DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

 READER: jugend als literarisches thema des 20., 19. + 18.jhds...

 


 

 

2001  Benjamin Lebert  /  CRAZY1

 

       |   dvd:    

 

 

Amazon.de Audiobook-Rezension
Die Verwirrungen des Zöglings Lebert "Literatur", so meint einer der jugendlichen Helden in Crazy, dem ersten Roman des 17jährigen Benjamin Lebert, "Literatur ist, wenn du ein Buch liest und unter jeden Satz ein Häkchen setzen könntest -- weil es eben stimmt". Unterzieht man Leberts Debüt dieser Prozedur, so fallen die zustimmenden Häkchen spärlich aus. Crazy kommt daher wie eine "Wilde Herzen"-Adaption jener Schul- und Pubertätsgeschichten, die seit dem Anfang des Jahrhunderts in deutscher Sprache geschrieben wurden: Die traurige Jugend des Hanno Buddenbrock gehört ebenso hierher wie Hermann Hesses Unterm Rad, Wedekinds Frühlings Erwachen oder Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, der Erstling des -- immerhin 26jährigen -- Robert Musil.

Im Unterschied zu Musil, der seine autobiographische Handlung in die Fin-de-siècle-Atmosphäre eines hochadligen Konvikts verlegt, führt uns Crazy in eines jener Privat-Institute, in denen heutzutage die am öffentlichen Schulsystem gescheiterten Sprößlinge besserverdienender Eltern zum Abschluß geführt werden. In einem Internats-Schloß, das ausgerechnet Neuseelen heißt, soll der einzelgängerische Ich-Erzähler Benni -- von Geburt an mit einem Halbseitenspasmus gezeichnet -- die achte Klasse wiederholen und womöglich das Abitur bestehen. Daraus wird allerdings nichts: Statt zu silentium und "Hausaufgaben-Anfertigungsstunde" zieht es Benni und seine neuen Freunde zu Bier, Playboy-Heften und in den nächtlichen Mädchentrakt; die heimliche Reise nach München endet gar auf der Bühne eines Strip-Lokals. All das eher ein Fall fürs Jugendamt und literarisch nicht eben aufregend.

Was aber erfahren wir über den tatsächlich schwierigen Job des Erwachsenwerdens, und wie sehen wir die Welt der Erwachsenen mit den Augen des 16jährigen Helden? Wer sich durch Passagen ungefilterter Tagebuch-Prosa voller Weltschmerz und Kleiner-Prinz-Weisheiten gearbeitet hat, reibt sich hin und wieder doch die Augen: Lebert kann genau beobachten und nüchtern eine Welt protokollieren, in der die vom Vater geliebten Rolling Stones nurmehr "eine Rockgruppe aus vergangener Zeit" sind. Ob die Gnade der späten Geburt allein ausreicht, das verrückte Lebensgefühl der Post-MTV-Generation authentisch zu beschreiben, darf nach der Lektüre von Leberts Buch bezweifelt werden. --Niklas Feldtkamp

 

 

 

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AUTOR/IN:   cw

 

Das Buch mit dem Titel „Crazy“ wurde von Benjamin Lebert 1999 als siebzehnjährigem Autor veröffentlicht. Es handelt sich um einen autobiographischen Roman mit der Hauptfigur Benjamin Lebert. Der Roman erregte ein beachtliches Presseecho und wurde im Jahr 2000 unter dem gleichen Titel auch verfilmt.

Der Autor ist wie die Romanfigur seit Geburt halbseitig spastisch gelähmt.

Er beschreibt die Erlebnisse und die Erfahrungen, die er als Sechzehnjähriger während eines etwa halbjährigen Internatsaufenthaltes  gemacht hat. Es ist sein vierter Schulwechsel und vorläufig der letzte Versuch die achte Klasse eines Gymnasiums zu absolvieren.

Vom äußeren Ablauf ist der Stoff in drei Zeitabschnitte gegliedert

Die Kapitel 1-6 beschäftigen sich mit den beiden ersten Schultagen.

Nach einer zeitlichen Lücke von etwa vier Monaten, die nicht weiter erläutert wird, werden in den Kapiteln 7-15  Überlegungen, Vorbereitungen und Durchführung des verbotenen Besuchs im Striptease-Lokals in München dargestellt.

Im Kapitel 16, dem Schlusskapitel, macht sich Benjamin Gedanken über sein Leben im Internat und seine seine Zukunft. In einer kurzen Rückblende werden die Gründe dargestellt, warum er nach einem halben Jahr auch diese Schule wieder verlassen muss.

