günter grass / ´IM KREBSGANG´ /  rezensionen

 

 

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 FAZ, 5.2.2002
Aufzeichnungen eines Einsiedlerkrebses
Von Fridtjof Küchemann


 
5. Feb. 2002 Wenn Günter Grass die Wäscheleine seiner Prosa spannt, steht der eine Pfosten im Danzig der 30er und 40er Jahre, der zweite in der Gegenwart. Was Grass an dieser Leine aufhängt, ist auch in seiner Novelle "Im Krebsgang" auf verblüffende Art beiden Seiten, der geschichtlichen Situation wie der Gegenwart, verpflichtet.

Selbst nach Art der Krebse scheinbar seitlich ausweichend, dabei aber doch zielstrebig vorwärts kommend, erzählt Grass von einer der größten Schiffskatastrophen, die sich jemals zugetragen haben: dem Untergang der Wilhelm Gustloff Ende Januar 1945. Mit annähernd 10.000 Menschen an Bord - Flüchtlingen, Verwundeten, Marinehelferinnen - völlig überladen von Gotenhafen bei Danzig aus in Richtung Kiel in See gestochen, sank das ehemalige Ferienreise-Schiff aus der "Kraft durch Freude"-Flotte nach drei Torpedo-Treffern eines russischen U-Bootes. Es gab kaum Überlebende.

Familiengeschichte

Zu den wenigen lässt Günter Grass seine traumhafte Frauengestalt Tulla Pokriefke gehören, seinen Lesern als eigenwilliges Mädchen aus der Danziger Trilogie bekannt. Nicht nur, dass sie Angriff und Untergang der Wilhelm Gustloff bei 18 Grad minus überlebt und gerettet wird: Sie bringt in dieser Nacht - unmittelbar nach dem dritten Torpedo-Treffer setzen die Wehen ein - ihren Sohn Paul auf die Welt, der über 50 Jahre später diese Geschichte erzählt.

Und hier beginnt das Verwirr- und Versteckspiel dieses Buches: Nicht aus eigenem Antrieb, nicht auf Geheiß seiner Mutter schreibt der Sohn, von Beruf ein Journalist, diese Geschichte auf. Dahinter steckt ein ominöser Auftraggeber, dessen Mahnungen zu Sachlichkeit und Tempo indirekt das Buch durchziehen. Er trägt unverkennbar Grasssche Züge.

Neonazis im Internet  

Der Erzähler scheint sich gegen diesen Auftrag wehren zu wollen, gegen die eigene Geschichte und die Geschichten, die ihm seine Mutter seit frühester Kindheit immer wieder aufgetischt hat. Tulla Pokriefke hat sie auch Pauls Sohn Konrad immer wieder erzählt - und ist bei allem Widerstand des eigenen Sohnes auf das Interesse des Enkels gestoßen.

Bei seinen Recherchen stößt Paul Pokriefke auf eine Website mit der befremdlichen Adresse "www.blutzeuge.de", die in aller Detailliertheit und mit deutlich neonazistischer Färbung die Geschichte der Wilhelm Gustloff und die ihres Namensgebers erzählt. Gustloff organisierte in der Schweiz den dortigen NSDAP-Ableger, bis er 1936 von einem jüdischen Attentäter in Davos erschossen wurde.

In drei geschichtlichen Erzählsträngen steuert Grass auf den Untergang der Gustloff und die Rettung der Pokriefke zu: Er erzählt die Geschichte Gustloffs, die des Attentäters David Frankfurter und die des russischen U-Boot-Kommandanten Alexander Marinesko, der das Schiff in der Januarnacht 1945 versenkte. Und das ist noch nicht alles: Paul Pokriefke muss feststellen, dass hinter der "Kameradschaft Wilhelm Gustloff", die die Blutzeugen-Website mit ihrer Mischung aus Detailkenntnis, Geschichtsfälschung und Hetze verantwortet, der eigene Sohn Konrad steckt. 

