DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

 READER: jugend als literarisches thema des 20., 19. + 18.jhds...

 


 

 

1826  Josef Frhr. v. Eichendorff  /  AUS DEM LEBEN EINES TAUGENICHTS19

 

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Kurzbeschreibung
Vor rund 175 Jahren, 1826, erschien diese Meisternovelle Eichendorffs: literarisches Dokument für das Lebensgefühl der Hochromantik, Glücksfall und kleines Wunderwerk deutscher Literatur. Zeitlos und ewig gültig ist die Sehnsucht des einfältigen Müllersohnes nach der Ferne, nach Glück, Abenteuer und Liebe. Taugenichts nennt der Vater seinen Sohn, weil er sich nicht dem täglichen Einerlei des elterlichen Betriebes unterwerfen will, vielmehr es vorzieht, mit wenigen Groschen und seiner Geige unter dem Arm in die weite Welt zu ziehen.

 

 

gk d 12/2  -   die schüler/innen haben die nebenstehenden buchanalysefragen bearbeitet > ergibt 2/3 ihrer note;    -   sie bewerten überdies via auslosung die arbeitsergebnisse eines mitschülers /einer mitschülerin > die benotung der qualität dieser bewertung ergibt das letzte drittel ihrer zusätzlichen schriftlichen note in 12/2

AUTOR/IN:   cb

 

1.

Im Mittelpunkt dieser Erzählung steht ein Müllerssohn, der gleich zu Beginn von seinem Vater vor die Tür gesetzt wird. Er schimpft seinen Sohn „Taugenichts“(S.3) und fordert ihn auf, sich sein Brot selbst zu verdienen. Der Sohn greift den Namen auf und reagiert prompt: „Nun, wenn ich ein Taugenichts bin, so ist's gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.“(S.3) Das Interesse der Erzählung richtet sich auf dieses „Programm“. Die Erzählung zeigt, wie dieser junge Mensch seinen Weg in der Welt und schließlich sein Glück findet. Auch die Frage, ob er sich nun als Taugenichts, wie von seinem Vater genannt, herausstellt oder eben keiner ist und wie er die bevorstehenden Gefahren und Hürden übersteht, bestimmen den Text. Als weiterer wichtiger Aspekt kommt hinzu, wie der Taugenichts seinen Weg beschreitet, nämlich mit Gottvertrauen, Liebe zur Natur und dem Schönen und mit Aufgeschlossenheit.

 

Die Handlung nimmt einen turbulenten Gang, in dessen Verlauf der Taugenichts auf ein Schloss bei Wien, dann durch Italien bis nach Rom und wieder zurück auf das Schloss gewirbelt wird; die Handlung hat einige komische Höhepunkte, wenn er z.B. auf einem italienischen Schloss wie ein Märchenprinz lebt, wobei er – was er nicht ahnt – für eine als Mann verkleidete Frau gehalten wird, oder wenn er sich bei einem Rendez-vous in Rom, bei dem er hofft die von ihm angebetete Aurelie wiederzutreffen, mit einer dickeren älteren Gräfin konfrontiert sieht. Erst zum Schluss werden die Konfusionen aufgelöst.

 

Nun zur Erzählperspektive. Der Titel des vorliegenden Textes weckt in Bezug auf die Perspektive Erwartungen in Richtung eines auktorialen Erzählers, der über das Leben eines Taugenichts erzählt. In Frage kommt auch ein Ich-Erzähler, der einige Jahre nach dem Erlebten berichtet, aber mittlerweile einige Distanz gewonnen hat und aus der Gegenwart als Reflexionspunkt schreibt. Vorfinden tut man aber einen Ich-Erzähler, der die Geschichte zwar im Präteritum schreibt, aber so erzählt, als erlebe er gerade alles im gegenwärtigen Moment. Der Erzähler hat also keine Distanz zu dem Erlebten. Man weiß jedoch auch nichts über den Sprechzeitpunkt, von dem aus erzählt wird. Vorgänge in der Handlung werden nur begrenzt von dem Ich-Erzähler verstanden, da er an seine eigene beschränkte Sichtweise gekoppelt ist. So bleiben die Verwicklungen und Irrtümer in der Handlung bis zum Schluss unaufgelöst, obwohl der Taugenichts als Erzähler sie natürlich inzwischen längst kennt. Also hat die Erzählperspektive des Textes Merkmale der personalen Erzählweise. Er berichtet nur aus seiner eigenen Sicht und kommentiert, deutet oder erläutert nichts außer seinen unmittelbaren Gedanken in der jeweiligen Situation. Der Gefühlsausdruck bleibt dadurch aber sehr intensiv.

