DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

 READER: jugend als literarisches thema des 20., 19. + 18.jhds...

 


 

 

1972  Ulrich Plenzdorf  /  DIE NEUEN LEIDEN DES JUNGEN W.5

 

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Kindlers neues Literaturlexikon

Stück in zwei Teilen von Ulrich Plenzdorf, Uraufführung: Halle, 18. 5. 1972, Landestheater. - Das 1972 vollendete Theaterstück, dessen Ursprünge in die sechziger Jahre zurückreichen, markiert literarhistorisch »die endgültige Abwendung von tradierten Positionen der Literaturtheorie und -politik in der DDR« und stellt den Versuch dar, »die literarische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit durch neue Inhalte und Formen wieder zu beleben« (P. J. Brenner). Seine außerordentliche Resonanz ist zurückzuführen auf die aufmüpfig-kritische Darstellung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft in einer von Slangausdrücken, Übertreibungen und Paradoxa durchsetzten Bühnensprache sowie auf die Einbeziehung des berühmten Goethe-Textes als Folie für die Darstellung von Gegenwartsproblemen. Im zeitgenössischen Jargon von DDR-Jugendlichen erzählt das Stück die Geschichte des siebzehnjährigen Edgar Wibeau. Der Musterknabe Edgar »schmeißt« nach einem Konflikt mit seinem Ausbilder die Lehre, verläßt seine vielbeschäftigte und ihn noch als unmündiges Kind behandelnde Mutter und bricht aus der Kleinstadt Mittenberg nach Berlin auf. Ausdruck seines Rebellentums und seiner Selbstverwirklichungswünsche (»Mein größtes Vorbild ist Edgar Wibeau. Ich möchte so werden, wie er mal wird«) sind lange Haare, Popmusik und vor allem Jeans. Edgars Idole sind D. Defoes Robinson Crusoe und Holden Caulfield, der gegen die Erwachsenenwelt aufbegehrende Held aus J. D. Salingers Erzählung The Catcher in the Rye. Nach dem Scheitern seines Plans, Kunstmaler zu werden (»Ein verkannteres Genie als mich hatte es noch nie gegeben«), taucht Edgar in einer zum Abriß bestimmten Gartenlaube am Stadtrand unter. Auf dem »Plumpsklo« findet er ein Reclamheftchen von J. W. Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther. Edgar beginnt zu lesen, ohne zunächst mit dem alten Buch viel anfangen zu können (»Leute, das konnte wirklich kein Schwein lesen. Beim besten Willen nicht.«). Sein Verhältnis zu »Old Werther« beginnt sich zu ändern, als er sich in die Kindergärtnerin Charlie verliebt. Er fängt damit an, seinem in Mittenberg zurückgebliebenen Freund Willi Tonbandaufzeichnungen mit jeweils zu seiner Stimmungslage passenden Werther-Zitaten zu schicken und somit Goethes Roman in ironisch-kritischer Brechung als Ausdruck seiner eigenen Leiden zu benutzen. Je unglücklicher ihn seine Leidenschaft zu Charlie macht, desto mehr versteht Edgar Werthers Leiden als Spiegelung seiner eigenen Situation und identifiziert sich mit der Goetheschen Titelfigur (»Der Mann wußte Bescheid!«). Nach dem Auftauchen von Charlies angepaßtem und strebsamem Verlobten, dem Germanistik-Studenten Dieter, kommt es zur Trennung. Edgar will zwar durchaus arbeiten (»Ich hatte nichts gegen Arbeit. Meine Meinung dazu war: Wenn ich arbeite, dann arbeite ich, und wenn ich gammle, dann gammle ich«), keinesfalls jedoch seine individuelle Eigenart aufgeben und sich kritiklos an Vorgefertigtes anpassen. Im Kontext seiner konfliktgeladenen Tätigkeit in einer Anstreicherbrigade unternimmt Edgar den Versuch, für die Gesellschaft praktisch nützlich zu werden. Im Eigenbau entwickelt er ein nebelloses Farbspritzgerät. Beim Ausprobieren seiner Erfindung geht Edgar »über den Jordan«. Das Stück wechselt ständig zwischen der Ebene der Handlung und der Ebene des Kommentars, auf der ein Edgar »aus dem Jenseits« das Geschehen erläutert und dabei vieles an seinem »früheren« Verhalten relativiert und als bloße Provokation abtut. Edgar Wibeaus jugendlicher Protest gegen die »spießige« Welt der phantasielosen und überangepaßten Erwachsenen, gegen eine die individuelle Kreativität vernachlässigende langweilige Schul- und Lehrlingsausbildung und gegen unnötige Zwänge in puncto Sexualität, Kleidung und Musikgeschmack propagiert die radikale Selbstwahrnehmung und Selbstverwirklichung des Individuums in einer sich als sozialistisch verstehenden Gesellschaft, aus der sich Edgar durchaus nicht völlig zurückziehen möchte und der er keineswegs ablehnend gegenübersteht: »Ich hatte nichts gegen Lenin und die. Ich hatte auch nichts gegen den Kommunismus und das. Die Abschaffung der Ausbeutung auf der ganzen Welt. Dagegen war ich nicht. Aber gegen alles andere. Daß man Bücher nach der Größe ordnet zum Beispiel . . . Kein einigermaßen intelligenter Mensch kann heute was gegen den Kommunismus haben.« Plenzdorfs Edgar erfährt die Leiden des Goetheschen Werther auf eine seiner Gegenwart entsprechende Art und Weise und stellt sie in einer Gesellschaft zur Diskussion, die gerade die Abschaffung alles durch »überwundene Gesellschaftsformationen« verursachten Leidens als eines ihrer Ziele propagiert. In den Jahren 1972-1974 löste das Stück, das den Anspruch auf authentisches und alltägliches Nichts-als-man-selbst-Sein in zuvor nicht dagewesener Deutlichkeit literarisch einfordert (Plenzdorf: »Es ist für mich keine Frage, daß die Wirklichkeit nach ihrer Deckung mit den Idealen immer wieder befragt werden muß«), vor allem in der DDR lebhafte Diskussionen über den Freiraum des Individuums - und damit auch des Künstlers - in der sozialistischen Gesellschaft sowie über zeitgemäße Formen der Aneignung des klassischen Kulturerbes aus. Von den literarischen Reaktionen auf die »Neuen Leiden« ist neben Wolfgang Johos Der Sohn und Rolf Schneiders Die Reise nach Jaroslaw vor allem Volker Brauns Unvollendete Geschichte bekannt geworden. Dr. Klaus Hübner