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Zitiert
nach: Gesammelte Werke in 12 Bdn., Band 2, Frankfurt 1970
1.
Am Anfang wird das Milieu aus einer über den Dingen stehenden
Perspektive geschildert, die den Standpunkt eines "modern geschulten
Beobachters" (S.8) einnimmt. "Das kleine Schwarzwaldnest"
mit seinem "flachen Leben" (S.8) und den "warmgesessenen,
wohlhabenden Bürgern" (S.9) bildet den Hintergrund, vor dem sich
"der feine und abgesonderte" (S.8) Hans Giebenrath als
"etwas Besonderes" (S.9) abhebt. Ich empfinde dieses Bild wie
den Beginn eines Heimatfilmes, bei dem die Kamera zunächst nur das Milieu
zeigt und man noch nicht so recht weiß, worauf das Ganze hinaus will.
Aber schon nach dieser Anfangsschilderung wechselt die Perspektive
allmählich in die des Hans Giebenrath. Man kann das daran erkennen, dass
sich der Text etwa ab Seite 12 ebenso gut in Ichform lesen lassen könnte,
ohne den Sinn zu verändern.
Die folgenden Ereignisse sind fast ausschließlich aus dieser Perspektive
der Haupterzählfigur dargestellt. Dabei hat der Leser immer das Gefühl,
unmittelbar am Geschehen beteiligt zu sein. Man bekommt also den Eindruck,
die Jugendlichen erzählten selbst über ihre Interessen und ihre
Probleme.
Die Perspektive ist also immer unmittelbar am Geschehen und aus der Sicht
der jeweils handelnden Person. Das wird besonders deutlich bei der
Episode, in der die Flucht Heilners aus dem Kloster Maulbronn erzählt
wird. Kurz zuvor unterhalten sich Giebenrath und Heilner über Heilners
erste "Liebesabenteuer" (S.111f). Diese Unterhaltung ist ganz
aus Giebenraths Perspektive geschrieben, wie man durch die Umwandlung in
die Ich-Form leicht feststellen kann. Kurz danach aber, als über Heilners
Flucht berichtet wird (S.114f), wechselt die Perspektive in Heilners
Person, denn das hier geschilderte kann so von niemand anderem als Heilner
selbst erlebt und erzählt werden (Ich-Probe!!).
All diese in der Erzählung dargestellten Probleme, Erlebnisse und
Konflikte werden - mit wenigen Ausnahmen - aus der Sicht und
Perspektive der Jugendlichen selbst dargestellt. Dadurch bekommt der Leser
einen unmittelbaren Eindruck von den Interessen der Jugendlichen, wie sie
selbst diese Situationen empfinden und erfahren, und welche Möglichkeiten
sie haben, mit ihren Problemen fertig zu werden.
Erst am Schluss der Erzählung (S.175ff), als sich Giebenrath mit dem Lied
"O du lieber Augustin" (S.175) selbst aus dem Geschehen
verabschiedet, wechselt die Perspektive wieder zurück in die
Anfangssituation. Die Kameraführung (um
diesen Begriff wieder aufzugreifen) schwenkt zurück ins Milieu, zeigt den
Vater, den toten Giebenrath im Fluss, zeigt seine Beerdigung, und entfernt
sich dann "sehnlich in die Weite" (S:178).
2.
An einem Tiefpunkt von Giebenraths Lebens, als er mit dem Gedanken
spielte, Selbstmord zu begehen, wird erzählt, wie er "seinen
Traumwegen im Kinderlande...folgte" (S:127). Dabei wird sein
Elternhaus beschrieben als "die Ecke zwischen zwei sehr
verschiedenartigen Gassen" (S.127). Die eine war die "längste,
breiteste und vornehmste der Stadt" und die andere war "kurz,
schmal und elend" (S.128). Dieses Bild veranschaulicht, wie sich vor
allem in seiner Kindheit zwei verschiedene
gesellschaftliche Schichten auf sein Leben einwirkten: die
"Vornehmheit" der einen Strasse in der "lauter gute, solide
Altbürger" wohnten, und "Armut, Laster und Krankheit"
(S.128f) der anderen Strasse, wo die armen Leute wohnten.