Erinnern, Deuten, Verdrängen

"Niemals, sagt er", lässt Grass seinen Erzähler den Auftraggeber zitieren, "niemals hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen". Günter Grass arbeitet nach. Und spiegelt die Vergangenheit an der Gegenwart des rechtsradikalen Sohnes, der aus Mölln zur Großmutter nach Schwerin, in die Geburtsstadt Gustloffs zieht und dort schließlich zum Mörder eines Gleichaltrigen wird, der sich in den Chats auf der Gustloff-Website als Jude David vorgestellt und mit Konrad heftige Wortgefechte geliefert hatte.

Wem gehört das Erinnern? Welchen Sinn und welchen Preis hat das Verdrängen? Wie rechtfertigt sich ein Attentäter - als Jude und als Nazi? Mit welchen Färbungen, Wendungen, Deutungen lässt sich eine Katastrophe abseits statistischer Zahlen erzählen?

Im Krebsgang hat Günter Grass ein auch heute noch empfindliches Thema aufgegriffen, wendig und klug konstruiert, mit überraschend nüchterner, an manchen Stellen in der erzählerischen Geste etwas müde wirkender Stimme erzählt - und dabei, wie eine andere Art Krebs, das ohne Panzer ungeschützte Hinterteil in der Sicherheit eines literarischen Schneckenhauses belassen.

 

 

 

Literatur  Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2002,
Nr. 34, S. 56 
Hubert Spiegel
Das mußte aufschraiben!


Die verspätete Erinnerung: Günter Grass beschreibt in seiner Novelle "Im Krebsgang" den Untergang der
"Wilhelm Gustloff" und das Leid deutscher Kriegsflüchtlinge

Wer im Internet den Suchbegriff "Gustloff" eingibt, erhält an die zweitausend Verweise. Auch die Adresse "www.blutzeuge.de" und der Hinweis auf eine "Kameradschaft Schwerin" sind darunter. In Günter Grass' neuer Novelle "Im Krebsgang" ist "Blutzeuge.de" die Website, die ein anonymer Neonazi als Ehrentempel für Wilhelm Gustloff errichtet hat, jenen Nazi-Funktionär, nach dem das Flüchtlingsschiff benannt war, das im Januar 1945 von einem russischen U-Boot torpediert wurde und das im Zentrum des Buches steht.

Bei seinen Recherchen für ein Buch über die "Gustloff" entdeckt der Erzähler Paul Pokriefke, daß der gewitzte Webmaster, der sich nach seinem Idol Wilhelm nennt und alles über das Schiff und seinen Namensgeber weiß, kein anderer als sein eigener Sohn Konrad ist. Am Ende der Novelle ist das Schicksal der "Gustloff" erzählt, und Konrad sitzt im Gefängnis. Er hat seinen vermeintlich jüdischen Widerpart aus dem Chatroom bei ihrer ersten Begegnung erschossen, um das Attentat des Juden David Frankfurter am Nazi-Funktionär Wilhelm Gustloff zu rächen. Im Internet gibt es eine neue Seite, auf der Konrad als Märtyrer- und Führerfigur der Bewegung gefeiert wird.

Die Internetseite "Blutzeuge.de" gibt es tatsächlich. Der Steidl Verlag hat sie eingerichtet, sie zeigt zwei von Grass gezeichnete Krebse, daneben steht ein Zitat aus der Novelle. Auch die "Kameradschaft Schwerin" ist im Netz vertreten. Sie ist keine Erfindung des Verlags. Auf ihrer Homepage werden Besucher als "Freie Nationalisten" angesprochen, mit "Heil Euch Kameradinnen und Kameraden" begrüßt und mit "volkstreuem Gruß" verabschiedet. Im Archiv der "Kameradschaft" findet sich unter dem Datum vom 20. April letzten Jahres ein Bekenntnis zu Adolf Hitler. Durchaus denkbar, daß ein Gymnasiast mit pathologischer Gustloff-Macke hier, wie von Grass geschildert, anklopft und Aufnahme findet.

