DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

 READER: jugend als literarisches thema des 20., 19. + 18.jhds...

 


 

 

1854/5  Gottfried Keller  /  DER GRÜNE HEINRICH17

 

    

 

 

Klappentext
Heinrich Lee, der seiner stets gleichfarbigen Kleidung wegen in seiner Kindheit der »grüne Heinrich« genannt wird, wächst als Sohn eines früh verstorbenen Handwerksmeisters in der Obhut seiner treusorgenden Mutter auf. Wegen eines harmlosen Vergehens von der Schule verwiesen, sucht er sich zum Landschaftsmaler auszubilden. Mehrere Aufenthalte bei Verwandten auf dem Land lassen zwischen ihm und seiner Base Anna eine zarte Jugendliebe entstehen; gleichzeitig tritt die schöne Judith in sein Leben, die seine erwachende Sinnlichkeit herausfordert. Annas früher Tod veranlaßt ihn, der Verstorbenen lebenslange Treue zu geloben und der Verbindung mit Judith zu entsagen. Seine Versuche, in einer großen deutschen Kunststadt (gemeint ist München) eine Existenz als Künstler zu begründen, scheitern. Verarmt und heruntergekommen, beschließt er endlich, zur Mutter zurürckzukehren, findet jedoch sie, die die Sorge um ihn zermürbt hat, nicht mehr am Leben vor. Trostlose innere Leere ergreift von ihm Besitz, bis er nach kurzer Zeit an einer Krankheit stirbt. - Dies ist in wenigen Worten die Fabel der ersten Fassung (1854/55) von Gottfried Kellers Roman Der grüne Heinrich, dem neben Grimmelshausens Simplicissimus, Wielands Agathon, Goethes Wilhelm Meister und Stifters Nachsommer bedeutendsten deutschsprachigen Entwicklungsroman

 

 

gk d 12/2  -   die schüler/innen haben die nebenstehenden buchanalysefragen bearbeitet > ergibt 2/3 ihrer note;    -   sie bewerten überdies via auslosung die arbeitsergebnisse eines mitschülers /einer mitschülerin > die benotung der qualität dieser bewertung ergibt das letzte drittel ihrer zusätzlichen schriftlichen note in 12/2

AUTOR/IN:   faf

 

FRAGE 1

„Der grüne Heinrich ist eine autobiographische Erzählung Kellers. Keller will seinen Lebensweg schildern, da er wie auch „Heinrich“ bei einem Studium in München scheitert. Da ich die zweite Fassung des Buches gelesen habe , will ich noch schnell erklären ,in wie fern sich diese von der ersten Fassung unterscheidet. Die zweite Fassung , die 1879/1880 erschienen ist unterscheidet sich hinsichtlich der Gliederung von der ersten, vor allem dadurch, dass die lineare chronologische Abfolge eingehalten ist (von einigen Vorrausdeutungen abgesehen), während in der ersten Fassung die vom Ich –Erzähler dargebotene Jugendgeschichte zu Beginn des Aufenthaltes in München als umfangreiche Rückblende eingefügt ist. Sein Interesse liegt darin seine Jugend nachzustellen, nicht weil er zeigen will wie es ihm einmal erging, sondern weil er sie für sehr interessant hielt.

FRAGE 2

Gesellschaftliche Schichten gibt es hier nicht viele zu nennen. Heinrichs Vater, demnach auch Kellers Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe. Das Dorf zählt kaum über 1000 Einwohner. Es gibt kaum eine andere Schicht als die der Bauern. Noch einige wenige, wie zum Beispiel der Pfarrer unterscheiden sich vom Bauerntum, aber dies ist eher die Ausnahme.

FRAGE 3

Die da erzählte Jugendgeschichte spielt zur Zeit des REALISMUS. Grundlagen für den Realismus sind objektive Betrachtung, sachgenaue Darstellung der Wirklichkeit und Positivismus. Es hat sich jedoch nur das wohlhabende Bürgertum am Realismus beteiligt. Der Realismus und die Schreibweise des Realismus war wenig auf politische Veränderung bedacht sondern viel mehr auf unveränderbare Unzulänglichkeiten des allgemein Menschlichen. Das sind die Grundlagen des Realismus. Nun zum historischen Hintergrund. Der Realismus stammt aus der Zeit nach der Märzrevolution (1848) nach dem Sturz Metternichs und dem Beginn der Ära Bismarcks. Ein weiterer historischer Hintergrund ist der Deutsch-Französische Krieg (1870-1871) und der damit verbundene Abtritt Elsaß-Lothringens an Deutschland und die daraus enstehende Gründung des Deutschen Reiches (1871). Der Realismus tritt in nur wenigen literarischen Formen auf . Er kommt häufig in Romanen und Novelle vor. Vertreter des Realismus waren neben Keller unter anderem auch Fontane, Nietzsche und Storm.

 

FRAGE 4 & 5 & 6

 

Heinrichs Jugendgeschichte lebt vom Kontrast zwischen Anna und Judith und Heinrichs Verhältnis zu ihnen. Die Figurenkonstellation dieser, auf den ersten Blick völlig gegensätzlichen Frauen, erzeugt Spannung sowohl in Heinrich, als auch für den Leser. In meiner Arbeit möchte ich Anna, Judith und ihre unterschiedlichen Beziehungen zu Heinrich unter einer psychoanalytischen Lupe betrachten. Ich will beschreiben, auf welche Art Annas Persönlichkeit unterdrückt wird, warum dies zu ihrem Tod führt und sie mit der Nixe in Kellers Gedicht "Winternacht" vergleichen. Nachdem ich ausführlich auf Anna eingegangen bin, werde ich sie in Kontrast zu Judith setzen, doch gleich im nächsten Kapitel berichtigen, dass es zwischen Anna und Judith auch Gemeinsamkeiten gibt und warum Heinrich diese nicht wahrnehmen kann. Zudem möchte ich Judiths Rolle als Erlöserin am Ende des Romans näher behandeln und schließlich werde ich untersuchen, mit welchen Orten Anna und Judith verbunden sind und was für eine Bedeutung das Auftreten der beiden Frauen an bestimmten Umgebungen hat.

