DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis
17./18. Jhd. Barock
Die ursprünglich nur für die bildende Kunst des 17.Jahrhunderts gebräuchliche Bezeichnung , Barock" (port. barocco = unregelmäßige, schiefe Perle) wird heute auch für die durch Gegenreformation und Absolutismus bestimmte Epoche der Literatur und Musik verwendet. Die Bezeichnung Barock drückt in allen Kunstbereichen die Abkehr von den klaren harmonischen Formen der Renaissance aus und die Vorliebe für Schmuck, Bewegtheit und Üppigkeit.
Die Dichtung des Barock ist durch starke Gegensätze und Spannungen geprägt: Lebenslust steht neben Todesangst, Weltbejahung neben Vergänglichkeitsbewußtsein und Weltverachtung. Abgründe klaffen zwischen Gott und Welt, Ewigkeit und Zeitlichkeit, Seele und Leib, Tod und irdischem Glück, Askese und Weltlust. Wissen und Glauben. Der Grundzug vieler Dichtungen dieser stark religiös bestimmten Zeit ist die Erfahrung der Nichtigkeit alles Irdischen, die besonders durch die Schrecken des 30jährigen Krieges immer wieder spürbar wird.
Die Dichter sind meist an Gymnasien und Universitäten gebildete Beamte, Professoren und Geistliche. Sie erfreuen sich an den Höfen der Gunst fürstlicher Mäzene und gehören gelehrten Gesellschaften an, in denen sich Geistes- und Geburtsaristokratie im Bemühen um Pflege und Förderung der Sprache und Dichtung zusammenfinden. In einigen Städten, besonders in Nürnberg, Hamburg und Königsberg entsteht eine bürgerliche Barockdichtung. Schlesien wird im Barock zum Zentrum der Literatur. In den von den Habsburgern beherrschten, aber vorwiegend von Protestanten besiedelten Territorien durchdringt sich die spanisch-italienische Welt der Gegenreformation mit dem lutherischen Erbe und dem Calvinismus, den viele schlesische Dichter (Opitz, Gryphius, Silesius...) während ihres Studiums in Leyden kennengelernt haben. Die Spannungen zwischen diesen geistig-religiösen Strömungen befruchten die Dichtung. Da Gelehrsamkeit und Formbeherrschung die Voraussetzungen dieser Dichtung bilden, wird sie nur von dem kleinen Kreis der Gelehrten gelesen und verstanden.
Die deutschen Sprachgesellschaften (Fruchtbringende Gesellschaft, Königsberger Kürbishütte, Pegnitzschäfer...) bemühen sich um die Pflege von Sprache und Dichtung. Die Reinigung der Sprache von Fremdwörtern, Dialektausdrücken und Grobianismen, Übersetzungen ausländischer Dichtungen als Vorbilöder und Erörterung poetischer Probleme sind ihre Hauptziele. Die Dichtungen, die hier entstehen, sind stark intellektuelle bestimmt und zeigen kunstvolle Formbeherrschung.
Martin Opitz will in Anlehnung an antike, italienische, französische und niederländische Dichtungstheorien eine den ausländischen Vorbildern ebenbürtige deutsche Dichtung schaffen. Seine Regeln genießen bis zu Gottsched (Aufklärung) fast allgemeine Gültigkeit Im ersten Teil seines ´Buches von der deutschen Poeterey´ schreibt Opitz über Wesen und Aufgabe der Dichtung: Obwohl er die natürliche Begabung des Dichters nicht infrage stelle, sieht er doch im Studium der antiken Poesie und in der Beherrschung der Formen die wichtigste Voraussetzung dichterischen Schaffens. Im zweiten Teil kennzeichnet er die Dichtungsgattungen (z.B. darf die Tragödie nur von Standespersonen handeln, die Komödie nur von schlichten Leuten) und fordert Reinheit der Sprache von Fremdwörtern sowie Klarheit, Eleganz, Reichtum des Ausdrucks durch Bilder, Lautmalerein und sinnvolle Wortzusammensetzungen. In der Metrik verlangt er die Übereinstimmung von Wortbetonung und Versakzent. Als Verse sollen nur Jamben und Trochäen verwendet werden. In der Verszeile bevorzugt er den Alexandriner. Mit der Übersetzung von John Barclays politisch-allegorischem lateinischem Roman ´Argenis´ schafft Opitz ein Vorbild für den Staatsroman und den historisch-galanten Roman. Die Übertragung von Sir Philip Sidneys Schäferroman Schäferroman ´Arcadia´ verbreitet die Schäferdichtung in D. Seine nach italienischen Vorbildern geschaffene ´Dafne´ wird in der Vertonung von Schütz zur ersten deutschen Oper. Durch die Übersetzung von Senecas ´Troerinnen´und der ´Antigone´ des Sophokles wird die antike Tragödie ein Vorbild für das deutsche Drama.
