DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

 READER: jugend als literarisches thema des 20., 19. + 18.jhds...

 


 

 

1957  Alfred Andersch  /  SANSIBAR ODER DER LETZTE GRUND8

 

       |  und:    

 

 

Kindlers neues Literaturlexikon

Roman von Alfred Andersch, erschienen 1957. - Wie in seinem autobiographischen Bericht Die Kirschen der Freiheit (1952), in dem der Autor seine Desertion aus der deutschen Wehrmacht schildert, steht in diesem Buch das Thema der - erzwungenen oder gewollten - Flucht in die Freiheit im Mittelpunkt. Im Herbst 1937 treffen in dem Ostseestädtchen Rerik mehrere Menschen zusammen, die aus politischen oder privaten Gründen fliehen müssen. Am unmittelbarsten bedroht ist Judith Levin, eine junge deutsche Jüdin, deren alte, körperbehinderte Mutter wenige Tage zuvor Selbstmord beging, um ihrer Tochter die Flucht vor den Nazis zu ermöglichen. Judith hat die vage Hoffnung, daß ein schwedisches Schiff sie ins neutrale Ausland mitnehmen werde. In Rerik lernt sie den kommunistischen Instrukteur Gregor kennen, der einen Parteiauftrag ausführen soll, der KP aber mittlerweile skeptisch gegenübersteht, weil er ihren Terror auf der Lenin-Akademie in Moskau zu spüren bekommen hat und weil sie in seinen Augen versagt hat, als sie »den Anderen«, d. h. den Nazis, 1933 widerstandslos die Macht überließ. Gregor nimmt Verbindung auf zu dem Fischer Knudsen, dem letzten noch aktiven Genossen in Rerik, der sich aber gleichfalls von der Partei und ihrer aussichtslosen Untergrundarbeit absetzen will. »Man mußte weg« - das denkt auch Knudsens fünfzehnjähriger Schiffsjunge, den das Leben in der kleinen Stadt und bei seiner Mutter, die ewig nörgelt und »nölt«, langweilt und der von einer Flucht träumt, die der Huckleberry Finns auf dem Mississippi entspricht. Den stummen Mittelpunkt dieser Gruppe von Menschen aber bildet die Figur des »Lesenden Klosterschülers«, eine offensichtlich von Barlach stammende Plastik in der Kirche von Rerik, die Knudsen auf Bitten von Pfarrer Helander nach Skillinge in Schweden bringen soll, damit sie nicht als »entartete Kunst« abgeholt und vernichtet wird. Widerwillig vereinbart Knudsen, für den die Plastik nur der »Götze« aus Helanders Kirche ist, mit Gregor, der von der kleinen Figur, der Zartheit und liebevollen Konzentration in der Haltung des Klosterschülers fasziniert ist, einen Treffpunkt an einer verborgenen Stelle der Küste. Dorthin bringt Gregor in Begleitung von Judith Levi die Figur; nach anfänglichem Widerstand nimmt Knudsen sowohl die Jüdin wie auch den Klosterschüler mit nach Schweden: »Es geht die Schönheit Judiths. Es gehen Kunst und Wissenschaft, unverhüllt verkörpert im Bild des Lesenden. - Was übrig bleibt, ist Deutschland, das-Land-aus-dem-man-flüchtet« (Arno Schmidt). Für Gregor und