1.5.a-MITTELMEERRAUM um 560 v.chr.
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1.5.b7-fiktiver reisebrief aus athen an kaufmann endokles in naukratis
1.5.b6 fiktiver reisebrief:
´REISENDER ÄGYPTER HESI´AUS KITION AN KAUFMANN ENDOKLES IN NAUKRATIS
Endokles ist ein naukratischer Kaufmann, den Hesi von seiner Saiser Beamtentätigkeit her kennt.
Kition, den 16.3. 560
Mein lieber Endokles,
Ich verschnaufe derzeit ein wenig hier in Kition (dem späteren Larnaka) bei meinem Sohn Hori und seiner kleinen, aber quicklebendigen Familie. Mein Enkel Schepsi wächst schon heran und geht seinem Vater mit seinen 11 Jahren bereits so manches Mal kräftig zur Hand. Kauf mann will er werden wie dieser. Er und meine Enkelin Nikotris, die mich auf meiner Fahrt ja, wie Du weißt, begleitet, haben sofort ihr Herz füreinander entdeckt. Der Kleine schleppt seine fünf Jahre ältere Cousine auf jedes Schiff, das die väterlichen Waren lädt oder löscht, und macht sie mit seinen zahllosen großen und kleinen Freunden im lauten und bunten Hafenviertel der Stadt bekannt.
Jenseits des Stadtrandes präsentiert sich Deine Heimat in diesen Frühjahrsmonaten als ein einziger, betörend duftiger Blütenteppich. Was Wunder, daß man hier auf Schritt und Tritt Bienenstöcke antrifft. Meine Schwiegertochter Teja hat sich hier zu einer begeisterten und unermüdlichen Spaziergängerin und Ausflüglerin entwickelt - und ich lasse mich oft und oft von ihrer Unternehmungslust anstecken. Nicht selten sind wir tagelang mit Maultieren unterwegs ins Landesinnere: eine breite kamel- und ziegenbeweidete Ebene zwischen dem nördlichen und dem südlichen Gebirgszug entlang den Küstenregionen - Du kennst sie sicher.
Gänzlich anders als im iranischen Hochland spielen Pferde auf dieser Insel zu meinem Erstaunen nur eine verschwindend geringe Rolle. Man verläßt sich fast ganz auf Maultier und Esel. Und Rinder werden hier ausschließlich als Zugtiere gehalten. Schwein und Lamm sind dagegen die Hauptfleischliferanten, wie Du selbstredend weißt.
Die einst reichen Nadelholzwaldungen, vielfach in Form ausgedehnter, ihres Nutz- und Bauholzwertes wegen besonders geschätzter Zypressenwälder, hätten im Laufe der Zeit immer stärker anderen Nutzungsinteressen weichen müssen, erklärte mir Teja: der Weinbau sei hier bis zu 1000 Meter Höhe möglich, der Zyperwein weithin begehrt. Auch der Ölbau breite sich immer mehr aus. Nicht unerhebliche Johannisbrotbaum-Plantagen kämen hinzu.
Namentlich aber die des besonders weichen Leders wegen immer ausgedehntere Ziegenhaltung sorge für einen stetigen Rückgang des Nadelbaumbestandes: die Natur komme gegen die enormen Verbißschäden einfach nicht an. Infolge der kahler werdenden Berghänge trockneten die kleineren Flüsse in den heißen Sommern hier zunehmend aus - vielerorts sei man bereits zum Bau künstlicher Bewässerungsanlagen übergegangen. - Habt Ihr Griechen und Phöniker Euch über diese Folgen Eures Wirtschaftens auf dieser Insel denn noch nie ernsthafte Gedanken gemacht? Wir Ägypter - will mir scheinen - haben einen ehrfürchtigeren Sinn für die Geschenke der Natur als dieses stadtstaatlich organiosierte Kolonistenvolk, das Zypern seine Prägung gibt!
Auch ein paar der uralten Kupferminen der Insel haben wir auf unseren Streifzügen besichtigt. Zur Zeit des Hethiterreiches, so erzählten mir die heutigen Grubenbesitzer voller Stolz auf ihr historisches Wissen - im 17. Vorchristlichen Jahrhundert also - habe es schon umfangreiche Kupferlieferungen an ägyptische Pharaonen mit dem seltsamen Namen Amenophis gegeben.
