DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

 READER: jugend als literarisches thema des 20., 19. + 18.jhds...

 


 

 

1864  Wilhelm Raabe  /  STOPFKUCHEN18

 

    

 

 

Klappentext
»Stopfkuchen« hänseln die Schüler ihren Kameraden Heinrich, der ihnen allzu träge und gefräßig erscheint. Aber aus stiller Kraft heraus, die spektakuläre Weltaneignung meidet, entwickelt sich »Stopfkuchen« zu einem reifen Charakter. Ähnlich entwickelt Raabes 1890 erschienener, aber erst Jahrzehnte später als Meisterwerk anerkannter Roman aus konzentriertem Kern eine wegweisende erzählerische Komplexität.

 

 

 

gk d 12/2  -   die schüler/innen haben die nebenstehenden buchanalysefragen bearbeitet > ergibt 2/3 ihrer note;    -   sie bewerten überdies via auslosung die arbeitsergebnisse eines mitschülers /einer mitschülerin > die benotung der qualität dieser bewertung ergibt das letzte drittel ihrer zusätzlichen schriftlichen note in 12/2

AUTOR/IN:   fef

 

Aus wessen Perspektive und mit welchem Interesse ist die da dargestellte Jugend bzw. ist von dieser Jugend erzählt?

Die Persepektive aus der die hier dargestellte Jugend erzählt ist, ist die Eduards, eines aus Deutschland nach Südafrika emigrierten und dort erfolgreich als Farmer tätigen, älteren Mannes. Eduard schreibt, nachdem er seiner Jugendheimat einen Besuch abgestattet hat und sich wieder auf dem Schiff gen Südafrika befindet, seine Erlebnisse während seines Besuches in Deutschland auf. Dass er hierbei viel über seine eigene Jugend und die seines Jugendfreundes Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen,  schreibt, ist nicht zuletzt dessen Schuld. Überhaupt liefert Stopfkuchen Eduard eigentlich erst die Gründe zu schreiben.

 

Eduard, der Stopfkuchen noch als den dicksten und faulsten seiner ehemaligen Kameraden in Erinnerung hat, ist, als er ihn nach langen Jahren zum ersten Mal wieder sieht, nicht nur von dessen noch enormerer Leibesfülle, sondern vielmehr von seiner geistigen Reife überrascht. Denn bei Stopfkuchen ist inzwischen die geistige Überlegenheit und Stärke offensichtlich geworden, die er wohl schon immer besaß, die aber nie bemerkt wurde. Stopfkuchen , der früher von seinen Kameraden allein unter einer Hecke liegengelassen wurde und ihnen nachschauen musste als sie davongingen, ist es nun, der seine ehemaligen Jugendfreunde, allen voran Eduard, stehen und seinen Gedanken überlässt und überlegen weitermaschiert.

Dies erreicht er, indem er seinem besten Jugendfreund offenbart, dass er zustande gebracht hat, was jahrelang kein Richter und auch sonst keiner vermochte. Er, Stopfkuchen nämlich , hat den Mord an dem Viehhändler Kienbaum aufgedeckt. Den Mord, dessen Geschichte auf die ganze Jugendzeit der Freunde - und zumindest in Stopfkuchens Fall noch weit darüber hinaus - Wirkung hatte. Den Mord, der fälschlicherweise über Jahre hinweg dem Bauern Quakatz, dem Herren der Roten Schanze, einer Kriegsbefestigung aus dem siebenjährigen Krieg und jetzigem Bauernhof, angehängt wurde. Die Rote Schanze ist es auch, auf was Stopfkuchens Aufmerksamkeit zeitlebens gerichtet war - früher, da er davon träumte, einmal der Bauer auf diesem Kriegsrelikt zu sein, und dann, weil er es war. Dies ist auch der Ort an dem Eduard seinem Jugendfreund nach Jahren zum ersten Mal wieder begegnet und an dem er von ihm die ganze Wahrheit über die damaligen Geschehnisse erfährt. Die Tatsache, die für Eduard dann wirklich überraschen ist, ist, dass Störzer, der Landbriefgträger und ein weiterer guter Freund aus seiner Jugend der oben genannte Mörder ist.

 

Dieser Umstand und die Art wie Stopfkuchen sich verändert hat, bzw. seine Charaktereigenschaften nun hervortreten, sind dann auch die Gründe dafür, warum es nun Eduard ist, der mit offenem Mund stehen bleibt und Stopfkuchen hinterherstarrt. Und es sind die Gründe, warum Eduard sich auf der Schiffsreise zurück nach Südafrika die Mühe macht, all dies aufzuschreiben.