Vereinzelt kommt es doch vor, dass ihm als Erzähler eine Bemerkung herausrutscht wie: „und, ach das alles ist schon lange her!“(S.9). Dies erweckt den Eindruck, dass es doch einen Zeitpunkt in der Gegenwart gibt, von dem aus der Taugenichts spricht. Diese Bemerkungen drücken aus, wie stark er sich immer noch gerne an seine Jugend zurückerinnert und wie gerne er sie durchlebt hat oder zumindest, wie gut er sie in Erinnerung behalten hat. Eine Analyse oder eine eingehende Beschäftigung mit dieser Jugend findet jedoch nicht statt.

Auch scheinen einige Details ergänzt, wie z.B. das Zitieren von italienischen Sätzen oder das einwandfreie Erkennen und Einordnen von Kunstwerken, was außerhalb des Erfahrungsbereichs des Taugenichts, eines einfachen Müllerssohns, lag. Dieser Bereich außerhalb des Taugenichts wäre dann einem auktorialen Erzähler zuschreiben.

 

2.

Als gesellschaftliche Schichten kommen der Landadel, die zugehörigen Hofbediensteten und wohlhabende, betuchte Bauern vor. Die absolute Unterschicht und das städtische Bürgertum, das damals die geistig, politisch und wirtschaftlich wichtigste Schicht dastellte, sind vollkommen ausgeblendet. Nicht recht in diese Kategorien hineinpassen wollen die ebenfalls auftretenden Maler und Studenten. Letztere stammen nicht aus wohlhabenden Häusern; einer von ihnen ist mit dem Portier vom Schloss verwandt, der selbst nur ein Bediensteter ist. Sie sind auch keine wirklichen Intellektuellen, sondern eher Musiker und gottesfürchtige Menschen, die die Natur lieben.(„Wir studieren in dem großen Bilderbuche, was der liebe Gott uns draußen aufgeschlagen hat“, S.84).

Die Hauptfigur des Textes, der Taugenichts, ist nicht eindeutig in eine der Schichten einzuordnen: Aufgrund seines Talents im Geigespielen und Singen könnte man ihn zu den Künstlern zählen, von denen er sich jedoch selbst abgrenzt und zu denen er auch nicht passt, da er nicht selber künstlerisch kreativ tätig ist; er singt nur für sich und spielt und improvisiert lediglich Volkslieder. Er durchläuft jedoch mehrere Schichten im Verlauf seiner Jugend: Am Anfang der Geschichte startet er als Handwerker, da er der Sohn eines Müllers ist. Dann wird er als Gärtner zum Hofbediensteten und dann als Zolleinnehmer zu einer Art Beamten. Zum Schluss gehört er dann schließlich dem unteren Landadel an, da er mit seiner Geliebten ein kleines Schloss geschenkt bekommt.

Auffallend in dem Text ist das gute Verhältnis zwischen den Schichten; alles läuft harmonisch und in Einklang ab und es gibt keine Konflikte aufgrund unterschiedlicher Standeszugehörigkeit. Eine gewisse Distanz zwischen den Schichten bleibt jedoch bestehen, was z.B. deutlich wird, als dem Taugenichts klar wird, dass er seine Geliebte aufgrund des Standesunterschieds nicht erreichen kann, da „sie so schön ist und“ er „so arm“(S.12). Für ihn ist sie immer auch die „gnädige Frau“.Dieser Standesunterschied wird auch am Ende bei der Heirat der beiden unterstrichen, da sich herausstellt, dass seine Geliebte, die er für adlig gehalten hat, nur ein adoptiertes Waisenkind ist; sie passt also zu ihm. Eichendorff kreiert in dieser Erzählung also eine Gesellschaft, die es in der Zeit in der die Handlung spielt, schon gar nicht mehr gab, wenn es sie überhaupt jemals so gegeben hat.

 

3.