Anna unterscheidet sich durch ihre Feinheit auffällig von Heinrichs restlichen Kusinen; gerade deshalb gefällt sie Heinrich am besten. Neben den rotbäckigen, kräftigen Töchtern seines Onkels wirkt Anna besonders zart und zerbrechlich. Die im Dorf wohnenden Kusinen sind gewohnt, auf dem Feld in der Erde wühlen, doch Anna ist zu fein für diese Arbeit, und Heinrich hat das Gefühl, sie schwebe über dem Boden. Während er sich mit den anderen Kusinen geschwisterlich neckt und rauft, verliebt er sich in Anna und wünscht sich eine intimere Beziehung zu ihr. Vom ersten Augenblick fühlt er sich von ihrer puppenhaften Schönheit und ihrer Zierlichkeit angezogen und möchte dieses in seinen Augen reine und unschuldige Mädchen für sich gewinnen. Heinrich beschreibt Anna mit vielen Diminutiven, und alles was sie tut, empfindet er als niedlich und schön. Aus Heinrichs Perspektive scheint sie oft unerreichbar und wie ein Engel zu sein, was sie um so begehrenswerter für ihn macht.

Gerade da Anna sehr grazil und schön ist, wird sie von ihrer Umgebung idealisiert und schon fast wie eine Heilige behandelt. "Frauen haben über Jahrhunderte hinweg als Spiegel gedient mit der magischen und köstlichen Kraft, das Bild des Mannes in doppelter Größe wiederzugeben", lautet ein Zitat von Virginia Woolf. Im "grünen Heinrich" dient Anna insbesondere Heinrich und ihrem Vater als Projektionsfläche für ihre Wünsche und Vorstellungen. In Anna möchten sie sehen, was sie als ideal und gut empfinden und sich für sich selbst wünschen. Es ist einfacher, diese Ideale nicht selbst zu realisieren, sondern auf jemand anderen, in diesem Falle Anna, zu übertragen, um sich dann in ihr spiegeln und bewundern zu können. Indem Anna von Heinrich und ihrem Vater als Projektionsfläche benutzt wird, wird sie selber zum Objekt für Männerphantasien degradiert, und ihre eigene Persönlichkeit entgleitet ihr nach und nach.

Heinrich hat den Wunsch, über Anna zu verfügen, anstatt sie zu schätzen; dies kann er am besten, indem er sich ein Bild von ihr macht, um Anna in seiner Phantasie nach seinem Geschmack und seinen Wünschen formen zu können. In seiner Vorstellung ist er ein strahlender Held, dem die wunderschöne, gute und reine Anna zu Füßen liegt. "In der Theorie hatte ich die Welt schon erobert und auch verdient und besonders über Anna durchaus verfügt." (S. 274 ) Doch in der Realität auf Anna eingehen und ihr Inneres herausholen, ihre Gefühle für sich zu gewinnen, ohne sie zu verletzen, das gelingt Heinrich nicht. Er scheint Anna am meisten zu lieben, wenn sie nicht in seiner Nähe ist, denn je unerreichbarer und undifferenzierter die wirkliche Anna ist, desto deutlicher und klarer wird Heinrichs Traumbild von ihr. Trotz Heinrichs eigentlicher Abneigung gegen den Katechismus und der damit verbundenen starren Frömmigkeit, schwebt ihm ein Idealbild von Reinheit und Unschuld vor, für das Anna als Projektionsfläche herhalten muss. Diese alten, starren und liebestötenden Ideale drängt er Anna auf, ohne ihren wirklichen Charakter, ihre Gefühle und Wünsche zu beachten, zu schätzen und somit die "echte" Anna zu lieben wie sie wirklich ist. Annas Zartheit und engelhafte, kindliche Schönheit dient Heinrich als Vorbild für seine Idealvorstellung einer Geliebten. Somit reduziert er sie auf ihr Äußeres, und denkt sich ein reines, fast heiliges und überirdisches Bild von ihrem Inneren dazu, sein Idealbild von einer Frau und von sich als ihrem "Liebhaber". Annas sinnliche, ausgelassene, lebensbejahende und sexuelle Seite lässt Heinrich außer Acht, da sie sich mit seinen steifen, eher prüden Idealen beisst.

Er stellt sie sich gerne als Kleinod in einem Kästchen vor, oder sieht seine Märchen-prinzessin gerne im Fenster- oder Bilderrahmen. Wenn sie auf irgendeine Art umrahmt -also eingeschlossen - ist, hat er mehr Kontrolle über sie. Diese "Rahmengedanken" Heinrichs zeigen wiederum, wie er Anna nur als Projektionsfläche lieben kann, und je mehr er gewissermaßen über sie verfügt, desto eher kann er in ihr sehen, was er sehen möchte, ohne Gefahr zu laufen, von ihrem wirklichen Charakter, zu der auch ihre Sinnlichkeit gehört, überrumpelt zu werden.

Zu einer Zeit, in der sich Heinrich als Frauenfeind gibt, malt er heimlich ein Portrait von Anna, das seinem inneren Bild von ihr entspricht. Auf dem gemalten Portrait steht sie in einem Blumenbeet, während ihr Kopf in den Himmel ragt, was ebenfalls zeigt, dass Heinrich Anna als abgehoben und zum Himmel gehörend empfindet, sie deshalb unbewußt mit dem Tod in Verbindung bringt. Vögel und Schmetterlinge, die das Weiterleben der Seele nach dem Tod symbolisieren, fliegen darauf herum. Nur Annas Gesicht, das eigentlich den Charakter eines Menschen ausdrückt, ist nicht ausgeprägt; darüber hinweg tröstet der Glanz und die Buntheit des ganzen Bildes. Also beschränkt sich Heinrich auch beim Malen eines wirklichen Portraits Annas auf die sorgfältige Ausarbeitung von Äußerlichkeiten. Anna fehlt es auf dem Bild an Persönlichkeit und an eigenen, interessanten Gesichtszügen, genauso wie es Heinrichs imaginäre, makellose und deshalb eigentlich auch charakterlose und langweilige Anna tut. Doch Heinrich erntet viel Lob für sein Kunstwerk, da seine Betrachtungsweise Annas, den Vorstellungen der ganzen Verwandtschaft entspricht.
"Ich war der Held des Tages, als das Bild nach genügsamem Betrachten über dem Sofa im Orgelsaale aufgehängt wurde, wo es sich wie das Bild einer märchenhaften Kirchenheiligen ausnahm." (S. 302)
Heilige sind tot, Märchen sind erfunden, existieren nur in den Köpfen der Menschen, und so wird Anna schon während sie lebt angeschaut. Wenn Heinrich an Anna denkt, denkt er meist an das Bild Annas, oder daran, wie sie aussieht und nicht etwa, was sie gesagt oder getan hat. ["In der durchsichtigen Rosenglut des Himmels sieht er das feine, schlanke Bild Annas auftauchen."(S. 211)] Ihre errötenden Wangen und ihr Glockenstimmchen faszinieren ihn weit mehr als ihre tatsächlichen Gefühle und Gedanken, die er kaum kennt. Er vergleicht sie gerne mit einem Engel, einer anderen märchenhaften Gestalt oder bezeichnet sie als Kind, obwohl sie gleich alt ist wie er; all dies hebt hervor, dass er Annas Äußerem weit mehr Beachtung schenkt als ihrem Innerem, Annas Persönlichkeit.