 

 

 

In welcher bzw. zwischen welchen gesellschaftlichen Schichten ist die da erzählte/dargestellte Jugend angesiedelt?

Dass Eduard inzwischen ein erfolgreicher Farmer in Südafrika ist, hat  - mit Ausnahme des Umstandes, dass er dadurch lange nicht mehr in seinem Geburtsort war - keinen Einfluss auf das weitere Geschehen. Interessanter ist da Stopfkuchens gesellschaftliche Aufenthaltsschicht Er, dessen kleinbürgerliche Eltern stets wollten, dass "er mal etwas wird", Doktor oder Pfarrer zum Beispiel, ist das geworden, was er immer werden wollte: ein gemütlicher und dicker Bauer auf der Roten Schanze. Somit wurden die in ihn gesteckten Erwartungen, sowohl schulischer als auch beruflicher Natur, enttäuscht.

 

Stopfkuchen ist jedoch nicht das, was man sich unter einem dummen Bauern vorstellt. Auch hier muss man bei ihm öfter hinsehen um zu erkennen, dass er recht wohlhabend und, noch interessanter, ein geachtetes Mitglied mehrerer paläontologischer Gemeinschaften ist. Denn das, was ihn interessiert, das macht er auch. Und es ist weniger die Gesellschaftsschicht in der er lebt, die einen Einfluss auf ihn hat, als vielmehr die Tatsache, dass sich Stopfkuchen die Gesellschaft gesucht hat, die er für richtig empfand.

 

Man sieht: Stopfkuchen und Eduard, die beide aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammen, haben jeder auf seine eigene Art zu seinem Ziel gefunden, obwohl sowohl Weg, als auch Ziel in Stopfkuchens Fall beschwerlicher, aber auch interessanter sind, auch wenn das nicht sofort ins Auge springt.

 

In welchen historischen Kontexten ereignet sich die da erzählte/dargestellte Jugend?

In Eduards Jugend am Ende des 18. Jahrhunderts ist der siebenjährige Krieg bereits seit längerem vorbei und es hat sich wieder eine einigermaßen feste Ordnung eingestellt. Deutschland hat die  ersten Kolonien in Südafrika und ganz allmählich beginnen sich die Anfänge der Industrialisierung abzuzeichnen. Das Bürgertum hat seine hohe Zeit. Es wird allgemein viel Wert auf eine möglichst weltmännische Bildung gelegt. Eduards Lebensweg nun nimmt einen, für diese Zeit nicht durchschnittlichen, dennoch auch nicht abwegigen Verlauf, indem er nach Afrika auswandert, dort Farmer wird und somit fernab der alten Heimat gemeinsam mit seiner holländischen Frau seine Kinder großzieht.

 

Obwohl Stopfkuchen seinen Geburtsort nie verlässt und sich auf der Roten Schanze, die er schon aus seinen Kindertagen kennt, niederlässt, lebt auch er genau wie Eduard zurückgezogen von der Welt. Das heißt nicht, dass er ein Hinterwäldler wäre, sondern, dass er sich ganz bewusst hinter die Wälle der Roten Schanze zurückzieht. Und eben diese Wälle existieren noch aus dem siebenjährigen Krieg. Sie wurden damals vom Prinzen Xaverius von Sachsen errichtet, um von ihnen aus die nahegelegene Stadt zu beschießen. Trotz der Zeitspanne, die seit dem siebenjährigen Krieg vergangen ist, ist es gerade die Faszination und das Interesse für diesen, die Stopfkuchen veranlassen, sich auf die Rote Schanze zu träumen und dort schließlich auch sein Leben zu verbringen. Denn so, wie sich einst der Prinz hinter diesen Wällen sicher gefühlt hat, fühlt sich dort auch Stopfkuchen sicher vor der Welt, die ihn so schlecht behandelt. Und ebenso, wie ersterer aus dieser sicheren Deckung heraus die Stadt beschoss, kann Stopfkuchen von hier aus in aller ihm heiligen Ruhe seine Überlegenheit zeigen.

 

 

 

In welchen Personenkonstellationen ereignet sich die da erzählte/ dargestellte Jugend? Und welche Wirkungen ergeben sich aus diesen Konstellationen für den da erzählten/dargestellten Entwicklungsgang insbesondere der jungen Haupterzählfigur?