Die Erzählung selbst wirkt eher ahistorisch als zeitlich fest eingebunden, da keine geschichtlichen Großereignisse oder Entwicklungen eine unmittelbare Rolle spielen. Auch enthält die Erzählung märchenhafte Elemente, wie die vielen glücklichen Zufälle, die dem Helden zur Hilfe kommen oder das Leben auf dem Schloss oder das Abenteuer mit den „Räubern“. Es gibt zwar keine fantastischen Elemente wie Feen oder hilfreiche Tiere, aber die ganze Reise nach Italien ist doch eine Art Bewährung für den jugendlichen Helden. Auch gibt es gewisse Parallelen zur Figur des dummen jüngsten Sohns, welcher oft in Märchen vorgefunden wird; er rettet sich dank seines guten Herzens von Situation zu Situation und verlässt sich auf sein Glück, wobei der Taugenichts nicht ganz so naiv und total zufrieden ist und die Welt etwas differenzierter sieht als solche Märchenfiguren. Auch ist der gute Ausgang der Erzählung einem Märchen ähnlich.

 

Eine historische Lokalisierung ist aufgrund mancher Anhaltspunkte jedoch trotzdem durchführbar: Es fahren Kutschen, welche es erst seit dem 18.Jahrhundert in häufigerer Benutzung gab und sogar vorbestellbare Postkutschendienste, welche erst seit dem Ende des 18.Jahrhunderts existieren. Auch wird an einer Stelle des Textes vom „seligen Hoffmann“(S.70) geredet, womit E.T.A. Hoffmann gemeint ist, welcher 1822 starb; die Handlung muss sich dann danach abgespielt haben. Diese Zeitperiode selbst fällt in die Restaurationszeit, wo die alten Verhältnise von vor der französischen Revolution wiederhergestellt werden sollten. Die Hoffnungen auf einen Aufschwung des deutschen Volkes und einer echten Erneuerung des Reichs erfüllten sich jedoch nicht; die Restauration brachte vielmehr Bürokratie und obrigkeitsstaatliches Denken, ohne einen wirklichen Aufbruch einzuleiten. Auch beginnt in dieser Zeit die Industrialisierung in Europa und es findet eine zunehmende Verarmung auf dem Land statt. Zudem führte die Industrialisierung zu einer Abholzung von Wäldern im großen Stil. Im Text jedoch ist die Natur intakt. Dadurch, dass in der Erzählung jedoch all diese Entwicklungen ausgeblendet werden, ist der Text als eine Art Gegenentwurf zu dem zu sehen, was Eichendorff in seinem wirklichen Leben erlebte.

 

4.

Es gibt in dem Text viele Personen, denen der Taugenichts nur einmal begegnet auch ein paar Personenkonstellationen, die tiefgreifende Bedeutung für ihn haben. Eine der zentralen Konstellationen, in der sich der Taugenichts befindet, ist die Beziehung zu seinem Vater. Beide sind und verhalten sich total gegensätzlich: Der Vater ist tüchtig, arbeitet viel und hart und kritisiert seinen Sohn, den „Faulenzer“, den er rausschmeißen will, da er den Sohn nicht mehr füttern will. Dieser dagegen genießt die Sonne und den Frühling, steht zu sich, und deutet den Rausschmiss von zu Hause als Chance und etwas Positives. Er identifiziert sich mit einem Vogel, der ihn mit seiner Aufbruchsstimmung inspiriert hat, und freut sich auf die Reise. Auch besinnt er sich lediglich auf das, was er kann, nämlich das Musizieren, indem er die Geige als einziges Stück von zu Hause mit auf die Reise nimmt.

Auch die Dorfbewohner verhalten sich ähnlich wie der Vater, wie man beim Auszug des Taugenichts aus dem Dorf erfährt: Sie arbeiten, lassen sich durch nichts ablenken und denken auch an nichts anderes. Sie lassen sich auch nicht von der Natur entzücken, sondern sind „träge“ und leben ein beschränktes Leben. Kunst und Schönes lassen sie kalt und gelten als überflüssige Zeitverschwendung. Sie betreiben eine sinnlose Geschäftigkeit (der Vater „rumort“ S.3) getrieben von Leistungsbewusstsein und Rationalismus. Der Taugenichts dagegen sieht sich als Gotteskind, welches von Gott geliebt wird. Ihm ist es „wie ein ewiger Sonntag im Gemüte“(S.3) und er lebt mit vollem Vertrauen in Gott und die Welt; Lebenslust und Optimismus charakterisieren ihn. Er ist, wie auch die Studenten, die er später trifft, der gefühlsbetonte Romantiker, welcher offen durch das Leben geht, und im Gegensatz zu ihm stehen die Dorfbewohner, die spießigen Philister, zu denen auch sein Vater, der Müller zählt. Von diesen Philistern grenzt er sich innerlich ab und verlässt sie gerne.