Auch Annas Vater will sich selbst gefallen und Gefallen bei anderen Leuten erregen mit so einer schönen und edlen Tochter. Wie Heinrich dient sie ihm als Spiegel, in dem er sich als feiner und nobler Mensch widerspiegeln kann. Das Bild, das er von seiner Tochter hat, ist das einer noblen, frommen und durch und durch reinen Frau. Dabei nimmt er Annas sinnliche, fröhliche und manchmal sogar ausgelassene Seite gar nicht zur Kenntnis. Er glaubt seine Tochter zu lieben, doch er liebt nur einen kleinen Teil von ihr, ohne sie als Persönlichkeit mit Ecken und Kanten wahrzunehmen. Er liebt und akzeptiert an Anna nur, was ihn als ihr Vater in einem edlen und besonderen Licht erscheinen lässt und sein Leben versüßt, also nicht Anna selbst, sondern das Bild, das er sich von ihr macht. Sein Nazismus, sein Egoismus, und der Wunsch, seine Ideale durch seine Tochter erfüllt zu bekommen, treibt ihn dazu, sie zu einem Aufenthalt in einer Bildungsanstalt im Welschland zu zwingen. Seine Tochter dient ihm als Mittel zum Zweck, und er übergeht ihre eigenen Wünsche gnadenlos.

" Er lies sich, als sie ihre Abneigung dagegen aussprach, durch ihre Tränen nicht erweichen, allein auf die Befriedigung seiner Wünsche bedacht, und begleitete das ungern scheidende Kind in das Haus des fernen, vornehm-religiösen Erziehers [...]" ( S.258)

An dieser Stelle wird klar, dass der Schulmeister Anna nach seinem Geschmack formt, deshalb in gewisser Weise über sie verfügt und Anna sich fügen muss. Wo sich etwas breit macht muss etwas anderes weichen, und das ist einmal mehr Annas sinnliche Seite. Dass ihr eigener Vater sie als Projektionsfläche benutzt, geht auf Kosten Annas Persönlichkeit, die noch nicht stark genug ist um sich durchzusetzen und zu wehren. In der Bildungsanstalt wird Anna zu einem Bild nach dem Geschmack ihres Vaters geformt.

Nach ihrem Aufenthalt im Welschland stellt Heinrich fest, dass Anna die Freiheit ihrer Augen verloren hat; auch gucken keine eigenwilligen Locken mehr hervor. Genau wie ihre Frisur, ist auch Anna selbst nach dem Aufenthalt gebändigt, und ihre Eigenheiten, besonders ihre Natürlichkeit und Sinnlichkeit, sind "auf bestem Wege", verloren zu gehen. Es fehlt Anna an Kraft sich dem Zwang dieser Idealvorstellung, die man sich von ihr macht, zu überwinden und einen eigenen, ihren Charakter zu entwickeln. Statt dessen versucht sie dieser überhöhten Idealvorstellung, bei der sie nichts als rein und gut zu sein hat, zu genügen, weil sie wahrscheinlich glaubt, nur diese Seite an ihr sei liebenswert; dies hindert sie daran, sich selbst zu verwirklichen.
Da Heinrich und der Schulmeister Anna als Projektionsfläche mißbrauchen und sich ein starres, totes Bild von ihr machen, das sie der lebenden Anna vorziehen, weil es sie in einem besseren Licht erscheinen lässt, wird Annas lebendige Seite mehr und mehr unterdrückt. Das führt dazu, dass Anna krank, schwächlich und überempfindlich wird und schlußendlich stirbt.
Schon zur Zeit da sie kerngesund ist, gehen alle Leute, die sie kennen, besonders behutsam mit ihr um und sind vorsichtiger und gehemmter im Umgang mit ihr als mit anderen. Als sie stirbt, wird in ihrer Kammer Totenwache gehalten, ein alter Brauch, der zu Annas Ehren wieder eingeführt wird, um die Tote keinen Augenblick unbeschützt zu lassen. All dies zeigt, dass Anna als etwas Besonderes angesehen wird, als ein Wesen, das zu fein ist für diese Welt; daran geht sie schließlich zugrunde. Was ihr fehlt sind Menschen, die sie wie ein gewöhnliches Mädchen behandeln, die wissen, das sie ein Mensch ist wie alle anderen. Insbesondere Annas Vater unterdrückt ihre vitale Seite schon zu ihren Lebzeiten. Besonders deutlich sieht man dies in der Szene, in der ihr Vater bestimmt, dass das Bild eines Blumenstraußes, das Heinrich für Anna gemalt hat, eine Ehren- und Denktafel für Anna sein soll (S. 223), als wäre sie schon tot.
Die Vorstellung, sie sei ein "Engel" und ein fast übermenschlich reines und unschuldiges Mädchen, wird ihr so lange eingetrichtert, bis sie selbst anfängt zu glauben, sie sei diese Märchenfee. Somit erkrankt die "echte" Anna und muss sterben, da sie als "falsche" Anna keine Chance hat zu überleben. Der Äußere Zwang ein Idealbild zu erfüllen wird von Anna mit der Zeit verinnerlicht und führt zu ihrem Tode. Die natürliche, gesunde, fröhliche und sinnliche Anna wird im Laufe der Zeit zu einem schwächlichen, leicht affektierten und distanzierten Mädchen, das kurz vor ihrem Tod sogar angeblich übernatürliche Fähigkeiten entwickelt. Das tote Bild, das sich ihre Umgebung von ihr macht, verdrängt die lebende Anna mehr und mehr, bis sie schließlich ihre ganze Lebenskraft verliert.

