DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

 READER: jugend als literarisches thema des 20., 19. + 18.jhds...

 


 

 

1976  Christa Wolf  /  KINDHEITSMUSTER6

 

    

 

 

Kindlers neues Literaturlexikon 

Roman von Christa Wolf, erschienen 1976.

  Acht Jahre nachdem sie das Buch Nachdenken über Christa T. veröffentlicht hatte, erschien Christa Wolfs dritter Roman; zwischenzeitlich waren ein mit ihrem Ehemann Gerhard Wolf zusammen verfaßtes Drehbuch (Till Eulenspiegel, 1972) und ein Band mit  Erzählungen (Unter den Linden, 1974) publiziert worden. Inhaltlich wie formal knüpft Kindheitsmuster an Nachdenken über Christa T. an; in beiden Fällen  die Autorin auf eine Genrebezeichnung, mischt sich Autobiographisches mit Fiktionalem, wird Erinnerungsarbeit geleistet. Aber nicht den Aufbaujahren der DDR, den Hoffnungen der Nachkriegszeit wird »nach-gedacht«, sondern der Zeit des Nationalsozialismus. Er prägte Kindheit und Jugend der Generation, der die Autorin selbst angehört, modellierte die Denk- und Verhaltensmuster der Menschen so nachhaltig, daß die Auswirkungen bis in die Gegenwart hineinreichen. Für Stephan Hermlin beendete dieser Roman das lange Schweigen in der DDR über den verdrängten, alltäglichen Faschismus jenseits der offiziellen Proklamationen: »Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind?« Den Erzählrahmen bildet eine Reise, die die Erzählerin zusammen  mit Ehemann, Tochter und Bruder in ihre Heimatstadt unternimmt, die nunmehr zu Polen gehört und leicht als das ehemalige Landsberg/Warthe, der Geburtsort von Christa Wolf, zu erkennen ist. Die Rückkehr nach mehr als zwei Jahrzehnten weckt Erinnerungen, die bis in das Jahr 1933, zur Machtübernahme Hitlers, zurückgreifen und sich in der Gestalt der damals dreijährigen Nelly Jordan kristallisieren; vertraut und zugleich fremd erscheint der Erzählerin die eigene Kindheit, von der sie in der dritten Person berichtet und zugleich damit ihrer Tochter Lenka Rechenschaft ablegt von der Trivialität des faschistischen Alltags, »wie man zugleich anwesend und nicht dabei gewesen sein kann, das schauerliche Geheimnis der Menschen dieses Jahrhunderts«. In 18 Kapiteln wird die Kindheit der Nelly Jordan, Tochter eines Lebensmittelhändlers, geschildert. Familienstreitigkeiten und Verwandtschaftstreffen, Schulszenen und Freizeit im BDM (»Bund Deutscher Mädel«) - akribisch registriert die Erzählerin die Entwicklung dieses Kindes,  notiert den Drang zur Anpassung wie das instinktive Sträuben, der »Verführung zur Selbstaufgabe« nachzugeben. Nicht die großen politischen Ereignisse bestimmen das Leben vor und während des Krieges, vorherrschend ist das allgegenwärtige, verführerische Angebot, den Mächtigen hörig zu sein.  Reichskristallnacht und Judenverfolgung, spanischer Bürgerkrieg und Kriegsbeginn 1939 bleiben Ereignisse, von denen die Zeitungen berichten, deren Folgen die kleine Stadt jenseits der Oder aber kaum zu berühren scheinen. Schon als 1933 die Versammlungs- und Pressefreiheit aufgehoben wurde, nahm die Familie Jordan davon kaum Notiz, denn man hatte »ja auch bisher keine Publikationen geplant . . . oder an Massenzusammenkünften teilgenommen«. Zwar muß Vater Jordan seine Lebensmittelspenden nunmehr an die SA statt an die Rote Hilfe verteilen, zwar muß er an die Front und wird als Soldat beinahe einem Erschießungskommando