Der Jesuitenorden, der Vorkämpfer der Gegenreformation verkündet seine Botschaft nicht nur von Kanzeln und Kathedern, sondern auch auf dem Theater. In prunkvollen Inszenierungen werden Märtyrer und Heilige dargestellt, die ihr irdisches Glück um ihres ewigen Heiles willen opfern. Bekehrungen, Erleuchtungen und Wandlungen von Weltmenschen zu Gottesdienern zeigen den Triumph der Kirche. Im Sturz großer Herrscher, Krieger und Gelehrter werden Eitelkeit der Welt und Göttliches Gericht deutlich. Das Jesuitentheater, das sich immer der lateinischen Sprache bedient, ist eigentlich immer religiöse Belehrungsanstalt. Bidermanns ´Cenodoxus´, die Geschichte des heuchlerischen Doktors von Paris, der zur Hölle fährt, weil es ihm an Demut fehlt, ist das bekannteste Jesuitendrama.
Gryphius stellt in seinen Trauerspielen Helden dar, die sich durch Beständigkeit bei allen Schicksalsschlägen bewähren. In ´Katharina von Georgien´ erleidet die Titelheldin den Märtyrertod, weil sie als Christion nicht Gattin des Schahs von Persien werden will..., ´Carolus Stuardus´schildert die unerschütterliche Haltung Karls I. von England vor der Hinrichtung, ´Cardenio und Celinde´ ist eine Liebes- und Intrigengeschichte im Bürgermilieu, ein Vorläufer des Bürgerlichen Trauerspiels. Die wertvolleren Lustspiele zeigen wie ´Horribilicribrifax´ an der Großmäuligkeit zweier Offiziere die Fragwürdigkeit einer Scheinwelt; in ´Absurda Comica oder Herr Peter Sequentz´werden theaterspielende Kleinbürger verspottet, und ´Die geliebte Dornrose´stellt die treue Liebe eines ländlichen Paares dar.
In der Liebeslyrik ist der Petrarkismus mit seinem Liebespreis in festen Motiven ( Beschreibung körperlicher Schönheit) wirksam. Aus Spanien kommt der Gongorismus (nach lius de Gongora), der durch gekünstelte Wendungen, kühne Wortbildungen, Metaphern und Wortspiele gekennzeichnet ist und dem Marinismus (nach G. Marino), dem italienischen Schwulststil, und dem englische n Euphuismus (nach John Lylys ´Euphues´) mit seiner Häufung überladener Bilder und mythologischer Anspielungen nahesteht.
In der Barocklyrik verbinden sich humanistische und spielerisch-artistische Elemente zu Gedichten, die weniger Ausdruck persönlicher Empfindung sind als vielmehr ein Variieren bekannter Motive unter Beachtung strenger poetischer Regeln. Flemings Gedichte zeigen Ergriffenheit und lebendige Erfahrung Simon Dach findet schlichte, innige Töne der Jesuit Friedrich von Spee lobt Gott mit mystischer Inbrunst in den Formen der Schäfer- und Liebeslyrik Angelus Silesius überwindet die barocke Spannung durch die unio mystica Gryphius dichtet unter dem Eindruck von Krieg und Zerstörung über Tod und Vergänglichkeit Günther weist schon durch seelische Erschütterung und Ergriffenheit auf Goethe hin. Aus dem Kirchenlied Luthers, einer kraftvollen Gemeinschafts- und Bekenntnisdichtung, wird im Barock das innige Andachtslied, das durch tiefe Glaubenserfahrung geprägt ist. Der bedeutendste protestantische Dichter ist Paul Gerhardt (Wach auf mein Herz, und singe; Befiehl du deine Wege; O Haupt voll Blut und Wunden)
Der heroisch galante Roman ist Lieblingslektüre der vornehmen Gesellschaft. Meist steht ein fürstliches Liebespaar im Mittelpunkt, dessen Treue durch ein launisches Schicksal erprobt wird. Die vielfach verschlungene Handlung spielt oft in fernen Ländern und Zeiten
Der Schäferroman spielt in einer idyllisch-heiteren Traumwelt mythologischer Hirtengestalten.
Der Schlemenroman ist das Gegenstück zum heroisch-galanten Roman. Der Held führt in einer illusionslosen Wirklichkeit ein unheroisches Abenteurerleben. Not, Elend, Laster, Betrug und Verbrechen werden in locker gereihten Episoden in der Ich-Form dargestellt. Der ´Simplizissimus´ von Grimmelshausen, die Geschichte eines einfältigen Bauernjungen, der Heimat und Eltern verloren hat und als Spielball eines wechselhaften Schicksals die Schrecken des Krieges, Abenteuer, Liebschaften, Reichtum, Krankheit und Not erlebt, und erleidet und am Ende demütig der Welt entsagt und sich als Einsiedler zurückzieht, ist durch die realistische Zeitschilderung und die Tiefe der Weltsicht eine der bedeutendsten Dichtungen des Barock. Die Welt ist Tummelplatz von Zufall und Eitelkeiten. Die Kluft zwischen Dioesseits und Ewigkeit wird nicht überbrückt. Nach dem Erlebnis der vanitas (Eitelkeit, Nichtigkeit) bleiben nur Weltflucht und Hinwendung zu Gott.