Die gegenwärtig von Pharao Amasis durchgesetzte Tributpflicht der Insel an Ägypten ´schmeckt´ ihren heutigen, halb griechischen, halb phönizischen Einwohnern, verglichen mit diesen alten Handelsbeziehungen naturgemäß um vieles weniger.
Aber ihre Reserviertheit ihren neuen ägyptischen Oberherren gegenüber hält sich offenbar in Grenzen. Sie kennen solche Oberherren seit rund 150 Jahren: Erst seien es die Assyrer gewesen, dann die Tyrener, jetzt eben die Ägypter. Andere würden wohl folgen, betrachte man sich das Gerangel um die Seeherrschaft im gesamten Mittelmeerraum seit dieser Zeit.
Seit Griechen und Phöniker an allen Küstenstreifen dieses Binnenmeeres Kolonien, also selbständige, wirtschaftskräftige Tochterstädte gegründet hätten, sei hier ein Wirtschaftsraum von großer Dynamik und Sogkraft entstanden. Er verändere sich ständig.
Im Augenblick sei er durch ein quirliges Geflecht von Stadtstaaten-Beziehungen geprägt. Griechen und Phöniker hätten ungefähr gleich große Einflußzonen errungen. Ob die Ägypter da auf Dauer mitmischen könnten, sei durchaus zweifelhaft.
Sollten einzelne Mittelmeerregionen eines Tages die Kraft entwickeln, zu Zentren großräumigerer Wirtschaftsgebiete aufzusteigen, als die durch die heutigen Stadtstaaten-Territorien gegeben seien, oder sollten gar neue Eroberer auf den Plan treten: dann erhalte dieser Großwirtschaftsraum ein völlig verändertes Gesicht. Dann werde auch Zypern vermutlich neue Herren erhalten, Herren, die Reichsherrschaften zu errichten verstehen würden - anstelle eines lockeren Beziehungsgeflechts von in ihre Selbständigkeit vernarrten Stadtkulturen.
Ich weiß nicht, ob Du, Endokles, der stolze Grieche und überzeugte Polisbürger, derartigen Zukunftsvisionen, wie sie einzelne in Dseiner alten Heimat ganz offenbar mit sich herumtragen, beipflichten würdest. Wir beide haben über solche Fragen bislang nie gesprochen, hatten wohl auch noch nie so recht Anlaß dazu.
Wohin immer ich kam jedoch - überall ist mir wieder und wieder eines begegnet: ob in Babylon oder Ekbatana, im Eulassos-Gebirge oder in Samaria und nun auch hier auf Zypern - erwarten die Menschen offenbar allenthalben wichtige Veränderungen ihrer bisherigen Lebenswelt. Wachen Augen verfolgen sie Wachstum und Rückgang in der sie umgebenden Natur eher weniger noch als im Kulturgefüge ihrer Region. Jeder Fremde, der ihren diesbezüglichen Spekulationen neue Nahrung verschaffen kann, ist ihnen willkommen.
In Ägypten spekuliert kaum jemand mit vergleichbarer Lust wie die Menschen, die ich allenthalben in den vergangenen acht Monaten getroffen habe, über einen unter Umständen anstehenden Wandel jener Welt, der alle Völker des Mittelmeerraumes auf die eine oder andere Weise zugehören.
Die Welt der unseren Kulturkreis bislang dominierenden Stadtstaaten habe ich nun endlich ein wenig genauer kennenzulernen begonnen. Ihr Naukratiker seid ja erst noch im Aufbau.
Das eigentlich phönikische Kition, in dem mein Sohn nun lebt, hat einen deutlich anderen Charakter als Euer ägyptisches Naukratis, wie mir scheint.
