©gabriele weis

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l-gvi.gif (5336 Byte)1.5.b3  fiktiver reisebrief:  

´REISENDER ÄGYPTER HESI´
AUS EKBATANA AN SNOFRUNEFER IN THEBEN/ÄGYPTEN

 

 

Die beiden etwa gleich alten Freunde sind Ende des 7. vorchristlichen Jahrhunderts gemeinsam in der Nähe von Bubastis aufgewachsen, verdanken der saitischen Renaissance ihre Tempelschulausbildung in dem aus äthiopischer Herrschaft seit 655 v.Chr. wieder befreiten Theben, und sind ein Leben lang in mehr oder minder intensivem Kontakt geblieben.

 

 

Ekbatana, den 19. 10. 561

 

Mein lieber Snofrunefer,

 

ich hätte Dich gerade in diesen Tagen nicht selten gerne an meiner Seite, Dich, den vertrautesten und weisesten meiner FReunde!

Hier, auf meiner zweiten großen Reise-Etappe, bin ich in eine Welt hineingetaucht, die mich von Tag zu Tag mehr fasziniert.

Die Landschaft des iranischen Hochlandes, in der ich nach mehr als zehntägigem, meine ganzen Kräfte forderndem Gebirgsaufstieg vor gut einer Woche angelangt bin, ist im wahrsten Sinne desWortes atemberaubend: In durchschnittlich 2500 Meter Höhe ist die Luft für einen bisher ausschließlich flachland-vertrauten Menschen wie mich schon manchmal beklemmend dünn!

Das Gebirgsland, durch das wir gekommen sind, un in dessen Zentrum die Hauptstadt jenes Mederreiches liegt, das von allem Anfang an die zweite große Etappe meiner Reise bilden sollte, ist reich an fruchtbaren Tälen.

Quelle allen Wohlstandes ist hier noch erst in zweiter Linie der Handel auf der Basis eies gut usgebildeten Gewerbes - obwohl gerade auch die Bau- und Relief-Kunst sich offenbar durchaus sehen lassen kann, jedenfalls, soweit sie in diesem herrlich am Fuß des Orontes gelegenen Ekbatana Stein und Ausstattung geworden ist.

Quelle es medischen Wohltandes ist a unübersehbar erster telle in den weitentils rein dörflich oder vielfach auch nomadisch besiedelten Weiten des Lande wohl immer noch die Viehzucht, Rinder vor allem. Aber es vergeht kein Reisegespräch, ohne daß meine Gastgeber nicht über kurz oder lang ins Schwärmen gerieten über die Einzigartikeit der medischen Pferdezucht. Die Pferde der sogenannten ´Nisäischen Gefilde´seien weithin die edelsten überhaupt.

Den Beschreibungen meines Gastgebers Nyxes zufolge soll die Lndesgrenze im Norden durch das mehr als fünfeinhalbtausend Meter hohe Ebrus-Gebirge und das Schwarze Meer markiert werdem, während sich weiter im Osten ud um den solzigen Urmia-See große Ebenen erstreckten.

 

Die Bekanntschaft mit dem erwähnten Nyxes hat übrigens mein chaldäischer Karawanenführer Samsuiluna vermittelt, der immer, wenn er in Ekbatana Station macht, willkommener Gast im Hause des angesehenen medischen Kaufmanne sist, bei dem er auch mich untergebracht hat.

Nyxes ist Anfang 40 und hateine beeindruckend vielköpfige Familie: sieben Töcher und gar zwölf Söhne hat er voller Stolz groß gezogen und viele von ihnen bereits so gut verheiatet, daß er heute mehr denn je über gespannte verandtschaftliche Verbindungen zur Beamten- wie zur Priesterschaft des Landes verfügt.

Er selbst ist oft monatelang unterwegs: Das ferne Baktrien wie auch der bdeutende indische Kulturraum sind seine bevorzugten Handelsgebiete.

Er arbeitet aber auch eng mit seinem Schwager Tarteios zusammen, einem Perser aus dem einst elamitischen Susa, über das diese Iranier seit 640 v.Chr. die Herrschaft errungen haben.