auch für den zunächst zögernden Knudsen war dies schon eine Tat, die mit der Partei nichts mehr zu tun hatte und in der sich ihre neu errungene menschliche Freiheit dokumentiert. Dem Schiffsjungen, dem ein erträumtes »Sansibar in der Ferne« immer der wichtigste und »letzte Grund« für eine Flucht war, gibt sich mit diesem - aus seiner Sicht - »kleinen Abenteuer« zufrieden: Er kehrt mit Knudsen nach Deutschland zurück. Pfarrer Helander aber, ohnehin unheilbar krank, schießt, nachdem er von der Rettung der Plastik erfahren hat, auf einen der nationalsozialistischen Funktionäre, die ihn wegen des Verschwindens der Statue verhaften wollen, und wird von der SA liquidiert. Zwischen die Kapitel, in denen von den Fluchtplänen und der Flucht selbst erzählt wird, sind kurze Abschnitte in der Art des inneren Monologs eingeschoben, in denen die Gedanken und Fluchtphantasien des Schiffsjungen wiedergegeben werden; spielerisch kehren auf dieser Ebene die Fluchtpläne der Erwachsenen und ihre Sehnsucht nach einem neuen, freien Leben wieder. »Die Anderen«, für die beiden (ExKommunisten, den Pfarrer und die Jüdin die Nazis, sind in den Augen des Schiffsjungen die Erwachsenen schlechthin. Mit der Schilderung weniger typischer Details - der massiven Kirche in Backsteingotik, eines Hafenplatzes, einer Schifferkneipe - in einer unprätentiösen, fast kargen Sprache, die gleichwohl stets vom emotionalen, autobiographisch bedingten Engagement des Autors - er war vor 1933 KP-Funktionär, desertierte 1944 zu den Amerikanern - für die Romangestalten und ihre Schicksale zeugt, gelingt es Andersch, die deprimierende Atmosphäre der kleinen Hafenstadt im Spätherbst authentisch einzufangen. Obwohl Anderschs »Bericht« Die Kirschen der Freiheit zunächst bei der Kritik eine stärkere Resonanz fand, darf Sansibar oder der letzte Grund als eines der bedeutendsten Bücher des Autors gelten, was gleich nach seinem Erscheinen Kritiker wie Walter Muschg, Helmut Heissenbüttel und Arno Schmidt in seltener Einmütigkeit feststellten. Auch wenn das Buch nicht frei ist von gewissen sprachlichen Ungeschicklichkeiten und bisweilen recht papierenen Sätzen sowie einer gewissen gefühligen Innerlichkeit, ist darin doch Anderschs Plädoyer für die Entscheidungsfreiheit des Individuums gegenüber Mächtigen und Kollektiven und Organisationen fast so konkret, differenziert und überzeugend gestaltet wie in Kirschen der Freiheit. Arno Schmidt nannte das Buch 1957 »eine sachlich unwiderlegbare Anklage gegen Deutschland. Eine Warnung an ›alle die es angeht‹. Unterricht in (ja, fast Anleitung zur) Flucht als Protest. Vorzeichen einer neuerlichen, nur durch ein Wunder noch aufzuhaltenden Emigration aller Geistigkeit . . . Kompositorisch ausgezeichnet; sprachlich bedeutend über dem Durchschnitt.« Prof. Dr. Jörg Drews

