1.5.a-MITTELMEERRAUM um 560 v.chr.
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1.5.b2-fiktiver reisebrief-aus babylon an teje nach sais
1.5.b1 fiktiver reisebrief:
´REISENDER ÄGYPTER HESI´AUS SAIS AN RUBEN NACH SAMARIA
Ankündigungsbrief an den samaritischen Verwaltungsbeamten Ruben,
zu dem seit dem vegeblichen Hilfefeldzug der Ägypter für das judäische Jerusalem im Jahre 587 v.Chr. persönliche Beziehungen bestehen:
Hesis Bruder Schepsi und Rubens Sohn Saul waren damals beide gefallen. Bei der Bergung der Toten hatten Ruben und Hesi sich kennen und schätzen gelernt. Ruben hatte sich unter seinen Glaubensgenossen dafür verwandt, daß Hesi seinen Bruder in einem der Felsengräber Jerusalems hatte bestatten dürfen. Auf diese Weise waren Schepsi und Saul im Tode zu Nachbarn geworden. Der trauernde samaritische Vater und der trauernde ägyptische Bruder waren in diesen schweren Tagen gemeinsam getragenen Leides - beide etwa gleich alt - zu Freunden geworden.
Sais, den 10. Juli 561 v.Chr.
Mein lieber Ruben.
Erst wenige Tage ist es her, daß ich aus Altersgründen mein Schreiberamt in der saitischen Heeresverwaltung niedergelegt habe, wie hierzulande eben üblich.
Die großen Schicksalsschläge meines Lebens, der Tod meines Bruders Schepsi beim Kampf um Jerusalem, 26 Jahre ist das nun schon her; dann vor 9 Jahren der Tod meines Ältesten beim gleichfalls vergeblichen Kampf gegen das aufstrebende griechische Kyrene; und schließlich das nicht enden wollende Krankenlager meiner über alles geliebten Frau Maatkare, die nun bereits seit 4 Jahren zu den´Bewohnern´ unserer bescheidenen saitischen Totenstadt zählt, liegen so weit hinter mir, daß Mut und Lebensfreude sich längst zurückgemeldet haben.
Rüstig, wie ich bin, und ledig der nun abgestreiften strengen beruflichen Verpflichtungen will ich ihm deshalb auf meine alten Tage endlich kräftig die Zügel schießen lassen: dem erlebnis- und wißbegierigen Träumer in mir..., den es zeitlebens gedrängt hat, möglichst leibhaftig etwas von den bunten Lebenshorizonten seiner rund um die Welt des Mittelmeeres angesiedelten Zeitgenossen erfahren zu können. Also: diese ganze Welt eines Tages einmal in aller Ausgiebigkeit zu bereisen!
Immer nämlich war es mir als das Interessanteste schlechthin erschienen, mit eigenen Augen sehen zu können, wie es denn im einzelnen beschaffen war, das MOSAIK, an dem die Völker der Mittelmeerwelt seit Jahrhunderten und Jahrtausenden wirkten - oft auf gewiß mehr als grausame, oft aber auch auf faszinierend bunte und staunenswert einfallsreiche Weise!
Meine Vorbildung kann sich sehen lassen. Schließlich hatte ich Zeit meines Lebens mit Geschriebenem zu tun. Aber keine der unzähligen Schriftrollen, in die ich in vielen Jahren Einblick nehmen konnte, bot mir die Welt meiner Vorfahren oder Zeitgenossen in dem Überblick, der mich so sehr reizt.