Bezeichnenderweise gehörte Giebenraths Haus, obwohl es an beiden Gassen
lag, zu der Strasse, in der auch die Oberschicht wohnte.
Damit ist Giebenraths Herkunft und Bestimmung ausgedrückt, denn sein
Vater fühlte sich eindeutig der "bürgerlichen Wohlanständigkeit"
verpflichtet. "Er schimpfte ärmere Leute Hungerleider, reichere
Leute Protzen" (S.7). Der Weg seines
Sohnes sollte dem Anspruch dieser Strasse entsprechen und möglichst ins
Zentrum des Städtchens, zum Marktplatz führen, wo "Kirche Oberamt,
Gericht, Rathaus und Dekanat standen und in ihrer reinlichen Würde
durchaus einen städtisch noblen Eindruck machten" (S.128). Jedes
Abweichen von diesem vorgegebenen Weg wäre Verrat an der eigenen Herkunft
und soziale Schande.
Als Giebenrath nach dem Landexamen in die große Welt hinaus kommt, muss
er feststellen, dass dort ganz andere Maßstäbe herrschen. Hatte er sich
bisher zu den "Vornehmen" zählen dürfen, so muss er nun
feststellen, dass die Jugendlichen, denen er nun im Seminar in Maulbronn
gegenübersteht, teilweise aus noch besseren Häusern kommen:
"mancher Professor und höherer Beamte" (S.61) hatte seinen Sohn
ins Seminar geschickt. Er muss lernen "die Städter von den Bauernsöhnen
und die Wohlhabenden von den Armen zu unterscheiden" (S.61). Diese
Unterschiede prägen auch das Verhalten der Jugendlichen im Umgang
miteinander und bestimmen ihre Rangordnung in der Gruppe.
Nach seinem Versagen im Seminar, als er in seinem "blauem
Schlosseranzug" (S.158) durch das Städtchen läuft, wird Giebenraths
sozialer Abstieg sichtbar. Zwei frühere Schulkameraden, die ihrer
einfachen gesellschaftlichen Laufbahn
gefolgt sind und Kaufmannsstifte wurden, bezeichnen ihn nun spöttisch
"Landexamensschlosser" (S.163) und machen dadurch seinen Abstieg
in die untere gesellschaftliche Schicht deutlich.
3.
Wenn man den Roman "Unterm Rad" mit Hermann Hesses
Lebensgeschichte vergleicht, kann man feststellen, dass der Autor
viele Ereignisse seiner eigenen Jugendzeit in diesem Roman verarbeitet
hat. Damit kann auch klar angegeben
werden, in welchem historischen Kontext die hier geschilderten
Jugenderlebnisse sich ereignen. Es ist die Zeit um 1890 bis 1900 , die
Zeit des Wilhelminischen Kaiserreichs .
Das Kleinbürgertum mit seinem "Respekt vor Gott und der
Obrigkeit" (S.7) bestimmte das gesellschaftliche Leben und setzte
"die Grenzen des formell Erlaubten" (S.7) fest.
Das Schulsystem war streng gegliedert in höhere und niedere
Schuleinrichtungen. Die Volksschule wurde als Armeleuteschule bezeichnet.
Der Besuch einer höheren Schule war mit enormen Kosten verbunden (Fahrt,
Unterkunft, Ausstattung und Schulgeld), deshalb konnten sich nur die
Wohlhabenden den Besuch einer höheren Schule (Gymnasium) leisten. Der im
Roman geschilderte Fall zeigt jedoch eine Ausnahme: um begabten
Jugendlichen auch aus ärmeren Schichten den
Zugang zur höheren Bildung zu ermöglichen, wurde beispielsweise in Württemberg
der Weg über das Landexamen und über das protestantische Seminar im
ehemaligen Kloster Maulbronn kostenlos angeboten.