zugeteilt, aber aus den Fugen gerät diese Welt - aus der Sicht des Kindes - erst, als die Familie vor der Roten Armee nach Westen flüchtet, als Nelly entflohenen KZ-Häftlingen begegnet. Sie verbrennt ihr Tagebuch, der Vater kehrt als Fremder aus dem Krieg zurück. Nelly erkrankt an Tuberkulose; die Neugierde auf das Kommende aber läßt sie überleben. Mit ihrer Gesundung 1947 endet das Buch. Durchbrochen werden diese Erinnerungen immer wieder von Beobachtungen während der Reise 1971 in die Heimatstadt, von Gesprächen der Erzählerin mit ihrer mitreisenden Familie,  aber auch, in einer weiteren Ebene, von Reflexionen während der Niederschrift des Manuskripts in den Jahren 1972 bis 1975. Erlebnisse und Eindrücke aus der Gegenwart der DDR werden daraufhin überprüft, wieweit Verhaltensweisen aus faschistischer Zeit weiter bestehen, Anmerkungen zu den in der Gegenwart sich vollziehenden Ereignissen in Vietnam, zum Putsch in Chile und zum Regime der griechischen Obristen treten hinzu. Stets gerät das  der Erzählerin, den Bezug zwischen privater Erfahrung und historischer Realität herzustellen, zum Versuch, sich der eigenen Identität zu vergewissern und gegen jene »Verhärtung, Versteinerung, Gewöhnung« anzuschreiben, die einhergeht mit der Verdrängung der Vergangenheit und der unbeteiligten Hinnahme des Gegebenen; eine Voraussetzung, die Christa Wolf schon 1968 in ihrem programmatischen Essay Lesen und Schreiben formuliert hatte: »Zu schreiben kann erst beginnen, wem die Realität nicht mehr selbstverständlich ist.« Bezugspunkt dieses Schreibens bleibt die persönliche Betroffenheit, die allein jene »subjektive Authentizität« ermöglicht, die Christa Wolf als Methode wie als Maßstab ihrem Roman zugrunde legt; diese Verbindung von individuellem Erleben und historischer Faktizität erzwingt zugleich den Verzicht auf herkömmliche Erzählformen: »Im Idealfall sollten die Strukturen des Erlebens sich mit den Strukturen des Erzählens decken . . . Aber es gibt diese Technik nicht, die es gestatten würde, ein unglaublich verfilztes Geflecht, dessen Fäden nach den strengsten Gesetzen in einander geschlungen sind, in die lineare Sprache zu übertragen, ohne es ernstlich zu verletzen.« Vor allem die westliche Kritik hatte zunächst Anstoß genommen an der Form des Romans, der 1977 mit dem »Bremer Literaturpreis« ausgezeichnet wurde,  während die Rezeption in der DDR ihren Akzent durch die Gegenerinnerung von Annemarie Auer erhielt, die der Autorin ein Abweichen vom »ideologischen Standpunkt der revolutionären Klasse« vorwarf. Mittlerweile gilt der Roman als einer der wichigsten Versuche der deutschsprachigen Literatur zum Thema Vergangenheitsbewältigung, nicht nur, weil er im Gegensatz zu vergleichbaren Versuchen in der DDR ohne Helden und revolutionäre Bekehrungsszenen auskommt, sondern auch, weil er die Unabgeschlossenheit dieser Vergangenheit gerade durch die Differenziertheit seiner formalen Mittel deutlich zu machen sucht: »Für diejenigen, die in der Zeit des Faschismus aufwuchsen, kann es kein Datum geben, von dem ab sie ihn als ›bewältigt‹  können. Die Literatur hat dem Vorgang nachzugehen, ihn vielleicht mit einzulösen: Eine immer tiefere, aber auch immer persönlichere Verarbeitung dieser im Sinne des Wortes ungeheuren Zeit-Erscheinung« (Chr. Wolf). (Dr. Meinhard Prill Kindlers neues Literaturlexikon)