Vertäut im Netzwerk der Verweise

Kein Zweifel, Günter Grass hat gründlich recherchiert. Langsam tastet er sich an die Tragödie heran, immer wieder auf Nebenschauplätze ausweichend. "Warum erst jetzt?" lauten die ersten, "Das hört nicht auf. Nie hört das auf" die letzten Worte des Buches. Zwischen diesen beiden Polen, zwischen der Frage nach der verspäteten Erinnerung und der Angst, die Saat der Nazis werde nie vertrocknen, entfaltet Grass die Tragödie des Flüchtlingsschiffs "Wilhelm Gustloff" als "deutsches Requiem" und "maritimen Totentanz", aber auch als Schlußstein im eigenen literarischen Kosmos. "Im Krebsgang" ist die akribische Recherche eines historischen Dramas und zugleich das Zwiegespräch eines Autors mit sich selbst und seinen Figuren.

Gut vertäut ruht die Novelle im Netzwerk der Verweise auf frühere Werke und Figuren, am deutlichsten zeigt sich dies an Tulla Pokriefke, jenem kalt und böse funkelnden Kobold aus "Katz und Maus", den Grass offenbar nie aus den Augen gelassen hat. In "Hundejahre" (1963) war Tulla Straßenbahnschaffnerin in Danzig, in der "Rättin" (1986) hieß es von ihr, sie sei wohl mit der "Gustloff" untergegangen. Nun ist sie die zentrale Figur der Novelle, die unbeirrbare, unbelehrbare Gegenspielerin ihres kraftlosen Sohnes Paul, der in jener Minute geboren wurde, als die "Gustloff" unterging. Tulla ist der Motor der Erinnerung, die Augenzeugin, die Überlebende, die nach dem Sprachrohr sucht, das für die Nachwelt fixiert, was sie selbst nicht in Worte fassen kann.

Die Chronik der Tragödie, die Tulla stets von Paul gefordert hat - "Das mußte aufschraiben. Biste ons schuldig, als glicklich ieberlebender" -, kann der frühere Springer-Journalist erst auf Geheiß eines Dritten zu Papier bringen. Pauls Auftraggeber, der "Alte", ist Grass' Alter ego, ein Schriftsteller, der sich "müdegeschrieben" hat und nun einem anderen überläßt, was er selbst hätte tun müssen: "Eigentlich, sagt er, wäre es Aufgabe seiner Generation gewesen, dem Elend der ostpreußischen Flüchtlinge Ausdruck zu geben . . . Niemals, sagt er, hätte man über soviel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen."

Nun wird das Versäumte nachgeholt. Aber Grass erzählt nicht nur vom Nazi Wilhelm Gustloff und von seinem jüdischen Attentäter David Frankfurter, er erzählt nicht nur von Robert Leys Kraft-durch-Freude-Kreuzfahrten und ihrer verlogenen Klassenlosigkeit, nicht nur von Tulla Pokriefkes Flucht aus Danzig, von der Schreckensnacht des 30. Januar, als vier Kapitäne auf der Brücke der "Gustloff" durch ihr Kompetenzgerangel das Schiff zum leichten Ziel für das russische U-Boot "S-13" unter Kapitän Marinesko werden ließen. Tullas Fuchspelz und ihre vom Entsetzen gebleichten Haare, der schillernde Marinesko, die Marinehelferinnen, die im Schwimmbad unter Deck zu Hunderten starben, als ein Torpedo die Bordwand durchschlug -
all dies ist Stoff für mehr als eine Novelle. Aber es war Grass nicht Stoff genug.