Erziehungsziel war vor allem Respekt gegenüber der Obrigkeit und Einübung
protestantischer Frömmigkeit und Bibelgelehrsamkeit, aber auch preußische
Militärdisziplin. In einem Brief an seine Eltern vom 11. Oktober 1891 aus
Maulbronn schreibt Hermann Hesse: "Im Turnen kann man nicht am Leben
bleiben, wenn man allen Befehlen folgt. Da müsste man fast die ganze
Stunde feststehen. Wenn dann der Lehrer in ohnmächtigen Zorn den Boden
mit seinen Füssen bearbeitet
und hoch empört ruft: Sie sollen zum Militär kommen! Sie sollte man auf
Staatskosten schlauchen für ihr ewiges Phlegma! Dann schwankt die ganze
Linie vor Lachen." (Hesse; Kindheit und Jugend vor 1900, Band1,
Frankfurt 1966, S.120).
4.
Es gibt zwei markante Personenkonstellationen, die für den Gang der Erzählung
wichtig sind. Zum einen ist es das Elternhaus, hier, da die Mutter schon
früh verstorben ist, allein durch den Vater vertreten, und die Lehrer und
Pfarrer des Städtchens. All diese Personen, erkennen die Begabung des
jungen Giebenrath und setzten hohe Erwartungen und Ansprüche in ihn, sie
alle "kannten ... keinen höheren Ehrgeiz als den, ihre Söhne womöglich
studieren und Beamte werden zu lassen." (S.9). Diese Erwartungen
wirkten sich zunächst förderlich und anregend auf den Ehrgeiz des jungen
Giebenrath aus, so dass er nicht nur
der beste Schüler des Städtchens war, sondern auch ohne Probleme mit
Unterstützung dieser Personen das "Landexamen" schaffte und den
Weg hinaus in die Welt der Bildung und des Wissens gehen konnte.
Einen Weg, "auf welchem [er] dem
Staate die empfangenen Wohltaten heimbezahlen" (S.9) sollte.
Zum anderen ist es die Beziehung zum Schuhmacher Flaig, einem väterlichem
Freund und Ratgeber, "bei dem er früher zuweilen eine Abendstunde
verbracht hatte" (S.14) und von dem er dort wohl manchen Rat und
manche Lebensweisheit
bekommen hat. Dieser Schuhmacher versuchte Giebenrath als Ausgleich gegenüber
den überzogenen Leistungserwartungen seiner Eltern und Erzieher die
Gewissheit mitzugeben, dass "so ein Examen doch nur etwas Äußerliches
und Zufälliges
sei. Durchzufallen sei keine Schande, das könne dem Besten passieren und
falls es ihm so gehen sollte, möge er bedenken, dass Gott mit jeder Seele
seine besonderen Absichten habe und sie eigene Wege führe." (S.14f).
Nach dem Rat dieses "wohlmeinenden Führers" (S.15) kam es also
eher darauf an, dass ein junger Mensch seinen eigenen Weg ins Leben sucht
und findet.
Diese beiden Personenkonstellationen sind wie Wegweiser durch sein Leben,
an denen er sich immer dann zu orientieren sucht, wenn es gilt, Probleme
und Konflikte zu lösen. Das wird sehr schön deutlich in Giebenraths
Seminarzeit im
Kloster Maulbronn.
Zunächst einmal folgt er dem durch die Eltern und Lehrer vorgegebenen Weg
als fleißiger und gewissenhafter Schüler, und es sieht ganz so aus, als
ob er diesen Weg auch mit Erfolg weiter und zuende gehen würde, wie es
von ihm erwartet wurde.