Als sie stirbt, ist Heinrich nicht wirklich traurig, sondern geniest seine Rolle als romantischer Held, dessen Jugendliebe so tragisch endet. Heinrichs Haltung nach Annas Tod zeigt ganz deutlich, dass seine Liebe zu Anna mehr eine Verliebtheit in sich selbst gewesen ist, für die es die lebende Anna gar nicht mehr braucht. Heinrich gesteht sich auch selbst ein, dass er kaum traurig ist über ihren Tod, wenn er sagt:
"Ich sah alles wohl und empfand beinahe eine Art glücklichen Stolzes, in einer so traurigen Lage zu sein und eine so poetisch schöne tote Jugendgeliebte vor mir zu sehen." (S. 452)
Da das Idealbild, das sich Heinrich von ihr macht, in ihm weiter lebt, kann er den Tod seiner Geliebten, die ihm quasi als Modell für seine Phantasien gedient hat, ohne weiteres verkraften. Als Heinrich das tote Mädchen berührt, schreckt er entsetzt vor ihrer Kälte und Lieblosigkeit zurück, und ruft aus: "Was hab ich mit dir zu schaffen?" (S. 454) Ihm wird nun zum Teil bewußt, dass er mit Anna selbst schon lange nichts mehr zu schaffen hatte, und er ist richtiggehend erleichtert, als er sieht, wie Anna fein säuberlich hinter Glas und Rahmen in die Erde gesenkt wird.

Sowohl im Schulmeister als auch in Heinrich sind alte, kirchliche, prüde Vorstellungen verankert, die Sinnlichkeit und körperliche Liebe als etwas Schlechtes abtun und als gefährliche, dunkle Seite im Menschen betrachten. Im Mittelalter stellten Wasserfrauen, die Männer durch ihre Schönheit verführen, diese sündhafte Seite dar. Sie dienten der Kirche als Bild für Sinnlichkeit und Sexualität, welche die Männer bedrohen und ins Verderben ziehen können.
Auch Heinrich vergleicht Anna im Kapitel "Abendlandschaft / Bertha von Bruneck" mit einer Nixe. Das Bild der Nixe steht für Annas sinnliche Seite, die Heinrich nur als ihr Spiegelbild unter der Oberfläche des Wassers sieht und die ihn eher befremdet, da es ganz im Gegensatz zu seinem Wunschbild Annas steht. In diesem Kapitel hält Heinrich für einen Augenblick die sinnliche Anna im Arm, doch die reine Seite in ihr erschrickt plötzlich, und Anna erstarrt zu einem eiskalten, wesenlosen Gegenstand in seinen Armen, während ihre Sinnlichkeit, die kurz an die Oberfläche gelangen wollte, wieder in die Tiefe zu sinken und zu verschwinden droht. Annas Inneres, ihre Sinnlichkeit, Liebe und Zärtlichkeit waren für kurze Zeit faßbar gewesen, verschwinden jedoch durch Heinrichs Heftigkeit erschreckt und von den Idealen ihre Umgebung eingeschüchtert, wieder zurück in der - metaphorisch betrachtet - Tiefe des Teiches.
"Von dessen Grunde sah ich ihr Spiegelbild mit dem Krönchen heraufleuchten wie aus einer anderen Welt, wie eine fremde Wasserfee, die nach einem Vertrauensbruch in die Tiefe zu fliehen droht." (S. 364)

Diese Gegebenheit erinnert an Gottfried Kellers Gedicht "Winternacht", in dem eine Nixe an die Oberfläche gelangen möchte, doch die kalte Eisschicht über ihr nicht zu durchstoßen vermag. Die sinnliche Nixe im Gedicht kann genausowenig an die Oberfläche gelangen, wie Annas Sinnlichkeit. Beide sind in eine dunkle Tiefe verbannt, aus der sie nicht entkommen können. Zudem kann die Nixe im Gedicht die Person über der Eisdecke aus demselben Grund nicht erreichen, aus dem Anna und Heinrich nicht zueinander kommen können; eine eisige, unüberwindbare Kälte trennt sie. Annas Spiegelbild im Wasser,das ihre sinnliche Seite symbolisiert, erinnert Heinrich an eine Nixe, die nach unten flieht, sich also wieder von ihm entfernt, da sie nicht nach oben gelangen konnte.

"Als wir uns erhoben, lächelte sie flüchtig gegen mein eigenes verschwindendes Bild im Wasser; doch schienen ihre anmutig entschiedenen Bewegungen zu sagen: "Wage es ferner nicht, mich zu berühren! "(S. 365)
Anna hat Angst vor zu großer Nähe, vor ihren eigenen Wünschen und Trieben, sie kann ihre Sexualität nicht akzeptieren. Nach dieser Szene scheint sie ihre Sinnlichkeit, Sexualität und Vitalität im spiegelnden Wasser gelassen zu haben, denn es ist das letzte Mal, dass sie Heinrich so nah zu sich gelassen hat und das letzte Kapitel, in dem sie gesund auftritt. Von diesem Moment an will sie weder von Heinrich, noch von ihren inneren Wünschen berührt werden, sie bricht den näheren Kontakt zu Heinrich und ihrem wirklichen Ich ab, was ihren baldigen Tod zufolge hat. Nachdem die "alte Ordnung" wieder hergestellt ist, und zwischen Anna und Heinrich wieder ein gewisser Abstand herrscht, den sie vorher überschritten haben, ist Anna wieder zufrieden mit sich und Heinrich. Dieser spürt das und vergleicht das eben Erlebte mit einem Schiff, das dem Sturm gerade noch entrinnen konnte.