Als brauche er ein Alibi, erfindet sich Günter Grass zu Tulla, Paul und dem Alten noch einen Sohn und Enkel. Konny Pokriefke ist ein intelligenter, netter junger Mann, der nur leider in den fatalen Familienverhältnissen der Pokriefkes aufgewachsen ist und deshalb auf die schiefe Bahn des Neonazis geriet. Mit Konrad und Paul variiert Grass das alte Thema der Achtundsechziger: das Schweigen der Väter und den ohnmächtigen Zorn der Söhne. Aber wie viel Mühe und Sorgfalt er sich mit Konny auch gibt - es ist umsonst. Der fehlgeleitete Attentäter ist eine papierene Alibifigur: die personifizierte Wiederkehr des Verdrängten. Seine Untat geschieht nur, um Tullas Forderung moralisch zu legitimieren: Das mußte aufschraiben, das darf nicht vergessen werden.

Grass vergißt nichts. Penibel ist er um Korrektheit bemüht, als fürchte er nichts so sehr wie den Vorwurf historischer Ungenauigkeit. Aber wie wenig es in diesem Fall auf Genauigkeit ankommt, zeigt schon die letzte Ausgabe des "Spiegel", die dem neuen Werk des Nobelpreisträgers die Titelgeschichte widmet. Ihre Überschrift: "Die deutsche Titanic". Der Vergleich hinkt. Die "Wilhelm Gustloff" sank nicht wie die "Titanic" in Friedenszeiten nach der Kollision mit einem Eisberg, sondern sie war ein Flüchtlingsschiff, das im Krieg versenkt wurde. Nicht die Zahl der Opfer ist hier entscheidend, sondern ihre historische Rolle. Die Passagiere der "Gustloff" waren Flüchtlinge, vor allem Frauen, Marinehelferinnen und Kinder. Zweitausend Verweise im Internet auf das Schiff und seinen Namensgeber sind ein Beleg dafür, daß die Katastrophe nie völlig in Vergessenheit geraten war. Es gibt etliche Bücher über die "Gustloff", und in Zeitungsartikeln wurde regelmäßig an das Unglück erinnert, nicht zuletzt, weil bis in die siebziger Jahre das Bernsteinzimmer im Schiffswrack vermutet wurde. Wer wollte, konnte alles über die "Gustloff" und ihr Schicksal in Erfahrung bringen, was es zu wissen gibt. Aber konnte er auch darüber reden?

Es war bundesrepublikanischer Konsens, daß deutsches Leid und das an Deutschen begangene Unrecht nicht gegen die Verbrechen der Nazis in Anschlag und zur Aufrechnung gebracht werden dürften. Wer ihn, in welcher Form auch immer, in Frage stellte, lief Gefahr, als Revisionist gebrandmarkt zu werden. Daß Günter Grass diesen Konsens mit seiner Novelle aufkündigt, wird ihm viel Beifall, aber auch Kritik eintragen. Man wird ihm, wie bereits geschehen, vorwerfen, daß er zu spät kommt, nämlich zu einem Zeitpunkt, da es kein großes Wagnis mehr bedeute, an deutsches Leid im Zweiten Weltkrieg zu erinnern. In dieser Kritik werden sich die Gestrigen beider Seiten, die Altrechten ebenso wie die Altlinken, einig finden. Die Stühle, zwischen die sich der Schriftsteller gesetzt hat, sind beide morsch. Wenn die alten Mechanismen nicht den Dienst versagen, wird gerade die Altlinke, die jahrzehntelang und nicht ohne Gründe das Aufrechnungsverbot heilighielt, dem Schriftsteller die vermeintliche Verspätung ungnädig vorhalten.