Zur Gruppe der Philister gehören auch der Gärtner und der Portier auf dem Schloss, in dem der Taugenichts dann als Gärtner und Zolleinnehmer beschäftigt ist. Der Gärtner hält im eine „Predigt“, wie er es auf gut spießbürgerliche Weise „mit der Zeit auch einmal zu etwas Rechtem bringen“ könne. Der Portier denkt ähnlich; als der Taugenichts Blumen statt Gemüse in seinem Gärtchen anpflanzt hält er ihn für verrückt. Aber der Taugenichts stehet zu seiner Lebenseinstellung und lässt sich nicht „anfechten“(S.14), jedenfalls was die Blumen betrifft. Dennoch wird für ihn das Leben als Zolleinnehmer zur Gefährdung für seine Lebenseinstellung, da er sich in diesem Leben in der Ruhe und Bequemlichkeit einrichten und dies für sein Glück halten könnte. Aber ihn nervt doch immer mehr die Langeweile und die Spießigkeit seines Postens. Diese Sesshaftigkeit und letzendlich Stagnation passen nicht zu seinem Charakter, was dann zu seiner Flucht führt.

 

Eine weitere Konstellation ergibt sich zwischen dem Taugenichts und Aurelie, seiner Geliebten, auch wenn er keinen echten Kontakt zu ihr hat. Er sieht sie zunächst immer nur kurze Augenblicke lang und hofft einfach, dass sie seine Gefühle erwidert. Er lebt darüber, was sie über ihn denkt, im Unklaren. Außer Sichtkontakt, Blicken und Augenzwinkern kommunizieren sie kaum miteinander und wenn sie sich begegnen läuft sie mit gesenktem Blick vorbei. Er bewundert, verehrt und idealisiert sie als etwas Höheres und vergleicht sie mit einem Engel. Ihr Besitz von Büchern und einer Gitarre deutet für ihn außerdem darauf hin, dass sie sich wie er für Kunst und Schönes interessiert. Später zeigt er ihr dann seine Liebe mit einem selbstgedichteten Lied, worauf er jedoch keine klare Antwort ihrerseits erhält. Er verehrt sie weiterhin verzweifelt aus der Ferne, auch wenn er die Barriere zwischen sich und ihr wohl nicht überbrücken kann. Die Verliebtheit als Idealbild bleibt bestehen und auch die Sehnsucht nach ihr. Sein Schloßaufentahlt und seine Beziehung zu ihr kommen schließlich zu einem vorläufigen Schluss, als er sie mit jemand anderem sieht und für verheiratet hält.

Die adligen Schlossbewohner erscheinen dem Taugenichts gegenüber freundlich und offen und geben ihm sogar Arbeit. Ihm wird weiterhin der Aufstieg zum Zollbeamten ermöglicht. Ihr Leben hat Seiten die dem Taugenichts sehr gefallen: Sie haben Zeit, sie können „diskurrieren“ und galant sein, sie feiern und haben einen schönen Garten. Allerdings bleiben die Standesunterschiede deutlich. Der Taugenichts darf nicht am höfischen Leben und den Festen teilnehmen und ist allenfalls zur Unterhaltung da.

Auch Leonhard und Guido, die beiden vermeintlichen Maler, werden für den Taugenichts und den Fortgang der Handlung wichtig, da sie den Taugenichts für ihre Zwecke benutzen, wofür er später mit dem Schlösschen belohnt wird. Der Taugenichts jedoch erkennt die beiden bei der ersten Begegnung nicht und merkt nicht, dass sie verkleidet sind. Sie erkennen ihn aber wohl. Er durchschaut die beiden nicht und ist auch nicht argwöhnisch, sowie er selbst auch niemanden benutzt oder jemals für seine eigenen Zwecke intrigiert.

 

Alle diese Beziehungen haben vielfältige Folgen: Die Beziehung zu seinem Vater hat den Rausschmiss zur Folge, was die Geschichte ins Rollen bringt. Die Begegnung mit Aurelie und die daraus resultierenden Konfusionen und die Langeweile als Zolleinnehmer ziehen den Aufbruch vom Schloss in Richtung Italien nach sich. Die Begegnung mit Guido und Leonhard macht die schnelle Reise nach Italien möglich, da diese die Postkutschen organisieren und ihn für den Aufenthalt auf dem italienischen Schloss verplanen.