Phönikisches Handelsherrentum hatte ich freilich nicht erst hier anzutreffen Gelegenheit: Mein Reiseweg hatte mich von Samaria aus kommend über Tyros, die bedeutendste der phönikischen Städte im Stammland dieses Volkes in der südlichen Levante geführt. Hieman, ein guter Bekannter meines Samaritaner Gastgebers Ruben, hatte mich in sein Haus geladen und sich viel Zeit genommen, mir vorzuführen und zu erklären, wie sich das Leben in einem phönikischen Stadtstaat gestaltet: Da gebe es einen auf engem Raum errichteten städtischen Kern mit Herrschaft über ein mit Maßen agrarisch und bergbautechnisch genutztes, begrenztes Hinterland. In Tyros sei dieser Kern besonders beeindruckend ausgefallen: Zwei dem Festland vorgelagerte, flache Felseninseln seien durch Aufschüttung miteinander verbunden und mit einer technisch außerordentlich versierten Hafen- und Trinkwasser-Anlage versehen worden. Nur rund 4 km Durchmesser besitze das künstliche Doppelinsel-Gebiet - deshalb verfüge es über eine beeindruckend hochstöckige Bebauung mit Häuserzeilen von 5-6stöckigen Gebäuden.
Traditionell sei hier die Königsherrschaft, gestützt auf eine Handelsaristokratie (=Gruppe der angesehensten, politisch bevorrechteten Handelsherren), die den Ältestenrat (=Senat) des Gemeinwesens bilde und über ihn entscheidenden Einfluß auf die Regierungsgeschäfte nehme.
Die Masse der semitischen Bevölkerung sei in Handwerk und Handel. nur eine fast unbedeutende Minderheit in der Landwirtschaft beschäftigt und besitze kein Mitbestimmungsrecht. Eine nicht unbedeutende Zahl von Sklaven ergänze die Wirtschaftskraft der Bevölkerung - die stärksten von ihnen als Galeeren-Ruderer und Bergleute eingesetzt.
Diese Bevölkerung erhalte übrigens ständig Zuzug aus dem arabischen Raum, was das Drängen der südlevantinischen Küstenstädte nach immer neuen Koloniegründungen im gesamten Mittelmeerraum erkläre.
Hier in Kition finde ich die gleiche Struktur (=Aufbau) vor.
Das benachbarte Salamis, ca. 80 km weiter östlich, in das meine unternehmungslustige Teja mich zu einem Einkaufsbummel einlud, dagegen ist, wie Du vermutlich weißt, obwohl Du aus dem nordwestlichen Pathos stammst, nicht phönikisch, sondern griechisch geprägt: Eine Handelsaristokratie vergleichbarer Bedeutung wie in den phönikischen Stadtstaaten gibt es hier nicht, wie ich bald in Erfahrung bringen konnte. Wohl aber einen grundbesitzenden Adel, der als Führer ganzer Geschlechterverbände auftritt und in diesem Fall sogar noch einen König über sich duldet, was in den meisten griechischen Poleis heute nicht mehr der Fall sein soll. Diese Adligen an der Spitze der von ihnen geführten Geschlechterverbände verstehen sich als die mit deutlichem Vorrang bürgerberechtigten Polis-Gründer.
Den für den Wohlstand dieser größten Stadt Zyperns selbstredend außerordentlich wichtigen Handel betreiben die griechischen Adeligen in der Regel nicht selbst.
Schon zu Zeiten der Koloniegründung mit zugewanderte Kaufleute und Gewerbetreibende, häufig ohne nähere Bindung an die traditionellen Geschlechterverbände, sowie findige Bauernsprößlinge, die aus eigener Kraft klein zu beginnen wagen, und Handwerker aus dem Schiffsbaugewerbe, die ihre Ersparnisse voller Risikofreude einsetzen, tragen das Handelsgeschäft zusammen mit den eingesessenen Händlerfamilien kleineren oder größeren Zuschnitts. Ein direktes Mitspracherecht gleich dem der adelsgeführten Geschlechterverbände besitzt keiner von ihnen, wie reich er immer über seinen Unternehmungen auch geworden sein mag.
Ergebnis: Anders als in Tyros herrscht hier eine wachsende politische Unzufriedenheit!
Grundbesitz- und Handelsinteressen befänden sich in einem zu unausgewogenen Verhältnis, erläutert man mir hier. Das Bürgerrecht müsse ander5s gefaßt werden: ertragsabhängig. Wer über einen Besitz - gleich welcher Art - verfüge, der Erträge in Naturalien- oder in Geldform liefere, müsse mitbestimmen dürfen in den politischen Vertretungskörperschaften des Gemeinwesens, namentlich in der Volksversammlung. Der Zugang zu den politischen Ämtern müsse erweitert werden, faßte mir Teja die gegenwärtige politische Diskussion in Salamis zusammen.