Ich denke, in 3 Wochen aufzubrechen, will zunächst nilauf- und -abwärts quer durch das Nildelta nach Bubastis, von dort nach Heroonpolis, um mich hier in den seit den 90er Jahren unseres Jahrhunderts wieder fertigen Suezkanal und über ihn ins Rote Meer und von da aus weiter in den Persischen Golf einzuschiffen. Nach einer etwa einmonatigen Umschiffung der arabischen Halbinsel hoffe ich dann zunächst einmal euphrat-aufwärts Babylon zu erreichen, das erste größere Reiseziel, das ich ins Auge gefaßt habe. Denn das neue Babylonische Reich mit seinem Machtzentrum im Zweistromland, das Deinem Volk so übel mitgespielt und mich einen Bruder gekostet hat, bildet das von Ägypten aus gesehen südöstlichste Ende des Horizontes, den ich mir reisend zu erschließen gedenke.
Von dort aus soll es zunächst ins Gebirge nach Ekbatana gehen, der Hauptstadt jenes Reiches, das durch seinen Kampf gegen Assyrien den Wiederaufstieg Babylons ja ganz offenkundig mitbewirkt hatte - mehr als ein halbes Jahrhundert ist das nun schon her! - Irgendwann Anfang Oktober denke ich dort einzutreffen.
Rund 2 Monate will ich mir Zeit lassen für den Aufenthalt in Ekbatana und für die Reise wieder gebirgsabwärts nach Westen - quer durch das einstige Assyrien - hinüber in kanaitische Tiefland, in dem Du zu Hause bist. - Wir haben ja all die Jahre seit jenen für uns beide düsteren Tagen um den Fall Jerusalems miteinander in Briefverkehr gestanden. Nun soll uns meine Neugier auf die Welt endlich einmal wieder unmittelbar zusammenführen - falls Du Dich auf einen kürzeren oder längeren Besuch ab Ende November einrichten kannst!
Darf ich Dich also um eine kurze Nachricht nach Babylon bitten, wie willkommen ich Dir für den ins Auge gefaßten Zeitraum wäre?
Übrigens hat mich erst vor 3 Wochen einer Deiner Enkel, Benjamin, auf einer seiner Handelsreisen hier in Sais aufgesucht. - Wir sprachen lange über die tiefe Trauer, die schon seit dem Fall Samarias (722 v.Chr.), besonders aber seit dem Jerusalems (587 v.Chr.) auf Eurem Volk lastet: Viele der augenblicklich etwa 25-Jährigen haben ja wie Benjamin ohne Vater aufwachsen müssen. Andere hatten große Teile ihrer Verwandtschaft verloren, weil sie kurzerhand von den Eroberern flächendeckend deportiert und in Babylon zu Staatssklaven gemacht worden waren!
Sklaven kennen wir ja wohl in den meisten unserer Völker seit JAhrtausenden. Unsere verschiedentlich staunenswerten Wirtschafts- und Bauleistungen sind ja meistenteils nur möglich, weil wir einem Teil der Menschen unseres Gesichtskreises auferlegen, ihr Leben als Sklaven zu fristen - also als Menschen, die den geringstmöglichen Anspruch auf den Genuß der Güter haben, zu deren Herstellung sie Entscheidendes beitragen. Für uns Ägypter ist das seit Urzeiten so selbstverständlich, daß die wenigsten von uns sich je auch nur einen Gedanken über die beklagenswerte Lage dieser Menschen machen. Bei uns stellt niemand das Recht, Sklaven zu halten, infrage.
In Deinem Volk - ich weiß das nicht erst aus den Gesprächen mit Benjamin, aber diese Gespräche haben die ganze Geschichte unserer beiden Völker wieder einmal in mir lebendig werden lassen - sieht man das ganz anders. Zu großen Teilen muß es das harte Brot der Sklaverei nun schon zum 2. Mal Jahrzehnt um Jahrzehnt hinunterwürgen - ohne Aussicht auf Freiheit und ein Rückkehrrecht in seine Heimat! Ein Teil Eurer Verwandten, jener von Euch Samaritern fast schon traditionell, seit dem Fall Samarias nämlich, beneidete kleinste Familienzweig, der im judäischen, nicht im israelischen Reich gelebt hatte, ist nun sogar unmittelbar betroffen. Benjamin ist zwar zu jung, um irgendeinen von ihnen persönlich zu kennen. Aber immer, wenn er auf das Schicksal seiner Vettern und Cousinen zu sprechen kommt, zittert er vor Wut.