[...] "so schien auch die jetzige Art unseres Zusammenlebens das rechte Fahrwasser zu sein, in welches wir nach dem kleinen Sturme eingelaufen und in welchem wir bleiben sollten. Anna gab ihre Zufriedenheit dadurch zu erkennen, dass sie das Fenster nicht verliess, bis ich weggeritten war." (S. 366)

Hier möchte ich den Bogen zurück zum Mittelalter spannen, wo die Schifffahrt das Leben des Menschen darstellt und das Schiff die Kirche symbolisiert. Todbringende Stürme stehen für Sexualität und Sinnlichkeit und nur, wer sich am Schiff festklammert, also fromm, rein und der Kirche treu bleibt, der überlebt und tut das Richtige. Auch Heinrich vergleicht sein Erlebnis mit Anna mit einem Sturm, dem sie nun entkommen sind, seine Ideale entsprechen also alten kirchlichen Zwängen.
Ganz im Gegensatz zu Anna lässt sich Judith auf keine Weise als Projektionsfläche mißbrauchen oder hinter Glas und Rahmen bringen, dafür ist sie zu intelligent, erfahren und selbstbewußt. Sie ist eine reife, starke und sehr sinnliche Persönlichkeit und steht im Kontrast zur acht Jahre jüngeren, feinen Anna, deren persönliche Entwicklung von ihrer Umgebung behindert wird. Judith lässt sich nirgends einordnen, auch nicht in die Gesellschaft, und sie ist von nichts und niemandem abhängig. Sie ist mit ihren zweiundzwanzig Jahren schon Witwe und froh ihren ungeliebten Mann verloren zu haben, außerdem ist sie auch finanziell unabhängig. Ihre völlige Eigenständigkeit, ihr Selbstbewußtsein und ihre Schönheit zieht die Männer an, hat jedoch auch etwas Bedrohliches für diese, da sie Judith, im Gegensatz zu Frauen wie Anna, nicht nach ihrem Willen manipulieren oder sich in ihr spiegeln können. Deshalb wird sie im Dorf auch als Hexe und Lorelei bezeichnet, was eigentlich nur ihre Intelligenz und Überlegenheit gegenüber den meisten Männern, die ihre Stärke durch solche Bezeichnungen abwerten wollen, betont.

Judith lässt ihre Sinnlichkeit zu, ohne sie, wie Anna, für etwas Schlechtes zu halten, was ihr eine warme und sichere Ausstrahlung gibt. Judith ist voll Leben während Anna mehr mit dem Tod verbunden zu sein scheint. Judith will auch Heinrich zum Leben und zur Liebe verführen, doch in den lustvollsten Momenten, die Heinrich mit ihr erlebt, geht ihm der reine "Stern Annas" (S.385) auf, der ihn wieder von ihr forttreibt. So wie Anna meist unerreichbar, fern und abgehoben zu sein scheint, genauso ist Judith erreichbar, lebenserfahren, realitätsbewußt und steht mit beiden Füssen auf dem Boden. Sie ist viel offener als Anna, lässt deshalb Heinrich zu einem großen Teil an ihren Gefühlen und Gedanken teilhaben, und Heinrich führt mit ihr viel tiefsinnigere und persönlichere Gespräche als mit Anna, mit der er meist über Dinge, die etwa so wichtig sind wie das Wetter, plaudert. Sie liebt Heinrich so wie er ist, fordert ihn zum erzählen und nachdenken über sich selbst auf und möchte ihm dadurch helfen, sich selbst, mit allen guten und schlechten Eigenschaften, zu akzeptieren. In Judiths Gegenwart darf und soll Heinrich ehrlich zu sich selbst sein und mit seinen schlechten Seiten und Taten umgehen können, anstatt sie zu verdrängen. Auch nachdem er ihr die Geschichte mit Römer gebeichtet hat, steht es zwar nicht in ihrer Macht ihm zu verzeihen, doch es hindert sie nicht daran, ihn weiterhin zu lieben. Vor Anna hingegen darf Heinrich nur rein und gut sein, denn wenn er zu heftig wird, erschrickt, kränkt oder schockiert er sie ohne dies beabsichtigt zu haben, und als er vor ihr die Geschichte mit Römer erzählt, bekommt die ohnehin schon kranke Anna einen Anfall. Der Judith jedoch kann Heinrich nichts vorspielen und das muss er auch gar nicht, weil sie ihn liebt und auch seine schlechten Seiten akzeptiert. In Annas Gegenwart hingegen klammert sich Heinrich an eine idyllische Scheinwelt und "Scheinliebe", hinter der Nazismus und Eitelkeit steckt.

Obwohl Judith weniger oft vorkommt, weis man mehr von ihr als von Anna, da diese zwar viel besprochen wird, jedoch selten zu Wort kommt. Anna hat sehr selten eine eigene Stimme, und wird hauptsächlich aus Heinrichs Sicht beschrieben, während direkte Reden zwischen Judith und Heinrich viel öfter vorkommen und Judith auch dadurch mehr Persönlichkeit bekommt. Heinrich weis auch genau, dass Judith ihn sehr gerne hat, da sie ihm dies offen sagt, über Annas Gefühle für ihn weis Heinrich viel weniger, da sie ihm wenig davon verrät, wie sie ihm auch sonst wenig von ihrem Charakter offenbart.

Manchmal scheint Judith eine Ersatzmutter für Heinrich zu sein, die ihm all das gibt, was ihm seine richtige Mutter nicht geben konnte. Schon als Heinrich sie zum ersten Mal besucht, gibt sie ihm Milch zu trinken und "macht sogar Anstalten ihm das Gefäß an den Mund zu halten" (S. 167), wie eine Mutter, die ihr Kleinkind stillt. Nachdem Heinrich die Milch ausgetrunken hat, fühlt er sich ruhig und gut aufgehoben; somit bekommt er von Judith von Anfang an Geborgenheit, Liebe und Zärtlichkeit.
Da sie einiges älter ist als er, ist er ihr gegenüber viel unbefangener als gegenüber der gleichaltrigen Anna und tauscht auch Zärtlichkeiten mit ihr aus, die so ganz anders sind, viel intensiver und leidenschaftlicher, als bei Anna. Wenn Heinrich Anna küßt geht das feierlich und ungeschickt vor, wenn er Judith küßt, spürt er ihren heißen und lebhaften Mund. Die eher kühle und distanzierte Anna traut er sich kaum zu berühren, er "lässt sie fahren wie glühendes Eisen", während er die "heiße" Judith ohne Scheu liebkost.
"Ich, der kurz vorher unbefangen und mutwillig die Wangen der großen und schönen Judith zwischen meine Hände gepreßt, hatte jetzt gezittert, die schmale, fast wesenlose Gestalt des Kindes zu umfangen, und diese fahren lassen wie ein glühendes Eisen." (S. 212)