Das ändert sich aber durch die Freundschaft mit Heilner. Hier gerät
Giebenrath in eine neue Personenkonstellation, die ihm einen neuen Weg
zeigt: es ist der Weg "versuchsweise eigene Bahnen zu wandeln"
(S.66), der Weg, auf den ihn der Schuster Flaig schon zuhause hingewiesen
hatte. Zwischen den Seminaristen Heilner und Giebenrath entsteht eine schwärmerische
Jungenfreundschaft, in der der "Dichter und Schöngeist" (S.66)
Heilner den völlig unerfahrenen Freund in eine nicht nur geistige,
sondern auch körperliche Beziehung hineinzieht. In der es ihm geht
"wie jungen Verliebten: Er fühlte sich großer
Heldentaten fähig, nicht aber der täglichen langweiligen und kleinlichen
Arbeit." (S.101). Im Versuch zwischen diesen beiden Möglichkeiten
die Richtige oder wenigstens einen Ausgleich zu finden, verliert er die
Orientierung und gerät "unters
Rad". Er fühlt sich weder den Leistungsanforderungen der Lehrer
gewachsen, noch gelingt es ihm, den "genialen Leichtsinn auf seine
Fahne zu schreiben" (S.70), wie es sein Freund Heilner tat.
Sein Freund Heilner flieht aus dem Internat, Giebenrath wird
psychisch krank, er wird vom Seminar zunächst beurlaubt und kehrt in sein
Heimatstädtchen
zurück.
Hier wird er von fast allen wie ein Versager behandelt. Seine Lehrer und
Erzieher, die einst so große Erwartungen in ihn gesetzt hatten, zeigen
kein Interesse mehr an ihm. "Er war kein Gefäß mehr, in das man
allerlei hineinstopfen konnte, kein Acker für vielerlei Samen mehr; es
lohnte sich nicht mehr Zeit und Sorgfalt an ihn zu wenden" (S.123).
Sein Vater empfindet sein Versagen als Schande."Alle diese ihrer
Pflicht beflissenen Lehrer der Jugend von Ephorus bis auf den Papa
Giebenrath, Professoren und Repetenten, sahen in Hans ein Hindernis ihrer
Wünsche, etwas Verstocktes und Träges, das man zwingen und mit Gewalt
auf gute Wege zurückbringen müsse." (S.117). Stattdessen lässt er
sich ziellos herumtreiben und spielt mit Selbstmordgedanken.
Es bieten sich ihm zwei neue Möglichkeiten, wieder Boden unter die Füße
zu bekommen und auf "gute Wege" zurückzukehren. Der Schuhmacher
Flaig lädt ihn bei einem Herbstfest zur Mithilfe beim Mosten ein und
macht ihn dabei mit seiner Nichte Emma bekannt. Dieses Mädchen versucht
eine einfache körperliche Liebesbeziehung zu ihm anzubandeln. Doch der in
solchen Dingen völlig unerfahrene und durch seine Erfahrung mit Heilner
verängstigte Giebenrat wird mit dieser Situation nicht fertig, zumal er
feststellen muss, dass Emma plötzlich abgereist ist, ohne sich von
ihm zu verabschieden.
Als zweite Möglichkeit besorgt ihm sein Vater eine Lehrstelle als
Mechaniker in einem Betrieb des Städtchens. Dort arbeitet er zwar auch
einen Tag, er fühlt sich jedoch von der Situation völlig überfordert
und lässt sich gleich am nächsten Tag von seinen Arbeitskollegen zum
Trinken verleiten. Aus diesem Alkoholrausch heraus findet er nur noch
einen Ausweg: den Tod. Ob es Selbstmord oder ein Unfall war, lässt
Hermann Hesse offen. Bei der Beerdigung stehen beide Parteien am Grab:
Vater und Lehrer sowie Schuhmacher Flaig. Während die Lehrer nur ihr
eigenes Pech bedauern, das man oft gerade mit den Besten habe
(S.117) gibt Schuhmacher Flaig zumindest ansatzweise zu, "vielleicht
auch mancherlei an dem Buben versäumt zu haben" (S.178).
5.
Begegnungen: Begegnungen sind für Jugendliche immer von großer
Bedeutung, weil sie dem Jugendlichen, der seinen Weg ins Leben sucht,
Orientierung geben und Vorbilder sein können. Allerdings können
Begegnungen auch dazu führen, dass der Jugendliche auf Wege gezwungen
oder verführt wird, die er gar nicht gehen will.
Lehrer und Pfarrer: Wegen der früh erkennbaren Begabung wird der junge
Giebenrath von seinem Vater in die Obhut ehrgeiziger Pädagogen gegeben.