 

Zwei Erlebnisse stellt der Autor in den Vordergrund.

Den natürlich verbotenen nächtlichen Besuch im Mädchenstockwerk des Internats mit Alkohol- und Zigarettenkonsum im ersten Abschnitt. Hier erlebt Benjamin Lebert auch seinen ersten sexuellen Kontakt zu Mädchen.

Das zweite große Erlebnis besteht in einem nächtlichen, natürlich ebensowenig erlaubten Ausflug in ein Münchener Striptease-Lokal.

Auf den ersten Blick stehen die Themen Essen, Rauchen, Trinken und Vögeln  stark im Zentrum des Interesses. Gelegentlich wird nach dem Sinn des Lebens gefragt.

 

 

1)  Die zentrale Figur in diesem Roman ist Benjamin Lebert. Er ist die Hauptfigur. Er beobachtet und gibt wieder was andere Personen erzählen und erleben. Es gibt keine selbständigen Handlungslinien die aus der Perspektive einer anderen Person erzählt werden. Es gibt auch keine Nebenereignisse, die dann zu einem Schluss zusammengeführt werden. Es gibt nur Rückblenden und gedankliche Abschweifungen aus der Sicht der Hauptfigur. Es handelt sich wohl mehr um eine Autobiografie als um einen Roman.

 

Das Buch lebt von dem Gegensatz zwischen Jugend und Erwachsenenwelt. Die Welt der Jugend funktioniert aus der Sicht von Benjamin. Er schließt sofort  enge Bekanntschaft mit seinem Mitbewohner im Zimmer, Janosch Schwarze und der Clique um ihn. Er wird trotz seiner Behinderung sofort aufgenommen. Nach Janoschs Meinung würden sie alle gerne nach Hause gehen, was aber eben nicht geht. Sie sind alle Fleischbrocken in derselben Chappi-Dose und schwimmen alle in derselben Scheiße. Jeder wird so genommen wie er ist.

Janosch, der seine Mitschüler mit bissigen Bemerkungen aufzieht, von dem man aber weiß, dass er es eigentlich nicht so meint. Er ist schon in der neunten Klasse. Über seine Familie gibt es nur die Vermutung, dass sein Vater Aktienmillionär sein soll.

 Troy, der nicht redet, von dem man später erfährt, dass er Bettnässer ist und einen schwerkranken Bruder hat an dem er sehr hängt. Er gilt als Neuseeler Urgestein. Er ist schon in der zwölften Klasse und seit acht Jahren an der Schule. Über seine Familie und Verwandten ist nichts bekannt.

Der dicke Felix, von dem man erfährt, dass er aus einer brutalen Familie kommt, gute Noten hat und gerne Süßigkeiten isst. Er wird Kugli oder Obelix genannt.

 Der kleine Florian der so zart gebaut ist und im Alter von sechs Jahren seine Eltern verloren hat und im Sommer bei seiner Großmutter wohnt. Er sei einer der wenigen deren Eltern und Verwandten nicht reich sind. Er verdankt seinen Aufenthalt dem Jugendamt.

Über den dünnen Felix wird nur berichtet, dass er ein netter Kerl sei niemandem etwas zuleide getan habe und sich in die Gruppe hineingedrängt habe

Gleich am Nachmittag des ersten Schultages beschließt die Gruppe  die Sexualberatungsstelle im Dorf aufzusuchen und dort eine Mutprobe durchzuführen. Benjamin wird ohne Diskussion mitgenommen. Janosch soll der Therapeutin erzählen, dass er schwul sei und den Bierkrug von Florian bekommen, wenn er sich traut. Er bekommt ihn auch, allerdings auf Kosten von Troy von dem Janosch behauptet, er hätte ein Verhältnis mit ihm. Troy ist zwar wütend, aber die Möglichkeit die Gruppe zu verlassen wird noch nicht einmal angedeutet.

Die Erwachsenenwelt ist dagegen verständnislos, stellt Anforderungen, die nicht erfüllt werden können, steht den eigenen Interessen im Wege.

Zwar übergibt die Mutter bei der Einschulung von Benjamin dem Direktor einen Brief  in dem Benjamins körperliche Behinderung erklärt wird und der Direktor verspricht auch darauf Rücksicht zu nehmen. Dass Benjamin aber auch feinmotorische Störungen hat und beispielsweise kein Geo-Dreieck halten kann wird aber vom Mathematiklehrer ignoriert.  Das Problem, dass seine Behinderung möglicherweise auch zu einer geistigen Leistungsschwäche in Mathematik führen kann, wird nicht zur Kenntnis genommen, was Benjamin als ungerecht empfindet.