Auf die Babylonier, deren Angriff auf Jerusalem vor 26 Jahren seinen Vater das Leben gekostet hatte, ist er so schlecht zu sprechen, daß wir über meinen Reiseplänen fast im Streit auseinandergegangen wären!
Er ist auch ein großer Eiferer gegen den seiner Meinung nach in Babylon seit alters her beheimateten Baals-Kult: Das Unglück Eures Volkes ist in seinen Augen die Strafe des all-einzigen Jahwe für die religiöse Laxheit der Kinder Israels in den letzten 200 Jahren etwa.
Er bringt da aber meines Wissens etwas durcheinander: Eure Jahwe mag ja strafend mit seinem Volk immer dann umgehen, wenn es ihm abtrünnig wird. Daß mancher Eurer Könige im 9. und 8. Jhd. v.Chr. sich bereitgefunden hatte, den Baals- wie Euren ureigenen Jahwe-Kult in Euren Ländern nebeneinander zuzulassen, war für die ernsthaften Jahwe-Anhänger unter Euch sicherlich mehr als schlimm. Und es hat Eure beiden Reiche auch ganz gewiß ein Stück weit politisch geschwächt: Denn auf welchen Gott sollte sich Euer König denn glaubhaft berufen können, wenn er zwei Götter in seinem Lande gleichzeitig verehren ließ - einen höchsten und einen einzigen Gott?!
Der Bel (oder auch Merodach-Marduk) aber, den die Babyloner als ihren Stadtgott verehren, unterscheidet sich in manchem von jenem Baal, mit dem Euer Jahwe seit alters in der kanaitischen Tiefebene konkurriert!
Das jedenfalls sagen meine Schriftrollen: Bel sei der Gott der Früh- und zugleich der FRühjahrssonne. Der Planet Jupiter sei ihm geheiligt, er heiße ´Der große Herr´, der ´Herr der Herren´, der ´Herr der Götter´. Der Bel- oder Marduk-Glaube drehe sich an seinem entscheidenden Punkt um die Gesetzmäßigkeit der Gestirn-Bewegungen und deren Schicksalsmächtigkeit. Nachdem die mesopotamischen Chaldäer den Assyrern die Macht im Zweistromland erfolgreich streitig gemacht hatten - 612 v.Chr. war das, wie Du ja gut weißt - hatte es sich deshalb zunehmend überall eingebürgert, öfters auch nur von den ´Sterndeutern´zu sprechen, wenn von den chaldäischen Babyloniern die Rede war.
Der Baal, der jahrhundertelang mit dem Eingottglauben Deines Volkes konkurrierte, gegen den Abraham und seinen Nachkommen seit etwa dem 21. Jhd. v.Chr. ihren Jahwe-Glauben von einem einzigen, allumfassenden Schöpfergott zu leben suchten, der Baal, den in unseren Tagen vor allem die Phönizier verehren, hat mit den Sternen wenig zu tun. Er ist, so habe ich es in vielen Gesprächen mit phönizischen Kaufleuten immer wieder erfahren, ein Vegetationsgott der Regenzeit. Er steht im ewigen Kampf mit Mot, der göttlichen Personifikation des in die Erde gesenkten und wieder sprießenden Korns. Beide gehören zu der Gruppe der sterbenden und wieder erstehenden Götter. Du weißt so gut wie ich um den agrarischen Charakter dieser Art von Religion, die damit im übrigen der ägyptischen durchaus verwandt ist.
Deinen Enkel Benjamin haben diese erklärenden Unterscheidungen, wie Du Dir gewiß denken kannst, außerordentlich interessiert. Hitzig hat er mir erklärt, daß der Glaube dieser Chaldäer, wenn es sich mit ihm annähernd so verhalte, wie oben kurz skizziert, genau so anmaßend sei wie ihre Politik. Schicksalsgläubig, wie sie seien, erdreisteten sie sich, Schicksal zu spielen für andere Völker - ohne jeden Respekt!