Ich weiß im Augenblick gar nicht so recht, wie Ihr das derzeit in Naukratis geregelt habt. Vielleicht seid ja auch Ihr dabei, einer größeren Zahl von wirtschaftlich wichtigen Bürgern politische Rechte zuzubilligen?
Mir als Ägypter erscheint dergleichen freilich nach wie vor sehr fremd. Mir leuchten die verschiedenen Formen von Bürgerstolz, die das Leben in den phönikischen und griechischen Stadtstaaten, wenn auch gewiß mit unterschiedlicher Färbung, prägen, nur sehr bedingt ein!
Unsere ägyptischen Kaufleute waren und sind erfolgreich wie ihre Konkurrenten, sobald das Kräftespiel der Kulturen des Mittelmeerraumes ihnen dazu nur irgendeinen Spielraum bot. Was also soll eine derart kleinkariert selbstbezogene Stadtstaatenwelt? Ein Flickenteppich aus kleinen Wirtschaftszentren, deren Beziehungen untereinander niemand ordnet?
Bekannter als Griechen und Phönizier war mir ja wohl kein Menschenschlag auf meiner bisherigen Reise. Mit den einen pflegen wir jahrhundertelange Handelsbeziehungen. Mit Euch Griechen haben wir gerade in den zurückliegenden Jahren freundschaftliche Beziehungen zu knüpfen begonnen.
Das Fremdheitsgefühl, das mich nun in den ersten Vertretern jener Stadtstaatenwelt, in der diese beiden Völker sich bewegen, beschleicht, verwirrt mich deshalb im Augenblick noch einigermaßen.
Vielleicht war ich ja auch nur etwas viel mit Teja unterwegs, statt für Horis Geschäftspartnerschaft mit Hiemons Sohn Mago ein ausreichendes Auge zu haben.
Mago nämlich ist, wie sein Vater in Tyros, hier in Kition Senatsmitglied. Häufig beeinträchtigen Konflikte mit den griechischen Poleis der Nachbarschaft die Handelswege, die Kition wieder und wieder in den ägäischen Raum hinein suche, erklärte mir Hori. Zwischen ausgefuchster Vertragspolitik und bewaffneter Auseinandersetzung betreibe man hier deshalb eine ständige außenpolitische Gratwanderung.
Die Familie Magos mit ihrem tyrenischen Zentrum um das Handelshaus Hiemons bemühe sich seit Jahrzehnten um die größten Handeslanteile auf der Route: Susa Tyros Kition Milet. Letzteres bilde den größten Warenumschlagsplatz der nordlevantinischen Region. Wie Tyros sich das letzte Mal, erfolgreich im übrigen, 573 v.Chr. gegen eine Einnahme der Stadt durch die Babylonier zu wehren gehabt habe, wisse sich Milet seit Jahrhunderten erfolgreich gegen die Herrschaftsansprüche der benachbarten Phryger zunächst, heute der Lyder, zur Wehr zu setzen. Deren Hauptstadt Sardes sei einer der bedeutendsten Nachfrager auf dem miletischen Markt.
Milet - eine griechische, keine phönikische Gründung - gehöre zu den faszinierendsten und gewinnträchtigsten Strädten der östlichen Ägäis. Hier Einlaß zu finden, verlange für Phöniker viel Fingerspitzengefühl und Kühnheit:
Hiemon habe den jüngsten seiner Söhne deshalb ganz bewußt einst in Salamis bei einem ihm befreundeten griechischen Kaufmann namens Heronios in die Lehre gegeben. Magos Brüdern habe er frühzeitig das babylonische, einem von ihnen, Luli, sogar das persische Geschäft zugedacht. Wie Mago genössen sie mittlerweile die volle Anerkennung ihres Vaters. Luli sei in den letzten Jahren sogar besonders erfolgreich gewesen. Ein persischer Kaufmann namens Terteios sei sein Hauptgeschäftspartner im einst elamitischen Susa, im südöstlichen Zweistromland.