Nyxes war übigens von seiner jüngsten Expedition (noch über Baktra hinaus bis hinunter nach dem an einem der Quellflüsse des Indu gelegenen Peschawar) noch gar nicht zurück, als Samsuiluna un ich in Ekbatana eintrafen.

Seine Frau Mandane empfing uns jedoch außerordentlich herzlich und ihrerseits voller Neugierde auf das ´altehrwürdige Land´, wie wie sich ausdrückte, de ich entstamme.

Sie führt in Ekbatana ein großes Haus. Selbst stammt sie aus einer einflußreichen persischen Viehzüchterfamilie, deren angesehenster Zweig zur persischen Reiterkaste zählt und einst bei der Eroberung Susas (einer der ganz alten und großes Handelsmetropolen des östlichen ZWeistromlandes) eine führende Rolle gespielt hatte.

Einer ihrer Brüder, besagter Tarteios, hat sich wie Nyxes auf den Handel verlegt, dessen mesopotamische Anteile seit der Jahrhundertwende ständig an Volumen gewinnen.

Als Hauptgatin des Meders Nyxes steht Mandane noch zwei weiteren Frauen ihres Mannes vor, mit denen ie eine Art schweserlicher Freundschaft zu pflegen scheint. AlsGastgeberin und gleichermaßen einfühlsame wie geist- und einflußreiche Gesprächspartnerin scheint sie in der onst offenbar allain von den Männern bestimmten Welt der Meder und Perser vielen Bekunungen nach, die ich aufgeschnappt habe, weithin geschätzt.

Sie ist eine herorragende Bobacherin ud Analtikerin all dssen, was ich seit germer Zeit an und in dr Welt, der sie zugehört, zu verändern begonnen hat. Und ich habe sie als tefreligise Frau kennenlernen dürfen.

 

Für einen Ägypter ´ie mich aben die religiösen Vorstellungen dieser Iraieretwas Befremdliches nd zugleich in hohem Maße Faszinierendes.

Die religiöse Erlebniswelt, auf die ich da stoße, scheint mir viel lebendiger und kraftvoller als die der Babylonier. Nichts vrmisse ich in dieser Beziehung deshalb hier mehr als Dein klärendes Urteil. Du weißt vermutlich längst mehr über das Welt- und Lebensverständnis dieses uns Ägyptern bislang eher fernen Volkes als ich in den wenigen Wochen hier auch nurin Ansätzen werde sehen und verstehen lernen können.

Oft genug hast Du mir ja in der Vergangenheit ein wenig Einblick in die Vielfalt vonAustauschkontakten gewährt, über die unsere Priesterschaft einer ihrer vornehmsen Aufgaben nachzukommen bestrebt ist: der Wissenspflege und -erweiterung nämlich.

 

Laß mich Dir also einfach ein wenig von meinen Eindrücken und Fragen sprechen, um Dir eine kleine Vorstellung davonzu geben, an welchen Beobachtungen der hiesigen religiösen Gepflogenheiten sich meine Gedanken gelegentlich festfressen:

Da ist zuvorderst der Umstand, daß diese Iranier Tempel offnbar nr äußerst selten errichten, und wenn, dann finden sie sich - wie die unter freiem Himmel errichteen Feuerstätten, an denen ihre Priester aus dem Stamm der Magier die religiösen Rituale des Jahreskreises abhalten - oben auf den Gipfeln der Berge des Landes.

Das ist her in Ekbatana - der Hauptstadt des Mederreiches, das seine persischen Stammesverwandten seit bald 90 Jahren in Gefolgschaftsverhältnis gezwungen hat - nicht anders: Den Orontes krönt eine mächtige Königsburg - ihr angeschlossen ein Sonnentempel, der überdies die Hauptschatzkammer des Reiches birgt. - Sieben mächtige Mauern umgeben die Anlage, jede die weiter außen gelegene an Höhe überragend und mit verschiedenen Farben angestricen, die den verschiedenen Planeten entsprechen.

