DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

1798-1835  Romantikwpe102.jpg (15470 Byte)

 ///ein epochenprojekt aus dem jahre 1985/6


 

 

Will man die romantische Bewegung bestimmen, so gilt: `Romantik´hat es längst vor der sogenannten ´romantischen Schule´ gegeben... ... wenn man darunter eine Gegenwehr gegen den durch die Aufklärung einsetzenden Rationalismus verstehen will

Mit Georg Hamann (1730-88) und Johann Gotthilf Herder (1744-1803) beginnt die Abkehr von der vorrangigen Rezeption des Griechentums bzw. der Antike Insbesondere Herder entdeckt die ´Sprache des Herzens´, die zunächst den jungen Goethe entscheidend beeinflußt

Es wird ein Prozeß eingeleitet, in dessen Verlauf das Mittelalter entdeckungswürdig wird und schließlich als strahlendes Bild erscheint

Hier findet die ´Romantik´als Epoche ihre Symbole des Unerreichbaren im Gegensatz zu den klar umrissenen Formen von Winkelmanns (1717-68) Antike

 

In eine Zeit politischer Hochspannung gestellt, haben die Romantiker nicht nur ein philosophisch-betrachtendes, sondern auch handelndes Verhältnis zu Staat und Volk gezeigt

Der Kampf gegen Napoleon veranlaßte:

außer dem politischen Prosaschrifttum Ernst Moritz Arndts (1769-1860) und seinen patriotischen Gedichten

Friedrich Ludwig Jahns (1778-1852) Schrift über deutsches Volkstum (1810),

Joseph Görres´(1776-1848) oft verbotenen ´Rheinischen Merkur´,

die politisch aggressiven Dichtungen und Prosaschriften Heinrich von Kleists (1777-1811)

und schließlich die sogenannte ´Dichtung der Freiheitskriege´, deren Hauptvertreter neben Theodor Körner (1791-1813) Max v. Schenkendorf (1783-1817) und der junge Friedrich Rückert (1788-1866) waren

Johann Gottlieb Fichtes (1762-1814 ´Reden an die deutsche Nation´ werden 1807/8 in Berlin gehalten. In ihnen forderte Fichte die gänzliche Erneuerung der Nation durch neue Erziehung. Der Wiederabdruck der Reden war 1814-24 verboten.

 

Die Romantiker befürchteten die Entpoetisierung und Profanierung des Lebens, den Verlust einer Ganzheitskultur wie der des Mittelalters, die Entfernung der Gebildeten und ihrer Literatur vom Volk und der Volksliteratur

Sie bauten also einen Geschichtsmythos auf

für all diese Verluste machten sie die Aufklärung verantwortlich

ihrem neuen Geschichtsmythos sollte ein sich vom aufklärerischen Fortschrittsglauben abhebender Zukunftsmythos entsprechen: die Zukunft werde sich nicht als platt-naiver Rückfall in das Verlorene ereignen, sondern als planvoll entwickelter, zeitgemäßer Neuentwurf jener Universalismen, die das Mittelalter einst getragen hatten

nicht platte Rückwärtsgewandtheit - also Flucht und Reaktion mit der Tendenz zur Unterordnung des Denkens und Handelns unter ´Ganzheiten´ wie Religion, Volk, Staat -, sondern der Glaube an eine Erneuerung der Gesellschaft aus dem Geist der Vergangenheit beseelte die frühen Romantiker... ... in der Spätromantik (1805-15; Ausläufer bis 1850) sollte das erstere freilich die Oberhand gewinnen

 

1798-1805 Frühromantik mit Jena und Berlin als Zentren (Brüder Schlegel mit ihren Frauen, Tieck, Wackenroder, Novalis, Schelling, Schleiermacher, Steffens)

1085-15/50 Spätromantik ab 1805 mit Heidelberg als Zentrum (Arnim, Brentano, Eichendorff, Görres), ab 1810 wieder Berlin als Zentrum (Arnim, Brentano, Eichendorff, Kleist, Fouqué, Chamisso, Kontakte zu Adam Müller, Hitzig); Ausläufer 1810-50: Schwäbischer Dichterkreis (Uhland, Kerner Schwab, Mayer, Köstlin; Beziehung zu Hauff u. Mörike

 

