©gabriele weis

1.5.a-MITTELMEERRAUM um 560 v.chr.l-gvi.gif (5336 Byte)zurück-pfeil.gif (2419 Byte) l-weiter.gif (2419 Byte)l-gvi.gif (5336 Byte)1.5.b6-fiktiver reisebrief aus kition an endokles in naukratis

 

l-gvi.gif (5336 Byte)1.5.b5  fiktiver reisebrief:  

´REISENDER ÄGYPTER HESI´
AUS JERUSALEM AN SCHWÄGERIN NOPHRIS NACH BUBASTIS

 

 

 

Seit dem Tod des Bruders beim Kampf um Jerusalem 587 v.Chr. hatte Hesi engen Kontakt mit seiner Schwägerin Nophris und deren Tochter Chent gehalten. Die beiden hatten zwar weiterhin in Bubastis, der im östlichen Nildelta gelegenen Heimatstadt Nophris´, gelebt. Aber Hesis Beamtenpflichten in Sais hatten ihn oft genug über Land in sämtliche Regionen des Nildeltas geführt. Gelegenheit zu häufigen Besuchen hatte folglich immer bestanden.

Seit dem Tod Maatkares hatte sich Hesi oft gar wochenlang bei der Schwägerin aufgehalten – wann immer seine Amtstätigkeit in den letzten Jahren seines Berufslebens ihm dazu jenen größeren Spielraum gelassen hatte, den man den Älteren und besonders Verdienstvollen gewährte.

 

 

Jerusalem, den 11.12.561

 

Meine liebe Nophris, in diesen Tagen besonders viel vermißte Wegbegleiterin,

 

 

soeben sind Ruben, Sarah, Nikotris und ich in unsere bescheidene Herberge am Rande des in trostlosr Zerströrng daniederliegenden Jerusalem zurükgekehrt, der nunmehr seit 26 Jahren gänzlich glanzlos gewordenen einstigen Hauptstadt des hebräishen Südreiches Juda.

 

Wir waren bei den nahegelegenen Felsengräbern, in die wir vor 26 Jahren schmerzzerrissenen Herzens Bruder und Sohn zur letzten Ruhe gebettet hatten. Die benachbarten Felsenhöhlen, in denen unser Schepsi und Rubens Sohn Daniel seit damals ihre uns Lebenden nicht mehr zugängliche Wohnstatt haben, liegen unberührt.

Man salbt ja, wie Du weißt, die Toten hier nur. Grabbeigaben sind nicht üblich. Also stellen auch Grabräuber keine Gefahr für die Ruhe dieser Toten dar.

Die Eingänge sind mit großen Steinplatten verschlossen. Die ganze Anlage ist weiß getüncht, um die Vorübergehenden vor verunreinigender Berührung zu warnen. Einzige Zeichen menschlichen Gedenkens sind kleine Steine, die die eher seltenen Besucher mitbringen und hier niederlegen. Grabbeigaben, wie wir sie kennen, würden hier nur Mißtrauen erwecken und religiöse Eiferer auf den Plan rufen, von denen es gerade in diesen für die Hebräer so außerordentlich schweren Zeiten nicht wenige gibt, wie Ruben sagt.

 

Wir haben für Schepsi ja bereits in unserer saitishen Totenstadt getan, was zu tun war: Wandmalereien, Ushepties und die üblichen Grabbeigaben bilden in der eigens für ihn errichteten Mastaba seine Wohnstätte im jenseitign Leben.

 

 

Lange haben insbesondere Ruben und ich in der gartenartigen Anlage verweilt und unseren Erinnerungen freien Lauf gelassen:

Den eigentlichen zweijährigen Kampf um die Stadt hatten wir beide – Verwaltungsmenschen, die wir waren – meistenteils nur aus einiger Entfernung erlebt.

Als die Stadt aufgab, hatten die Babylonier schrecklich gewütet. Tagelange Brände hatten den einst strahlenden Ort großenteils in Schutt und Asche gelegt. Wer sich nicht verstecken konnte, den peitschten die Eroberer in ein großen Sammellager östlich der geschleiften Mauern, um aus der gesamten Einwohnerschaft der besiegten Stadt einen riesigen Sklavenzug – an die 12 000 Menschen dürften es gewesen sein - zu bilden und ihn nach Südmesopotamien in Bewegung zu setzen

 

Unter Lebensgefahr hatten Ruben und ich uns damals unabhängig voneinander, sobald uns die Nachricht vom Fall der Stadt erreicht hatte, Gewißheit zu verschaffen gesucht – und sie unweit des zuletzt gesprengten Stadttores auch gefunden: Schepsi und Daniel hatten den Duchbruch der Feinde nicht überlebt. Ägypter, sraeliten und Judäer hatten trotz gemeinsamer Anstrengung dem stärkeren Feind nicht länger standzuhalten vermocht.

Ruben und ich waren damals zwei einsame, ängstliche Gestalten in einem Meer von Toten gewesen. Und so hatten wir denn einer die Hilfe des anderen gesucht, kaum daß wir einander in dieser nichts als Tod atmenden Wüstenei um uns herum gewahr wurden.

Das Grauen schüttelte uns nun von neuem, als wir dieser furchtbaren Stunden noch einmal in aller Ausführlichkeit gedachten.

Die Meschen, die dieser vergebliche Krieg von unserer Seite gerissen hatte, leben zwar bis heute in unseren Erinnerungen fort, ihre Frauen und Kinder waren von da an unserer besonderen Sorge anvertraut gewesen, aber die Lücke, die sie in unser beider Leben hinterlassen hatten, war nie und für keinen von uns je unbedeutend geworden.