Anna ist viel zurückhaltender, sie hat Angst vor zu großer Nähe und braucht stets eine gewisse Distanz zu Heinrich, um sich wohl zu fühlen. Judith wäre gerne mehr und intimer mit Heinrich zusammen, doch sie versucht, diese Wünsche so gut wie möglich vor Heinrich zu verbergen. Sie muss sich zurückhalten, damit die Zärtlichkeiten zwischen ihr und Heinrich Spiel bleiben und nicht ernst werden, wofür Heinrich noch zu jung wäre. Je näher Annas Tod rückt, desto mehr Hemmungen und ein schlechtes Gewissen hat Heinrich ihr gegenüber, wenn er sich bei Judith bei Nacht und Nebel die Zärtlichkeiten holt, die er am Tage von der körperlich kaum erreichbaren Anna nicht bekommen kann.
"Unsere Hände bewegten sich manchmal unwillkürlich nach den Schultern oder Hüften des anderen, um sich darum zu legen, tappten aber auf halbem Wege in der Luft und endigten mit einem zaghaften abgebrochenen Wangenstreicheln, [...]" (S. 448)
Je mehr sich Annas Zustand verschlechtert, und je ferner und unerreichbarer sie dadurch wird, desto mehr Abstand möchte Heinrich auch zu Judith haben. Zum einen bildet er sich ein, Anna hätte jetzt hellseherische Fähigkeiten und könne alles sehen, was er tut, zum anderen fühlt er sich aus Mitleid mit Anna und der vermeintlichen Liebe zu ihr verpflichtet, der Leidenden treu zu sein.
Nach Annas Tod, nachdem ihm die wirkliche Anna zumindest physisch völlig entglitten ist, will Heinrich auch Judith zu seiner platonischen Liebe machen. Er hält diese rein geistige Art von Liebe für tiefer, reiner und erstrebenswerter, als eine wirkliche, auch körperliche, realisierte Liebe. Judith, die weis, dass Heinrich sie lieber hat als er sich selber zugesteht, versucht Heinrich ohne Erfolg seine überhöhten, falschen Ideale auszutreiben. Sie hat geglaubt, Heinrich werde sie nach Annas Tod mit ganzem Herzen Lieben können. Doch Heinrich, fest an eine Art von Weiterleben nach dem Tod glaubend, möchte der verstorbenen Anna absolut treu bleiben, so wie er es zu ihren Lebzeiten nie war. Außerdem hält er sich für rein und gut, wenn er Anna auch nach ihrem Tod treu bleibt und verwechselt diese Selbstgefälligkeit mit Liebe. Sein Bild von Anna soll ihm sein ganzes Leben lang leuchten, und er rechnet damit, sie nach dem Tode wiederzusehen. Deshalb erklärt er Judith, er könne doch nicht einen ganzen Harem von Frauen für die Ewigkeit ansammeln. (S. 462) Heinrich gibt also zugunsten der toten Anna die lebendige Judith auf, entscheidet sich somit gewissermaßen für den Tod anstatt für das Leben.
Judith kann und möchte das nicht verstehen, sie will das Leben jetzt und hier genießen, so intensiv und so lange sie kann. Sie zweifelt an der "Ewigkeit", wie es Heinrich nennt, und möchte Lebensgenuss und Glücklichsein nicht auf später verbannen, auf eine "Welt", die es vielleicht gar nicht gibt. Sie versucht, Heinrich zu Verstand zu bringen, doch dieser ist von seinen Überzeugungen nicht abzubringen, die ihm heldenhaft und gut scheinen. "Fühlst du denn gar nicht, dass ein Herz seine wahre Ehre nur darin finden kann, zu lieben, wo es geliebt wird, wenn es dies kann?" (S.462), sagt Judith zu ihm, doch Heinrich findet es wertvoller, Frauen zu lieben, die unerreichbar sind. Judiths Erreichbarkeit, macht sie weniger wertvoll für Heinrich, deshalb verdrängt die tote Anna Judith als Geliebte völlig. Die einzige Möglichkeit, Judiths Wert zu erhöhen, ist für Heinrich, sie zu verlassen und zu schwören, sie nie mehr wiederzusehen, damit auch sie zum fernen Bild für ihn werden kann. Heinrich will seine ganze Jugendgeschichte, zu der auch Judith gehört, in einen Tresor stecken, zuschließen und den Schlüssel fortwerfen. Er schätzt Judith als eingeschlossenen Schatz in einem Tresor mehr, als sie lebendig in die Arme schlissen zu können. Erst viel später in München überfällt Heinrich plötzlich ein starkes Heimweh nach Judith, und es kommt ihm vor, als ob er das Beste, was er je hatte und noch haben könnte, durch sein Verschulden verloren hätte.

Doch verliert Heinrich Judith nicht für immer, sondern trifft sie, nachdem er aus München heimgekehrt ist und eine Karriere als Beamter eingeschlagen hat, wieder. Genau wie früher, als Heinrich ihr sein Vergehen an Römer gebeichtet hat, gesteht er ihr nun seine Schuld am Tode seiner Mutter, und Judith kann ihm wiederum nicht verzeihen, ihn aber durch ihre fortwährende Liebe erlösen. Sie befreit Heinrich nicht nur von einer Last, die er sonst immerwährend mit sich schleppen müsset, sondern reist ihn mit ihrem Erscheinen auch aus einem Anfall von Todessehnsucht heraus, zieht Heinrich also zurück zum Leben und zum Lebenwollen. Mit Judiths überraschendem Auftauchen, findet Heinrich ein Stück Heimat und Lebensglück wieder.

Judith, die schon vor langer Zeit nach Amerika ausgewandert ist, erfuhr dort, es gehe Heinrich sehr schlecht, was ihr Anlaß genug war, die Koffer zu packen und nach Hause zurückzukehren. Sie erwartet einen verarmten und unglücklichen Heinrich, den sie trösten und dem sie helfen kann und ist geradezu enttäuscht, ihn als angesehenen Amtsmann vorzufinden. Sie hat sich auf eine Rolle als Mutter und Beschützerin gefreut, und wollte das Kind in Heinrich aufpäppeln, muss aber feststellen, dass dies beim erwachsenen Amtsmann Heinrich fehl am Platz wäre. Dieser will Judith als Frau und nicht mehr als Mutter.

