DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

 READER: jugend als literarisches thema des 20., 19. + 18.jhds...

 


 

 

1999  Hans-Ulrich Treichel  /  DER VERLORENE2

 

    

 

 

Rezensentin/Rezensent: KTolja@aol.com Matthias Krallmann aus Bielefeld, Deutschland
Die Erzählung spielt auf drei verschiedenen Schauplätzen: einer Kleinstadt in Ostwestfalen-Lippe, in Heidelberg und im polnischen Rakowiec. Der zeitliche Rahmen ist durch den 20.Januar 1945, den Tag, an dem der älteste Sohn verloren geht und das Jahr 1962, als der vermeintliche Sohn in Augenschein genommen wird, bestimmt. Die thematische Bandbreite erstreckt sich auf Teilbereiche der Disziplinen Wirtschaft, Geschichte, Psychologie und Medizin. Es wird die Geschichte einer Suche erzählt, und zwar die eines Paares nach dem auf der Flucht aus dem Osten verlorengegangenen erstgeborenen Sohn. Diese Suche wird aus der Sicht des zweitgeborenen Sohnes mit dem naiven, unvoreingenommenen Blick eines Kindes geschildert. Die Perspektive des Ich-Erzählers ist wohl im höchsten Maße subjektiv und parteiisch - schließlich fürchtet das bisher einzige Kind nichts so sehr wie das Auffinden des Nebenbuhlers. Gleichzeitig erlaubt diese Sichtweise eine unkonventionelle Darstellung einer bürgerlichen Familie in der Provinz. Geprägt vom Mythos des "Wirtschaftswunders", gehemmt von der Prüderie der fünfziger und frühen sechziger Jahre, gefangen in der bäuerlichen Herkunft, traumatisiert durch Flucht und Vergewaltigung suchen die Eltern nach Sinn in ihrer leer gewordenen Beziehung und projizieren alle Liebe in den verlorenen Sohn Arnold, jenen Jungen, welchen die Mutter einjährig einer ihr unbekannten Frau aus Angst vor Soldaten der Roten Armee anvertraute und nie wiedersah. Dass die Mutter nach dem überraschenden Tod ihres Mannes die Suche gemeinsam mit dem dessen Stelle einnehmenden Polizisten Herrn Rudolph um so verbissener fortsetzt, ist nur folgerichtig. Schließlich muss der Verlorene nun auch noch den Mann ersetzen, da Scham und Schuld noch angewachsen sind und der Mutter eine Beziehung mit dem um sie werbenden Herrn Rudolph verbieten. Am Ende resigniert die Mutter. Sie ist sich nicht sicher, ob der Gefundene mit dem Verlorenen identisch ist. Der Versuch, seine Identität durch obskure "anthropologisch-erbbiologische Abstammungsgutachten" nachweisen zu lassen, misslingt. Der Ich-Erzähler jedoch ist erschüttert, da er sein eigenes, nur um einige Jahre älteres Spiegelbild erblickt. Der Titel der Erzählung ist doppeldeutig. Er lässt sich auch so verstehen, dass der Ich-Erzähler der Verlorene ist. Er wächst mit der körperlichen Präsenz, jedoch ohne die Liebe der Eltern auf. Bereits in Treichels Prosa-Erstling "Von Leib und Seele. Berichte" schildert das Alter ego des Autors "ein diffuses Gefühl des Verlorenseins". Der Ich-Erzähler fristet in der Familie eine randständige Existenz, sein Bruder steht zwischen ihm und den Eltern. Die Bilder im Familienalbum symbolisieren diese Konstellation. Der abwesende Arnold ist das Zentrum der Familie, Gegenstand von Erinnerung und Hoffnung, Ursache von Schuld und Scham. Der Vater interessiert sich in erster Linie für das Geschäft. Er hat für alle Wechselfälle des Lebens ein Sprichwort parat. Die Mutter ist sehr prüde und schamhaft. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist ohne wirkliche Nähe und Emotionalität. Die Mutter flüchtet vor ihrer Scham in exzessive Hausarbeit. Ihre sexuelle Befangenheit scheint aus der Vergewaltigung gegen Ende des zweiten Weltkrieges zu resultieren. Sie ist nicht in der Lagen, das Wort "Vergewaltigung" zu gebrauchen und spricht immer nur davon, ihr sei "etwas Schreckliches zugefügt worden". Die Probleme der Eltern haben Ursachen, die in ihrer Vergangenheit, in ihrer teilweise leidvollen Biographie liegen. Der Vater, der nach den beiden Weltkriegen Haus und Hof verlor, sucht dies zu kompensieren, indem er das erworbene Anwesen ständig umbaut. Die Mutter versucht dem Trauma der Vergewaltigung zu entkommen, indem sie die Realität verleugnet. Als ein Gutachten deutlich zum Ausdruck bringt, dass der Gefundene nicht Arnold sein kann, deutet sie die Fakten einfach um und erfindet sich ihre eigene Wirklichkeit.