Vor vier Jahren beklagte der kürzlich verstorbene W. G. Sebald, daß die deutsche Nachkriegsliteratur sich dem Leid der eigenen Bevölkerung verschlossen habe. Sebald sprach vom "Luftkrieg" und meinte die Bombardierung deutscher Großstädte. Aber gleichviel,ob deutsche Zivilisten in Luftschutzkellern verschüttet, auf den Flüchtlingstrecks von russischen Panzern zermalmt wurden oder als Passagiere der "Gustloff" in der Ostsee ums Leben kamen, die Fragen sind immer dieselben: Darf es auf deutscher Seite, auf der Seite der Täter, Opfer gegeben haben? Und darf ihr Leid Gegenstand künstlerischer Darstellung sein?

Was Pynchon und Vonnegut vorgemacht machen 

Rasch waren Listen verfertigt, die beweisen sollten, daß die von Sebald beklagte Leerstelle der Literaturgeschichte nie existiert habe. An Nossack, Ledig, Max Zimmering und Eberhard Panitz wurde erinnert. Natürlich gab es die erwähnten Bücher, aber sie blieben ungelesen. Nennenswertes Echo haben sie nicht hervorgerufen, das gelang erst Klemperer und Kempowski. Völlig übersehen wurde damals, daß amerikanische Autoren nicht zögerten, Deutsche als Opfer darzustellen. Kurt Vonnegut, der die Bombardierung Dresdens als Kriegsgefangener erlebte, hat mit "Schlachthof 5" bereits 1970 einen Roman darüber geschrieben.

Thomas Pynchon hat in seinem großen Roman "Die Enden der Parabel", im Original 1973 erschienen, den Flüchtlingsstrom im Osten beschrieben und scheute sich nicht, "Volksdeutsche von jenseits der Oder", "Polen auf der Flucht vor dem Lublin-Regime" und den Konzentrationslagern Entkommene in einem Atemzug zu nennen: ". . . weiße Handgelenke und Knöchel, die unsäglich abgezehrt aus den gestreiften Lagerkluften stechen, Schritte, leicht wie die von Wassservögeln auf dem Staub des Binnenlands . . . so sind die Völkerscharen unterwegs, über offene Felder, humpelnd, gehend, schlurfend, getragen, sich schleppend, über die Schutthalde einer Ordnung, einer europäischen und bürgerlichen Ordnung, von der sie noch nicht wissen, daß sie zerstört ist für immer."

Es mag gewagt sein, Grass' neue Novelle neben die dreißig Jahre alten Bücher der Amerikaner Pynchon und Vonnegut zu stellen, aber
der Vergleich zeigt zumindest, wie unfrei selbst ein so souveräner Autor wie Grass noch immer mit dem heiklen Thema umgeht. Man muß nur einige Seiten in "Katz und Maus" lesen, um zu sehen, was der neuen Novelle fehlt, wie Grass klang, als Tulla Pokriefke noch keine Großmutter war. Oder nehmen wir eine andere der Grass'schen Großmütter. Sie sitzt in einer Windmühle, deren Flügel sie abwechselnd in Licht und Finsternis hüllen: "In der Hängestube saß sie und wurde von rasenden Schatten getroffen. Sie blitzte auf, verging im Halbdunkel, saß grell, saß düster. Auch Stücke Möbel, der Aufsatz des Vertikos, der gebuckelte Deckel der Truhe und der rote, seit neun Jahren unbenutzte Sammet des geschnitzten Betschemels leuchteten auf, vergingen, zeigten Profile, dunkelten klobig: flittriger Staub, staubloses Dämmern über der Großmutter und ihren Möbeln." So beschrieb Grass Walter Materns gelähmte Großmutter in "Hundejahre", und nichts im neuen Buch reicht an eine solche Passage heran.