Mir fällt daran vor allem eines auf: Ganz offenbar neigen die Bewohner Vorderasiens - so verschieden sie im einzelnen immer sei mögen - dazu, den von den unterschiedlichsten Göttergestalten bewohnt edachten Himmel über sich als etwas von der Ere mehr oder minder stark Getrenntes zu erleben, dem man in der Wahl und Ausgestaltung von Menschenhand errichteter Opferstätten irgendwie sichtlich entgegenstreben muß. Wie sonst erklärt sich der sich himmelwärts schraubende Wendeltreppenbau des Babyloner Bels-Turmes? Wie der der Verehrung des Lichts verpflichtete Feuerstättenbau der Iranier auf den höchsten Bergen des Landes? Die Menschen hier scheinen überhaupt eien ausgeprägten Sinn für Höhenunterschiede aller Art zu haben.

Einer der Gäste Mandanes,der Magier Melchior, hat mir den ausgeprägten Lichtkult der Iranier zu erläutern versucht. Nach dem, was ich davon begriffen habe, ist die Sonne für die Menschen hier etwas ihrer unerreichbaren Höhe und ungeheuren Kraft wegen in höchstem Maße Verehrenswertes.

Wier Ägypter dagegen verehren an ihr - wenn ich das recht sehe - viel stärker ihre lebensspendende Eigenart, mittels dere se einem vielfältigen Wechselspiel mit einer Reihe von Vegetationsgöttern den ewigen Wandel vonWerden zu Vergehen zu neuem Weren und neuem Vergehen und wieder neue Werden und so fort ... lenkt.

Die Iranier nun wiederum suchen, Melchiors Aussagen zufolge, zu großen Teilen heute die Sonne bzw. das Licht von seinem Gegensatz, dem Dunkel, her zu begreifen.

Einer ihrer weisesten und frömmsten Meschen - Zaratustra/Zoroaster - habe sie zar einst (vor nicht einmal allzu langer Zeit sei das gewesen) gelehrt, daß in Wirklichkeit nur ein einziger Gott existiere - Ahura-Mazda/Ormuzd. Sein Name bedeute: ´Herr der Weisheit´. Er sei der eine, menschenfreundliche, dieWelt unablässig durchwirkende Gott, dessen Wesen sich in den mannigfaltigsten Kräftenoffenbare - in Kräften, die älterem Glauben als selbständige Gottheiten erschienen seien. Er bewirke, daß in der sinlich erfahrbaren Welt eine ´rechte Ordnung´=´rtam´ walte, an der sich die Menschen zu bewähren hätten. Sie hätten be all ihrem Tun und Lassen die Wahl zwiscen Wahrheit nd Trug. - Kennzeichen dieser Ordnung sei es, daß Wasser und Pflanzen für das Rind da seien, das wiederum da sei, um den Menschen mit seiner Milch zu ernähren. Pflicht des Menschen sei s deshalb, Rind und Weiden zu hegen. Wer diese Ordnung einsehe und ihr diene, sei wahrhaft. Trughaft sei, wer sie störe. Das gelte für Menschen wie für Götter, die von dn Menschen ein trughaftes, also z.B. Rinderopfer, für angemessen erachtendes Verhalten forderten.

Mittlerweile jedoch seien die Iranier zu übergegangen Zaratustras Eingott- und Whrhaftigkeitslehre vor allem von dem Gegensatzpaar, das Zaratustra in das iranische Denken hineingebracht hatte, her zu verstehen - so jedenfalls Melchiors Darstellung.

Immer mehr von ihnen hätten offenbar in den letzten Jahren begonnen, ihren Blick nicht mehr so sehr auf die vonZaratustra in den 16 Hymnen seines Heiligen Buches, des Avesta, umrissene rtam der Welt zu richten - sondern vielmehr auf den Weltenlauf als einen ewigen Kampf zwischen den Mächten des Lichts und den Mächten der Finsternis. - Weltgerichtsvorstellungen kämen zunehmend auf. Der Weltenlauf werde darüber für nicht wenige unter den iranischen Hochlanbewohnern zu einer in Ewigkeitsdimensionen angelegten ´Heilsgeschichte´ (die Griechen haben dafür, wie ich weiß, den Begriff der Eschatologie). Am Ende ihrer irdischen Existenz warte auf sie das Paradies, in ds eine Brücke hinüberführe, die Tschinvat. Über sie schritten die Frommen einst in die ewige Glückseligkeit, während die Bösen in die Hölle, das Haus der Lüge abstürzten.