Ausgangspunkt dieses neuen ´romantischen´ Lebens- und Weltverständnisses ist die Auffassung, Realität, Welt und Leben seien grundsätzlich nicht erfaßbar, wenn sie nicht im Medium der Kunst reflektiert und dargestellt würden ... - also eine radikal ästhetische Einstellung zum Leben

 

 

Bei Friedrich Schlegel (1772-1829) findet sich für diesen Denkansatz folgende Begründung:

angesichts der politischen Umwälzungen im Umfeld der französischen Revolution hätten die Zeitgenössen ihren inneren Halt, ihr Zentrum verloren - für die Alten sei dieses Zentrum einmal die Mythologie gewesen

sein Gegenentwurf: "Mich dünkt, wer das Zeitalter, d.h. jenen Prozeß allgemeiner Verjüngung, jene Prinzipien der ewigen Revolution verstünde, dem müßte es gelingen können, die Pole der Menschheit zu ergreifen und das Tun der ersten Menschen wie den Charakter der goldenen Zeit, die noch kommen wird, zu erkennen und zu wissen. Dann würde das Geschwätz aufhören, und der Mensch innewerden, was er ist, und würde die Erde verstehen und die Sonne. Dieses ist, was ich mit der neuen Mythologie meine."

In den ´Fragmente(n) und Ideen´heißt es: 

"10. Nicht in die politische Welt verschleudere du Glauben und Liebe; aber in der göttlichen Welt der Wissenschaft und der Kunst opfere dein Innerstes in den heiligen Feuerstrom ewiger Bildung." 

"2o. Jeder ungebildete Mensch ist eine Karikatur von sich selbst." "34. Ironie ist klares Bewußtsein der ewigen Agilität, des unendlichen, vollen Chaos." 

"41. Der Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet." 

"44. Es gibt keine Selbsterkenntnis als die historische." "46. Manche witzige Einfälle sind wie das überraschende Wiedersehen zweier befreundeter Gedanken nach einer langen Trennung."

Novalis (=Friedrich von Hardenberg 1772-1801) formuliert dazu folgende Aphorismen:

"Wer das Leben anders als eine sich selbst vernichtende Illusion ansieht, ist noch selbst im Leben befangen. Das Leben soll kein uns gegebener, sondern ein von uns gemachter Roman sein"

"Wer nicht vorsätzlich nach Plan und Aufmerksamkeit tätig sein kann, verrät Schwäche. Die Seele wird durch Zersetzung zu schwach - oft ist die Verwöhnung daran schuld. Das Organ der Aufmerksamkeit ist auf Kosteen des tätigen Organs geübt - vorausgebildet, zu reizbar gemacht worden. Nun zieht es alle Kraft an sich, und es entsteht diese Disposition."

 

Das von Schlegel analysierte Problem des Zentrumsverlustes, dem sich die Zeitgenossen der Wende vom 18. zum 19. Jhd. in Europa gegenübersahen, hatte für die Deutschen noch einmal eine ganz besondere Färbung: 

Sie lebten seit dem 30jährigen Krieg (1618-48) in einem politisch völlig zersplitterten Staatsgebilde, kulturell und wirtschaftlich so vielfältig gehemmt. Napoleons europäisches Hegemonialsystem hatte die Überzahl der deutschen Territorialherrschaften zwar radikal gemindert - aber auch das Ende des ´Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation´ provoziert. 

Nach 1815 brachte die staatspolitische Neuordnung der europäischen Verhältnisse durch den Wiener Kongreß für Deutschland nur eine den meisten Zeitgenossen verächtliche Bundesverfassung - mit der alten deutschen Kaiserherrlichkeit war es vorbei; auch ein lebensfähiger Nationalstaat würde aus diesem lockeren Bund nicht so ohne weiteres zu bilden sein. Trübe Aussichten also in einer Zeit, in der die längst grundlegend anders, sprich zeitgemäß demokratisch-konstitutionell verfaßten traditionellen Nationalstaaten England und Frankreich hochdynamisch in das neue Industriezeitalter davonzogen.