Als 1963 der Roman "Hundejahre" erschien, schrieb Ivan Nagel, die deutsche Literatur habe zum ersten Mal seit dem Tod Thomas Manns wieder einen Epiker. Nagel stellte sich damals die Frage, worin sich Grass von seinen Generationsgenossen unterscheide. Seine Antwort: Grass ist der künstlerischste unter den jüngeren deutschen Schriftstellern. "Er hat die Vergangenheit bewältigt, indem er sie zum erstenmal als Vergangenheit betrachtet hat. Das epische Unvermögen seiner Generationsgenossen entsprang wohl ihrer Absicht, die Vergangenheit nicht Vergangenheit werden zu lassen . . . Der Epiker Grass nimmt die Erinnerung in Kauf, er nimmt in Kauf das Vergessen."
Was Nagel damit meinte, war, daß Grass die künstlerische Verarbeitung über die historische Detailtreue stellte, Gestaltung über Authentizität. Grass hat nicht an der Vergangenheitsbewältigung gearbeitet, sondern die Vergangenheit im artistischen Spiel bewältigt. Deshalb waren seine frühen Romane Skandale, deshalb hat ein Kritiker wie Günter Blöcker die "Blechtrommel" in Bausch und Bogen abgelehnt.

Jetzt, fast vierzig Jahre später, hat Grass sich ein Thema vorgenommen, das er nicht als Vergangenheit betrachten konnte, das all die Jahre in ihm rumort haben muß. Wohl deshalb mangelt es der Novelle an der artistischen und künstlerischen Gestaltung, es fehlt das Anarchische, Phantastische, die lustvoll ausufernde Sprachmächtigkeit der frühen Bücher. Wie Grass sich damals im Erzählen verlor, verliert er sich nun in der Aufzählung. Noch auf dem dramatischen Höhepunkt, als das Schiff untergeht und vielen Flüchtlingen der Sprung ins Rettungsboot mißlingt, klingt Grass so: "Doch Mutter kam mit Glück an Bord eines Kriegsschiffes von nur 768 Tonnen Wasserverdrängung, das im Jahr achtunddreißig vom Stapel einer norwegischen Werft gelaufen, auf den Namen ,Gyller' getauft, in norwegischen Dienst gestellt und nach der Besetzung Norwegens im Jahr vierzig als Beute von der deutschen Kriegsmarine übernommen worden war."


Nein, da hat sich unübersehbar jemand neben den Epiker gedrängt und nimmt ihm die Luft zum Atmen. Es ist der Rechercheur, den Grass in Dienst genommen hat und der sogar auf dem Vorblatt des Buches namentlich erwähnt wird. Das ist nur recht und billig, denn gewissenhaft, detailbegeistert und fleißig hat er dem Schriftsteller zugearbeitet, der all dies ja auch selbst ist: gewissenhaft, detailbegeistert und fleißig.

Der Rechercheur ist der Heizer im Maschinenraum dieser Novelle, unermüdlich, Detail um Detail, Schaufel um Schaufel hat er nachgelegt, und zuweilen hat er auch auf der Brücke gestanden und den Kurs bestimmt.
Kein Zweifel, "Im Krebsgang" ist ein wichtiges Buch, das Beste von Günter Grass seit langem. Aber was für ein Meisterwerk hätte es werden können, wenn Grass den Heizer dort gelassen hätte, wo er hingehört: unter Deck.

 

 

 

DIE ZEIT / Literatur 07/2002

Der alte Mann und sein Meer

Günter Grass verarbeitet ein Kapitel deutscher Vertreibung: den Untergang der "Wilhelm Gustloff"

von Günter Franzen

In der Nacht des 30. Januar 1945 wurde das mit zehntausend Flüchtlingen beladene ehemalige Kreuzfahrtschiff Wilhelm Gustloff vor der pommerschen Küste von einem sowjetischen U-Boot versenkt. Bei Außentemperaturen von minus 18 und einer Wassertemperatur von zwei Grad starben bis zum Morgengrauen 9000 Menschen, darunter 4000 Kinder und Säuglinge, die in der rauen See den erkaltenden Händen ihrer Mütter entglitten.