Die Personenkonstellationen bringen zwar die Handlung in Gang, aber man muss sagen, dass der Taugenichts eigentlich keine tiefgreifende Entwicklung durchmacht. Er bleibt sich treu und besteht Abenteuer und „Anfechtungen“, aber er verändert sich nicht. Einzig hat er gegen Ende die Ehrfurcht vor Aurelie abgelegt.

 

5.

Auf seiner Reise macht der Taugenichts sowohl positive als auch negative Erfahrungen. Der Rausschmiss durch seinen Vater, könnte für ihn zu Verletzung werden, zumal sein Vater ihm nicht viel zuzutrauen scheint; von ihm stammt auch der Name Taugenichts. Dank seiner Lebenseinstellung deutet der Sohn diesen Hinauswurf aber als etwas Positives, da er die neue Situation als Chance sieht und diese auch nutzt. Zunächst werde ich also auf die weiteren positiven Erfahrungen eingehen, da sie auch das Gesamtbild am meisten prägen. Kaum hat er sich auf den Weg „in die weite Welt“ gemacht, wird er von zwei Damen in der Kutsche mitgenommen; er muss nun nicht zu Fuß gehen, sondern kann wie ein Adliger auf Reisen gehen. Die Bekanntschaft mit den Damen ermöglicht auch die weiteren Begegnungen und bringt die Handlung ins Rollen. Außerdem bemerkt er hier gleich seine Zuneigung zu Aurelie. Am Schloss der beiden Damen, das in der Nähe von Wien liegt, angekommen, bekommt er eine Gärtnerstelle, was ihn in der Nähe von Aurelie hält und ihm auch sonst gefällt. Darauf bekommt er die Zolleinnehmerstelle zugesprochen, in welcher er anfangs das Nichtstun genießt.

Auf seiner Reise Richtung Italien trifft er dann auf Leonhard und Guido, welche ihm die Reise in der Postkutsche ermöglichen. In Italien lebt er eine Zeit lang auf einem italienischen Schloss, wo er wie ein „Märchenprinz“ behandelt wird. Dort schafft er mit Hilfe seiner Geige ein geselliges Beisammensein mit den Schlossbewohnern trotz aller Verständigungsschwierigkeiten und erhält außerdem einen Brief von Aurelie, was seine Stimmung hebt und ihn zum Aufbruch bringt. (Dieser Brief ist eigentlich gar nicht für ihn). Später trifft er durch Zufall auf die Stadt Rom, welche genauso schön ist, wie er sie sich erträumt hat. In Rom trifft er zweimal auf einen deutschen Maler und eine Kammerjungfer aus dem Schloss bei Wien, was ihm wieder Orientierung und ernsthafte Hinweise auf Aurelie gibt.

Eine weitere positive Erfahrung für ihn sind die Studenten, mit denen er musizieren und mit deren Einstellung er sich identifizieren kann. Am Schluss gibt es ein Happy End mit Aurelie und er bekommt mit ihr zusammen ein Schloss geschenkt.

 

Diese Erfahrungen kommen zustande, da der Taugenichts ein angenehmer Zeitgenosse ist mit guten Umgangsformen und jemand, auf den andere wohlgesonnen reagieren. Er ist außerdem lebenslustig, musikalisch, gesellig und lebt mit vollstem Gott- und Weltvertrauen und hat einen Sinn für das Schöne in der Welt. Sein Geigenspiel setzt er ein, um Menschen zur Geselligkeit zu bringen. So fällt ihm durch seinen Charakter vieles Gute praktisch in den Schoß.

 

Es gibt auf seinem Weg aber auch unangenehme Begegnungen. Ein Bauer, den er später „Knollfink“ nennt ist äußerst unfreundlich zu ihm und will ihm nicht sagen, wo der Weg nach Italien geht, obwohl er äußerlich den guten Christen spielt. Derselbe Bauer schnauzt ihn später an, weil er das Gras unter seinem Apfelbaum „zertrampelt“ hat. Vor solchen Menschen befällt den Taugenichts ein „kuriose“ Angst und er rettet sich durch die Flucht. Dann trifft er in einem Dorf auf ein Mädchen, welches offensichtlich Interesse an ihm hat. Er geht darauf aber nicht ein, da er die Sesshaftigkeit, die mit einer Beziehung oder sogar Ehe zur ihr verbunden wäre, ahnt. Trotzdem bringt dieser Konflikt ihn an den Rand der Tränen; er empfindet die Welt als „entsetzlich weit und groß“ und sich als „ganz allein“. In Rom trifft er dann den deutschen Maler Eckbrecht, dessen Subjektivismus und Selbstüberschätzung ihn abstoßen. Der Taugenichts spürt genau, dass er nicht das Genie ist, für welches Eckbrecht ihn hält. Er fühlt viel mehr Gemeinsamkeiten und innere Verwandtschaft mit den Studenten, die er auf seinem Heimweg trifft, was sich z.B. im gemeinsamen Musizieren ausdrückt.