 

 

gk d 12/2  -   die schüler/innen haben die nebenstehenden buchanalysefragen bearbeitet > ergibt 2/3 ihrer note;    -   sie bewerten überdies via auslosung die arbeitsergebnisse eines mitschülers /einer mitschülerin > die benotung der qualität dieser bewertung ergibt das letzte drittel ihrer zusätzlichen schriftlichen note in 12/2

AUTOR/IN:   kvb

 

1. Aus wessen Perspektive und mit welchem Interesse ist die da dargestellte Jugend beziehungsweise ist von dieser Jugend erzählt?

 

Hans-Ulrich Treichel läßt die Geschichte vom “Verlorenen” aus der Perspektive des namenlosen Ich-Erzählers erzählen. Er ist der zweitgeborene einer Familie, die aus Ostpreußen kommend, in Westfalen wieder seßhaft geworden ist und sich hier wieder eine Existenz aufgebaut hat.

Treichel will mit der Geschichte “Der Verlorene” das schwierige Leben des Ich-Erzählers darstellen: Er berichtet von Arnold, seinem älteren Bruder, der sein Leben bestimmt. Arnold ist den Eltern auf der Flucht vor den Russen im Osten verloren gegangen und Arnold wird zum Schicksal des Ich-Erzählers. Als die Eltern sich auf die stetige Suche nach Arnold begeben, begreift der Erzähler, dass der “untote” Arnold ihm nur die Nebenrolle in der Familie zugewiesen hat. Die intensive Suche über das Rote Kreuz nach Arnold kann er nicht nachvollziehen, schließlich hat er ja niemand verloren. Und macht ihm Arnold zunehmend unsympathischer, da die Eltern - die Mutter auf der Suche nach Arnold, der Vater dauerbeschäftigt als den das deutsche Wirtschaftswunder verkörpernder Fleischgroßhändler, ihn stark vernachlässigen. Analog zu dem steigenden Wohlstand der Familie und den dicker werdenden Autos wird auch die Reisekrankheit des zweitgeborenen immer stärker, dies passiert wohl auch als Reaktion auf die fehlende zwischenmenschliche Beziehung, die nicht mit der wirtschaftlichen Entwicklung einhergeht. Schließlich wünscht sich der zweitgeborene, dass Arnold durch einen dritten Weltkrieg doch noch verhungert, dies zeigt der Neid auf die Aufmerksamkeit, die Arnold auf sich zieht.

 

2. In welcher beziehungsweise zwischen welchen gesellschaftlichen Schichten ist die da erzählte / dargestellte Jugend angesiedelt?

 

Die Eltern des Erzählers waren einfache Bauern im ostpreußischen Rakowiec, dort hatten sie sich nach dem ersten Weltkrieg zum zweiten Mal eine aufbauen müssen. Dann kam der zweite Weltkrieg, und in den Kriegswirren hat es sie nach Westfalen verschlagen, wo sie sich nun zum dritten Mal eine Existenz aufbauen mußten. Der Vater fängt dort mit einer Leihbücherei an, die sich aber nach wenigen Jahren aufgrund der aufkommenden Groschenromane und des Fernsehens nicht mehr rentierte. Nun ergreift er die Chance und eröffnet einen Lebensmittellladen, um sich dann mit großem Fleiß und Verbissenheit zum Fleisch- und Wurstgroßhändler hochzuarbeiten. Das wirtschaftliche Fortkommen bestimmt das ganze Familienleben. Gesellschaftlich bewegen sich die Eltern dabei noch auf einem kleinbürgerlichen Niveau, erreichen jedoch mit steigenden beruflichen Erfolgen zunehmend auch gesellschaftliche Anerkennung. Dies konnte der Erzähler durch die vielen Trauernden bei der Beisetzung seines Vaters darstellen.