Heinrich wäre nun auch bereit, sich auf eine feste Beziehung einzulassen, er will ganz zu Judith gehören, doch inzwischen hat sich Judith verändert, und jetzt möchte sie sich nicht zu eng an Heinrich binden. Sie möchte auf eine Ehe mit Heinrich und auf das Geschlechtliche verzichten, ihm somit die Unabhängigkeit von ihr, die er sich früher auf eine extreme Weise genommen hat, gewähren. Jetzt verlangt sie, im Namen von Heinrichs Freiheit, sich mit einer rein geistigen Liebe zufrieden zu geben und auf Sexualität zu verzichten.
"Wir wollen jener Krone entsagen und dafür des Glückes um so sicherer bleiben, das uns jetzt, in diesem Augenblicke, beseligt; denn ich fühle, dass du jetzt auch glücklich und zufrieden bist!" (S. 900)

Heinrich ist zuerst enttäuscht, denn er ist lange genug allein in der Welt herumgeirrt, und nach all den Jahren der Einsamkeit, Enttäuschungen und Entbehrungen, möchte er Judith ganz und immer für sich haben. So vieles ist ihm schon entglitten, so viele günstige Augenblicke und Chancen hat er verpasst, und auch jetzt geht er bereitwillig auf Judiths Worte ein, ohne für sein Interesse zu kämpfen und gibt sich mit einer rein freund­schaftlichen, doch innigen Beziehung zu ihr zufrieden. Judith erlöst ihn zwar von seiner Schuld, doch sie zieht, wie früher Heinrich, die geistige Liebe der sinnlichen Liebe vor, und gewährt Heinrich dadurch eine Freiheit, die er gar nicht mehr möchte; Heinrich und Judith scheinen in dieser Beziehung die Rollen vertauscht zu haben.

Aus Heinrichs Perspektive sind Anna und Judith völlig gegensätzlich, er hält Anna für rein geistig, und bei Judith nimmt er nur die sinnliche Seite wahr. Judith traut er die feine, nachdenkliche, seelische Seite nicht zu, und bei Anna übersieht er ihre lebendige Sinnlichkeit. Diese Kategorisierung erfolgt aus seiner eigenen gespaltenen Persönlichkeit und lässt ihn diese deutlich fühlen. Seine eigene Gespaltenheit ist ein Grund, weshalb er nicht realisiert, dass beide Frauen auch den jeweiligen Gegenpol verkörpern. Heinrich kann seine sinnliche und körperliche Seite nicht mit seiner geistigen Seite unter einen Hut bringen. Für ihn sind das zwei unvereinbare Gegensätze, die er zwar beide in sich spürt, wobei sich aber die eine Seite für die andere schämt. Deshalb möchte er sich auch vor Anna bei Judith und vor Judith bei Anna verstecken und glaubt, beide zu brauchen, da jede einen anderen Teil in ihm befriedigt. Vor Anna möchte er als durch und durch guter und ehrenhafter Mensch dastehen, durch den sie, seinen Worten nach, schauen können sollte wie durch einen Kristall. Mit Judith hingegen verbindet er ganz andere Gefühle, für sie würde er sich sogar von ihr umbringen lassen und sein Blut in ihren Schoß vergiessen. (S. 384)

Dass Anna auch sehr vital und ausgelassen sein kann und dabei ihre Verklärtheit völlig abstreift, sieht man im Kapitel "Bohnenromanze" besonders deutlich; dort wird Anna plötzlich quicklebendig und ist wie befreit. Heinrich stellt fest: "Sie war jetzt überhaupt so lebendig, laut und beweglich wie Quecksilber und schien ein ganz anderes Wesen zu sein als am Tage." (S. 222) Anna als starres, silbernes Edelmetall, das plötzlich anfängt sich zu erwärmen, zu schmelzen und zu fliessen, später aber wieder erstarrt. Zu dieser plötzlichen Veränderung Annas trägt wahrscheinlich einerseits die Abwesenheit ihres Vaters bei, andererseits ist sie wahrscheinlich auch ein wenig verliebt in Heinrich, und dies kommt in der Nacht (die in Annas Haus "unter Katharines Stern" steht) eher zum Vorschein. In demselben Kapitel, legt Anna nach einem Essen, wo sie die Bravheit und Sittsamkeit in Person war und kaum etwas gegessen hat, ihre Scheu ab, als sie genüsslich in ein grosses Stück Brot beisst. Ihre Fröhlichkeit und Unbefangenheit beim Bohnenschälen und ihre gierige und genießerische Art ein Stück Brot zu essen lässt Annas sinnliche Seite deutlich zum Vorschein kommen.

Judith, im Gegensatz zu Anna, die sich diesbezüglich nie äussert, merkt, dass Heinrich, nur ihre sinnliche Seite wahrnimmt und möchte, dass einmal ein Mann, insbesondere Heinrich auch ihre geistige Seite entdeckt und sie auch dafür liebt. Als Heinrich ihr erzählt, dass er für sie auch sein Blut vergiessen würde, macht Judith seine Vorstellung von seiner Liebe zu ihr sehr traurig.
"[...] in diesem Augenblicke fühlte ich eine Träne darauf fallen. Zugleich seufzte sie und sagte: "Was tue ich mit deinem Blute! - "Oh! Nie hat ein Mann gewünscht, brav, klar und lauter vor mir zu erscheinen, und doch liebe ich die Wahrheit wie mich selbst!" (S. 384)
Judiths geistige Seite kommt auch dadurch zum Vorschein, dass sie gerne liest und sich freut, wenn Heinrich ihr etwas erklärt. Zudem ist sie ausserordentlich intelligent und durchschaut Heinrich meist besser als er selbst es tut.

Sowohl Judith als auch Anna scheinen an gewisse Orte zu gehören und an andere überhaupt nicht. Gottfried Keller lässt Judith und Anna meist an Orten auftreten, die deren Charakter -besonders aus Heinrichs Sicht- und die Spannung zwischen den Figuren, als auch die jeweilige Atmosphäre unterstützen.