Dass wir, die Nachkommen, den Mordopfern keine Träne nachweinen müssen, haben wir einer komfortablen, im Verlauf eines halben Jahrhunderts bis zur Perfektion kultivierten Geschichtsauffassung zu verdanken, der zufolge die deutschen Opfer als mutmaßliche Angehörige der nationalsozialistischen Tätergemeinschaft ein für alle Mal jeden Anspruch auf öffentliche Anerkennung ihres Leidens verwirkt haben: Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Dass es ausgerechnet Günter Grass ist, der in seiner jüngst erschienenen Novelle Im Krebsgang die literarische Verarbeitung dieses Kapitels der Vertreibung wagt und das aus emotionaler Verarmung und intellektueller Einfalt gefügte kollektive Denkgehäuse sprengt, stellt vor dem Hintergrund des politischen Werdegangs des Poeta laureatus eine Überraschung dar, die an ein Wunder grenzt.

Das Unterfangen des Nobelpreisträgers nimmt sich weniger mirakulös aus, wenn man dem Dichter und seinem im jüngsten Werk versammelten Personal ein wenig näher tritt. Im Oktober dieses Jahres wird Günter Grass seinen 75. Geburtstag begehen, und die letzten lebenden Zeugen aus der am Horizont verdämmernden ostdeutschen Provinz treten ab. Sie nehmen die peinigenden Geschichten, die niemand hören wollte, mit ins Grab. Weil ihr Leben unerzählt und das heißt unerlöst zu bleiben droht, hat sich der Danziger Trommler vor Einbruch der Dunkelheit noch einmal sehr weit vom sicheren Ufer abgestoßen: Der alte Mann und sein Meer.

Einem Gegenstand, in diesem Fall den ermordeten ostdeutschen Flüchtlingen, in ästhetisch adäquater Weise eine Stimme zu verleihen, setzt die Fähigkeit voraus, ein sich selbst tragendes Sprachgebilde von relativierenden Nebensätzen freizuhalten: keine Erklärungen, keine Rechtfertigungen. Günter Grass verbirgt sich und dem Leser nicht, dass er über diese von Walter Benjamin geforderte Freiheit des Ausdrucks nur eingeschränkt verfügt: "Eigentlich sagt der Alte, müsse jeder Handlungsstrang, der mit der Stadt Danzig und ihrer Umgebung verknüpft oder locker verbunden sei, seine Sache sein. Er und kein anderer hätten deshalb von allem, was das Schiff angehe, berichten und also auch vom Ende auf der Stolpebank erzählen müssen. Niemals hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen."

Täter und Opfer vereint

Die Vorstellung, dass sich die Neonazis seines Themas bemächtigen könnten, ist sowohl für den fiktiven Erzähler als auch für den Autor selbst derart bedrängend und unerträglich, dass er sich von dem dumpfen Gesocks, das bislang nur selten schöngeistiger Neigungen überführt werden konnte, die Konstruktion, die Erzählweise und den Titel des Buches aufzwingen lässt. Zaudernd, im Krebsgang eben, nähert er sich dem Tatort. Er breitet die Biografie des Landesgruppenleiters der Schweizer NSDAP, Wilhelm Gustloff, aus; er geht den Motiven nach, die den jungen Medizinstudenten David Frankfurter 1936 dazu veranlassten, den Satrapen Hitlers in seiner Davoser Wohnung zu erschießen; er rekonstruiert die Geschichte des KdF-Dampfers vom Stapellauf bis zum Untergang und stellt dem Erzähler einen verlorenen Sohn zur Seite, der das Ereignis im Internet aus der hasserfüllten Sicht des notorischen Rechtsradikalen kommentiert.

