten Gegenden des gesamten Mittelmeerraumes an die Gestade einer jeden dieser Poleis.

Die offenbar in den letzten 100 Jahren sichtlich gewachsene Bedeutung Athens im kulturellen Gefüge dieser Poliswelt macht die Stadt überdies zu einem bevorzugten Anziehungspunkt für jene Griechen, die aus dem ägäischen Raum zu der großen Zahl überregionaler Spiele auf dem griechischen Festland herbeiströmen und es nicht versäumen wollen, hier Station zu machen.

Anekdoten aus aller Herren Länder schwirren durch den Raum, um widersprüchliche Interessen und Intrigenspiele wird manchmal hitzig gestritten, Besuche werden verabredet, Stilfragen und Ideen debattiert - alles irgendwie Ungewöhnliche und Großartige findet ein reges Interesse.

Es mögen in all den Wochen meines hiesigen Aufenthaltes mehr als 3 Dutzend Politen (Bürger) aus den Griechenstädten rund um das Mittelmeer gewesen sein, auf die ich an solchen Abenden gestoßen bin.

 

Vor 3 Wochen erst ist beispielsweise der Mileter Vetter Aphrodites, Phidias, der Sohn meines Salamiser Bekannten Phästos (jenes Mileters, der in nächster Zeit seine Kaufmannsgeschäfte zugunsten der Politik ganz aufgeben will) auf seinem Weg zu den diesjährigen olympischen Spielen, die alle 4 Jahre auf der Peloponnes stattfinden, hier auf 2 Tage vorbeigekommen.

Zum Ruhme seiner Vaterstadt will er schon zum 2.Male an den diesjährigen Spielen teilnehmen. Er hat eine streng beaufsichtigte 4-wöchige Trainingszeit in Olympia vor sich, bevor er sich als Athlet in den dortigen Wettkämpfen beweisen kann.

In 1 Woche werden wir anderen hier zu diesen Spielen aufbrechen.

 

Nikotris ist wieder einmal verliebt: Anders als bei den großartigen Panathenäen vor wenigen Wochen werden diese olympischen Spiele für sie nicht nur ein einigermaßen fremdes, wenn auch außerordentlich faszinierendes Schauspiel sein - jetzt kann sie richtig mitfiebern.

 

 

Dich, lieber Snofrunefer, grüße ich einstweilen von Herzen.

Nirgends auf meiner nun schon fast einjährigen Reise sind soviele Eindrücke auf mich eingestürmt wie hier. Meine Weiterreise habe ich deshalb merhfach aufgeschoben.

So hell und landschaftlich wie kulturell vielgestaltig ist mir das Leben noch nie erschienen wie hier!

Die Menschen hier blicken mit einer Forschheit in die Welt, die auf mich einen ganz eigenen Reiz ausübt. Ich möchte hier gewiß nicht dauerhaft leben. Dazu irritiert das unverkennbare Abenteurertum dieser Griechen meine auf den gemächlichen Wechsel des immer Gleichen eingerichtete ägyptische Seele viel zu sehr. Aber losreißen ann ich mich nur schwer.

 

Wir werden viel zu bereden haben, wenn ich in einigen Monaten meine Schritte wiede heimwärts gelenkt haben werde.

 

Bis dahin nimm sie an meiner Statt getreulich auch weiterhin für mich wahr, meine Pflichten unseren um so vieles heiligeren ägyptischen Göttern gegenüber, als sie mir in diesen griechischen Göttergestalten entgegentreten!

 

 

Dein Hesi