Über dem ihm in den Jahren seiner Lehrzeit zum väterlichen Freund gewordenen Heronios habe Mago - wie von Hiemon erhofft - zahllose Kaufleute aus der griechischen Welt kennen gelernt. Ganz gemäß der vom Vater entwickelten Handelsstrategie habe er besonderen Kontakt zu einem der gestandensten Mileter Kaufleute gesucht, die mit dem Haus des Heronios in ausgedehnten Geschäftsbveziehungen gestanden hätten: zu Phästos, einem der reichsten Mileter Bürger.
Mein Sohn, den mittlerweile eine jahrelange Freundschaft mit Mago verbindet hat sich wie dieser dem Handel vor allem mit Milet verschrieben. Oft ist er als Ägypter in der griechischen Welt geduldeter als sein phönizischer Partner. Dann übernimmt er die nicht selten gemeinsam finanzierten Handelsexpeditionen.
Mago freilich scheut keinen Konflikt, schreckt nicht einmal vor regelrechten Handelskriegen mit einzelnen seiner griechischen Konkurrenten zurück. Hori meidet dergleichen, wo er kann.
Da gibt es offenbar nicht selten erhebliche Spannungen zwischen den beiden.
Magos Frau Europe und unsere Teja können nur wenig miteinander anfangen:
Der wache Blick Tejas für die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustände auf der Insel findet bei Europe keinerlei Interesse. Sie geht ganz im Gesellschaftsleben von Kition auf. Alles läßt sie stehen und liegen, wenn es um Kleider, Festlichkeiten und den neuesten Gesellschaftsklatsch geht.
Teja dagegen hat viel darüber nachgedacht, wie die Bauern, die Handwerker, die Ruderer und die Löschmannschaften in den Hafenvierteln hier leben:
Nirgends gebe es eine staatliche Aufsiucht wie in unserem altehrwürdigen Ägypten! Kein Stadtoberhaupt verstehe sich wie der ägyptische Pharao als Nährer der Bürgergemeinde oder gar als der für deren Heilung im Diesseits wie im Jenseits Zuständige, die Seele des gesamten Stadtvolkes. Die Menschen hier wüßten ihre individuellen (=persönlich einzelnen) Handels- und Grundbesitz-Interessen gut zu bündeln und nicht selten konfliktreich miteinander auszuhandeln. Auf der Strecke blieben dabei in letzter Zeit zumindest immer öfter die wirtschaftlich Schwachen.
Dergleichen ereigne sich, wenn auch auf anderen Wegen, selbstredend von Zeit zu Zeit auch ion Ägypten, meinte Teja, aber immer nur dann, wenn schwache Pharaonenpersönlichkeiten den Interessenkungeleien zwischen den großen Tempelwirtschaften der Kaufmann- und Beamtenschaft des Landes keine kontinuierlich (=beständig fortgesetzt) ausgeglichene Kraft entgegenzusetzen hätten.
Hier in der griechischen wie in der phönizischen Welt seine die politischen Ämter weit davon entfernt, staatlich-gesellschaftliche Ausgleichsaufgaben zu erfüllen, wie sie der ägyptische Pharao in guten Zeiten zu leisten verstehe.
Zwar gebe es über die Bauern (anders als über die ihnen zur Hand gehenden Sklaven selbstredend) hier keine peitschenschwingenden Aufseher wie bei uns in Ägypten, deren Anfälligkeit für Korruption (=Bestechlichkeit, Unterschlöagungsbereitschaft) natürlich immer wieder ein Problem darstelle. Den Menschen hier schreibe niemand vor, wie sie im einzelnen zu wirtschaften hätten. Aber gerade das Bauernelend sei hier zumindest derzeit stellenweise größer als möglicherweise je in den Verfallszeiten des alten Ägypten das der dortigen Fellachen:
Viele Bauern stünden vor der Überschuldung, weil die Preise für Leder, Honig, Schweine- und Lammfleisch infolge der wachsenden Beweidung dieser wie anderer Mittelmeer-Inseln zusehends verfielen!