 

 

gk d 12/2  -   die schüler/innen haben die nebenstehenden buchanalysefragen bearbeitet > ergibt 2/3 ihrer note;    -   sie bewerten überdies via auslosung die arbeitsergebnisse eines mitschülers /einer mitschülerin > die benotung der qualität dieser bewertung ergibt das letzte drittel ihrer zusätzlichen schriftlichen note in 12/2

AUTOR/IN:   sebs

 

 

1. Die Jugend des „Jungen“, auf dessen Namen nicht weiter eingegangen wird, wird aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers erzählt, der sowohl auf die äußeren als auch auf die inneren Handlungen des Jungens und der anderen Protagonisten eingeht. Dabei beschreibt jeweils ein Abschnitt schwerpunktmäßig nur die Handlungen und Gefühle jeweils einer Person (oder später auch mehrerer), die sich Anfangs noch ohne großen Zusammenhang, später hin vermischen. Jede Figur hat ihren eigenen Handlungsstrang, die sich am Ende alle treffen.  Dem Jungen ist jeder zweite Abschnitt gewidmet, was seine besondere Stellung in dem Buch heraushebt.

Der Junge ist fünfzehn Jahre alt, lebt bei seiner Mutter, von der er sich nicht verstanden fühlt, und arbeitet als Schiffsjunge beim Fischer Knudsen. Er leidet darunter, ohne Vater aufgewachsen zu sein. Dieser galt in der Stadt Rerik als unzuverlässiger Säufer und ist, als der Junge fünf Jahre alt war, auf offener See mit seinem Boot havariert und in der Ostsee ertrunken. Der Junge ist von der Vorstellung erfüllt, dass sein Vater von seiner Situation als Fischer in Rerik und durch die Bewohner Reriks in den Tod getrieben worden ist, weil er das spießbürgerliche Leben in der Kleinstadt nicht länger ertragen habe und "ziellos in der offenen See hinausgefahren" sei. Im Gegensatz zum Vater möchte sich der Junge zu einem idealisierten Ziel "hinter der offenen See" flüchten, wo er eine vollkommene Gegenwelt zu Rerik vermutet. Er träumt von einem Leben außerhalb seines kleinbürgerlichen Lebens, wie in den Huckleberry Finn- Büchern, die er heimlich ließt.

Es handelt sich also um einen Jungen, ohne wirkliche Perspektive, der versucht sein Leben nicht so zu gestalten, wie das seiner Eltern war bzw. ist.

Da der Junge nicht selbst erzählt, sondern Andresch ihn erfindet ist die Erzählabsicht nicht ohne Weiteres zu erkennen. Es geht Andresch dabei meiner Meinung nach um ein Stück Aufarbeitung seiner eigenen Vergangenheit und seiner Erlebnisse während des dritten Reichs, wo er seine Frau im KZ verlor. Er erzählt von fünf Figuren, die jeweils eine von den Nazis verfolgte Gruppe repräsentieren: Judith die Juden, Gregor die politischen Gegner (Kommunisten), Knudsens Frau die Behinderten, Helander die „nicht angepasste“ Kirche und schließlich die Figur des lesenden Klosterschülers von Barlach, der für die Zensur der Künste steht. Der Junge ist der einzige, der nicht auf einen historischen Aspekt einer Fluchtsituation verweist. Andresch gibt jeder seiner Figuren einen anderen Sprachstil, wodurch dem Leser sehr schön anschaulich gemacht wird, wie unterschiedlich sie sind. Knudsen beispielsweise spricht umgangssprachlich, Judith gebildet, der Junge kindisch, usw.

 

„Das ganze Buch betrachtet, will Andresch, meiner Meinung nach, die Erinnerung an die Tyrannei, die damals in Nazideutschland herrschte wach halten und ein Zeichen gegen die Einschränkung und Unterdrückung von Individuen durch Regime setzen“ (nachträglich eingefügt, siehe unten)

 

2. Der Junge um den sich die Geschichte dreht stammt aus einer kleinbürgerlichen Familie in einer Stadt in der laut ihm nichts los ist und nie etwas passiert. Die Stadt und ihr Hafen sind sogar so unwichtig, dass die Nazis ihn nicht als möglichen Fluchtweg für Juden in Betracht ziehen, wie es beispielsweise in Rostock der Fall war. Rerik wird als ein typisches Nest beschrieben, indem Jeder Jeden kennt und beobachtet und alles was nicht ordnungsgemäß ist, sofort jedem bekannt ist. Der Junge ist der Auffassung, Rerik und seine Bevölkerung hätten seinen Vater getötet, was ein weiterer Grund für seinen Drang ist, dieses Leben hinter sich zu lassen. Allgegenwärtig ist die trostlose Stimmung in dieses Ortes und die Angst vor SA und SS und die mehr oder weniger große Einschränkung der Bevölkerung dadurch. Über den übrigen Verlauf der Jugend des Jungen erfährt man praktisch nichts. Auffällig ist, das er keinerlei soziale Bindungen zu haben scheint. Er hat weder eine Beziehung zu seiner Mutter, die mit einer normalen Mutter- Kind- Beziehung zu vergleichen wäre, noch baut er eine Beziehung zu seinem „Meister“, dem Fischer Knudsen auf. Seine Mutter hindert ihn daran seinen Traumberuf zu verwirklichen, nämlich als Matrose auf einem großem Schiff anzuheuern und endlich sein altes Leben hinter sich zu lassen. Er hat offensichtlich auch keine gleichaltrigen Freunde. Die einzige Aktivität von der außer seinem Fischerjungendasein erzählt wird ist das Lesen der Huckleberry Finn Bücher und der daraus resultierende Traum der „Freiheit“.