Dass diese manchmal nervtötende, an Behäbigkeit grenzende Umstandskrämerei dennoch die verborgene Qualität des Textes ausmacht, wird deutlich, wenn Grass seinen von liebevoller Behutsamkeit geleiteten Blick unter Verzicht auf das geläufige Horrorrepertoire auf die Menschen richtet, die sich in dieser Nacht des Schreckens als Opfer und Täter gegenüberstehen. Grass hält sich an die Oberfläche und bescheidet sich mit der Beschreibung und Aneinanderreihung der wenigen erhaltenen Schnappschüsse. Grimmig dreinblickende Bubengesichter unter schief sitzenden Matrosenmützen, halb erblühte Marinehelferinnen mit onduliertem Haar, das ahnungslose Lächeln der sich an ihre Puppen klammernden Kleinkinder, die zeitlosen Gesichter der Säuglinge, vom Schrecken der Flucht gezeichnete Greisinnen, die schmerzverzerrten Züge der verwundeten Kurlandkämpfer auf dem Promenadendeck: unterschiedslos vereint "im erbärmlichen Ersaufen".

Alexander Marinesko, U-Boot-Kommandant der baltischen Rotbannerflotte, der Mann, der dazu ausersehen ist, den wehrlos Eingeschlossenen dieses Ende zu bereiten, erscheint im Verlauf der literarischen Rekonstruktion der Begebenheiten selbst als ein Toter auf Urlaub. Auf den trinkfreudigen Kapitän der S13 wartet nach Rückkehr in den finnischen Heimathafen die Gerichtsbarkeit des NKDW, der ihn wegen einer Überschreitung des Landurlaubs der Sabotage und Spionage bezichtigt. Um diesen tödlichen, im Lande Stalins millionenfach verbreiteten Verdacht zu entkräften, muss der gejagte Jäger seinen Häschern eine Leichenstrecke präsentieren, die alle bis zu diesem Zeitpunkt eingetretenen Schiffskatastrophen in den Schatten stellt: blutige Ernte ohne Ansehen des Gesichts.

Dass es sich bei diesem auf der Ostsee dümpelnden Dampfer um keinen von den "verfluchten Faschistenhunden" bevölkerten Truppentransporter handelte, konnte dem erfahrenen Seeoffizier nicht verborgen bleiben: Im nachlassenden Schneetreiben bewegte sich die Gustloff mit gesetzten, weithin sichtbaren Positionslichtern. "Für die Qualen Leningrads", schrieb Ilja Ehrenburg 1944 in der sowjetischen Armeezeitung, "hat uns Berlin noch nichts bezahlt."

Die Hasstirade des russischen Schriftstellers folgt einer Logik der Vergeltung, der sich bis in die Gegenwart hinein hierzulande niemand verschließen mochte, wollte er sich nicht dem üblen Ruf der Unbelehrbarkeit aussetzen.

Das Grasssche Porträt des U-BootKommandanten legt eine andere Lesart nahe. Die von höchster Stelle erteilte Lizenz zum uneingeschränkten Töten entsprang der immanenten Logik eines totalitären Systems, das unter dem Deckmantel des "Großen vaterländischen Kriegs" die im Landesinneren vollzogene kommunistische Utopie der Säuberung exportfähig machte. "Wir haben die Sowjetunion mit Krieg überzogen, dem Land unendliches Leid gebracht und dann den Krieg verloren", resümierten Margarete und Alexander Mitscherlich 1977 in ihrem Buch Die Unfähigkeit zu trauern. Man muss schon mit einer erheblichen Trägheit des Herzens geschlagen sein, wenn man sich nach der Lektüre der Novelle der späten Einsicht verweigert, dass dieser mitleidlose, von mir und den Angehörigen meiner Generation jahrzehntelang befolgte Ernüchterungsappell nur die halbe Wahrheit enthält.

Vor Sonnenuntergang ist der Nobelpreisträger noch einmal an die Stätten seiner Kindheit zurückgekehrt und hat unsere Toten dem Vergessen entrissen. "Warum erst jetzt?", fragt er sich auf der ersten Seite seiner Novelle. "Man sieht den Wegen im Abendlicht an", antwortet sein ferner Kollege Robert Walser, "dass sie Heimwege sind."