 

Als Belastung, die ihm ins einer Lebenseinstellung gefährdet ist z.B. das Dasein als Zolleinnehmer zu nennen, das ich oben diskutiert habe. Ähnlich ist es bei seinem Aufenthalt in dem italienischen Schloss, wo ihm nach einiger Zeit auch wieder langweilig ist, er sich dort eingeschlossen fühlt und von den Schlossbewohnern festgehalten und verhätschelt wird. Zum Schluss endet der Taugenichts dann in einer zwiespältigen Situation, da er einerseits sesshaft wird, heiratet und in einer philisterhaften Stagnation enden könnte, aber andererseits er wieder nach Rom aufbrechen möchte, weil ihn die Reiselust, wie früher packt.

 

Auch durchlebt der Taugenichts oft Momente der Melancholie, Verwirrung und Angst z.B. gleich zu Anfang, als er in der Kutsche sitzt und Heimweh nach seinem Dorf bekommt. Auf dem Schloss dann ist er dem verletzenden Spott der Adelsgesellschaft ausgeliefert und er spürt seine Außenseiterrolle, da sein Ausdruck von Gefühl den anderen lächerlich erscheint. In Italien ist ihm die Ferne von der Heimat immer unheimlicher und er fühlt sich immer einsamer, je weiter er reist. Eine Bewährungsprobe ist für ihn auch der Gang über die Heide vor Rom, auf der „Frau Venus die Wanderer verwirren soll“ - das weiß er aus Erzählungen, aber auch erzählte Dinge sind für den Taugenichts etwas Reales. Als Maßnahmen gegen diese Ängste hat er neben seiner Tapferkeit zum einen den Schlaf, nach welchem sich meistens vieles wieder regelt. Auch flieht er oft einfach in die Natur, vorzugsweise auf einen Baum um Raum zu gewinnen. Und auch die Musik spendet ihm ebenso Trost wie das Vertrauen auf Führung von Gott.

 

Es fällt schwer, Wünsche und Vorstellungen des Taugenichts zu definieren, wenn man darunter konkrete Ziele und Pläne versteht. Solche hat er nicht. Er hat nur ein Verlangen nach Glück und will die weite Welt und Gottes Wunder sehen. Seine Reiselust treibt ihn immer wieder weg aus ihm unerträglichen Zuständen, aber sein Heimweh und seine Sehnsucht nach Aurelie bilden ein Gegengewicht dazu.

 

6.

Der Text selbst ist ein sehr suggestiver Text, welcher gewisse Tagträume und ein Abheben vom Text beim Leser auslöst, was aber zur Figur des Taugenichts passt.

Der Taugenichts und sein Lebensgefühl stellen ein Gegenmodell zu den bürgerlichen Werten dar. Er ist jemand, der ohne Planung, Absichten, Ziele oder Taktik durchs Leben geht und die Absichten seiner Umwelt oft nicht richtig wahrnimmt oder versteht. Er ist etwas naiv und gutgläubig, da er nie einen Verdacht hegt, etwas Böses unterstellt oder die Dinge um sich herum analysieren würde. Aber er hat Glück und er muss für dieses nichts tun. Er muss nur so sein, wie er ist. Auch ist er ein Mensch, der keinen Wert auf Besitz oder Geld legt, was im Kontrast zu dem liegt, was die heutige Gesellschaft einem Jugendlichem vermittelt. Er ist zudem jemand, der bereit ist für sein Lebensgefühl alles aufzugeben, weil dieses für ihn am wichtigsten ist, auch wenn er dafür gute Lebensverhältnisse zurücklässt. Daneben verkörpert er die Liebe zur Musik, zur Natur und zur Phantasie und Poesie. Er ist gegensätzlich zu dem, was die damalige wie heutige bürgerliche Gesellschaft an Werten wie Pflichtbewusstsein und Rationalität pflegt und verlangt. Er ist nicht bereit ein Zahnrad in der Maschinerie zu werden, sondern pflegt seine Art zu leben.