Die Tristheit und Eintönigkeit seines Lebens und des Ortes rufen in dem Jungen den Drang dazu hervor, wegzugehen und Abenteuer zu erleben, wie es in seinen Büchern geschildert wird.

 

3. Die Geschichte spielt zur Zeit des Nationalsozialismus und beginnt im Herbst 1937. Die Nazis kontrollieren alle großen Häfen um eventuelle Fluchtversuche von Juden oder Kommunisten oder anderen „Unterlegenen“ zu vermeiden. Alles wird zensiert und nur genehmigte Texte oder künstlerische Arbeiten sind noch erlaubt. So wird zum Beispiel die Figur des „lesenden Klosterschülers“, die in dem Roman eine wichtige Rolle spielt, zur „entarteten Kunst“ erklärt und soll dementsprechend vernichtet werden. Die politische und religiöse Freiheit ist ebenfalls nicht mehr gegeben. Juden müssen einen Judenstern tragen, werden diskriminiert und haben schon einen Großteil ihrer ehemaligen Rechte und Privilegien verloren. Ihnen bleibt als einzige Möglichkeit der sicheren Verhaftung und Ermordung die Flucht, wie es auch hier im Buch die Jüdin Judith versucht. Die Kirche soll genormt werden und Wiederstand leistende Pfarrer, wie Leander, der die Art seine Kirche zu führen nicht vorschreiben lassen will, werden „aus dem weg geräumt“.  Politisch anders denkende wie Kommunisten oder Demokraten werden ebenfalls unterdrückt und verhaftet. Ihr Wille scheint schon fast gebrochen zu sein und die Anhänger der im Buch erwähnten KPD mit ihrem Funktionär Gregor werden immer weniger. Keiner traut sich mehr seine eigene Meinung zu vertreten oder auch nur auszusprechen aus Angst vor Verhaftungen. Es wird von den Menschen vermieden in irgendeiner Weise auffällig zu werden, sei es auch nur wie der Fischer Knudsen mit seinem Boot zu spät abzulegen, was sofort bemerkt wird. Jeder bespitzelt Jeden und das Misstrauen untereinander ist groß.

In wie weit das auf den Jungen direkte Auswirkungen hat, kann ich nicht so genau sagen. Er gehört keiner unterdrückten und verfolgten Bevölkerungsschicht an, sondern ist Deutscher und hat zumindest im Buch keine Behörden zu fürchten. Seine Mutter hat jedoch Angst um ihn und lässt seinen Wunsch, von zu Hause wegzugehen und auf einem großen Schiff anzuheuern nicht zu.

 