In seinem Heimatstädtchen sind das der Rektor und die Lehrer der örtlichen
Schule sowie der Pfarrer der Gemeinde, die ihn aufs Landexamen vorbereiten
sollen. Sie erwarten von dem Jugendlichen, dass er die Ehre der Stadt nach
außen
trägt und nach erfolgreicher Ausbildung die in ihn investierte
Arbeit als wohlsituierter Bürger wieder dem Städtchen zurückgibt.
In Maulbronn sind es die Lehrer und Erzieher des Schulinternats. Sie
erwarten von dem jungen Menschen Fleiß und Gehorsam und dass er die
klassische Laufbahn eines schwäbischen Theologen einschlägt.
Schuhmacher Flaig: In ihm findet Giebenrath schon als Kind einen
väterlichen Freund, der ihm als Pietist einen neuen Horizont eröffnete.
Die wichtigste Begegnung mit ihm findet kurz vor Giebenraths Abreise ins
Landexamen statt.
Dabei versucht der Schuhmacher ihm zu vermitteln, dass Lernen und Prüfungen
machen nicht alles sei im Leben, sondern es auch noch andere Wege gebe. Später,
nach dem Scheitern seiner Ausbildung, begegnet Giebenrath dem Schuster
noch einmal. Jetzt behandelt der Schuhmacher ihn wie einen normalen
Jugendlichen, indem er ihn zur Mithilfe beim Mosten einlädt und ihn mit
seiner Nichte bekannt macht.
Seminaristen in Maulbronn: Giebenrath, der in der Enge des kleinen Städtchens
als Einzelgänger aufgewachsen ist, begegnet in seinen Kameraden zum
ersten Mal der Vielfalt unterschiedlicher Herkunft sowohl in sozialer als
auch regionaler Hinsicht. Für ihn als Jugendlichen bedeutet dies eine
Erweiterung seines Horizonts. Außerdem lernt er verschiedene
Charaktertypen kennen und mit ihnen umzugehen.
Heilner: Eine besondere Beziehung bedeutet für ihn die Begegnung mit
seinem Kameraden Heilner. Dieser ist ein künstlerisch begabter, vom
eigenen Genie überzeugter, frühreifer junger Mann, der auf den
unerfahrenen Giebenrath eine große Faszination ausübt. Allerdings ist
die Beziehung sehr einseitig, denn Heilner benutzt Giebenrath als
willkommenen Zuhörer bei seinen poetischen und erotischen Phantasien.
Giebenrath sucht Orientierung und Freundschaft bei Heilner, wird aber
durch dessen Vergehen gegen die Seminardisziplin und die darauf folgende
Entlassung schwer enttäuscht. (siehe Verletzungen)
Emma: Die erste Liebesbeziehung ist für einen Jugendlichen immer prägend.
Emma, die Nichte des Schuhmachers Flaig, ist nicht nur älter, sondern
auch erfahrener als Giebenrath. Deshalb überfordert ihn die Begegnung mit
ihr, weil das Mädchen ihm viel zu schnell körperlich nahe kommt. Hätte
er die Zeit gehabt, auf ihre Liebeswerbung nach und nach zu reagieren, hätte
er vielleicht wertvolle Erfahrungen sammeln können. So aber war das Mädchen
durch ihre unerwartete Abreise plötzlich verschwunden und Giebenrath
hatte keine Möglichkeit, mit dieser Situation fertig zu werden.
Arbeitskollegen: Ähnlich wie bei den Begegnungen mit den Kameraden im
Seminar lernt er auch in der Werkstatt durch seine Arbeitskollegen neue
Charaktere und Verhaltensmuster kennen. Hier allerdings steht er trotz
seiner Bildung unerfahren und ungeschickt da und kann erst durch das
Dabeisein bei ihren Saufereien Anschluss finden. Dieser typisch
jugendliche Gruppenzwang bewirkt bei ihm zunächst blindes Mitmachen, dann
aber, als er betrunken ist, Abscheu und Entsetzen vor sich selbst. Dies
ist ebenfalls eine typisch jugendliche Reaktion.