Sturm und Drang wie Klassik hatten auf diese politisch perspektivlose Situation kulturpessimistisch bzw. kulturidealistisch reagiert. Zum Bezugspunkt für beide Haltungen war den damaligen Epochen-Bildnern die Idee eines individuellen Weltbürgertums geworden - eine persönliche Selbstdefinition ohne wirklichen politischen Aktionsradius, ja sogar ohne eine ernsthafte Suche nach konkreten machtpoltischen Umsetzungsmöglichkeiten, einfach eine Sache innerer Bildung

 

  • Diesen Weg gehen die Romantiker nun in primär noch konsequenterer Verinnerlichung weiter - trotz allen auch politisch konkreteren Auftretens:

Orientierung verschafft ihnen dabei vor allem Johann Gottlieb Fichtes (1762-1814) ´Wissenschaftslehre´ (1794), die ganz entschieden das Ich in den Mittelpunkt zeitgenössischen Denkens stellt, als ein neues Zentrum für Theorie und Praxis: Fichte bietet ein Denksystem an, in dem das Ich der Realiät überlegen ist - ein neuer, das Geniedenken der Stürmer und Dränger weit hinter sich lassender Subjektivismus ist geboren

Ausschließlich das Ich sei es, das alle Realität in sich erfasse und mit Unendlichkeit erfülle, es sei der ´Zauberstab der Dichter´, die damit die Materie mit Geist und den Geist mit Materie erfüllen könnten - das wird über die Rezeption Fichtes zur suggestiv-verführerischen Vorstellung der Frühromantiker

 

ENTHUSIASMUS wird ihr Weg 1

gemeint ist eine innere Befeuerung des Geistes und des Gemüts als das Element, das Wirklichkeit in der Verwandlung erkennen will, die sie im Subjekt erzeugt und die das Subjekt in sie projeziert.  

Für Friedrich Schlegel ist Enthusiasmus das zentrale Merkmal eines freischwebenden Geistes, erwachsen aus dem Zusammenspiel von scharfem Witz und Verstand, von Ironie und produktiver Einbildungskraft

Der romantische Dichter bezieht seine ästhetischen Erkenntnismöglichkeiten wie seinen Erkenntnisanspruch aus der Freiheit, sich über alles, auch über die eigene Kunst, Tugend oder Genialität zu erheben und die Sinnenwelt für seine Zwecke willkürlich einzusetzen. 

Weg 2: ein dialektisch changierendes Spiel mit den Wechselbezügen zwischen TRAUM und BEWUSSTHEIT

 

E.T.A. Hoffmann (1776-1822)

"Denn schwer fiel es in meine Seele, wie tief die Ahnung alles Entsetzlichen damals aus meinem eigenen Ich aufgestiegen, wie ich mit der Rücksichtslosigkeit, ich möchte sagen, mit dem glühenden Zorn eines seltsamen Wahnsinns alles laut werden ließ, was in mir hätte schweigen sollen! - Wie ich in dem Schmerz eigener Verletzung andere zu verletzen strebte."

"Es ist in meinem Leben etwas recht Charakteristisches, daß immer das geschieht, was ich gar nicht erwartete, sei es nun Böses oder Gutes, und daß ich stest das zu tun gezwungen werde, was meinem eigentlich tieferen Prinzip widerstrebt."

 

  • Ludwig Tieck (1773-1853)

"O daß ich mich stürzen könnte in das Meer der unermeßlichen Göttlichkeit! Diese tausendfachen Schätze in meinen Busen saugen! Könt´ich sie fesseln und ewig wachhalten in meiner Brust, diese göttlichen Gefühle, die jetzt durch meine Seele zittern! Ach, daß der Gesang durch die Laute rauscht und nachher verstummt! Ich höre das Pochen meines ungeduldigen Geistes: was ist diese unnennbare, unausfüllbare Leere, die mich stets im Genusse so kalt und tot ergreift? Ein fremdes Streben ringt mit meiner Begeisterung und wirft sie nieder. Ich schwindle auf der Freunde höchstem Gipfel und stürze in den Staub betäubt zurück."