 

Ich wei nun überhaupt nicht so recht, was ich von all dem halten soll:

Manches davon - die Vorstellung von einer rechten Weltordnung etwa - ist mir als Ägypter sehr vertraut. Wenn wir von ´maat´reden, meinen wir, so will es mir scheinen, etwas durchaus Ähnliches wie dieser Zaratustra, der einen wachen Sinn für natürliche Kreisläufe gehabt zu haben scheint - auch wenn nicht ein Fluß wie bei uns, sondern der Zusammenklang von Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt, wie ihn die umgebende Bergwelt zustandebringt, seine Gedanken in eine unserem Denken durchaus verwandte Richtung gelenkt zu haben scheint.

Was wir ´maat´nennen, geht aber doch noch viel weiter als das Denken dieses Zaratustra. Uns Ägypter interessiert mehr als das Verhältnis von Mensch und Natur.

Wir kennen die Notwendigkeit, anerkennbare Ordnungen unter den Menschen unmittelbar zu schaffen und glauben, eine solche unsere menschlichen Angelegenheiten in heiliger Weise regelnde Ordnung gefunden, ja, von den Göttern einst zum Geschenk erhalten und bis heute bewahrt zu haben. Sie liegt für uns in der Göttlichkeit unseres oharaonischen Regierungssystems.

Bie den Medern, dem orerst noch stärkeren der beiden bedeutendsten iranischen Völker, finde ich vergleichbare Vorstellungen, die ein mir gewohntes, enges Band zwischen Religion und Politik herstellen würden, bis zur Stunde jedenfalls nicht so recht.

Gewiß, die Göttlichkeit unseres Pharao hebt diesen weit über uns gewöhnliche Sterbliche. - Aber an seiner Rolle in Welt und Unterwelt hängt unser aller Heil im Leben wie im Tod.

Der König der Meder dagegen ist, so versichern mir hier alle, keineswegs göttlich. Er ist Herr.

Denn: So wie der Gegensatz zum Licht die Finsternis, derjenige zur Wahrheit der Trag, der zum Paradies die Hölle ist, so ist der Gegensatz zum Herrn der Sklave. Es ist in meinen Augen schon ein eigenartig krasses Untertanensystem, auf das diese Meder ihr Reich gestellt haben. Alle sind Sklaven eines einzigen Herrn, dem sie sich allenfalls kniefällig nähern dürfen (ich hatte von diesem Brauch der Proskinese, wie die Griechen dieses in Vorderasien offenbar durchaus verbreitete Audienz-Ritual nennen, schon in meinen Schriftrollen gelesen).

Aber solche Sklaven sind sie selbstredend nur im Verhältnis zu diesem einen, hoch wie die Sonne über sie gestellten Herrn - und zwar lle gleichermaßen, seien sie nur Unterkönige (=sogenannte Vasallen), Beamte, Krieger, Priester, Viehzüchter, Handwerker oder Händler bzw. wiederu deren Knechte oder Skaven.

Damit - so will mir scheinen - ist die Herrschaft des Königs der in Babylon so gefürchteten Meder weithend ´despotisch´organisiert, wie einmal mehr die Griechen (die sich ganz offenbar die meisten Gedanken dazu machen) politische Systeme dieser Art zu nennen pflegen. Hier gelangt an die Macht, wer die Kraft dazu entfaltet, andere seiner Willkür zu unterwerfen - im Guten odr auch im Bösen.

Eine solche Systemkonstrumtion hat gewiß mit der eigenartigen religiösen Vorstellungswelt, auf die ich hier gestoßen bin, zu tun. Aber es ist nicht auf Religion gebaut wie das Unsere oder das der Babylonier. In ihm wird die Priesterschaft des Landes nie die Bedeutung erringen, die sie in den Ländern der beiden großen Flußkulturen des östlichen Mittelmeerraumes immer wieder entfaltet hat - so denke ich jedenfalls im Augenblick.