 

3. In welchen historischen Kontexten ereignet sich die da erzählte / dargestellte Jugend?

 

Die dargestellte Jugend des Erzählers fällt in die 50er Jahre, die sogenannte Nachkriegszeit. Sie ist geprägt vom Wiederaufbau des zerstörten Deutschlands (Trümmerfrauen), die Millionen von Vertriebenen aus dem Osten und im Kriege ums Leben gekommenen Angehörigen. Teilweise wirkt die Zeit des Nationalsozialismus noch nach, so durch die sogenannte Entnazifizierung, und so ähnelt auch das erbbiologische Abstammungsgutachten den rassekundlichen Untersuchungen der Nazis. Andrerseits geht der Weg in eine neue Zeit: Die Bundesrepublik Deutschland wird gegründet und bekommt eine demokratische Verfassung, ein Parlament wird frei gewählt und die soziale Marktwirtschaft eingeführt. So kann der wirtschaftliche Aufschwung sich voll entfalten und das berühmte Wirtschaftswunder nimmt seinen Lauf. Die Bundesrepublik orientiert sich an der westlichen Welt(Westbindung) und wird von den USA unterstützt und beeinflußt. Die Deutschen übernehmen viele aufkommende Unterhaltungsmöglichkeiten wie Musik, Tanz und Film.

 

4. In welchen Personenkonstellationen ereignet sich die da erzählte / dargestellte Jugend? Und welche Wirkungen ergeben sich aus diesen Konstellationen für den da erzählten / dargestellten Entwicklungsgang insbesondere der jungen Haupterzählfigur?

 

Die Jugend des Erzählers spielt sich ausschließlich innerhalb der Familie zwischen seiner Mutter, seinem Vater und ihm ab. Andere Personen finden keinerlei Erwähnung, weder Freunde noch Klassenkameraden, noch Freunde der Eltern treten auf. Daher berichtet der Erzähler, dass ihm häufig langweilig sei, er der Sonntagseinsamkeit mit Radiohören zu entfliehen versucht und er sich besonders auf die Schweinehirnessen freue, da nur bei diesen Ereignissen Leben ins Haus komme. Andererseits gefällt ihm aber seine Rolle als Einzelkind auch gut, so fürchtet er sich davor sein Zimmer mit Arnold teilen zu müssen, dabei ist Arnold aber schon fast allgegenwärtig, die Welt dreht sich mehr um Arnold als um den zweitgeborenen Erzähler.

 

5. Welche Begegnungen, Verletzungen, Erlebnisse, Belastungen, Erfahrungen, Wünsche und Vorstellungen kennzeichnen die da erzählte / dargestellte Jugend?

 

Die große und seine gesamte Jugend prägende Verletzung besteht in dem Mangel an Aufmerksamkeit durch seine Eltern, die den Verlust ihres erstgeborenen Sohnes nicht überwinden können. Die Welt der Mutter dreht sich fast ausschließlich um den “verlorenen” Arnold, den sie auf der Flucht vor den Russen tragischerweise einer fremden Frau in die Hand gegeben hat. So ist Arnold, der untote Bruder, omnipräsent für den Erzähler und beansprucht die volle Aufmerksamkeit der Eltern. Hierdurch kann sich erst gar kein Selbstwertgefühl bei ihm entwickeln.

 

6. Auf welche Einsichten bei dir als Leser/-in läuft die erzählte / dargestellte Jugend hinaus?

 

Die Aufmerksamkeit von Eltern sollte sich gleichmäßig auf alle Kinder verteilen, da sonst die nicht gefestigte Psyche von Kinder stark leiden kann. In dieser Erzählung wirkt diese Erkenntnis umso schwerer, als der Sohn Arnold gar nicht präsent ist. Das einseitige Verhalten der Eltern, besonders der Mutter, erklärt sich aber aus dem großen Trauma, das sie durch die tragische Weggabe ihres Sohnes Arnold davongetragen hat.

Die Geschichte vom “Verlorenen” zeigt, wie Kriege noch lange nach ihrem Ende schwerwiegende psychische Belastungen erzeugen und das Leben bestimmen können.