Verletzungen: Verletzungen, die ein Jugendlicher erfährt, sind immer gefährlich,
denn sie hinterlassen Spuren, die Angst machen, die entmutigen, und die
seelisch nur schwer zu verarbeiten sind. In dem hier besprochenen Roman
sind es vor allem die Verletzungen, die der junge Giebenrath erfährt, die
ihn, weil sie nicht aufgearbeitet werden konnten, "unters Rad"
bringen. Zwei seiner oben erläuterten Begegnungen führten zu solchen
Verletzungen:
Zum einen die Freundschaft zu Seminaristen Heilner. Der frühreife Heilner
verstrickte Giebenrath in eine sehr enge Freundesbeziehung mit einem hohen
Anspruch von Ehre und Vertrauen. Heilner selbst hat dieses Vertrauen
Giebenraths
zweimal missbraucht, als er ihn küsste und als er von ihm Solidarität
trotz seines Vergehens verlangte und bekam.
Zum anderen die Geschichte mit Emma: Nicht die Liebesbeziehung mit dem Mädchen
führte zu der Verletzung, sondern die Art und Weise, wie der Schuhmacher
Flaig diese eingefädelt und abrupt beendet hat. Auch hier wurde das
Vertrauen des Jugendlichen erst gewonnen, dann aber auf eine Art und Weise
enttäuscht, mit der der unerfahrene junge Giebenrath nicht fertig werden
konnte.
Erlebnisse: Dadurch, dass fast alle Ereignisse dieser Geschichte aus
Begegnungen bestehen, kommen hier Erlebnisse zur Kennzeichnung der
dargestellten Jugend kaum vor. Das einzige Erlebnis des jungen Giebenrath,
das mir aufgefallen ist, war seine Flucht in die Einsamkeit der Natur.
Dort beim Angeln erlebt er "einen schwachen Abglanz der ehemaligen
Knabenseligkeit" und erinnert sich an verschiedene
Kindheitserlebnisse. Zugleich sind aber schon diese Erinnerungen verbunden
mit Selbstmordphantasien.
Belastungen: Belastungen können den Jugendlichen die Kraft, Erfahrung und
Stärke geben, die sie für ihr späteres Leben brauchen. Allerdings
sollte für den Jugendlichen der Sinn dieser Belastungen immer ersichtlich
sein.
Eine Belastung war für den jungen Giebenrath vielleicht seine schon früh
erkennbare besondere Begabung, so war er den Hoffnungsträger der Stadt,
die ihre Erwartungen auf eine große Karriere in ihn setzte. Daraus folgte
der Eifer seiner Lehrer und Pfarrer, die aus ihm einen Studierten machen
wollten. "Damit war seine Zukunft bestimmt und festgelegt."
(S.9) Mit dieser Belastung wurde er ins Leben hinaus geschickt.
Zunächst hat er sich diesen Belastungen willig unterzogen und
ihren Sinn
angenommen und akzeptiert. Durch die Begegnungen mit Heilner und dem
Schuster Flaig (siehe Begegnungen) und durch die von ihnen zugefügten
Verletzungen und Enttäuschungen hat er den Glauben an den Sinn dieser
Belastungen verloren.
Deshalb konnte er auch in der Werkstatt den Belastungen, die dort auf ihn
zukamen nicht standhalten.
Erfahrungen: Erfahrungen muss man machen, um etwas zu lernen im Leben.
Dieses Lernen aus Erfahrungen ist etwas Anderes als das mechanische Lernen
in der Schule. Erfahrungen muss man immer selber machen. Man muss lernen,
sie zu einzuordnen, sie untereinander in Beziehung zu setzten und wichtige
von unwichtigen zu unterscheiden. Und man muss lernen, welche
Bedeutung Sie haben fürs Leben.
