DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

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 Grundstimmung:  Pessimismus

zerrissene Biographien auf Schriftstellerseite  -  Exilautoren und in ´innerer Emigration´Dagebliebene, junge, mehr oder minder versehrte Kriegsheimkehrer sortieren sich in der Folgezeit als Produzenten ost- und westdeutscher, schweizerischer oder österreichischer Literatur 

 

Oregon State University

Die Literatur im Westen zwischen 1945-1997


Allgemeine Tendenzen der deutschen Literatur im Westen:

Die Spaltung Deutschlands brachte die Frage nach der deutschen Identität; diese Frage wurde auch zum Thema der Literatur.

Alles, was sich in der Gesellschaft abspielte, spiegelte sich in der Literatur.

Einige Schriftsteller (Heinrich Böll, Günter Grass) wollten eine politische Rolle spielen.

Man stellte die Frage nach der Rolle und der Aufgabe des Schriftstellers in einer bürokratisierten Welt.

Es gab auch Skepsis gegenüber alten Formen der Literatur: waren sie veraltet?

Die alten Formen kamen doch manchmal wieder, aber als Parodie (z.B. aristotelische Einheiten bei Dürrenmatt: Die Physiker).

Man wischte die Grenzen zwischen den Literatursorten: epische Komponenten im Drama; Dialog und Monolog im Roman; Lyrik ist oft optisch gegliederte Prosa. Das Hörspiel (für das Radio) wurde eine Kunstform.

Man experimentierte mit der Sprache.

Andere wichtige Einflüsse:

·         Die Philosophie des Existenzialismus;

·         Psychoanalyse;

·         Technik und die industrielle Erfahrungswelt;

·         Ausländische Literatur, vor allem auf das Erzählen: die Kurzgeschichte (Hemingway) kommt nach Deutschland.

·         Wichtige Nachwirkung von Kafka.


Obwohl es keine Literaturbewegungen gibt, teilt man die Literatur in historische Phasen auf

1. Phase, 1945-50 (oft Trümmerliteratur genannt):

·         Hier findet man die alten formalen und inhaltlichen Traditionen, aber auch eine radikale Neuorientierung.

·         Die Eindrücke vom Krieg und der Vernichtung1 (Heinrich Böll; Wolfgang Borchert; Paul Celan; Wolfdietrich Schnurre) spielten eine große Rolle.

·         Es gab Kriegs- und Heimkehrerliteratur,2 Todeserinnerung, und Sprachlosigkeit angesichts dieser Erlebnisse.

·         Schriftsteller protestierten gegen alle Ideologien.

·         Man erkannte, daß die Nazis die Sprache mißbraucht hatten, also war die Sprache für die Schriftsteller sehr wichtig.

·         Politisch und gesellschaftlich engagierte Schriftsteller kamen zusammen und nannten sich die Gruppe 47. (Hans Werner Richter; Ilse Aichinger; Alfred Andersch; Ingeborg Bachmann; Böll; Günther Eich.

 

2. Phase, 1950er Jahre: 

Die Schriftsteller in dieser Zeit beobachteten kritisch die Wohlstandsgesellschaft3 und schrieben darüber in Satire und Groteske. (Dürrenmatt, Böll, Max Frisch). Man versuchte auch, die deutsche Vergangenheit zu verstehen (Marie Luise Kaschnitz; Andersch; Grass; Böll).

 

 3. Phase, 1960er Jahre:

·         Man schrieb und dachte über die unbewältigte4 Vergangenheit: das Hitler Reich, Kriegs- und Nachkriegszeit, innere und äußere Feindbilder.

·         Verlust der Selbstsicherheit der Aufbaujahre5. (Günter Grass, Max Frisch, Uwe Johnson, Böll, Siegfried Lenz).

·         Es gab nach 1967 viele innenpolitische Probleme, und die Literatur wurde auch immer politischer; größeres öffentliches6 Engagement der Autoren.

 

 4. Phase, 1970er und Beginn der 1980er Jahre:

·         Man dachte über das eigene Ich und seine subjektive Welt nach, und das brachte Ernüchterung7 und Distanz zu öffentlicher politischer Aktion.