Für eine Umstellung auf den viel gewinnträchtigeren, in der Anlage aber außerordentlich kostenaufwendigen Wein- oder Olivenbau fehlten ihnen die Mittel.
Die Zahl der sich manchmal um eine Beschäftigung prügelnden Tagelöhner im Hafen sei ständig im Wachsen. Wer die Konstitution (=körperliche Verfassung) dazu habe, versuche es deshalb als Schwammtaucher. Lange halte das jedoch keiner durch. Mit 35 seien solche Menschen die reinsten Wracks.
Sei das schon hier in Kition so, so verschärfe sich die Lage der Hinterländler im Umfeld der Griechenstädte auf der Insel derzeit noch um vieles mehr:
Ihnen nämlich schnüre noch zusätzlich zu der für sie immer ungünstigeren Marktsituation ihre Abgabeverpflichtung der grundbesitzenden Adel gegenüber zunehmend die Luft ab. Den so Verarmten bleibe häufig nichts als die Schuldsklaverei.
Du siehst, es sind nur schwer zu ordnende Eindrücke, die dieses drittgrößte Eiland der Mittelmeerwelt in Überfülle für mich bereit hatte.
Langsam wird es Zeit, wieder aufzubrechen.
Meine Reiseroute freilich werde ich ändern: Von der geplanten Weiterreise nach Milet nämlich hat mir der erwähnte Phästos, den wir bei unserem Besuch in Salamis im Hause von Hiemons Freund Heronios getroffen hatten, gründlich abgeraten.
Denn der Lyderkönig Kroisos habe vor wenigen Monaten, kaum an die Herrschaft gelangt, zu Bau eines Belagerungsringes um die Stadt angesetzt., Man hoffe in Milet zwar, mit einiger Aussicht auf Erfolg, der geplanten Einnahme trotzen zu können. Aber neben der äußeren Bedrohung seien auch innere Unruhen zu erwarten. Da sollten sich fremde Neugierige möglichst wenig in die Straßen wagen. Die Verteidigungssituation befördere hier nämlich das Gären in den von politischer Berechtigung bisher ausgeschlossenen, wirtschaftlich aber um so wichtigeren Bevölkerungsteilen. Es werde sich also kaum vermeiden lassen, der Polis eine neue, auf den Besitzstand gegründete Verfassung zu geben. Das werde nicht ohne Unruhen abgehen.
Er, Phästos - einer jener wenigen griechischen Adeligen, die selbst ins Kaufmannsgeschäft eingestiegen seien - habe vor, sich nach seiner Rückkehr von der vorläufig letzten seiner großen Handelsreisen um das Archontenamt (die unmittelbare politische Führung der Stadt also) zu bewerben und seinen Einfluß in Richtung der erwähnten timokratischen (=besitzstandsmäßigen) Umorganisation des Staatswesens geltend zu machen.
Sein Sohn Phidias werde nach den diesjährigen olympischen Spielen, einem offenbar groß angelegten sportlichen Wettkampf, zu dem sie gesamte griechische Welt alle 4 Jahre auf der Peloponnes treffe, die Geschäfte des Vaters voll übernehmen.
Mein nächster Zielort wird also notgedrungen eine der berühmtesten Poleis der griechischen Stadtstaatenwelt sein: Athen.
Phästos hat mir eine Empfehlungsschreiben an seine Nichte Aphrodite mitgegeben. Sie sei seit 15 Jahren mit einem Athener Binnenlandsadeligen verheiratet: Hermontes. Dieser werde mich mit großer Gastfreundschaft in seinem Hause aufnehmen.
Und so werde ich mich denn in ca. zwei Wochen nach Athen einschiffen. Der Abschied von den Meinen hier fällt mir schwer genug.
Aber über allem, was mich gerade auch an sie bindet, ist meine Neugier im Laufe meines Aufenthaltes hier eher noch weiter gewachsen.
Nikotris und ich werden uns also voller Abschiedsweh zwar, aber frohgemut in ein weiteres Stück Welt wagen.
Unsere Rückkehr nach Ägypten und dort unter anderem auch unter Dein gastfreundliches Dach liegt noch in weiter Ferne.
Bis dahin sei mit vielen guten Wünschen bedacht!
Dein Hesi