4. Der Junge lebt in einer Erwachsenenwelt, die er nicht leiden kann. Die einzigen Personen die ihm vertraut sind, sind der Fischer Knudsen und seine Mutter. Die anderen Personen lernt er nur flüchtig kennen. Es sind aber alles völlig andere Personen völlig anderen Absichten. Es gibt keine einheitliche Linie nach der er sich richten könnte. So verbringt er viel Zeit auf dem Boot mit Knudsen, einem KPD Anhänger, dessen Überzeugung und Vertrauen in die Partei bröckelt. Seine Frau ist geistig verwirrt und er ist in ständiger Sorgen um sie, auf Grund der Verfolgung von Behinderten durch die Nazis. Der Junge kann Knudsens Handlungen und Absichten nicht verfolgen und es verstärkt sich dadurch sein Unverständnis gegenüber den Erwachsenen, fragt aber auch nie nach, sondern nimmt Entscheidungen so hin, wie sie gefällt werden. Da taucht Gregor auf, ein Funktionär der KPD, der Knudsen, unter dem Vorwand es für die Partei zu tun, die Figur des lesenden Klosterschülers und die Jüdin Judith ins Ausland schaffen lässt. Gregor ist ebenso wie Knudsen nicht mehr von seiner eigenen Sache (der KPD) überzeugt. Er würde
am liebsten auch fliehen, ist aber zu eitel und von sich selbst überzeugt, Knudsen direkt zu fragen und so auf den Wohlwollen anderer angewiesen zu sein. Er ist ein Einzelkämpfer, der sein Schicksal selbst in die Hand nehmen will. Der Junge hilft Knudsen, trotz heftigem Bitten, nicht als Gregor gewalttätig wird um Judith mit auf das Boot zu bringen und Knudsen im Kampf niederschlägt. Das zeigt dass Knudsen es nicht geschafft hat, trotz ihrer längeren Bekanntschaft, mehr Sympathien im Jungen hervorzurufen, als Gregor, den er erst kurz zuvor kennen gelernt hat. Die Mutter des Jungen, die sich um ihn sorgt, und Angst hat ihn zu verlieren versteht er auch nicht, da sie ihm die Erlaubnis von zu Hause wegzugehen nicht erteilt. Er fühlt sich unverstanden, was weiter seine Abneigung gegenüber der Erwachsenenwelt verstärkt. Eine weitere Person, die auf den Jungen keinen großen Einfluss hat, aber trotzdem für mich die schicksalhafteste Figur im Roman ist, ist der Pfarrer Helander. Er kämpft aufopferungsvoll um das „größte Heiligtum seiner Kirche“, die Figur des lesenden Klosterschülers. Er ist schwer verwundet, hat seine Frau verloren und sein Vertrauen in Gott und sieht als seine letzte Aufgabe die Rettung seines Heiligtums. Er schafft dies unter Aufopferung seines Lebens und wird von einem SS- Mann erschossen, nachdem er seinen Kollegen tötete.
Durch die auftretenden Figuren wird der Junge verwirrt, da sie alle völlig unterschiedlich sind und jeweils andere Interessen verfolgen und ihre Handlungen für ihn nicht nachvollziehbar sind. Er kann keine klare Vorstellung seines späteren Erwachsenseins gewinnen und wünscht sich gar, überhaupt nicht erwachsen zu werden.
Am Ende des Buches wird der Junge vor die Entscheidung gestellt, entweder in Schweden vor Knudsen wegzulaufen und dort ein Leben nach Huckleberry Finn Manier zu Leben, oder doch mit dem alten Fischer zurück in seine Heimat Rerik zu fahren. Er entscheidet sich zurückzukehren. Daran sieht man, dass der Junge während der Geschichte in seiner Pubertät wirklich weiter kommt. Er gibt die
Traumvorstellung von „Sansibar“ und die Abneigung gegen die Erwachsenenwelt auf, indem er erkennt, dass sein Platz in Rerik ist und nicht irgendwo, um Abenteuer zu erleben. Knudsen, der auf Grund seiner Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei selbst Grund zum Fliehen hätte, tut es aus Liebe zu seiner Frau ist, die er vor der Rassen und Minderwertigkeitsideologie der Nazis zu beschützen versucht.  Ich denke, dass die auftretenden Personen, insbesondere Knudsen, Gregor, Judith und der lesende Klosterschüler, über dessen „Flucht“ sich der Junge am meisten wundert, ihn durch ihre Vielfalt der Einstellungen, Meinungen und Arten beeinflussen und ihm helfen sich selbst zu finden und seinen pubertären Reifeprozess voranzubringen.  Kontrahenten oder Gegenspieler hat der Junge genauso wenig wie wirklich Freunde, nämlich keine. Als Einziges wären hier vielleicht die Nazis zu berücksichtigen, die die übergeordnete Rolle des „Bösen“ übernehmen, jedoch keinen direkten Einfluss auf den Jungen haben.

5. Diese Phase der Jugend des Jungen ist von menschlichen Begegnungen verschiedenster Art gekennzeichnet. Er trifft die verschiedensten Menschen mit den verschiedensten Motiven, die trotzdem mehr oder weniger zusammenarbeiten können. Hervorgerufen durch die geschichtlichen Ereignisse begegnet der Junge ihnen und sie hinterlassen bei ihm mehr oder weniger starke Eindrücke und geben ihm Bespiele und Anregungen für sein zukünftiges Leben. Seine Hoffnung von zu Hause wegzugehen wird von seiner Muter enttäuscht und das Ausleben seines Jugendtraumes vom Abenteuer und der offenen See wird verhindert. Dass seine Mutter seine Träume nicht unterstützen will, sieht er als Unverständnis und lassen sich ihn von ihr entfernen.