·         Neue Sensibilität, neue Innerlichkeit: Interesse an eigener und fremder Lebensgeschichte. Suche nach persönlicher, auch geschichtlicher Identität. (Ingeborg Drewitz, Peter Handke, Peter Härtling, Christoph Meckel). 

 

Österreichische und schweizer Autoren haben immer wichtige deutsche Literatur geschrieben, aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg spricht man von einer österreichischen Literatur oder von einer schweizer Literatur. 

Autoren, die oben besprochen wurden wie Bachmann, Handke, und Aichinger kommen aus Österreich, und Dürrenmatt und Frisch waren aus der Schweiz. 

Es gab aber auch andere wichtige Schriftsteller aus diesen Ländern, wie Barbara Frischmuth (Österreich), Gertrud Leutenegger (Schweiz) usw.

 

Wolfgang Emmerich (Universität Bremen) 

Rückblicke auf 40 Jahre DDR-Literatur und Geschichtsschreibung der DDR-Literatur


...

Der Status von DDR-Literatur in der Bundesrepublik war in den vierzig Jahren ihrer Existenz nie gleich und nie einheitlich. 

In den fünfziger Jahren behauptete die konservative Literaturkritik ohne Einschränkung die Einheit der deutschen Literatur, und damit war die freie Literatur des Westens gemeint, der man allenfalls einige kritische und niveauvolle Schriftsteller aus der DDR wie Peter Huchel zugesellte. Nicht einmal Bertolt Brecht, Anna Seghers und Arnold Zweig waren anerkannt. 

Erst im Lauf der sechziger Jahre wurde in zögernden Schritten wahrgenommen, daß in Ostdeutschland eine 'andere' Literatur entstand, die zweierlei Interesse beanspruchen konnte. 

Zum einen übermittelte sie Nachrichten aus einem zumal seit dem Mauerbau 1961 fremd und fremder gewordenen Land, das doch auch deutsch war. DDR-Literatur wurde zu einer Art landeskundlichem Reservoir für Westdeutsche. 

Immer häufiger handelte es sich zudem um Texte, die auch ästhetisch Interesse beanspruchen durften. Das begann mit Uwe Johnsons Mutmaßungen über Jakob von 1959 (ein lupenreines Buch der DDR-Literatur!) und setzte sich mit der Lyrik, später auch der Prosa von Johannes Bobrowski fort. Hinzu kamen Romane von Christa Wolf, Erwin Strittmatter, Hermann Kant, Günter de Bruyn und Fritz Rudolf Fries, Gedichte von Günter Kunert, Karl Mickel oder Wolf Biermann sowie Theatertexte von Peter Hacks, Heiner Müller, Hartmut Lange und Volker Braun. 

Zu Ende der 60er Jahre war 'die DDR-Literatur' für aufmerksame Leser im Westen klar konturiert, gewiß mit erheblichen Einschränkungen, Ausblendungen und Bevorzugungen, aber doch als ein umrissener eigener Corpus.

...

Denn es ist ja vor allem die schrittweise ästhetische Emanzipation eines Teils der in der DDR entstandenen Literatur, die ihre Qualität, ihre Würde, ihren Schutz vor Vereinnahmung und Instrumentalisierung ausmacht. 

Die interessante DDR-Literatur bleibt gerade nicht 'eine Literatur des geschlossenen Regelkreises, geschrieben von Bürgern der DDR für Bürger der DDR', wie Karl Robert Mandelkow behauptet hat(xlv). Vielleicht bleibt sie es noch allzusehr, weil auch Autoren wie Wolf oder Braun, vielleicht sogar Müller illusionär an ihre sozialpädagogische Aufgabe auf dem Terrain der DDR glaubten. 

Aber sie geht, zum Glück, auch darüber hinaus, wird, als eine, die wieder an die internationale Moderne Anschluß findet, immer stärker autonom und souverän, ja subversiv gegenüber dem Offizialdiskurs der SED und der ihr abgeforderten politischen Funktion. Daß sie es in den meisten Fällen nie ganz wurde, ist ihr Dilemma, vielleicht darf man auch sagen: ihre Tragik. Dieser Umstand macht sie wiederum auf eigentümliche Weise interessant, weil anders als die westdeutsche Literatur.