"Freilich ist Wollust das große Geheimnis unseres Wesens, freilich will auch die reinste inbrünstigste Liebe sich in diesem Brunnen kühlen, sie soll eben sterben, damit wir fühlen, daß wir Menschen sind, daß wir von täuschenden Phantomen erlöst werden, die uns als Engelsgestalten besuchen und doch Furien werden, wenn sie das glänzende Gewand fallenlassen. Denn schläft nicht die wildeste Verzweiflung, die gräßlichste Angst, der blutigste Haß, Selbstmord und alle Greuel im Innern dieses Gefühls? ... Daß wir Sinnlichkeit haben, ist keineswegs verächtlich und kann es nicht sein, und doch streben wir unaufhörlich, sie uns selber abzuleugen und sie mit unserer Vernunft in eins zu schmelzen, um nur in jedem Fall der vorüberfliegenden Gefühle uns selbst achten zu können. Denn freilich ist nichts als Sinnlichkeit das erste bewegende Rad in unserer Maschine, sie wälzt unser Dasein von der Stelle und macht es froh und lebendig - alles, was wir als schön und edel träumen, greift hier hinein ... Sinnlichkeit und Wollust sind der Geist der Musik, der Malerei und aller Künste, alle Wünsche der Menschen fliegen um diesen Pol wie Mücken um das brennende Licht. Schönheitssinn und Kunstgefühl sind nur andere Dialekte und Aussprachen, sie bezeichnen nichts weiter als den Trieb des Menschen zur Wollust... Ich halte selbst die Andacht für einen abgeleiteten Kanal des rohen Sinnentriebs."

 

Ihr Medium: IRONIE ALS SPIEL MIT DER AUFHEBUNG VON BEDEUTUNG. 

Sie gilt den Romantikern als Gewähr für die Autonomie dichterischer Weltsicht gegenüber der Wirklichkeit: Der Künstler spürt den Widerstreit zwischen Endlichem und Unendlichem während des schöpferischen Vorgangs - und das Bewußtsein seiner spielerischen Freiheit erhebt ihn darüber. 

Die subjektive romantische Ironie erreicht durch den Gegensatz von Tatsache und subjektiver Auffassung besonders komische Wirkungen, denn der romantische Dichter darf und muß die Illusion, die sein Werk erzeugt hat, auch wieder aufheben.

 

Zweck der Kunst ist Stimmung und Erlebnis. 

Dabei sollen sich die einzelnen Sinnesgebiete miteinander vermischen und die Künste ineinander übergehen - SYNÄSTHESIE (das Farbenhören oder das Musiksehen) soll erreicht werden

Erhabenste Fähigkeit ist die PHANTASIE, das FREIE SCHÖPFERTUM:

Letzteres ist wichtiger als das Geschaffene - dichterische Lebensform ist wichtiger als die Form des dichterischen Werks (daher viele unvollendete Werke, Improvisationen, die Schätzung des Aphorismus und das Fehlen strenger Konzeption)

wichtiger als die Vollkommenheit einer Leistung ist die SEHNSUCHT und das STREBEN nach der Vollkommenheit

 

Jean Paul (= Johann Paul Friedrich Richter 1763-1825)

Vorwort zu "Die unsichtbare Loge. Eine Biographie", Roman 1793

"Entschuldigung

bei den Lesern der sämtlichen Werke in Beziehung auf die unsichtbare Loge

Ungeachtet meiner Aussichten und Versprechungen bleibt sie doch eine geborene Ruine. Vor dreißig Jahren hätte ich das Ende mit allem Feuer des Anfangs geben können, aber das Alter kann nicht ausbauen, nur ausflicken, was die kühne Jugend aufgeführt. Ja man setze sogar alle Kräfte des Schaffens ungeschwächt, so erscheinen ihnen doch nicht mehr die vorigen Begebenheiten, Verwicklungen und Empfindungen des Fortsetzens wert. Sogar in Schillers Don Carlos hörte man daher zwei Seiten und zwei Stimmen. -

Noch ein Werk, die biographischen Belustigungen unter der Hirnschale einer Riesin, steht in der Reihe dieser Sammlung ohne Dach und Baurede da - aber es ist auch das letzte; - und sind denn zwei unausgebaute Häuserchen so gar schwer zu verzeihen in einem Korso von Gebäuden aller Art - von Gartenhäusern - großen Sakristeien, wenn auch ohne Kirchen - Irren- und Rathäusern - kleinen Hörsälen - vier Pfählen - Dachstuben - Erkern - und italienischen Kellern? - Wenn man nun fragt, warum ein Werk nicht vollendet worden, so ist es noch gut, wenn man nur nicht fragt, warum es angefangen. Welches Leben in der Welt sehen wir denn nicht unterbrochen? Und wenn wir uns beklagen, daß ein unvollendet gebliebener Roman uns gar nicht berichtet, was aus Kunzens zweiter Liebschaft und Elsens Verzweiflung darüber geworden, und wie sich Hans aus den Klauen des Landrichters und Faust aus den Klauen des Mephistopheles gerettet hat - so tröste man sich damit, daß der Mensch rund herum in seiner Gegenwart nichts sieht als Knoten, - und erst hinter seinem Grabe liegen die Auflösungen; - und die ganze Weltgeschichte ist ihm ein unvollendeter Roman. -

Baireuth, im Oktober 1825

Jean Paul Friedrich Richter."