Hans Giebenrath wuchs als Kind mit der Erfahrung auf, etwas Besonderes zu
sein und ohne Anstrengung alles erreichen zu können. So sah er sich zunächst
in der Rolle des Musterschülers. Doch im Seminar in Maulbronn machte er
neue Erfahrungen: Kameradschaft und Konkurrenz, Freundschaft und Enttäuschung
erweitern seinen Horizont. Schließlich muss er erfahren, dass er auch
versagen kann, dass er den geforderten Ansprüchen nicht gewachsen ist.
Als schließlich mit Emma die Erfahrung der Sexualität dazukommt und mit
den Arbeitskollegen die Erfahrung des Alkoholrauschs, schafft er es nicht
mehr, all diese Erfahrungen zu verarbeiten und ihre Bedeutung zu erkennen.
Auch von
den Erwachsenen bekommt er keine Hilfe: das Bild einer zustörten Jugend.
Wünsche und Vorstellungen: Wünsche und Vorstellungen sind eine wichtige
Motivationskraft für die Jugend, sich auf den Weg zu begeben, in der
Hoffnung, dass sie eines Tages in Erfüllung gehen.
Im Hermann Hesses Roman "Unterm Rad" ist an keiner Stelle
davon die Rede, welche Wünsche und Vorstellung die Hauptfigur hat. Als
Kind und Heranwachsender lebt er ganz nach den Wünschen und
Vorstellungen seiner Erzieher, im Seminar ordnet er sich den Wünschen
seines Freundes Heilner unter, und in der Beziehung zu Emma ist sie
diejenige, die jede Initiative ergreift. Und in der Naturszene beim Angeln
sind es Erinnerungen, Phantasien und Sehnsüchte, denen er sich hingibt.
6.
Nach der Lektüre dieses Romans stellte ich mir die Frage, was eigentlich
die Ursache dafür ist, dass Giebenrath gescheitert ist d.h., dass er
"unters Rad" kam. "Unterm Rad" bedeutet doch
eigentlich, so wie es das Sprichwort "unter die Räder kommen"
auch besagt, einer Gefahr nicht standhalten zu können und ihr zu
erliegen. Welcher Gefahr war Giebenrath also ausgesetzt? Und warum ist er
ihr unterlegen?
Zunächst sieht es so aus, als ob es der übergroße Druck und die hohen
Erwartungen seines Vaters und seiner Erzieher waren, denen er nicht stand
halten konnte. Er hatte keine Wahl, dem einen eigenen Lebensentwurf
entgegenzusetzen oder ihn zumindest auszuprobieren. Ich finde, es ist für
einen Jugendlichen sehr wichtig, dass er eine oder mehrere Möglichkeiten
bekommt, eigene Wünsche und Vorstellungen auszuprobieren und zu
entwickeln. Wenn man keine Chance ekommt, aus seinen Fehlern zu lernen,
kann man auch nicht Lernen sich zu verbessern. Wenn aber schon alle Ziele
vorgegeben sind und jede Abweichung davon als Fehler bestraft wird, dann
ist es fast unmöglich, seinen eigenen Weg zu finden. Giebenrath war in
seiner Jugend genau in dieser Situation: Er wurde auf Grund seiner früh
sichtbaren Begabung und durch die Erwartungen seines Vaters, seinen
Sohn "studieren oder Beamter werden zu lassen" (S.9), schon früh
in diese Bahn gezwungen, während seine gleichaltrigen Kameraden einfache
Handwerker oder Händler wurden, und so eher eine Chance hatten, einen
Beruf zu
finden, der ihren Interessen und Begabungen entspricht. Am Ende des
Romans, als sie Giebenrath als Arbeitskollegen und Zechkameraden begegnen,
vermitteln sie den Eindruck dass sie ihren persönlichen Weg gefunden
haben. Warum ist es ihm
nicht gelungen, sich in dieser doch für ihn recht anspruchslosen Welt
zurechtzufinden?
Wahrscheinlich war es die Tatsache, dass er sich mit dieser Welt nicht
identifizieren konnte, da er seit seiner Kindheit das Gefühl haben
musste, etwas Besonderes zu sein: "Es genügte, ihn anzusehen, wie
fein und abgesondert er zwischen er den Anderen herumlief." (S.8).