 

 

  die Autoren leben nicht mehr in Metropolen, sondern verstreut - kaum Gruppenbildungen -- weitgehende Ausnahme:  ´Gruppe 47´, ein Individualitäten zum Zuge kommen lassender Lese- und Diskussionskreis von Schriftstellern

aber:  erweitertes Publikum durch neue mediale Vertriebsformen (Taschenbuch(reihen), Buchgemeinschaften, Rundfunk, Fernsehen)

 

 

 

Das Ende der bürgerlichen Epoche, die Verdrängung des Individuums, der Durchbruch zur industriellen, pluralistischen, klassenlosen Gesellschaft, die verfügbar gewordene äußerste Zerstörungskraft  >>>  rückten Vereinsamungs-, Kontaktlosigkeits-, Traditionsunterbrechungs- und Desillusionierungsempfindungen in den Vordergrund.

Andere suchten Nihilismus und Skepsis durch Religiosität, durch romantische Selbsttäuschung aufzuwiegen, sie durch Zorn in aggressive Rebellion umzusetzen, sie als dekadent zurückzuweisen.

 

Bewußtseinsgeschichtliche Grundimpulse gehen weiterhin aus vom Marxismus, der Existenzphilosophie, der Psychoanalyse, dem Expressionismus und dem Surrealismus.

 

 

Mit Ausnahme des ´SOZIALISTISCHEN REALISMUS` teilten Nihilisten und Gläubige die Gegnerschaft gegen eine dem Naturalismus nahestehende Darstellung.

Dürrenmatt:

"Stil ist heute nicht mehr etwas Allgemeines, sondern etwas Persönliches, ja eine Entscheidung von Fall zu Fall geworden.  Es gibt keinen Stil mehr, es gibt nur noch Stile."

 

 

 

- viele theoretische Überlegungen und Selbstinterpretationen moderner Autoren

 

- experimenteller Charakter ihres literarischen Schaffens (parallel zu dem von Wissenschaft und Technik)

 

-  besonders experimentierfreudig mit ihrem Material, der Sprache, im Verhältnis zur problematisch gewordenen Wirklichkeit  (Walter Jens:  moderne Dichtung "ist niemals nur Poesie, sondern immer zugleich Wissenschaft und Philosophie")  --  dabei zunehmend intensive Beschäftigung mit dem Phänomen eines sich deutlich beschleunigenden Sprachwandels ... (in Entstehung und Verschleiß von Redensarten, in der raschen Erstarrung und Entsinnlichung neuer Bezeichungen, die allzu rasch Formelcharakter annehmen, in der spezifischen Spannung zwischen Sprachdürre und wucherndem superlativischem Stil, in der Neigung zu sachfernem, oft umständlich-preziösem Intellektualismus  ---  als "Sprache in einer verwalteten Welt" (Korn)).

/Zertrümmerung der Syntax

/aussparendes Verschweigen als Kunstmittel

/den wiederholten Gebrauch fertiger Versatzstücke aus dem allgemeinen Wissensgut

 

- Aussonderung ´normaler´ Tatbestände, ´anständiger´ Verhaltensweisen, ´guter´ Charaktere, des Alltäglichen und des Maßvollen als verdächtig...

...stattdessen Interesse für Zweideutiges in denaturiertem Extremgelände

 

- Nonkonformismus als Basis einer verfremdetes Dasein geißelnden Sozialkritik bis hin zu satirischem Moralismus (Böll, Nossack, Gaiser, Enzensberger, Dürrenmatt)

 

 

 

- weitere Erweichung der Grenzen zwischen den traditionellen Gattungen:

 