Diese Priesterschaft ist im übrigen auch so etwas, das mich stutzen macht: Herrschaftswissen wie bei uns oder in Babylon scheint sie nur sehr begrenzt zu verarbeiten und zu verwalten. Denn der König der Meder hält sich zwar seine Hofmagier, aber in der Welt der Politik sind sie nicht weniger Sklaven ihres Herrn wie jeder andere. Sie mögen dabei als zum Mahnen ausdrücklich Bestellte auftreten dürfen. Da ihr Herrscher sich jedoch in seiner Heiligkeit grundsätzlich nicht von seinen MItmenschen unterscheidet, ist ihr Spielraum für ein mißbrauchsanfälliges Machtbündnis zwischen Religion ud Politik geringer als bei uns in Ägypten etwa.Der Einfluß dieser Priester scheint schon konstruktionsgemäß auf eine ausgesprochen indirekte Wirksamkeit hin angelegt zu sein: Niemand, der nicht aus dem Stamm der Magier wäre, wird je zu dieser Priesterschaft zugelassen. Das gibt ihr etwas seltsam Geheimnisumwittertes, in das auch Melchior mich nicht weiter hineinschauen lassen wollte.

 

Von Babylon aus aufbrechend hatte mich die Frage beschäftigt, welche Anhaltspunkte ich in Ekbatana selbst wohl für Jakins Voraussagen findenwürde, die Iranier seien auf dem Wege, das weithin beherrschendste Volk der vorderasiatischen Welt im Bereich des gesamten östlichen Mittelmeerraumes zu werden.

Was ich von ihrer religiösen Denkwelt hier kennengelernt habe, könnte einen verleiten, Jakins eher wirtschaftspolitisch angesetzte Thesen auch aus kultur- bzw. religonspolitischer Sicht durchaus ein Stück weit bestätigt zu finden:

(Der Babyloner Sterndeuter hatte die These vertreten, das iranische Hochland stelle einen Siedlungsraum dar, der sich immer nur mit einem ausgedehnten Zwischenhandel begnügen müsse, wenn es ihm nicht gelinge, direkten Anschluß an eines der großen Wirtschaftszentren der ihm unmittelbar benachbarten alten Welt (also das Mittelmeer oder Indien ) zu gewinnen; die Iraner würden deshalb naturgemäß eines Tages noch stärker als bisher in den ihnen im Westen viel leichter als im Osten zugänglichen Großwirtschaftsraum des Mittlmeeres vorstoßen!

 

Wenn ich mir in diesem Zusammenhang ihre Religion und die Art ihres Königtums anschaue, wenn ich auf den Tonfall dieses Melchior höre, sobald er mir die Vorstellungswelt seines Volkes skizziert, dann spüre ich vor allem eines: Da schwingt ein Überlegenheitsanspruch mit, der sich von unserem altägyptischen Kulturstolz denn doch einigermaßen zu unterscheiden scheint.

Wo dem einen Herrn im Himmel – im Reich der Politik der eine Herr über die Völker als seinen Sklaven parallel gesetzt wird: da begründet sich die Eroberung zusätzlicher fremder Kulturräume noch einmal anders als bei uns Ägyptern.

Da kommt es nicht darauf an, wie es ja doch wohl jahrhundertelang ägyptische Praxis war, Kolonialgbiete zu erobern und sie wirtschaftlich auszubeuten.

Da kommt es darauf an, ein möglichst riesiges Reich zu schaffen, das durch den um Vorteile für das Ganze bemühten Willen eines Einzigen zusammengehalten wird – sofern dieser stark genug für die Bewältigung einer solchen Aufgabe ist.

 

Ein solches Herrschaftssystem scheint mir folglich nach außen außerordentlich durchsetzungskräftig auftreten zu können, falls es dergleichen eines Tages beschließen sollte. Was meinst Du: Liege ich mit derartigen Überlegungen allzu falsch?

Samsuiluna übrigens, mein Führer ier hinauf nach Ekbatana, denkt ganz ähnlich. Er fürchtet eine Herrschaftsausbreitung der Iranier keineswegs. Vielmehr fasziniert ihn der Aufschwung, den das Babylon benachbarte Susa genommen hat, seit es in den Herrschaftsbereich der Perser gezogen wurde. Der mesopotamische Handel habe dadurch Impulse erhalten, die völlig neuartig in der Wirtschaftsgeschichte dieser Region seien.