 

Aber: neben dem Hochgefühl des romantischen Dichters und dem Glauben an die Kraft der Poesie gibt es bei fast allen Romantikern ein wachsendes Bewußtsein von der Gefahr einer nur ästhetischen Kultur, von dem Frevel am Leben, den die nur ästhetische Existenz bedeuten kann, von der Verlockung zum Abgrund und zum Tode, die in der Schönheit liegt:

  

aus: Ricarda Huch: Die Romantik. Blütezeit, Ausbreitung und Verfall

Überhaupt geht den romantischen Naturen gerade die Eigenschaft ab, die den Mann zum Familenbegründer und Familenhaupt bestimmt, nämlich die Kraft; wir werden also manches Liebesabenteuer, aber selten ein glückliches Eheleben bei ihnen finden. Die Heimatlosigkeit ist eine selbstverständliche Folge der Sehnsucht...

Ein so Entwurzelter scheidet meistens früh von dieser Erde, sei es willkürlich oder durch den bewußtlosen Willen seiner Natur, oder aber er findet ein Unterkommen in irgend einer religiösen Gemeinschaft. Nicht wenige sind im Wahnsinn untergegangen.

...

Betrachten wir den Abschluß der Lebensläufe der Romantiker, so fällt in der Tat ihr frühes Welken auf: Novalis, Wackenroder, Graf Löben, der Maler Runge, der Physiker Ritter starben jung durch Krankheit, Lenau verfiel im Anfang der vierziger, Hö1derlin im Anfang der dreißiger Jahre in unheilbaren Wahnsinn, Kleist, sein Leben lang mit Selbstmord und Wahnsinn ringend, erschoß sich fünfunddreißigjährig.

Werner; Kanne, Brentano, Hoffmann erreichten zwar durchschnittlich das fünfzigste Jahr; aber wie war das Jahrzehnt beschaffen, das sie vor jenen voraus hatten? Man muß bedenken, daß der Anschluß an die Kirche in diesen Fällen eine Art Verzweiflungsakt war, eine Flucht aus der Welt, mit der man nicht fertig werden konnte, ein Waffenstrecken und Sich-besiegt-Erklären.

Abgehetzt, um jeden Preis Ruhe verlangend, verleugneten diese Ratlosen ihre Vergangenheit, gaben das eigene Streben und Irren auf und lieferten sich gewissermaßen dem Arzt aus, der Gemütsruhe und Langeweile zum Behuf einer Fettkur verschrieb. Friedrich Schlegel widerrief, nachdem er katholisch geworden war, nicht nur die Lucinde, eines der hauptsächlichsten Erzeugnisse der romantischen Blütezeit, sondern das Wesen und Wirken seiner Jugend überhaupt; Brentano nannte seine Früheren Schriften, die künstlerisch seine besten sind, dämonische Verirrungen; Werner schrieb die Weihe der Unkraft, Kanne nur noch wässerige Romane mit pietistischer Tendenz.

Etwas Besonderes liegt bei Hoffmann und Tieck vor. Hoffmanns Ende hat insofern keinen kläglichen oder tragischen Charakter, als er bis zuletzt im Besitze seiner geistigen Fähigkeiten blieb und noch auf dem Kranken- und Sterbelager Novellen dichtete, die an Rundung und stiller Wärme eher gewonnen als verloren haben. Es ist aber die Frage, wie sein Leben sich gestaltet hätte, wenn er sich nicht so, wie er tat, dem Trunke hingegeben hätte. Wie er jedes einzelne Mal durch den Alkohol sich Konzentration verschaffte und seine Schaffenskraft steigerte, nicht bedenkend oder geringschätzend, daß eine desto größere Erschlaffung erfolgte, hat er dadurch vielleicht auch im Ganzen seinem Leben größere Energie und Einheit auf Kosten der Dauer gewonnen. Hätten wir also bei Hoffmann eine Erhöhung der Lebenskraft um den Preis der Lebensdauer, so scheint bei Tieck im Gegenteil eine Verlängerung des Lebens um den Preis des I.ebensfeuers vorzuliegen.