Judith erscheint meist an Orten, die ihre Lebendigkeit, verführerische Schönheit und Sinnlichkeit betonen. Heinrich trifft sie meist im Garten an, in dem erst noch viele Apfelbäume stehen, so dass Judiths Garten an das Paradies erinnert, mit Judith als verführerische Eva mittendrin. Judith widmet sich auch am liebsten dem Sammeln von Obst, ihrer liebsten Arbeit geht sie also in ihrem Garten nach, der fest mit ihr verbunden ist. Schon als er sie zum ersten Mal sieht, kommt sie gerade, von dort, einen Haufen Äpfel und Blumen in ihrer Schürze tragend. Später gibt Judith Heinrich im von Nebel umhüllten Garten von ihren Äpfeln zu essen, und Heinrich kann kaum genug von den frischen Früchten bekommen, die im Kontrast zur schweren, bitteren, und traurigen Stimmung, die in der Kammer der kranken Anna herrscht, doppelt süss schmecken. Am Ende des Romans hat Judith ihren Garten verkauft, was ihren Verzicht darauf, Heinrich zur Sexualität zu verführen und sich ganz mit ihm zu verbinden unterstreicht.
Anna hingegen taut auf dem Friedhof, dem Garten der Toten auf, dorthin zieht sie Heinrich nach dem Tod der Großmutter, um ihm den versprochenen Kuß zu geben. Auf dem Friedhof kommt Annas sinnliche Seite scheu, aber doch bestimmt, an die Oberfläche. Genauso wie bei Judith im Garten Leben, Genus und Liebe eng zusammengehören, rücken bei Anna, die vielleicht auch ihren frühen Tod ahnt, Stille, Tod und Sinnlichkeit nahe zusammen. Auf dem Friedhof wird der Kontrast zwischen Leben und Tod hervorgehoben, man wird sich seiner eigenen Vergänglichkeit bewußt, und Anna scheint dies neue Impulse zu geben, das Leben zu genießen; nachts auf dem Friedhof entdeckt sie ihre sinnliche Seite, die sie Zuhause am Tage sich nicht zu zeigen traut und immer tiefer in sich versteckt. Zudem ist sie am Tage das brave, gehorsame, eher passive Mädchen, während sie sich auf dem dunkeln Friedhof plötzlich sicherer zu fühlen scheint, auflebt und selber die Initiative ergreift. Sie ist es, die Heinrich dorthin gezogen hat und ihn dort küssen will.

Die reine Seite Annas dagegen ist eng mit ihrem bescheidenem Zimmer verbunden. Dort ist alles sauber und ordentlich, sie bewahrt dort ihre kindlichen "Schätze" auf, die Heinrich niedlich findet und als sie in der Bildungsanstalt ist, wohnt Heinrich eine Zeitlang in ihrer Kammer, "[...] wagte mich jedoch fast nicht zu rühren darin und betrachtete die wenigen einfachen Gegenstände, welche es enthielt, mit heiliger Scheu." (S. 258) Während Anna krank ist, hält sie sich fast nur noch in ihrer Kammer auf, da sie jeden Tag schwächer wird, und schließlich kaum aufstehen kann. Schließlich findet kurz vor und nach ihrem Tod, ein richtiggehender Totenkult in Annas Kammer statt, wodurch sie zu einer Art Heiligen hochstilisiert wird.

Sehr intensiv, doch um nachher für immer unterzutauchen, gelangt Annas Sinnlichkeit in der schon beschriebenen "Nixenszene" bei der Heidenstube an die Oberfläche. Diese Höhle in der Mitte einer Felswand vermittelt wegen der mit ihr verbundenen Geschichte der heidnischen Familie, die sich dort verstecken wollte, und wegen ihre Lage an einem Teich im Wald, eine mythische, geheimnisvolle Atmosphäre. Als Heinrich mit Anna Richtung Dorf läuft, möchte sie bei der Heidenstube ausruhen. Dort erzählt sie ihm die Geschichte der Heidenfamilie, die sich dorthin geflüchtet hatte, doch mit der Zeit ein Kind nach dem anderen und schließlich auch die Eltern ins Wasser stürzten und ertranken. Man sagt, die ganze Familie liege nun in der Tiefe dieses Teiches, was dem Ganzen eine unheimliche Note gibt und Assoziationen zu einem Friedhof weckt. Alles, was in der Umgebung der Heidenstube geschieht, scheint unwirklich und ist für Heinrich nicht kontrollierbar.

Die Heidenstube ist wegen ihrer besonderen Atmosphäre auch ein Ort, der versteckte Züge und Wünsche der Charaktere zum Vorschein bringt. Nachdem Anna diese Geschichte zu Ende erzählt hat, erscheint ihnen die Heidenfamilie, die sich später als eine Bande Heimatloser entpuppt. Doch die vermeintlich übersinnliche Erscheinung schmiedet Heinrich und Anna näher zusammen, und die mystische, verklärte Umgebung der Heidenstube, die eigentlich im Gegensatz zu Heinrichs reinem Bild Annas steht, lockt, wie der Friedhof, Annas sinnliche Seite hervor. Bei der Heidenstube küssen sich Heinrich und Anna auch zum letzten Mal, bevor Annas Sinnlichkeit schließlich für immer in der Tiefe des Teiches verschwindet, gleichsam ertrinkt, wie die Heidenkinder.

Heinrichs Begehren Annas, die scheinbar nicht zu überwindende Distanz, die zwischen ihnen liegt und die Trennwand zwischen Reinheit und Sinnlichkeit, die Anna aufgedrängt wurde und die sie nicht mehr durchbrechen kann, kommen bei der Heidenstube zutage. Zudem ist dies auch der einzige Ort, an dem sowohl Anna als auch Judith vorkommen. Als Judith dort alleine nackt badet, landet Heinrichs Liebesbrief an Anna plötzlich an ihrer Brust. Bei der Heidenstube erfährt Judith also Heinrichs Gefühle gegenüber Anna, die Heinrich eigentlich vor allen versteckt und schließlich wagt in der Form eines Liebesbriefes, dem Bach, der zur Heidenstube fliehst, anzuvertrauen. Die Umgebung der Heidenstube ist also eine Art Schnittstelle zwischen Anna und Judith, zwischen geistig und sinnlich und zwischen Schein und Sein.