Die Überfahrt nach Schweden ist ein Erlebnis für den Jungen. Das erste mal erlebt er ein kleines „Abenteuer“ nach seiner ständigen Langeweile in Rerik und dem nicht gerade abwechslungsreichen und eintönigen Fischen mit Knudsen in eher küstennahen Gewässern. Es kommt ihm vor, wie in seinen Huckleberry Finn Büchern. Die offene See, die Ungewissheit und die Angst von einem Küstenkontrollboot aufgegriffen zu werden und die damit verbundenen Kon-sequenzen lassen in ihm erstmals in der Erzählung einen gewissen Enthusiasmus und Begeisterung für eine Sache erkennen. Die Belastung des allgegenwärtigen Nationalsozialismus erfährt der Junge auch. Er ist zwar nicht direkt von der Verfolgung der Juden und Minderheiten betroffen, sieht aber ihre Auswirkung anhand derjenigen, denen unter anderem er zur Flucht verhelfen soll. Dabei erfährt er das erste Mal in seinem Leben, eine gewisse Erfüllung und einen Sinn. Er weiß zwar nicht genau warum jede der einzelnen Personen (Judith, Klosterschüler, Gregor) fliehen wollen, erkennt aber den Sinn der Aktion als Ganzes. Er erfährt wie wichtig es ist auch einmal zu Helfen wenn es die Situation erfordert, ohne nach den tieferen
Ursachen zu fragen, was für seine weitere Entwicklung  eine große Rolle zu spielen scheint. Diese und die Erfahrung „Abenteuers“ sind ausschlaggebend für seine Entscheidung nicht in Schweden zu bleiben sondern wieder zurück in sein altes Leben zurückzukehren.
Sein Wunsch nach dem Abenteuer fernab der Heimat erfüllt sich letztendlich ja durch die Fluchthilfe doch, der Junge merkt jedoch, dass ein Leben nicht nur aus Abenteuer bestehen kann und Huckleberry Finn unrealistische Fiktion ist. Seine Lebenseinstellung ist am Ende des Buches, obwohl es nur einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum behandelt, viel reifer als zu Beginn. Er hat wie alle anderen Personen des Buches ihre seelische (Gregor, Knudsen) oder reale (Judith, Klosterschüler) Freiheit gefunden haben, auch seine geistige entdeckt. Über weitere Vorstellungen, was er nach der Rückkehr nach Rerik machen will, gibt es keine Information, nur soviel: Er will sein altes Leben mit seinem neuen, gereiften
Lebensverständnis fortsetzen.

6.  Ich komme durch die Erzählung zu der Einsicht, dass die Jugend und die Pubertät zwar langwierige Entwicklungen darstellen, die einen großen Zeitraum in Anspruch nehmen, aber in Phasen durch signifikante Ereignisse und Erfahrungen sogar innerhalb von Tagen enorm weit vorangetrieben werden können. Wie in diesem Fall, in dem der Junge Jahre der Entwicklung durchmacht ohne wirklich weiterzukommen und dann die Fluchthilfe, sozusagen als Katalysator, für einen Entwicklungsschub sorgt.

Am Ende des Romans findet jede Figur auf ihre Weise die Freiheit, und zwar dadurch, dass sie alle zusammengearbeitet haben und sich aus freiem Willen füreinander eingesetzt haben. Das ist vor allem in politisch schwierigen Zeiten, wie im dritten Reich, extrem wichtig und lässt die Aussichten auf Erfolg steigen. Gerade hier im Buch ist die Hilfe enorm wichtig, da Menschenleben von ihr abhängen. Das ganze Buch betrachtet, will Andresch, meiner Meinung nach, die Erinnerung an die Tyrannei, die damals in Nazideutschland herrschte wach halten und ein Zeichen gegen die Einschränkung und Unterdrückung von Individuen durch Regime setzen.