Überhaupt muss alles das, was Spaß macht heimlich getan werden. Bier trinken, Zigaretten rauchen, die Mädchen nachts im Zimmer im Mädchenstockwerk besuchen um dort eine Party feiern.

Es wird nicht honoriert welch Leistung es für ihn bedeutet nachts verbotenerweise vom Fenster zu einer Feuerleiter zu springen und dort hochzuklettern. Der Vater streitet sich mit seiner Mutter wegen unwichtigen Dingen und schickt ihm Durchhalteparolen, die ihm nichts nützen.

Er will zwar auch vögeln oder nageln wie Janosch sagt und damit ein Mann sein. Sein erster Geschlechtsverkehr  mit einem Mädchen im Vorraum der Toilette zu dem ihn das Mädchen mehr oder weniger zwingt, ist zwar irgendwie gut aber auch schmerzhaft und bedeutet ihm letztlich nichts. Er will nicht erwachsen werden, sondern so lange wie möglich Kind bleiben.

Die Gruppe gefällt ihm, noch nicht einmal die Schulklasse von der man kaum etwas erfährt.

Der einzige Erwachsene, der sie einmal unterstützt, ist ein alter Mann, Sambraus Marek, ein ehemaliger Schüler, der sie bei ihrem verbotenen nächtlichen Ausflug nach München berät und sie in seiner Wohnung über dem Striptease-Lokal wohnen lässt.

Damit hilft dieser Mann mit, dass Benjamin auch von dieser Schule fliegt.

 

 

2 )Es wird ein recht kurzer Zeitabschnitt von etwa sechs Monaten aus  dem Jahr 1998 erzählt. Die Handlung spielt in einem renommierten, sehr teuren Internat. Bis auf  den kleinen Florian, der von allen das Mädchen genannt wird, stammen alle Jugendlichen aus reichen Familien. Gemeinsam ist allen dass sie lieber zu Hause bei der Familie leben würden. Man kann annehmen, dass wohl alle eher abgeschoben wurden, weil sie im häuslichen Problemumfeld eher stören würden. Wirklich deutlich wird dies aber bei keinem. Für den kleinen Florian ist das Internat vielleicht wirklich die bessere Alternative als bei der Großmutter zu wohnen, die ihn wohl letztlich nur verwöhnt, ohne Anforderungen zu stellen. Dasselbe gilt eigentlich auch für den dicken Felix der aus einer „brutalen Familie“ stammt, was immer das auch heißen mag. Über Troys Familie ist ebenso wenig bekannt wie über die vom dünnen Felix.

Bei diesen kann eigentlich nur vermutet werden, dass sie bis auf Florian aus vermögenden Familien kommen. Mit diesen Informationen ist es schwer, schichtspezifische Charakterisierungen vorzunehmen. Allgemein kann man natürlich sagen, dass sie in einer privilegierten abgeschotteten Welt leben  in der Geld offenbar für keinen eine Rolle spielt. Geld für Bier, Zigaretten, längere Zugfahrt selbst Striplokalbesuch spielt offenbar keine Rolle. Von alltäglichen Sorgen wie für Schulmaterial oder Kleidung ganz zu schweigen.

Da sie wirkliche finanzielle Sorgen nicht kennen, brechen sie auch gedankenlos alle Regeln des Internats, da sie es nicht gewohnt sind, sich über die Folgen klar zu werden. Irgendwie werden es die Eltern schon wieder hinbiegen.

Aber auch Florian, der offenbar auf Kosten des Jugendamtes da ist macht mit. Er hat sich wohl der Umgebung angepasst.

Auch über Troy, der sonst noch am einfühlsamsten beschrieben wurde, kann schichtspezifisch eigentlich nicht viel gesagt werden.

Bei Benni erfährt man noch am meisten. Die Eltern sind Heilpraktiker und Diplomingenieur, angesehene Leute, die es sich angeblich nicht leisten können, den qualifizierten Hauptschulabschluss ihres Sohnes zu feiern. Andererseits haben sie sich offenbar sehr bemüht, die Schulwechsel ihres Sohnes zu organisieren und haben ihm auch ein recht gutes Selbstbewusstsein mitgegeben. Nur so kann er sich vor die Klasse hinstellen und sagen:

Hallo Leute. Ich heiße Benjamin Lebert, bin sechzehn Jahre alt und ich bin ein Krüppel. Nur damit ihr es wisst. Ich dachte es wäre von beiderseitigem Interesse. Ohne starken emotionalen Rückhalt wäre dies wohl nicht möglich.