Es gibt wohl zwei Parteien in Stopfkuchens und Eduards Jugend. Auf der einen Seite stehen Eduard und seine Freunde- Stopfkuchen einmal ausgenommen-  und auf der anderen Stopfkuchen und die Quakatzs.

Eine wichtige Person in Eduards Jugend ist der Landbriefträger Störzer. Eduard begleitet ihn oft auf seinen zahllosen Wanderungen zwischen den Dörfern und lässt sich von ihm die Natur zeigen und erklären. Durch Störzer kommt Eduard auch erstmals an ein Buch von Le Vaillant in dem dieser Afrika beschreibt. Eduard entwickelt zusammmen mit Störzer eine Beigeisterung für diesen fernen Kontinent auf dem er ja dann sein späteres Leben verbringt.

Man kann also sagen, dass Störzer Eduards Jugend tiefgehend geprägt hat und dafür verantwortlich ist, dass Eduard nach Afrika auswandert.

Eine ähnliche Bezugsperson wie Störzer für Eduard ist, stellt der Kurator Schwartner für Stopfkuchen dar. In Stopfkuchens Fall ist es dieser, der ihm seinen weiteren Lebensweg vorgibt indem er in Stopfkuchen die Begeisterung für die Geschichte des Siebenjährigen Krieges und somit für die Rote Schanze weckt. Und ebenso wie Störzer für Eduards Auswanderung verantwortlich ist, ist es Schwartner für Stopfkuchens Wunsch Herr der Roten Schanze zu werden.

Eine weitere Parrallele ist, dass beide Bezugspersonen ganz persönliche Freunde der Jugendlichen sind, d.h. kein anderer aus ihrem Freundeskreis hat eine derartige Beziehung zu Störzer bzw. Schwartner.

 

Eine weitere Gruppe besteht aus dem Bauern der Roten Schanze, Andres Quakatz, und seiner Tochter Valentine. Beide weden von den restlichen Menschen der Umgebung gemieden, da Quakatz unter dem Verdacht steht den Viehhändler Kienbaum erschlagen zu haben. Obwohl dieser seine Unschuld beteuert und ihm auch nichts nachgewiesen werden kann, ist er doch immer der Mordbauer von der Roten Schanze.

Der einzige der den beiden- Quakatz und seiner Tochter- neutral gegenübertritt ist nun Stopfkuchen. Er hilft Valentine sogar einmal als diese eine Prügelei mit ein paar Stadtkindern hat, woraufhin sie Stopfkuchen mit auf die Rote Schanze nimmt. Dies ist nun der Anfang einer Freundschaft und späteren Liebe zwischen Stopfkuchen und seinem Quakätzchen (Valentine). Zudem verbringt Stopfkuchen ab diesem Ereigniss fast seine ganze Freizeit auf der Roten Schanze.

 

Stopfkuchen ist es dann auch der, als er bereits selbst der Bauer auf der Roten Schanze ist, das Andenken des bereits verstorbenen Bauern Qukatz säubert indem er den wahren Mörder Kienbaums entlarvt. Und dieser ist, was wohl nie jemand vermutet hätte, Eduards Jugendfreund Störzer. Dieser kannte nämlich wiederrum Kienbaum aus seiner eigenen Jugend und wurde zeitlebens von diesem gehänselt und runtergemacht. Störzer verdankt auch Kienbaum seinen Spitznamen Storzhammel.

Und aus diesem jahrelang aufgestauten Ärger heraus kommt es dann bei einer Begegnung Störzers mit Kienbaum soweit, dass Störzer als Antwort auf einen Peitschen hieb, den er sich von Kienbaum eingefangen hat, einen Feldstein nach Kienbaum wirft und diesen an der linnken Schläfe tödlich trifft.

Dieser Unfall ist es dann, der einen so großen Einfluss auf das Leben vieler- vor allem auf das Quakatzens und Stopfkuchens- hat und im Endeffekt Eduard dazu veranlsst offenen Mundes seinem Jugendfreund Stopfkuchen hinterher zu starren.

 

 

Welche Begegnungen, Verletzungen, Erlebnisse, Belastungen, Erfahrungen, Wünsche und Vorstellungen kennzeichnen die da erzählte/ dargestellte Jugend?

Es gibt in Stopfkuchens Leben wohl eine zentrale Verletzung. Es ist die von ihm immer wieder erwähnte Szene, in der er von seinen Kameraden unter einer Hecke liegengelassen wird und ihnen hinterherschaut wie sie davongehen. Obwohl es später den Anschein hat, dass Stopfkuchen sie hat gehen lassen, statt selbst zurückgelassen zu werden, hat wohl beides seine eigene Wahrheit. Und der zweite Umstand verletzt Stopfkuchen, auch wenn er sich das vielleicht selber nicht eingestehen will.