 

 

Während Ruben und ich vor allem unseren Erlebnisen nachhingen, durchwanderten die Frauen das schattige Felsental.

Nikotris hatte ihren Onkel Schepsi, den Bruder ihres bei Kyrene im Kampf gegen die Griechen gefallenen Vaters, nie gekannt. Die Lücke, die dieser im Leben ihrer Familie hinterlassen hatte, war ihr also um vieles weniger brennend bewußt, als uns übrigen. Aber der ja gleichfalls schmerzlich frühe Tod ihres Vaters beschäftigt ihr Denken und Fühlen zeitweilig von Grund auf.

Schon Mandane in Ekbatana hatte ihr deshalb wohl nicht genug Auskunft über die Jeneitsvorstellungen der Iranier geben können. Der unendliche Glanz jenes Paradieses, das jenseits der Dshinvat-Brücke allen Frommen offenstand überstrahlte den des ägyptischen Totenreiches ganz offenbar bei weitem. Nikotris hatte das außerordentlich faszinierend gefunden.

Nun stieß sie in diesem Jerusalem erneut auf die Vorstellung einer Heilsgeschichte.

Wieder war sie mit einem Eingott-Glauben verknüpft. Jahwe, der Gott, der sich Moses einst im brennenden Dornbusch und auf dem Berge Sinai geoffenbart hatte, führe das Volk Israel in einem unverbrüchlichen Bund durch seine Geschichte, erklärte Sarah. Dieser Gott sei der Urgrund allen Lebens und habe die Menschen nach seinem Ebenbilde als frei Wesen geschaffen – frei, ihre Geschöpflichkeit in gottgefälliger Demut anzunehmen, aber auch frei, diesem Gott voller Hochmut den Rücken zu kehren.

Und Er habe seine Geschöpfe ausgestattet mit einer unsterblichen Seele. Diese werde einst Eingang in jenes paradiesische Gottesreich finden, das Er ihr von allem Anfang an zugedacht habe, sofern sie auf seine Hand vertraue. Die Herrlichkeit dieses Gottesreiches kenne keine Grenzen. Jahwe habe seinen selbsterwählten Bundesgeossen noch immer aus allem Elend herausgeführt und werde ihn dereinst für die Vollendung seines Weges in der Zeit einen Messias senden.

 

In ihrer Jugendlichkeit ist Nikotris selbstredend einigermaßen anfällig für das beeindruckende Handlunggefüge, in das diese Religion den Menschen gestellt sieht.

Die bezwingende Frömmigkeit ihrer Gesprächsparterin, die über all dem Elend ihres Volkes an der Treue ihres Gottes kein Yota irre geworden war, tat wohl ein Übriges. Kein Ägypter weiß sich vergleichbar aufgehoben in der Hand seiner Götter wie die Menschen des israelischen und judäischen Jordanlandes.

Im Augenblick steckt das Mädchen voll zweiflerischer Nachdenklichkeit. Nichts, wodurch sie sich schadete, denke ich.

Allabendlich – so hat sie auf unserem Weg zurück in die Herberge bereits angekündigt, wird sie sich für die ´verbleibenden Tage unseres Aufenthaltes im Lande der Hebräer nun bei Ruben oder Sarah neue Geschichten aus der so wechselvollen Geschichte des Volkes Israel erbitten.

Aber bald schon werden neue Eindrücke die derzetige Fasznation, die das Kind in vollen Zügen genießt, verdrängen.

 

 

Irgndwannn nach dem 20.12. des sich neigenden Jahres wollen wir mit einem der Freunde Rubens, dem Phönizier Hiemon, dessen Besuch in Samaria unmittelbar beorsteht, nah Tyros weiterreisen, um uns von dort aus nach einigen Tagen zu Hori nach Zypern einzuschiffen.

 

 

Meine heutige Erinnerug an Schepsi war so intensiv, daß unser ganzes gemeinsames Leben bis hin zu jenen verhängnisvollen Jerusalemer Tagen noch einmal an meinem inneren Auge vorüberzog. Und dann ertappte ich mich gar dabei, daß ich Dich, mich und ihn unter die Ölbäume jenes Felsengräbergartens, in dem ich mit Ruben erst lange geredet und dann noch länger geschwiegen hatte, phantasierte. Für einen Augenblick hatte ich tatsächlich das Gefühl, den lange Betrauerten für eine kurze lebendige Begegnung von neuem an unser beider Seite zu haben – bis ein Windhauch mich in die Wirklichkeit zurückbrachte.

Es war ein tiefbewegnder Tag für mich. Meine Gedanken waren gleihermaßen bei Dir wie bei ihm wie bei all den Erlebnissen, die mich und Ruben einst zusammengeführt und mit einer lebenslagen Freundschaft beschenkt hatten.

 

So laß Dich diesmal aus noch vollerem Herze grüßen als sonst.

Es war Dir zwar nie beschieden, Deinen Gatten einst heimzuholen, wie Isis ihren brüderlichen Gemahl Osiris in jenen Tagen, als noch die Götter selbst unser herrliches Ägypten regierten, - aber Du darfst mit dem Trost leben, daß sein unbeschädigt doppeltes Grab ihm auch die doppelte Wohnstatt bereithält in jenem Jenseits, in dem nicht zuletzt die Liebe der Dieseitigen ihre belebende Wirkung zu entfalten vermag.

Im Geiste habe ich für die beiden heute ein Opfer dargebracht. Laß Du an meiner Statt diesen Gedanken in unserem alten Ägypten Wirklichkeit werden.

 

In Liebe

 

Dein Hesi