Allerdings haben mich er wie Mandane und schließlich auch Nyxes selbst darauf hingewiesen, daß es wohl wenier die Meder, in deren Hauptstadt wir das alles beredet haben, als vielehr die Perser sein würden, denen vermutlich die Zukunft gehöre:

Ihr König Kambyses I. (600-559 v.Chr.) habe sich zwar bis jetzt genauso wie sein Vater Kyros I. (640-600 v.Chr.) unter die medische Oberherrschaft beugen müssen.

Aber die Tage der medischen Vorherrschaft im Iran seien ganz offensichtlich gezählt. Ihr König Astyages (585-550 v.Chr.) genieße ein täglich sinkendes Ansehen: Die über den königlichen Harem gesetzten Eunuchen hätten einen Einfluß gewonnen, der das Mederreich von Jahr zu Jahr meh zu einem Spielball verschiedenster Palastintrigen mache.

Kambyss dagegen habe es vrstanden, mittels des gezielten Ausbaus des persischen Wirtschaftsvorpostens im mesopotamischen Susa die Wirtschaftskraft der Perser so zu steigern, daß sie über kurz oder lang in der Lage sein würden, das Vorherrschaftsverhältnis zwischen den beiden iranischen Völkern umzukehren.

Keiner von den dreien hat Probleme mit dieser Perspektive – dazu ist der Meder Nyxes mit seinen pesischen Landsleuten verwandtschaftlich wie geschäftlich zu verwoben. Die Gewinne aus seinen Geschäften mit Tarteios wachsen schneller als die aus seinem ureigenen Baktrien- und Indienhandel.

Allerdings ist dieser Tarteios nur ein begrenzt angenehmer Mensch: Er zählt sich jenem Teil der persischen Oberschicht zu, die seit langem daran arbeitet, den Medern die Vormachtstellung abzuringen. Mit Nyxes arbeitet er nur zusammen, weil die beiden verschwägert sind. Geschäftsbeziehungen zu Medern meidet er in der Regel, wo er kann. Oder er nimmt sie nur zu dem Zwecke auf, ihnen ihre Kunden abzujagen, auf daß der persische Einfluß im Handelsgeflecht des Vorderen Orients wachse. Folglich verhält er sich seinen medischen Geschäftspartnern gegenüber gnadenlos geschäftsschädigend und betreibt ansonsten eine ausgeprägte Vetternwirtschaft.

Mandane ist nicht sehr glücklich über diesen Hand zur Abgefeimtheit bei ihrem Bruder.

Gelegenheit, diesen Menschen persönlich kennen zu lernen, hatte ich nicht.

Nikotris, meine quirlige Nichte, ist von der Atmosphäre und dem Klima des iranischen Hochlandes um Ekbatana herum wie berauscht. Sie hat sich mit einer der Töchter unseres Gastgebers angefreundet und ihr Herz für das Reiten entdeckt.

Unser Aufenthalt her neigt sich nun freilich seinem Ende zu. Weiter soll es gehen über Ninive und Damaskus nach Samaria zu meinem hebräischen Freund Rube, wie Du ja weißt.

Ich kann übrigens dessen Enkel Benjamin nun in seinen Hoffnungen auf einen Herrschaftsumschwung im Vorderen Orient, von denen er mir bei seinem Besuch neulich in Sai gesprochen hatte, um einiges besser verstehen als damals. Für die nach Babylon deportierten Bewohner des einstigen judäischen Reiches kann ein solcher Herrschaftsumschwung ein riesiges Stück wiedergewonnener Freiheit bedeuten. Sklave im traditionellen Sinne sein zu müssen, ist ja wahrlich nirgendwo auf der <Welt ein leichtes Brot. Namentlich seinen Freunden sähe man ein solches Los selbstredend jederzeit gerne erspart. Naja – wir werden sehen, was uns sie nächsten Jahre und Jahrzehnte diesbezüglich bringen werden.

Für diesmal laß Dich in alter Liebe grüßen und Dich einmal meh dem Segen AMMun-Res empfehlen!

Du vergißt doch nicht, ihm von Zeit zu Zeit an meiner Statt zu opfern!?

 

Bleib mir gesund!

 

Dein Hesi