/im Roman statt des früher dominierenden Erzählers und Erzähltnen - jetzt Dominanz von Monologen, Dialogen, lyrischen Partien oder essayistischen Einschüben  --  frühere Merkmale fehlen eher (Grundidee, überschaubare Handlung, Intrige, Charaktere) - stattdessen wird nur noch mitgeteilt, was die Haltung von Erzählfiguren in gewissen Lagen und bei bestimmten Problemen beleuchtet; Milieu drückt sich durch seine Sprache...aus; Erzähler meist variantenreicher Bestandteil des Romans; Erzählfiguren vereinzelte, traditionslose Wesen, leidend an einer unaufhebbaren Differenz von Ich und Welt > Raum, Zeit und Kausalität verwischen sich, diese Verwischung und Beliebigkeit wird selbst Gegenstand des Romans;  statt psychologishcer Analyse - monologische Entschälung von Unbewußtem und Unterbewußtem, etwa in Form assoziativ gereihter, alogisch und achronologisch montierter Erinnerungsströme in Kombination mit Rechenschaftsberichten, verschiedenen Vermutungen... -  die vom Autor für fragwürdig gehaltene Wahrheit des objektiven Geschehens soll auf diese Weise aufschimmern  --  weg von traditionellen Spannungselementen hin zu einer Faszination des Lesers durch die vom Autor gewählte einmalig eigengesetzliche Struktur des Erzählten (oder auch durch Groteskes, Absurdes, Märchenhaftes, Parabolisches)  >>>  Verweisung des Lesers auf ein eigen-produktives Zu-Ende-Dichten

 

/beliebteste kürzere Erzählform:  die Kurzgeschichte als Anregung zur Entschlüsselung angeschnittener Situationen und Fragen

-  als Augenblicks-KG: fixiert sie eine bestimmte Situation in einem bestimmten Augenblick, bezieht zwei Momente aufeinander oder rahmt eine Augenblickssituation ein

-  als Arabesken-KG:  vermengt sie Handlungs- und Sprachbewegung, führt Reflexionen ins Absurde und desillusioniert

-  als Überdrehungs- und Überblendungs-KG:  arbeitet sie mit Kompositionseffekten wie Einstreuungen (von Wendungen und Zwischenfällen mit überraschender Wirkung) oder mit Ineinander-Schiebungen (von Vorgängen an verschiedenen Orten)

 

/die Lyrik ist z.T. nur in Zeilen aufgeteilte Prosa; aber sowohl von Intellekt und strenger Form bestimmte als auch alogische und formfreie Gebilde  -  ´Inhalt´ besitzt dabei weniger Eigenwert als früher =  Dichtung als "Sprache ohne mitteilbaren Gegenstand" (Friedrich)  --  z.T. vorsätzliche Dunkelheit, Wortzauber, Geheimnishaftigkeit/HERMETIK  --  Anzweiflung des Erlebnisses als rauschhafter Ursprung eines Gedichtes  ("Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten - ein Gedicht wird gemacht." (Benn)); 

 

/im Drama überwiegen epische Komponenten;  das Hörspiel wird zunehmend zu einer eigenen Gattung mit wachsender Nähe zum Lyrischen  --  Ordnungsprinzip nicht chronologisches Nacheinander, sondern bloße Assoziation von Zeit und Ort, Simultanisierung verschiedener zeitlicher und räumlicher Ebenen, ununterscheidbare Schichtung innerer und äußerer Vorgänge, unauflösliche Ganzheit von Sinn, Bedeutung, Bild, Handlung in der Phantasiewirklichkeit

-  DDR: sozialistischer Realismus -  Weiterentwicklung Brechtscher Formen im Dienst kulturellen Fortschritts

-  BRD...: große Skepsis gegenüber der Veränderbarkeit des Menschen durch Kunst  - Zweifel an der gesitigen und moralischen Entscheidungsfähigkeit des einzelnen Ichs, da der Kollektivismus zur herrschenden Lebensform geworden sei  --  individuelle Strebungen gelten als relativ und belanglos, weil in einem undurchschaubaren Räderwerk gefangen  --  auf die Bühne gebracht werden isolierte persönliche Perspektiven, die durch andre mögliche wieder aufgehoben werden können  --  der Ort des Dramas, die Figuren, das Geschehen sind bloße Schnittpunkte von Perspektiven  --  der Held ist in Doppelfiguren gebrochen und in getrennte Existenzen zerlegt   ("In der Wurstelei unseres Jahrhunderts... gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortung mehr... Uns kommt nur noch die Kommödie bei" (Dürrenmatt)

 

/wissenschaftliche Prosa und Essay gelten wieder als Kunstgebilde