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Thema 1/2/3:      Gedicht-interpretation...CREATIVES SCHREIBEN

 

Ø       Analysiere und deute eines der folgenden Gedichte ausführlich nach den Regeln der Kunst!

Oder:

Ø       Arbeite vergleichend für 3 der Texte die sie jeweils prägenden Vorstellungen von der Bedeutung des Jung-Seins heraus (mit Textbelegen)!

Oder:

Verfasse ein eigenes Gedicht, in dem Du für Deine Vorstellungen von der Bedeutung des Jung-Seins ästhetisch durchgeformten Ausdruck suchst!

 

 

 

Günter Kunert   /   SELBSTFINDUNG

(geb. 1929)            

 

Um Jahrtausende gealtert

auf einmal über Nacht:

meine kanellierten Beine

vom Deckbett halb überwuchert

vermitteln mir nur noch

archäologische Eindrücke

Mein Auge starrt auf die Weite

des musterhaften Vorlegers

in Erwartung der Touristenschwärme

der Kunstfreunde der Altertumsforscher

 

Die ewige Materie

in Form von zerknüllten Laken hält mich über dem Abgrund:

ich ahne dort Dunkel und Staub

die wahre Substanz der Vergangenheit

 

An diesen beweglichen Kopf

auf meinem marmorfarbenen Kissen

hat die Welt Mühen gewandt

und Hekatomben von Worten –

alles vergebens:  früh versteint

wer irgendetwas überleben will

 

 

 

Oskar Kanehl  /   Der Söhne junger Ruf

(1888-1929)            

 

 

Ihr schlaft am Schraubstock, hinterm Pfluge,

im Chorstuhl bei der Orgelfuge.

 

Ihr schlaft, ihr schlaft euch taub und blind.

Wißt! Eurer Kinder erstes Stammeln sind

 

Flüche, die euer Ohr zerschmeißen

Und euren morschen Väterbau einreißen.

 

Mit Weibern wälzt ihr euch im Bette.

Im Hurenhaus winkt euch die Schädelstätte.

 

Am vollen Tisch, sinnlos besoffen,

hat euch der Söhne junger Ruf getroffen.

 

Weckt euch die Wirbeltrommel nicht?

Der Eidgenossen Schwur? Der Fackeln Licht?

 

Ihr satten Toten! Steht auf und wacht!

Der Sturmtag dämmert! Es ist Schlacht!

 

 

 

Rainer Maria Rilke   /         Selbstbildnis aus dem Jahre 1906

(1875-1926)

 

Des lange adligen Geschlechtes

Feststehendes im Augenbogenbau.

Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau

und Demut da und dort, nicht eines Knechtes

 

doch eines Dienenden und einer Frau.

Der Mund als Mund gemacht, groß und genau,

nicht überredend, aber ein Gerechtes

Aussagendes.  Die Stirne ohne Schlechtes

und gern im Schatten stiller Niederschau.

 

Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt;

noch nie im Leiden oder im Gelingen

zusammgefaßt zu dauerndem Durchdringen,

doch so, als wäre mit zerstreuten Dingen

von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant.

 

 

 

Ricarda Huch  /  Zuversicht

1864-1947

 

O Jugend meiner Sinne,
O Jugend meiner Jahre!
Mir glückt, was ich beginne;
Mich freut, was ich gewahre!

Ich will in meine Hände
Des Schicksals Führung nehmen;
Ich denke nicht ans Ende,
Kein Fürchten soll mich lähmen. 

Und naht der Tod am Schlusse,
Will ich ihn selber werben
Und wie der hauch im Kusse
Im Schoß der Liebe sterben.

 

 

 

 

Friedrich Hölderlin   /         DA ICH EIN KNABE WAR

(1770-1843)

 

Da ich ein Knabe war,

Rettet' ein Gott mich oft

Vom Geschrei und der Rute der Menschen,

Da spielt' ich sicher und gut

Mit den Blumen des Hains, und die Lüftchen des Himmels

Spielten mit mir.

 

Und wie du das Herz

Der Pflanzen erfreust,

Wenn sie entgegen dir

Die zarten Arme strecken

 

So hast du mein Herz erfreut,

Vater Helios!! Und, wie Endymion,

War ich Dein Liebling,

Heilige Luna!

 

O all ihr treuen

Freundlichen Götter!

Daß ihr wüßtet,

Wie euch meine Seele geliebt!

 

Zwar damals rief ich noch nicht

Euch mit Namen, auch ihr

Nanntet mich nie, wie die Menschen sich nennen,

Als kennten sie sich.

 

Doch kannt' ich euch besser, als ich je die Menschen gekannt,

Ich verstand die Stille des Äthers,

Der Menschen Worte verstand ich nie.

 

Mich erzog der Woh1laut

Des säuselnden Hains,

Und lieben lernt' ich

Unter den Blumen

 

Im Arme der Götter wuchs ich groß.

 

 

 

   reader:  thema jugend