Sein ganzer Trost ist die Vorstellung. daß über die Jahrtausende hinweg im Zweistromland eines gegolten habe: Reichsbildungen hätten sich hier immer nur für eine begrenzte Zeitspanne halten können. Zu viele Völker hätten von Südwesten und Osten her immer wieder in dieses fruchtbare Gebiet gedrängt.
Seit einiger Zeit gebe es auch wieder Nahrung für diese Einschätzung der Lage und Geschichte Mesopotamiens: Immer öfter erzählten sich die Kaufleute aus aller Herren Länder, eine wie beeindruckende kulturelle und militärische Macht da im Osten Babylons in den Völkern der Meder und Perser ganz unübersehbar heranwachse!
Benjamin setzt auf diese Iranier. Ihre kriegerischen Fähigkeiten würden weithin gerühmt.
Babylon versuche zwar, durch eine Medische Mauer, seinem Herrschaftsgebiet eine friedliche Blütezeit zu erschleichen. Aber damit werde es auf die Dauer keinen Erfolg haben. Sein einstiger Sieg über Jerusalem sei ein Kinderspiel gewesen gegenüber dem, was diesem anmaßenden Volk bevorstehe, wenn die Iranier erst einmal zum Amgriff schritten. Schließlich: Was hätten ihnen die Judäer damals schon entgegenzusetzen gehabt - dieses Volk der Hirten mit seinen wenigen Städten und seinem begrenzten Herrschaftsgebiet?! Und ihr Sieg über die Assyrer, jenes kriegerischte und seinen besiegten Feinden gegenüber gnadenloseste unter den altorientalischen Völkern? Der sei ja viel mehr den Medern und Skyten zu verdanken gewesen als der Kampfstärke ausgerechnet der Babylonier! Für Benjamin ist klar: Die Tage Babylons sind gezählt!
Ich werde also mehr als ´genau hinschauen, was sich im Osten unserer Welt in diesen Tagen tut.
Über diesem INteresse an den politischen Veränderungen in dem Raum, der das Leben gerade auch von Euch Kindern Israels ganz unmittelbar betrifft, haben Dein Enkel und ich unseren anfänglichen Streit über meine Reiseroute, den Göttern sei Dank, also rasch wieder begraben können. Benjamin kam gerade zum richtigen Zeitpunkt. Ich stecke voller Fragen und kann es kaum mehr erwarten, endlich aufzubrechen.
Meine Schwägerin Nophris hat sich allen Überredungsversuchen zum Trotz nicht entschließen können, mich zu begleiten, obwohl sie mir in allem, was mich an unserer Welt interessiert hat, immer eine hervorragende Gesprächspartnerin gewesen ist. Sie hat zugunsten meiner Nichte Nikotris verzichtet, die sich die Gelegenheit, einen reisenden Onkel begleiten zu können, nicht entgehen lassen will. Ich mag den Fratz. Langwierige Betrachtungen werde ich mit ihr zwar nicht austauschen können - da wird mir Nophris schon fehlen - aber Nikotris´unbekümmerter Blick auf Menschen und Verhältnisse mag die bessere Ergänzung zu meinem zu sehr an allem Schriftlichen hängenden Auge liefern.
Auf denn!
Und auf ein gesundes Wiedersehen mit Dir, meinem Bruder im Schmerz, der mir zum Freund geworden ist nun schon seit einem Viertel-Jahrhundert! Laß uns auch nach Jerusalem fahren zu den Gräbern der beiden, die sich nie haben kennenlernen dürfen, aber im Tode Nachbern geworden sind.
Der Segen Deines Gottes sei mit Dir! Es grüßt Dich in Liebe und freudiger Erwartung
Dein Freund Hesi