Dieses Gefühl, anders zu sein als die Anderen, wirkte sich auf seinen
sozialen Umgang so aus, dass er eher Einzelgänger blieb und sich nicht an
den Abenteuern und Spielen der gewöhnlichen Jugend beteiligte. Selbst bei
seinen Kindheitsausflügen zum "Falken" war er eher Zuschauer
als Beteiligter. Deshalb war er auch offen für den Einfluss des
Schuhmachers Flaig, der zu ihm einmal gesagt hatte, dass "Gott mit
jeder Seele seine besonderen Absichten habe" (S.14f). Besonders aber
musste die Begegnung mit Heilner die Gewissheit in Giebenrath bestärken,
etwas Besonderes, das
"Talent oder Genie" (S.8) zu sein, auf das sein Heimatstädtchen
schon seit Jahrhunderten gewartet hatte (S.8).
Jugendliche brauchen solche Vorbilder, die ihnen den Weg weisen, an denen
sie sich orientieren können, die ihnen auch zeigen, dass sie noch viel zu
lernen haben im Leben. Waren Flaig und Heilner solche Vorbilder?
Heilner konnte auf Grund seiner Frühreife Giebenrath zwar einige Dinge
vormachen. Aber die Bedingungslosigkeit, die er in der Freundschaft
forderte, bis hin zum Kuss unter Jungen, überforderte Giebenrath, und als
Heilner sein geniehaftes Eigenleben so stark übertrieb, dass er von der
Schule verwiesen wurde, da blieb Giebenrath alleingelassen zurück und
hatte keine Möglichkeit, diese starken Erlebnisse und Erfahrungen zu
verarbeiten. Wer hätte verstehen sollen, was mit ihm passiert war? In
Heilner konnte er sein Vorbild nicht finden und wurde enttäuscht zurückgelassen.
Der Schuhmacher Flaig ist die andere Figur, die für ihn als Vorbild in
Frage kommt. In der Szene, als er Giebenrath zum Mosten einlädt, scheint
die Geschichte einen Lauf zu nehmen, die auf eine Lösung hindeutet. Zum
ersten Mal sieht es so aus, als ob Giebenrath sich irgendwo integrieren könnte
und Anschluss finden könnte bei Menschen, mit denen er gern zusammen ist.
Besonders die Begegnung mit Emma gibt Anlass zu neuer Hoffnung. Diese
Begegnung ist
offensichtlich von Flaig in die Wege geleitet und entwickelt sich
auch zu einer kleinen Liebesaffäre. Aber ähnlich, wie bei der Beziehung
zu Heilner ist Giebenrath auch hier mit der Situation völlig überfordert
und findet sich nach der überraschenden Abreise Emmas hilflos und allein
mit seinen verwirrenden Gefühlen. Und Flaig? Hätte er sich um den
verwirrten Jungen kümmern sollen? Immerhin wusste er doch schon vorher,
dass seine Nichte Emma bald abreist und Giebenrath, wenn er sich in sie
verliebt hatte, in Seelennot kommen musste. Warum hat er sich nicht besser
um ihn gekümmert, wenn er schon diese Beziehung eingefädelt hat.
Wer also hat Hans Giebenrat "unters Rad" gebracht? Der
Schuhmacher Flaig gibt in der Schlussszene nach der Beerdigung die
Antwort: Sowohl die biederen Philister mit ihren hochgesteckten
Erwartungen, als auch die wohlmeinenden Freunde, die sich, wenn die
Freundschaft ihre Bewährung fordert, aus der Verantwortung ziehen. Und
damit meint er, wie er zugibt auch sich selbst.
Für mich ist dieser Roman ein Appell an all diejenigen, die die
Verantwortung dafür haben, für die Jugend Vorbilder und Führungskräfte
zu sein. Diese Leute sollten sich die Geschichte des hier dargestellten
Jugendlichen zu Herzen nehmen und ihre eigene Position und Aufgabe
daraufhin anschauen, ob sie nicht auch die Fehler machen, die die
Jugendlichen "unters Rad" bringen können.
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