 Doch ist diese Szene auch ein Sinnbild für das, was Stopfkuchen die ganzen Jahre seiner Jugendzeit über erleiden musste, nämlich von anderen gehänselt zu werden und stets der dicke Depp zu sein. Das heißt nicht, dass die anderen nicht seine Freunde waren - er hatte sehr wohl welche, allen voran Eduard - doch können auch freundschaftliche Sticheleien verletzend sein. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich Stopfkuchen danach sehnt, Herr der Roten Schanze zu sein, da diese ihm hinter ihren Wällen Schutz vor den Gemeinheiten des Lebens und seiner Kameraden bieten konnte.

 

Ein zentrales Erlebnis ist nun die Situation, in der Valentine Stopfkuchen zum ersten Mal mit in die Rote Schanze hinein nimmt, nachdem Stopfkuchen sie in einer Prügelei vor den Stadtkindern gerettet hat. Dies ist für beide eine neue Erfahrung, Valentine hat es noch nie vorher erlebt, dass sich ein/e Gleichaltrige/r für sie eingesetzt hat, Stopfkuchen hingegen ist es neu, einfach so akzeptiert und sogar geschätzt zu werden. Die aufkeimende Freundschaft und spätere Liebe der beiden ist unter diesen Gesichtspunkten gesehen nun nicht weiter verwunderlich, da sie gemäß dem Motto "Geteiltes Leid ist halbes Leid" sich gegenseitig stützen und einander das geben, was sie brauchen.

 

So kann man sagen, dass Stopfkuchen aus den Dingen, die ihm in den Weg gelegt wurden, mit Hilfe einer erstaunlichen inneren Stärke und Gradlinigkeit in seinem Tun seine Vorteile gezogen hat und den Spieß schlußendlich herrumdreht, indem er nun die anderen offenen Mundes dastehen lässt und seiner eigenen Wege geht.

 

 

 

Auf welche Einsichten läuft die hier erzählte/dargestellte Jugend bei mir als Leser hinaus?

Ich denke, an Stopfkuchens Beispiel ist vor allem anderen sehr gut zu erkennen, wie tiefgründig und überraschend anders, als man sie gesehen hat, Menschen sein können. Stopfkuchen ist, oder war zumindest einer der Menschen die es wirklich schwer haben und trotzdem eine bemerkenswerte innere, nach außen hin nicht sichtbare Stärke aufweisen. Weiterhin ist seine Geschichte ein gutes Beispiel dafür, wie prägend eine für den einen unbedeutende Situation für den anderen sein kann.

 

Für mich wurde durch dieses Buch die Einsicht erneuert, dass der Umgang mit anderen Menschen grundsätzlich von mehr Achtsamkeit geprägt sein sollte, als wir sie häufig aufbringen. Und auch, dass man sich darin trainieren könnte, sich in diese anderen Menschen hineinzuversetzen, um ihre Sicht der Situation zu nachzuempfinden und so Verständnis oder sogar Mitgefühl zu entwickeln. 

 

Denn das würde nicht nur den zwischenmenschlichen Kontakt intensivieren und vertiefen, sondern auch zu der Erkenntnis führen können, dass wir selbst manchmal ganz schön blind für die eigentliche Größe der anderen sind. Unsere oberflächliche Wahrnehmung läßt uns nämlich dem Trugschluß aufsitzen, dass jemand, der unter gewissen Lebensumständen leidet, zwangsläufig auch bemitleidenswert sein, oder für immer der Schwächere bleiben muß. Denn Stopfkuchens Beispiel zeigt ja deutlich auf, dass er sich zwar zurückzieht und verschanzt und somit einerseits sein Außenseitertum vertieft, gleichzeitig aber seine ganz eigene Lebensbewältigung und einen stillen, inneren Stolz, eine in gewissem Sinne von anderen unabhängige Haltung entwickelt hat.

 

In diesem Licht betrachtet könnte man sogar sagen, dass im Gegensatz zur Jugendzeit, jetzt Eduard der Schwächere oder ein Opfer ist.  Nämlich das Opfer seiner beschränkten Sichtweise. So hat diese stille Stärke, mit der ein Mensch wie Stopfkuchen sein Schicksal meistert, eine Größe, die bei genauerem Hinsehen die Durchschnittlichkeit und Überheblichkeit des normal erfolgreichen Menschen entlarvt.