Dies hat es ihm immerhin ermöglicht sofort in einer Gruppe Anschluss zu finden.

Von der Schulseite her erfährt man eigentlich nur, dass Benjamin nicht damit zurechtkommt, wie in allen anderen Schulen auch nicht.

Die schlimmen Internatsgeschichten mit sadistischen Lehrern und entsprechenden Schülern und ihren Ritualen finden hier nicht statt.

 

 

3)Das Buch zeigt, dass doch eine Entwicklung im Sinne einer Toleranz gegenüber Behinderten stattgefunden hat. Weder Benjamin noch die anderen werden seitens der Schule der Öffentlichkeit oder seitens der Gruppe direkt wegen ihres Andersseins benachteiligt.

Sie könnten sich eigentlich gut entwickeln.

Allerdings zeigt vor allem Benjamin an kaum etwas wirkliches Interesse außer an Mädchen rauchen und trinken. Die Schule ist lästig. Er interessiert sich für kein einziges Fach. Unterricht wird nur minimal beschrieben. Dass er sich einmal etwasintensiv erarbeitet ist nicht ersichtlich. Er hat zwar Selbstbewußsein, aber keinerlei Pflichtgefühl  gegenüber den Anforderungen die in der Schule ihm gegenüber gestellt werden, Er konsumiert und will andererseits über alles reden. So bleiben seine Ansätze über den Sinn des Lebens nachdenken sehr oberflächlich. Er gibt ja auch zu, dass er eigentlich von nichts eine Ahnung hat. Auch Deutschaufsätze kann er nicht schreiben, aber reden.

Gut nur Schlagworte wie cool und crazy. Für beide Begriffe werden immer wieder Handlungen oder Personen angeführt, die angeblich nun gerade cool oder crazy sind. Er bemüht sich aber nicht ansatzweise diese Begriffe zu definieren oder gar zu problematisieren.

Es bleibt nur mitlaufen mit der augenblicklichen Mode.

 

 

 

4)Eine wirkliche Entwicklung ist nicht feststellbar. Auch zum Schluss des Buches freut er sich nur darauf, dass er jetzt bei seinem Vater wohnen kann, der jetzt von zu Hause ausgezogen ist, sich also von der Mutter getrennt hat. Dies alles interessiert ihn nicht weiter. Ihm gefällt vor allem, dass in seiner Nähe dann viele Jugendliche wohnen. Die Sonderschule will er nicht besuchen, wie wahrscheinlich überhaupt keine Schule. Dass er irgendwie reifer geworden wäre ist nicht feststellbar. Er bleibt ein Egoist der Spaß haben und möglichst ohne Anstrengung alles können will, so dass er zu allem und jedem seine Meinung äußern kann.

 

 

 

5)Die Verletzungen der einzelnen Personen, die sich durch die häuslichen Verhältnisse ergeben haben wurden bereits bei Punkt 1) dargestellt.

Alle haben ihre Probleme damit, dass sie sich von Mädchen zuwenig anerkannt fühlen, wobei sie eigentlich nicht anerkannt werden wollen sonder ficken und nageln, damit sie sich anschließend als Helden darstellen können. Insgesamt bleiben die Nebenfiguren blaß und wenig durchgezeichnet. Bei Benni sind eigentlich keine wirklichen Wünsche zu sehen.

 

 

 

6)Dieses Buch war sehr schwer zu lesen. Es enthält große Längen. Mit den hier dargestellten Personen kann ich wenig anfangen. Sie interessieren sich nicht wirklich für etwas wichtiges, keiner hat ein ernstzunehmendes Hobby, keiner betreibt eine Sportart. Für mich sind vor allem Benni und Janosch einfach nur nervig. Felix zeigt wenigstens gute Schulleistungen.

Troy hat offenbar ein schweres Schicksal zu tragen, wobei die Hintergründe im Dunkeln bleiben.

7)Der Schreibstil ist anstrengend zu lesen. Es überwiegen Sätze mit fünf bis sieben Wörtern ohne Nebensätze, mit denen der Autor offenbar auf Kriegsfuß steht. Über mehr als hundert Seiten ist dies eine Zumutung.