©gabriele weis

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l-gvi.gif (5336 Byte)1.5.b10  fiktiver reisebrief:     

´REISENDER ÄGYPTER HESI´
AUS KARTHAGO AN SCHWÄGERIN NOPHRIS IN BUBASTIS

 

 

Seit dem Tod des Bruders beim Kampf um Jerusalem 587 v.Chr. hatte Hesi engen Kontakt mit seiner Schwägerin Nophris und deren Tochter Chent gehalten. Die beiden hatten zwar weiterhin in Bubastis, der im östlichen Nildelta gelegenen Heimatstadt Nophris´, gelebt. Aber Hesis Beamtenpflichten in Sais hatten ihn oft genug über Land in sämtliche Regionen des Nildeltas geführt. Gelegenheit zu häufigen Besuchen hatte folglich immer bestanden.

Seit dem Tod Maatkares hatte sich Hesi oft gar wochenlang bei der Schwägerin aufgehalten – wann immer seine Amtstätigkeit in den letzten Jahren seines Berufslebens ihm dazu jenen größeren Spielraum gelassen hatte, den man den Älteren und besonders Verdienstvollen gewährte.

 

Karthago, den 16.10.560

  

Geliebte Schwägerin, 

 

Zwei Wochen noch, und ich habe wieder heimischen Boden unter den Füßen!

15 Monate währt sie nun schon, die große Reise, von der ich ein Leben lang geträumt habe.

Allmählich freilich bin ich ein wenig reisemüde.

 

Seit Nikotris sich für ein Leben an der Seite des jungen Mileters Phästos entschieden hat, misse ich unser über die Jahre so vertrautes Zwiegespräch noch mehr als sonst. Ich kann es kaum mehr erwarten, meine Füße endlich wieder unter Deinen allzeit gastlichen Tisch zu strecken und mich von Dir wie so oft in meinem Leben liebevoll umsorgen zu lassen.

 

 

 

Aus Karthago deshalb nur ein paar rasch hingewischte Farbtupfer:

 

Aufnahme gefunden habe ich hier bei einem Mann namens Hindubal, einem Handelspartner des Tyreners Hiemon, mit dessen Sohn Mago unser Hori ja zusammenarbeitet.

 

Diese Karthager betätigen sich viel stärker als Zwischenhändler denn als eigenständige Produzenten.

 

Anders als in ihrer einstigen Mutterstadt Tyros herrscht hier nicht ein Kaufherren-Patriziat mit Aufsicht über eine ansehnliche Massengüterproduktion im Bereich von Glaswaren, Purpurstoffen, Metallwaren oder Möbeln etwa. Vielmehr haben die Gründer Karthagos Gefallen an einer Existenz als Landadelige gefunden.

Die Böden hier sind zwar nicht übermäßig fruchtbar, der hier zu gewinnende Wein ist von minderer Qualität. Aber für einen Rohstoffhandel mit dem wirtschaftlich noch schwach entwickelten afrikanischen Hinterland reicht die hiesige landwirtschaftliche und maßvoll gewerbliche Produktion offenbar aus.

Dieser Rohstoffhandel bildet dann die Basis für den Handel mit Fertigprodukten, wie sie sich rings um das Mittelmeer erwerben und mit Gewinn weiterverkaufen lassen .

 

Bedeutung hat die Stadt in den letzten gut 100 Jahren vor allem auch als militärische Kraft im westlichen Mittelmeer gewonnen - als Schutzmacht ihrer dortigen zahlreichen Koloniegründungen.

Ihr kreisrunder Kriegshafen übertrifft ihren Handelshafen noch an Bedeutung, und die Stadt ist von einer mächtigen Wehrmauer umgeben. Aber es sind Söldner, die für die Interessen Karthagos einzutreten haben. Starken Bürgerarmeen gegenüber wie der römischen etwa könnte sich das eines Tages als entscheidender Nachteil erweisen, sobald Rom sich anschicken sollte, den Karthagern ihre Seeherrschaft durch eine eigene Flotte streitig zu machen.

 

Als Schiffstechniker sind diese Karthager übrigens unübertroffen. Schiffe bauen und reparieren sie mittels einer ausgefuchsten Schleusentechnik.

 

 

In ihrem religiösen Leben setzen sie etwas andere Akzente als ihre tyrenischen Stammesverwandten etwa: denn hier kommt den auch dort bekannten Menschenopfern eine besondere Bedeutung zu.

Die Wohlfahrt der Stadt hänge von der regelmäßigen Opferung eines männlichen Kindes aus einer der führenden Familien Karthagos ab, glaubt man hier!

Das Los entscheidet - einmal im Jahr, in Notzeiten öfter.

An Händen und Füßen gefesselt, in schwarze Schleier gehüllt, wirft man das Opfer lebendigen Leibes in ein zu Ehren Ele, Baals oder Astartes entzündetes Feuer. Gnädige Aufnahme bei den Göttern finde die heilige Handlung jedoch nur, wenn die Eltern ihr Kind frohen Herzens darbrächten: keine Träne, kein Seufzer seien erlaubt.

 

Die - sich ausschließlich aus dem Adel rekrutierende - Priesterschaft prägt das geistige Leben der Stadt vollkommen. In den Tempeln und heiligen Bezirken entstehen sakrale Dichtungen, die von den Abenteuern der Götter erzählen. Religionsphilosophische Erörterungen über die Natur der Götter werden hier offenbar ausgiebig gepflegt. Sie setzen die Maßstäbe für das religiöse Leben der Stadtbevölkerung. Die in den Tempeln verrichteten Dienste gelten als entscheidend für Erfolg oder Mißerfolg alle staatlichen Aktivitäten.

 

Mit meinem Gatsgeber hier werde ich übrigens überhaupt nicht recht warm. Dieser hochfahrende, ausschließlich auf seine Handelsunternehmungen konzentrierte Mann zeigt keinerlei Interesse für meine zahlreichen Reiseerfahrungen.

 

Vielleicht bin aber auch ich es, dem die Sehnsucht nach endlich wieder einmal vertrauteren Gesprächspartnern inzwischen den Brückenschlag zu immer neuen Fremden erschwert. Die Ausführungen, zu denen ich mich Hindubal gegenüber verschiedentlich verpflichtet fühle, geraten mir, wie ich zugeben muß, zjmeist mehr als blaß.

Ich mag einfach nicht mehr. Genug der fremden Eindrücke.

 

 

 

Stoff zum Nachdenken habe ich in so überreichem Maße gesammelt, daß es Zeit wird, ihn ruhigerem Betrachten zugänglich zu machen, als es einem Reisenden möglich ist. Im Schatten der Palmen Deines Gartens und im traulichen Gespräch mit Dir wird dazu endlich Gelegenheit sein!

 

Übermorgen werde ich aufbrechen . Mein Brief geht heute schon mit einem der Schiffe Hindubals in Richtung Osten.

 

 

Sei mir in Gedanken auf das Herzlichste umarmt und gegrüßt!

 

Dein sehnsuchtsvoller Hesi